Nr. 5S7. Freitag, 17. Dezember 1915.
Ausdauer auch unter den schwierigsten Verhältnissen bewiesen und dadurch gezeigt haben, daß de: alte Ruhm und R u s der bayerischen Armee sich auch in diesem Krieg im vollsten Ginne de« Wortes bewährt. AuS der Anerkennung, die ihr heute gespendet wurde, werden unsere Truppen einen Ansporn finden zu neuen Erfolgen, bis ein ehrenvoller grrieb« den Krieg beendet. Das ganze Volk ist durchdrungen von dem festen Willen, durchzuhalten, durch r a st - lose Arbeit und Opferwilligkeit. Der Redner zollte besonderen Dank namentlich den Zivilbehörden für die Unterstützung und verständnisvolle Mitarbeit. Nur durch das Vertrauen, das der Militärverwaltung vom Volk und den Behörden entgegengebracht wurde und wird, war es möglich, daß unsere Truppen so glänzende Erfolge errungen haben, wie sie sie auf allen Kriegsschauvlätzen an ihre Fahnen hefteten. Wie zu KriegSbeginn, so steht auch heute Volk und Heer im Vertrauen auf Gott und unsere gerechte Dache zu Kaiser und König, um den Frieden zu erkämpfen, der dem geliebten Vaterland zuni dauernden Segen gereichen kann. (Lebhaftes Bravo!) — Darauf wurde der Militäretat einstimmig, auch von den Sozialdemokraten, angenommen.
Oer weg zum Wirtschaftsbunde.
Die ersten starken Anregungen einer deutsch-österreichisch- ungarischen Wirtschaftsorganisation kamen aus Deutschland. Im Nachbarveiche hielt man sich anfänglich zurück. Weil Ostenreich-Ungarn wirtschaftspolitisch der schwächere Teil ist, bestand dort ersichtlich das Mißtrauen, daß ein engerer Zusammenschluß hauptsächlich uns zugute kommen würde. Seit Monaten indessen erleben wir einen Umschwung. Immer häufiger werden die Schriften, die Reden, die Forderungen der Jnteresienverbäride in Österreich-Ungarn, die das Problem gerade vom jenseitigen Standpunkt aus mit dem Willen zu positiver Tätigkeit behandeln. Der Bann ist gebrochen, rmd wir Deutschen dürfen uns des neuen Zustandes um so mehr freuen, je behutsamer man bei uns gehandelt und auch geschwiegen hatte. Wir wollten und durften uns doch wahrlich nicht aufdrängen, wir muhten uns sagen, daß gut Ding Weile haben will, und das, weil es gut ist, auch mit Ver- taniCT den inneren Bedingungen seiner Entwicklung über- lasten bleiben darf. So bietet sich jetzt der merkwürdige und jedenfalls erfreuliche Anblick dar, daß es die Österreicher und die Ungarn sind, die lebhafter, als es bei uns geschieht, für die wirtschaftliche Annäherung eintreten, wobei sie auch die weittragenden Folgen eines späteren ZusammenwachtenS aller staatlichen, militärischen, kulturellen Kräfte beider Reiche mit entschlostener Bejahung gelten lasten wollen. Es bereitet sich etwas vor, waS noch keinen Namen hat, was auch nicht benannt zu werden braucht, weil die Sache wichtiger als Form und Namen. Die Hoffnung ist vielleicht nicht z-u kühn, daß aus den Gewittern des Weltkrieges jenes „Mitteleuropa" wirklich entsteht, besten Herold neben manchen anderen trefflichen und weitblickenden Männern namentlich Friedrich Naumann geworden ist. Zu den Männern, die im Nachbarreiche für den großen Ge- stanken werben, gehört auch der ftühere österreichische Justiz- minister Dr Franz Klein, der Besten einer in Nord und Süd des deutschen Landes. Klein wird in einigen Wochen (im Januarheft der von Professor Dr. Ludwig Stein herauSge- -,iebeinen Monatsschrift „Nord und Süd") einen größeren Aufsatz „Der Weg zum Wirtschaftsbunde" veröffentlichen, den wir dank der Freundlichkeit der Redaktion und des Per- lags dieses wichtigen Organs schon heute, vor dem Druck, in Händen haben. Der Aufsatz ist eines der bedeutsamsten, wegen der einfiußreichen Stellung seines Verfassers besonders eindrucksvollen Zeugniste für den Geist, der an der Donau Gestalt zu gewinnen beginnt. Wir dürfen, wenn wir diese Ausführungen lesen, mit wachsender Zuversicht auf ein Gelingen großer Absichten bauen. Klein faßt es als die Summe seiner Beobachtungen in seinem Heimat- staate zusammen, „daß die überwiegende Mehrheit in den Wirtschaftsgruppen des Gewerbes, der Mittelindustrie und des Handel» und wahrscheinlich auch ein Teil der Land- Wirtschaft und des Handwerks einen wirtschaftlichen Zu- sammenschluß mit dem Deutschen Reiche siir wünschenswert halten, und daß dieser Plan ebenso in der Wissenschaft wie im Bürgertum. im letzten namentlich auch in den Schichten der Konsumenten, einen starken Rückhalt hat". Großindustrie und Hochfinanz ständen noch mehr abseits, ob- wähl sich dies in den letzten Wochen vielleicht geändert haben mag, und die österreichische Arbeiterschaft sei einstweilen noch nicht zu einmütigen Auftastungen gelangt. Man steht, der Verfasser ist vorsichtig, er verschmäht die optimistische Brille. Wie er selbst zur Sache steht, das zeigt der Satz, daß jetzt ein alter Gedanke wieder lebendig geworden ist, „eine unver- jährbare Schuld, die noch nicht getilgt ist, ein Ruf der Natur und der geographischen Vernunft, der sich nicht ersticken läßt". Das ist meisterhaft ausgedrückt, das ganze Problem steckt in den wenigen Worten. ES genügt nicht, sagt Klein, das deutsch-österreichische Bündnis fortan davor zu bewahren, durch wirtschaftliche Spannungen geschwächt zu werden, sondern es muß an Stärke und Festigkeit noch gewinnen. „Vor allem sind ftir den Kraft- und Macht- zmvach» de« Bundes auch die wirtschaftlichen Energien beider Reiche heranzuziehen. Seine Kraft und Dkacht steigert sich in demselben Maße, als jeder der Verbündeten durch da? Gedeihen seiner Volkswirtschaft leistungs- und widerstandsfähiger wird. Der Zusammenschluß kann dazu beitragen, indem er dir Grundelemente jedes wirtschaftlichen Aufschwunges in der Gegerrwart im wefiesten Raum für die Betätigung, großzügige Arbeitsverteilung, Verbilligung der Rohmaterialien, Steigerung des ProduktionSumfange» und der Umsätze, technische Ausrüstung, Gleichheit der Produktion?- und VerkehrSverhältniste, Organisation der Er- zeugung wie des Absatzes und Heranziehen neuen Kapitals verbessert und aus das unter den gegebenen Umständen mögliche höchste Maß bringt." Wir können hier aus di« Einzelheiten deS AuffatzeS nicht eingehen, aber für unseren Zweck, nämlich rnn zu zeigen, wie der Gedanke der unlöslichen deirftch-österreichftch-ungarischen Gemeinbürgschaft neue starke Anhänger findet, genügt eS schon, zu wissen, in einen wre weiten Rahmen der hervorragende Verfasser seine Betrachtungen einspcmnt. Das Bündnis soll, so schreibt er, mit neuen frischen Kräften auS dem Kriege hervorgehen; aus drei Quellen soll ihm dies Mehr an Kräften zufließen: aus dem Militärwesen, dem geistigen Wesen und der Volkswirtschaft. Nun aber etwas Wichtiges: der Verfasser wünscht, daß endlich auch die Regierungen etwas tun. .Würde das nicht möglich sein, so wäre es unrichstg.
Wiesbadener Tagblatt»
noch länger zuzusehen, wie sich in der Bevölkerung Gedanken uird Pläne verbreiten und befestigen, denen sie dann schwerer entsagt." So schlägt dann der Verfasser die Einsetzung von Kommissionen im Deutschen Reiche, in Österreich und _itt Ungarn vor. die zunächst die Frage studieren sollen. Dieser Schritt aber dürfe nicht länger mehr gufgeschobcn werden, die Sache sei zu dringend. „Lassen wir den guten Augenblick nicht abewnals entfliehen, auch ihn würde wahrscheinlich keines Menschen Leben mehr zurückbrnrgen."
Dazu können wir nur I a sagen. Möge eS denn werden, wie Klein vorschlägt.
Deutsches Reich.
* H»s- und Personal-Nachrichten. Prinz Friedrich Sigismund von Preußen, der ülteste Sohn des Prinzen Friedrich Leopold von Preußen, vollendet ani 17. Dezember d. I. sein 24. Lebensjahr.
Der ehemalige Staalsminister Otto Reinhardt ist im 9 h. Leb ensjahre in Sondershausen gestorben.
* Karl v. Fabrr f. Berlin, 16. Dez. Der „L.-A." meldet aus München: Der Mitbegründer der weltbekannten Nürnberger Bleistrfftabrik Johann Fctber, Karl Ritter von Fab er, ist tm Mer von 68 Jahren gestorben.
Fürsorge für die erwerbslosen Arbeiter und Angestellten der Tertilindustrie. W. T.-B. Berlin, 16. Dez. (Amtlich.) Zur Unterstützung der Gemeinden und Gemeindeverbände bei der Fürsorge für solche Angestellte und Arbeiter, die in den Betrieben der Textilindustrie infolge der Arbeiterbeschränkungen erwerbslos geworden sind, hat das Reich vom 1. Oktober 1915 ab besondere Mittel bereitgestellt, aus denen den Gemeinden und Gemeindeverbänden wenigstens die Hälfte der Aufwendungen für erwerbslos gewordene Angestellte und Arbeiter der Textilindustrie erstattet wird. Neben dem Reich wird auch der Staat helfend eintreten, indem er den Gemeinden und Gemeindeverbänden regelmäßig ein Drittel der fraglichen Aufwendun- gen ersetzen wird, so daß ihnen höchstens ein Sechstel zu etge- neu Lasten verbleibt. Durch diese Hilfsaktion von Reich und Staat werden die Gemeinden in die Lage versetzt, er. werbslos gewordenen Angestellten und Arbeitern der Textilindustrie ihre Fürsorge in einem dem Bedürfnis entsprechenden Maße zu widmen.
* Höchstpreise deS Berliner Magistrats für Fleischwaren.
Der Magistrat von Berlin hat in Befolgung der gesetzlichen Bestimmungen für einige Fleischwaren und besonders für Wurst H ö ch st p r e i s e angeordnet, die gegenüber der scho» in der vorigen Woche eingerichteten ersten Vorschlagsliste um 10 Pf. für das Pfund ermäßigt sind.
* Das Ergebnis der Büchscnsammlung in Berlin. Die „Voss. Ztg." meldet: Die Büchsensammlung ergab an den Opfertagen vom 3., 4. und 8. Dezember fast genau 100 000 M.
Irrer und Klotte.
Personal-Veränderungen. Hillesheim (Kreuznach), Vize- feldw. des Füs.-Regt?. Nr, 80, zum Leut, der Res, befördert. * v, Kraewel. Oberst z, D., Komdt, im Kreise Bendzin, unter Enthebung von seiner Friedcnsdienststclle als Kom, des Landw,« Bez, Beutben i, Ob.-Schles, der Charakter als Gen.-Maj. verliehen. * Krämer, Leut, der Res, des Jns-Leib-Regts, Nr. 117 (Mül- heim a. d, Ruhr), jetzt beim 2, Ers.-Bat, des Res.-Jns.-Rcgts. Nr, 38 befördert, * Vogt, Fähnr, im Fnßart.-Regt. Nr, 3, zum Leut,, vorläufig ohne Patent, befördert, * Bock, von Münster, Unterosf, im Fnßart.-Rcat, Nr, 3, jetzt im Nes.-Fußart.-Regt, Nr, 3, zu Fähnr, befördert. * Schäfer Mainz», Leut, der Res,, jetzt im Ers.-Bat, des Fnßart.-Negts, Nr, 3, zum Oberleut, befördert, * I o e d i ck c (Weimar), Vizefeldw, (Offizierstellv.) des Fußart.-Regts, Nr, 3, letzt im l. Bat, de? Fußart.-Regts, Nr, 2, zum Leut, der Nes. besördert.
Kur ZLaöt und Land.
Wiesbadener Nachrichten.
100 Iahre Wiesbadener Nasino-Gelell chatt.
Am 18. Dezember waren 100 Jahre seit der Gründung der „Wiesbadener K a s i n o g e s e l l s ch a f t" verflossen und am 18. Dezember fand die 100. ordentliche Generalversammlung der Gesellschaft statt. Es ist wohl angebracht, auS diesem Anlaß etwas näher auf die Geschichte der „W. K.-G." einzugehen. Bei ihrer Gründung war in Wiesbaden der'Sitz der oberen Verwaltungsbehörden de? Herzogtums Nastau. Nur schwer fanden die zuziehcnden Beamten in dem Städtchen, das 1815 nur 4090 Einwohner zählte, Unterkunft. Die Regierung mußte, um da zu helfen, zwei große Beamtenhäuser bauen lassen, von denen das eine an der Ecke der Markt- und Friedrichstraße noch steht. Vereinigungspunkte, insbesondere für die oberen Beamten fehlten fast ganz und somit jede Gelegenheit, einander kennen zu lernen und die Abendstunden in ansprechender Gesellschaft zuzubringen. Es trat daher am 18. Dezember 1818 eine Anzahl gleichgesinnter Männer zusammen, um einen derartigen Bereintgungspunit zu schaffen Die Aufforderung zur Teilnahme fand allgemeinen Beifall und man schritt sofort zur Ausführung de» Planes. Zunächst wählte man einen Ausschuß, d. h. provisorischen Vorstand, der aus dem Ministerialrat H a u t h, dem Kirchenrat Koch, dem Baurat Z e n g e r l e und dem Revisionsrat Schüler bestand. Das Gesellschafts- l o ka l, welches der provisorische Ausschuß ermittelte, befand sich im oberen Stock des dem Hofrat Göll gehörigen Eckhauses der Neu- und Mauergasse. Das Haus ist jetzt durch einen Neubau ersetzt. Der erste definitive Vor st a n d bestand aus folgenden Herren: Proüsident Oberappellations- gerichtspräsident Freiherr v. Dallwigk, Direktor Domänen» rat Rößler, literarischer Kommissar Kirchenrat Koch, ökonomischer Kommissar Kaufmann Kreidel, Kassierer Rechnungsrat Mengelberg, Sekretär Assessor Flach. Der letztere war der später sehr angesehene Oberappellations- gerichtSpräsident. Das GesellschaftSlokal erwies sich bald als ungeeignet, einen guten Ersatz fand man in dem Gasthaus „Zum Adler". Die Gesellschaft erhielt dadurch entsprechende Räume und hatte nicht nötig, selbst für Speisen und Getränke zu sorgen. Der Umzug fand am 1. Oktober 1817 statt. Im Winter hatte die Gesellschaft ihre Zimmer in dem Vorderhaus an der Langgaffe, im Sommer, falls die vorderen Räume für Gäste reserviert werden mußten, in dem alleinstehenden Hand im Garten, das mit dem HaupthauS abgebrochen worden ist. Um auch den Damen der Mitglieder Gelegenheit zu geben zu geselligem Verkehr, wunde ihnen jeden Donnerstag ein Zimmer zur Verfügung gestellt, in wel- chem sie stch bei werblichen Arbeiten, Spiel und dergleichen unterhalten konnten. Bis zum Jahre 1888 behielt die Gesell-
Morgen-AuSgabe. Erstes Blatt. _Seite 8 *
schaft ihren Sitz im „Adler". Der immer mehr zunehmende Fremdenverkehr gestattete aber dem Eigentümer des Hauses nicht, die vom Kasino benutzten Zimmer ferner zu entbehren. Er kündigte der Gesellschaft und diese war genötigt, ein neues Lokal aufzusuchen. Es hielt schwer, ein geeignetes aufzufM- den, und man mußte sich schließlich mit einem wenig entsprechenden irr dem ehemaligen „S ch ü tz e n h o f" (Lang- gaffe) begnügen. Indessen gelang eL, nach etwa einem Jahr eine enftprechende Lokalität zu finden, und zwar in dem Parterrestock des Scholzschen Hauses am Schlllerplatz. Dieses Haus stand an der Stelle de? jetzigen Vorschuhgebäudes.
Nach einer noch erhaltenen Namensliste bestand die Gesellschaft im Jahre 1884 aus 286 Mitgliedern, von denen 83 Offiziere, 168 Staats- und städtische Beamte und 46 Rentner, Ärzte usw. waren. Mehr und mehr äußerte sich damals die Unzufriedenheit der Mitglieder mit dem recht dürftigen Lokal, und 1855 stellte der damalige Direktor, Forstrat Dr. G e n t h, den Antrag, die Gesellschaft möge ein eigenes HauS erwerben. Derselbe fand allgemeinste Zustimmung. Ein glücklicher Zufall wollte, daß damals gerade das Besitztum des Herrn v. M a l a p e r t zum Verkauf stand. Cs war dies ein großer Garten mit Haus und einigen Nebengebäuden, das jetzige Grundstück der Gesellschaft. Noch vor Ende des Jahres >885 wurde der Kaufvertrag über Haus und Garten ab- geschloffen. Zur Deckung des Kaufpreises erhielt die Gesellschaft 16 000 fl. als hypothekarisches Anlehen aus dem Zen- tralstudienfonds von der Regierung bewilligt, der Rest wurde durch „Aktien" der. Mitglieder beschafft. Um aber zugleich der Notwendigkeit überhoben zu sein, fremde Lokale für Bälle und dergleichen teuer zu mieten, faßte die Gesellschaft den weiteren Beschluß, einen Tanzsaal an das Gebäude anzubauen. Der Bau begann sofort. Zugleich wurden in dem Hause selbst verschiedene bauliche.Änderungen vorgenommen, um dem besonderen Bedürfnis der Gesellschaft entsprechende Räume herzustellcn. Abgesehen von dem zu ökonomischen Zwecken nottvendigen Raum wurden hergerichtet: ein ge
räumiges Lesezimmer und vier Gesellschaftszimmer für die abendlichen Besucher. Dieselben führten ihre besonderen Namen. Der größte und besuchteste Raum war die schwarze Katze, ein anderer hieß das junge Deutsch- land, ein dritter das Apostelzimmer, weil sich hier zwölf ältere Herren abends vereinigten, der vierte endlich Hauptmannzimmer, wahrscheinlich, weil die Offiziere dieses Ranges hier zusammenkamen. Die beiden ersten Benennungen sind in daS jetzige Haus mit herübergenommen. Gegen daS Ende der 60er Jahre machten sich die polifischen Gegensätze in Nassau auch im Kasino bemerkbar, und zwar die Gegensätze zwischen Konservativen Werrenscher Richtung und den Liberalen. Von den Offizieren fanden sich mehrere veranlaßt, auszutreten, und als Naffau im Frühjahr gegen Preußen mobil machte, waren alle Offiziere genötigt, die Ge- sellschaft zu verlassen.
Die allmähliche Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse Wiesbadens, die 1866 einsetzte, hat auf den Charakter der Gesellschaft bald sehr wesentlich eingewirkt, waren doch schon gegen Ende der 60er Jahre die geborenen Naffauer in der Minderzahl. Das neue Blut >var nicht zufrieden mit dem alten, nichts weniger als eleganten Heim der Gesellschaft, und nach längeren Verhandlungen darüber, wie da am besten zu helfen sei, wurde mit großer Mebrheit beschlossen, nach einem Plan des Architekten W. Vogler ein neues Gebäude an Stelle des alten zu errichten, welches aus absehbare Zeiten der ©t» sellichaft ein würdiges Heim bieten würde. Die Kosten sollten die Summe von 150 000 fl. nicht überschreiten. Im August 1872 fand die feierliche Legung des Grundsteins unter der mittleren Gartentür des unteren Saales statt. Wie vorauS- zusehen, hat die obige Summe die Kosten nicht voll gedeckt, da nach dem Frieden mit Frankreich die Preise der kleinen Hämmer nicht unbedeutend gestiegen waren. Am.25. Ocktober 1878 fand die Einweihung des neuen Hauses in der „schwarzen Katze" statt. Der obere Stock mit dem großen Tanzsaal war erst im Sommer des folgenden Jahres gänzlich vollendet. Der erste Ball wurde am 17. Oktober 1874 in dem neuen großen Saal abgehalten. Seit dieser Zeit dient er nicht nur den geselligen Veranstaltungen der Gesellschaft, sondern er ist auch wegen seiner günstigen Raumverhältnisse und Akustik ein viel benutzter Konzertsaal geworden.
Mit Befriedigung kann die Gesellschaft, deren ordentliche Mitgliedrrzahl zwischen 300 und 400 schwankte und deren Finanzlage eine recht günstige ist, auf die verfloffenen 100 Jahre ihres Bestehens zurückblicken. Nach der 100. General-. Versammlung, die von dem Direktor der Gesellschaft, Herrn Major R i n t e l e n, geleitet und in der die ausscheidenden Vorstandsmitglieder: Major Rintelen, Rentner Karl
PeterS und Dr. med. Langer wicdergewählt wurden, fand im großen Saal ein Essen statt, welche? in Rücksicht auf die Zcitverhältniffe lediglich im Kreis der Mitglieder abgehalten wurde. Es beteiligten sich mit dem gesamten Borstand 180 Personen, unter denen sich Herr Regierungspräsident Dr. v. M e i st e r, Herr Polizeipräsident v. S ch e n ck, Herr Land- rat Kammerherr v. Heimburg und Herr Erster Staatsanwalt Hagen befanden. In seiner Fest- und Tischrede betonte der Vorsitzende, daß die Gesellschaft mit berechfigtem Stolz auf die ersten 100 Jahre ihres Bestehen? zurückdlicken kann. ES sei zu hoffen und zu wünschen, daß sie sich in den nächsten 100 Jahren wie bisher weiter entwickele. Der Redner schloß mit einem dreimaligen Hurra auf den Kaiser, d«S Vaterland und unsere Tapferen tm Feld, in das die Versammelten begeistert einstimmten. Später erhob sich das Mitglied, Exzellenz Generalleutnant v. Müller, der als Leutnant im Jahre 1867 ni die Gesellschaft eingetreten war. Er gab in fesselnder Weise eine Schilderung der Berhältniffe der Gesellschaft seit seinem Eintritt bi? zur Gegenwart und beendete seine Ansprache mit einem Hoch auf den Vorstand, insbesondere dessen Vorsitzenden, Herrn Major Rintelen.
Eine Geschichte der „Wiesbadener Kasinogesellschaft", der man gern zu ihrem seltenen Jubiläum gratulieren wird, hat Herr Oberstleutnant Sichert verfaßt. Nach dem Krieg soll ihre Drucklegung erfolgen.
— Der Wert eines Bankkontos. Der Wert eines Bankkontos ist immer noch nicht so allgemein bekannt, wie das im volkswirtschafttichen Interesse gewünscht werden muß. Namentlich in der Kriegszeit, wo jedermann schon aus Vater- ländischen Gründen zur Förderung deS bargeldlosen Zahlungsverkehrs beitragen sollte, ist die Eröffnung eines Bankkontos unbedingt wünschenswert. Die Vereins da
