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er Roman.

s Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, i» ^a )

Nr 293.

Donnerstag, 16. Dezember.

191ö.

II. Fortsetzung.) I3tC 3Öt!(Nachdruck verboten.)

Novelle von Berta Freifrau v. Nauendorf.

Es kam, wie es kommen mutzte. Das Gastspiel näherte sich seinem Ende. Zwei Tage vor Gabrielens Abreise, begleitete Artur sie wie gewöhnlich bis vor ihre Haustür. Er hatte sie zu einem kleinen Umweg über- redet, der .durch unbebaute Straßen und unbebaute Plätze siihrte. Die Lust war fast 'sommerlich schwül, aber doch wieder voll frühlingshafter Herbheit, voll Raunen und Flüstern, voll von dem verhaltenen Jubel, der werdenden und werdenden Natur.

Gabrielens Haar schimmerte golden verführerisch durch die Dämmerung; gespenstisch weitz breitete der Schleier sich schützend über ihr Gesicht. Artur hätte dieses Haar küssen, ihr das Giwvbe vom Gesicht weg­nehmen mögen, um endlich, endlich die Züge zu schauen, die Züge des Mädchen, das er täglich mehr liebte . . .

Gabriele fühlte, was in dem Mann an ihrer Seite vorging. Sie verlor ihre muntere Unbefangenheit, wurde einsilbig und unsicher, und schlietzlich vsrstnmm» ten beide. Es lag wohl in der Luft, es lag wohl in ihnen selbst. Aber keiner hätte später sagen können, wer dem anderen zuerst die Hand gereicht. Ihnen selbst unbewutzt, b eg eigneren sich ihre Hände, und wie im Traum wanderten sie den stillen, enger werdenden Psad_

Und plötzlich hatte er sie in seine Arme genommen und küßte sie auf den Mund und fühlte durch das dichte Gewebe des Schleiers, wie ihre warmen Lippen ferne Küsse leidenschaftlichchingebensvoll erwiderten . .

Da ertönte ein mißvergnügtes Knurren zu ihren Füßen. Schnautzi, der Hund, der von Beginn an einen Nebenbuhler in Artur witterte und ihm nur Mißtrauen entgegenbrachte, drängte sich zwischen die beiden und schaute bald fragend auf ferne Herrin, . bald _ drohend nach dem jungen.Mann. Das paßte ihm nicht, >daß jomand seiner Gebieterin so nahe kam! Winselnd sprang er an Gabriele in die Höhe und wedelte mit dem häß­lichen Stummelschwänzchen. um sich dann tiefgekränkt zurückzuziehen, als das Mädchen ihn zum erstenmal, seit sie ihn besaß, ziemlich unsanft zurückstieb und schroff zur Ruhe mahnte ....

Am nächsten Nachmittag lockte die Sonne so warm und schön, daß Artur sich zu einem Spaziergang ent­schloß. Er hatte während der Nacht fast nicht geschlafen, boglückt durch Gabrielens Liebe und doch wieder beun­ruhigt und gequält durch ihr sonderbares Verhalten. Er hatte sie angafleht, ihm den letzten Nachmittag vor ihrer Abreise zu schenken, dre letzten flüchtigen Stun­den mit ihm zu verbringen schließlich fast unwillig. Alles umsonst. Das Mädchen blieb fest. Nachmittags könne sie ihn nicht sehen, es wäre ihr ganz unmöglich, aber abends sollte er sie wieder vor dem Theater er­warten. Beinahe mißmutig war er von ihr gegangen. Was bedeutete diese hartnäckige Weigerung, nachdem sie ihm ihre Liebe gestanden hatte?

Doch Artur trieb es jetzt, wenigstens an ihrem Hause vorüberzugehen und hinaufzuschauen. Vielleicht stand sie oben und winkte ihm, zu kommen. Er war

nun schon fast sicher, daß es so sein würde. Doch da er­lebte er eine große Enttäuschung. Die Fenster ihres Zimmers waren weit geöffnet, nichts regte sich. Also war sie ansgegangen. Ausgegangen!? Und ihm hatte sie diesen letzten Nachmittag verweigert!?

Wie er noch in jäh erwachtem Mißtrauen darüber nachsann, wo sie wohl sei, bemerkte er das Mädchen in einiger Entfernung, das in Begleitung ihres häßlichen Hundes die elektrische Bahn bestieg. Er trat schnell hinter einen Baum, um nicht von ihr gesehen zu wer­den, und sprang dann ohne Besinnen auf die folgende Bahn. Unterwegs grübelte er vergeblich über den Grund ihrer 'hartnäckigen Weigerung nach. Sie hatte ihm doch versichert. daß sie nur ihn liabe, hatte seine Küsse heiß und hingebungsvoll erwidert. Aber sich am Tage mit ihm zu troffen, dazu war sie nicht zu bewögen gewesen, ebensowenig wie den Schleier abzunehmen.

Lass' alles noch ein Weilchen, wie es ist", hatte sie auf sein Drängen gebeten.Bald werde ich den Schleier lüften."

Rätselvolles Mädchen, kleine Sphinx", haste er scherzend gesagt nnd nachgegeben. . .

Artur behielt die vor ihm hersahrende Bahn scharf im Auge, und sein Argwohn stieg, als endlich an der EndstationWaldkolonie" der häßliche Schnautzi Dom Wagen sprang, Gabriele ihm leichtfüßig folgte und einen einsamen 'Waldweg einschlirg. Auch heute trug sie einen dichten weißen Schleier, trotz der 'warmen Sonnenstrahlen. Wahrscheinlich hatte sie nicht nur ihn betört mit ihrer goldhellen Stimme, sondern auch an­dere in ihre Netze gelockt. Und einem anderen spielte sie jetzt dieselbeSchleierkomüdie" vor. Praktisch war das Verfahren, so ungesehen und unerkannt den Män­nern die Köpfe zu verdrehen! Er wollte sie schon ent­larven, ihr den Schleier vom Gesicht reißen! Und wäh­rend eine rasende Eifersucht ihn durchfuhr, redete er sich in einen großen Zorn hinein, wurde ungerecht und vergab ganz, wie schroff sic danwls jenen Unverschäm­ten abgewiesen hatte, als er ihr zu Hilfe eilte. Und als es ihm einftel, wurde er noch zorniger. Na ja, der hatte ihr eben nicht gefallen. Schließlich ließ sie sich doch von ihm nach Hause bringen, lief mit ihm abends herum. Für den Tag inachte sie wohl einen anderen glücklich!?

Vorsichtig schlich er ihr nach. Er kannte hier alle Wege noch aus seiner Knabenzeit, und ganz unwillkür­lich fiel ihm ein, wie leidenschaftlich er hier Indianer gespielt hatte. Auch jetzt verfolgte er eine Fährte aber es war kein Spiel, es war bitterer Ernst . . .

Gabriele ließ sich jetzt auf einer einsamen, sonnen­beschienenen Bank nieder, ahnungslos, glücklich und ein wenig müde. Schnautzi kauerte zu ihren Füßen und wedelte freudig mit dem Stummelschwänzchen, dankbar für jeden Blick, den die Herrin ihm schenkte. Artur hatte Deckung hinter sinem Baum gefunden und beob­achtete scharf das Mädcl>en. Er sah nur die feinen Hände, die fest im Schoß verschlungen lagen, die Spitzen