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Donnerstag. 16. Dezember 1915.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 585. ♦ 63. Jahrgang.
Der Krieg.
D*r österreichisch, ungarische Tagesbericht.
Die Kortichritte in Nordmontenegro. Moslems und Mohammedaner gegen die Montenegriner mit im Kampf.
W.T.-B. Wien, 15. Dez. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 15. Dezember, mittags:
Russischer Kriegsschauplatz.
Keine besonderen Ereignisse.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Die Lage ist unverändert.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Die von P l e v l j e aus vordringenden österreichisch- ungarischen Streitkräfte des Generals v. Koeveß haben gestern auch die montenegrinischen Stellungen südlich der Brana-Gora in großer Breite g e n o m- m e n. Eine Kolonne drang in der Verfolgung bis an die Tara-Schlucht vor und zersprengte bei Gli- baci ein feindliches Baraillon, andere Truppen kamen bis Grab. Auf den Höhen unmittelbar östlich von Berane stehen nebst unseren Abteilungen auch Moslems und Albanesen gegen die Monte- negriner im Kampf.
Die Zahl der gestern eingebrachten Gefangenen: 340 Soldaten und 150 Wehrpflichtige.
Der Stellvertreter des Ehefs des Generalstabs: d. H ö f e r, Feldmarschalleutnant.
Oie Vulgaren an der griechischen Grenze.
Van einem alten Offizier.
Me Franzosen und Engländer auf der ganzen Wardarfront bis zum Doriansee entscheidend geschlagen, die unmittelbar an der griechischen Grenze gelegenen Orte Geangelt und Doiran von den Bulgaren ün Sturme erobert, die Truppen der Westmächte über die griechische Grenze nach Süden zurückgeworfen — das ist das Ergebnis der letzten Kämpfe, die sich in Süd- Mazedonien abgespielt haben. Auf der anderen Seite sollen die We st Mächte den f e st e n Entschluß gefaßt haben, Saloniki auch fernerhin zu halten, und es auf den der Stadt vorgelagerten Höhen auf einen neuen entscheidenden Waffen gang ankommen zu lassen. Die Gegenüberstellung dieser beiden Tatsachen zeigt klar und deutlich die gespannte, bis aufs äußerste zugespitzte Lage, bei der nicht mehr allein militärische, sondern auch politische Er- Wägungen und Beweggründe von einschneidender, vielfach ausschlaggebender Bedeutung sind. Die bulgari- schen Truppen stehen nunmehr vor der Frage, ob sie die Verfolgung des geschlagenen Gegners über die griechische Grenze hinweg fortsetzen sollen, denn jede weitere Bewegung in südlicher Richtung muß sie mit zwingender Notwendigkeit über die griechische Grenze führen, womit die Verlegung des Kampfes auf griechisches Gebiet verbunden ist. Betrachtet man die Lage vom rein militärischen Standpunkte, so liegt nicht der g eri ngste Grund zur Ein- stellung der Operationen vor. Die Westmächte haben die Neutralität Griechenlands auf das empfindlichste und gröblichste verletzt, indem sie bei Saloniki landeten und ungeachtet aller griechischen Proteste den Vormarsch durch gri«hisches Gebiet nach Mazedonien antraten. Sie haben Griechenland ganz als ihr eigenes Gebiet betrachtet, schalten und walten dort als Herren und Gebieter, und haben Saloniki vollkommen zu ihrer Operationsbasis ausgestaltet. Neuerdings sollen sie sich sogar in den Besitz der griechischen Bahnen. Post- und Telegraphen- an st alten gesetzt und den Belagerungszustand verkündet haben. Unter diesen Umständen sind die Bul- garen nach allgemein anerkannten völkerrechtlichen Anschauungen vollkommen berechtigt, bei der Verfolgung des geschlagenen Gegners die griechische Grenze zu überschreiten und den Krieg bis zur Eroberung Salonikis fortzusetzen. Sie könnten sich dabei sehr wohl darauf berufen, daß dieses ganze Vorgehen lediglich zur Wahrung und Wiederherstellung der griechischen Neu- tralität dienen solle, jedenfalls mit mehr Recht, als wie seinerzeit England behauptet hat, daß es den Krieg zur Wahrung der belgischen Neutralität begonnen habe. Eigentlich müßten die Griechen den bulgarischen Vormarsch mit heller Freude begrüßen, weil sie dadurch von einem ungebetenen Gast befreit würden, aber selbst wenn man nicht so weit gehen wollte, muß nmn doch ohne weiteres zugeben, daß die Fortsetzung des Kampfes auf griechisches Gebiet völkerrechtlich voll
kommen einwandsfrei ist und jo lange nicht Griechenland selbst zur Entwaffnung der zurückgeschlagenen Franzosen und Engländer schreitet, nicht gegen das griechische Interesse verstößt.
Würden die Bulgaren die Verfolgung nicht fortsetzen, sondern ruhig an der Grenze stehen bleiben, fo wäre es möglich, sich in aller Ruhe vom Gegner loszu- löscm, sich unter dem Schutze von Saloniki neu zu ordnen, Verstärkungen heranzuziehen und sich in aller Ruhe und Gemütlichkeit für eine neue Offensive vor- zubereiten, die sie zu gelegener Zeit ganz nach ihrer freien Wahl unternehmen könnten. Die Bulgaren wären gezwungen, sehr starke Kräfte unmittelbar an der griechischen Grenze sichen zu lassen, die immer bereit wären, einem neuen englisch-französischen Vorstoß entgegenzutreten. Me dauernde Besetzung von Saloniki würde also dadurch sehr starke bulgarische Kräfte fesschn, und sie von einer Verwendung an anderer Stelle abhalten. Daß dies ein durchaus unerwünschter Zustand ist und den elementarsten Grundsätzen der Kriegführung widerspricht, liegt auf der Hand.
Es ist ein alter Grundsatz, dem geschlagenen Gegner bis zu seiner völligen Vernichtung auf den Fersen zu bleiben, ihm nicht Ruh und Rast zu geben, so weit es die eigenen Kräfte zulassen. Eine derartige Verfolgung erscheint um so aussichtsreicher, wenn dem Rückzuge, wie hier durch das Meer, bestimmte Grenzen gesetzt sind, und der Zurückweichende sich in kurzer Zeit unter allen Umständen zu neuem .Kampf stellen muß, in dem üm die ganze Existenz gerungen wird und dessen Ausgang nur Sieg oder Vernichtung sein kann. Ist somit für die bulgarische Heeresleitung die rein militärische Lage klar und einfach, so wird sie schwieriger durch ine poli- tischen Erwägungen, weil eben die Fortsetzung des Kampfes zu einer Betretung griechischen Gebietes führt.
Das Verhaften der Weftmächte erscheint nach den letzten Nachrichten aber völlig unklar und schleierhaft. Sie sind geschlagen, haben außerordentlich schwere Verluste erlitten und wollen sich doch nicht zur Auf- gäbe des Saloniki-Unternehmens und zur Räumung ihrer Küstenbasis entschließen. Wenn sie den Widerstand bei Saloniki fortjctzen, so müssen sie dabei doch die Hoffnung und die Aussicht haben, in dem nein entstehenden, Kampfe sich behaupten zu können. Danach ist aber die ganze Lage nicht angetan. Sie stehen einem numerisch weit überlegenen Gegner gegenüber, dessen innere Kraft durch die bisherigen Siege und Erfolge außerordentlich gestärkt ist. Auch wenn die Westmächte weitere Verstärkungen erhalten, so können sie doch in der nächsten Zeit schon aus technischen Gründen nicht so zahlreich sein, daß dadurch ein Umschwung der Lage herbeigefiihrt werden könnte. Me Gegend, in der sich die letzten Kämpfe abgespielt haben, ist nur 60 Kilometer von Saloniki entfernt, die Bulgaren können deshalb in etwa 3 Tagen vor Saloniki eintreffen und zum Angriff gegen die dort angelegten befestigten Stellungen schreiten. In dieser Zeit sind die Weftmächte aber überhaupt nicht in der Lage, bedeutende Verstärkungen heranzuziehen, sie werden den Kampf unter den ungünstigsten Verhältnissen weiter führen müffen.
Dabei muß man sich fragen, was für einen Zweck verfolgen denn die Weftmächte mit ihrem erbitterten und hartnäckigen Widerstand, den sie immer noch leisten wollen. Liegt ein zwingender Grund vor, der sie zum Aushalten bis auf den letzten Mann nötigt? Das ursprüngliche Operationsziel, die Rettung Ser- b i e n s und des serbischen Heeres sowie die Verhinderung der Herstellung einer direkten Transport- straße zwischen den, Zentralmächten und der Türkei, ist gescheitert, denn Serbien ist von den Zentralmächten und Bulgarien in ganzer Ausdehnung besetzt, das serbische Heer vemichtet urrd die Verbindung zwischen Berlin, Wien und Konstantinovel her- gestellt. Das Festhalten von 'Saloniki und die Wetterführung der Kämpfe kann deshalb nur im Hinblick auf eine neue große Offensive gerechtfertigt sein, dazu sind aber neue Armeen von Hunderttaufenden notwendig., Ehe diese herangeführt, gelandet und operations- bereit sind, werden aber viele Wochen vergehen. Selbst wenn die Weftmächte eine derartige neue Operation beabsichtigten, würde sich Saloniki schwerlich so lange halten können, bis das, neue Heer eingetroffen wäre. Man steht also in, dieser Hinsicht direkt vor einem Rätsel und kann sich den Gedankengang unserer Gegner, ihre strategischen Erwägungen und Absichten nicht erklären.
Auf ein Eingreifen Griechenlands ist nach allen bisherigen Nachrichten nicht zu rechnen und so werden die Westmächte noch wie vor auf sich allein angewiesen „sein. Lediglich moralische und politi- s ch e Gründe lassen eine sofortige Räumung von Saloniki unerwünscht erscheinen, weil damit das Ansehen der We st machte im Orient einen argen Stoß erleiden würde. So lange sie aber mxh
in Saloniki selbst stehen, kann namentlich den fremden Völkem des Orients gegenüber immer noch der Schein einer Fortsetzung des Balkanunternchmens vorgetäuscht werden. Nur von diesem Gesichtspunkt aus erscheint es überhaupt erklärlich, daß die Westmächte sich zu einer, Fortsetzung des Kampfes entschlossen haben. Wenn die Weftmächte nicht von selbst das griechische Gebiet verlassen, sondern zur Fortsetzung der Kämpfe entschlossen sind, fo werden auch die Zentralmächte und Bulgarien daraus die n o t w e n d i* gen Folgerungen ziehen ,müssen, denn die Anwesenheit stärkerer englisch-französischer Kräfte in einem befestigten Lager, wo täglich Verstärkungen auf der See eintreffen können, und von wo aus jederzeit ein neuer Vorstoß erfolgen könnte, bedeutet Gefahr und Beunruhigung. So unklar aber auch jetzt noch die Lage ist und fo wenig sich ein bestimmtes Urteil über die weitere Entwicklung abgeben läßt, so muß die Entscheidung in allernächster Zeit fallen. Die Verhältnisse haben sich so zugospitzt, daß täglich, man kann sagen beinahe stündlich, dieNachricht von derFortsetzung der Kämpfe auf griechischem Gebiete in der Richtung auf Saloniki eintreffen kann.
X" *
Kein französischer» englischer und serbischer Soldat mehr aus serbischem Boden.
Überläßt Bulgarien die Verfolgung auf
griechischem Boden den Ientralmächten 7 vie Beziehungen zu Rumänien. Erklärungen des bulgarischen Arbeitsministers Petkvw.
, W. T.-B. Sofia, 15. Dez. (Nichtamtlich.) Der Arbeitsminister P e t k o w hat einem Vertreter des Blattes „Utro" erklärt: Unser Ziel ist erreicht» Mazedonien ist befreit und kein serbischer, englischer oder französischer Soldat befindet sich mehr dort. Ob unsere Armee die Engländer und Franzosen auf griechisches Gebiet verfolgen wird? Wir meine», daß wir aus griechischem Gebiet nichts zu suchen haben. Selbstverständlich können wir uns nicht sicher fühlen, so lange in der Nähe der Grenze der Feind lauert. Darum stehen wir auf dem Standpunkt, die Engländer und Franzosen müssen Griechenland verlasse». Ob in G ü t e oder mit Gewalt, dar- über werden die verbündeten Mittelmächte beschließen. Möglich ist es, daß ihre Truppen den Befehl erhaften, die Engländer und Franzose« mit oder ohne Einwilligung Griechenlands vom griechi- schen Gebiet zu vertreiben. Möglich ist es «mch ferner, daß wir gemäß dem Vertrag mit den Verbündeten ein ge laden werden, au der Vertteibung mit- z u w i r k e ». %<f) finde keine Ursache, warum Grie
chenland die Entente zu fürchten hätte. Die englischen und französischen Truppen landeten in Griechenland, um Serbien zu helfen. Jedes Weitervrr- bleiben in Griechenland ist zwecklos. Griechenland kann mit vollem Recht verlangen, daß sie sein Gebiet verlassen.
über Rumänien erklärte Petkow: Mft Rumänien sind die Beziehungen gut. Es ist nnwahr, daß wir uns vereint mit den Verbündeten Truppen an der rumänischen Grenze sammeln, um Rumänien anzugreifen. Unsere Schritte sind Borfichtsmaß. nahmen gegen einen etwaigen russischen Einfall. Wrr und unsere Verbündeten haben keine aggressiven Absichten gegen Rumänien. Wir wollen ein freundschaft- liches Einvernehmen mit Rumänien. Ich glaube, daß, sobald Rumänien zur Einsicht kommt und daß seine Interessen ihm den Anschluß an dir Mittel^ Mächte gebieten, wir »ns mit Rumänien verstän- di gen können. Der Minister schloß: Nach dem großartigen Siege unserer Armee, der die Besetzung von Mazedonien krönte, ist die Lage Bulgariens g e - sichert. Unsere großen Verbündeten haben so große Interessen auf dem Balkan, daß sie nie eine werktätige Hilfe abschlagen würden, falls es notwendig sein würde, um gemeinsam das bulgarische Land z« verteidigen. Unser Bund mit Österreich-Ungarn, Deutsch, land und der Türkei stellt eine der größten und stärksten Mächtegruppen dar. Darum können wir ruhig in die Zukunft schen. Bis zum Friedens- schlnß bleibt unsere Armee unter den Waffen. Di^ Regierung wird den Kriegern Gelegenheit geben, ihre Kräfte aufzufrischen und neue Kräfte zu sammeln.
vre Bulgaren und Deutzen bereits auf griechir»em Gebiet?
Br. Amsterdam, 16. Dez. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bfn) Reuter meldet: Telegramme aus Saloniki an römische Blätter besagen, daß die Bulgaren und Deutschen nach der Besetzung von Gewgeli auf griechisches Gebiet vorgrdrungen sind.
Scharfe Auseinandersetzungen zwischen Briand und Clemencean wegen des mißglückten Balkanfeldznges.
Berlin, 16. Dez. (Zens. Bin.) Der pL-Sl." meldet «85 Genf: Zwischen Briand und Clemeueean km» cS bei der getzrtz»
