Wiesbadener Tsgvlstt.
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Mittwoch, IS. Dezember 1913
Die neuen Milliarden.
Mil Stolz konnte der ReichsichatzsÄretär HMerich gestern in seiner Begründungsrede aus die erschütternde Opferwilligkeit und auf die gÄvaltlge Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes wahrend des Krieges Hinweisen. Und mit Recht dankte er namens der Regierung der deutschen Bevölkerung für die Großtaten, die sie nicht nur mrntarrsch, sondern auch wirtschaftlich und in der Befchassung der für die Kriegführung unentbshrlichen ungeheuren Geldmittel vollführt hat. Und nicht minder l^rechtrgt war die ebenso energische wie sarkastische Zurückweisung der Gegner, die es sich noch immer nicht verknerfen können, unsere bewundernswerte finanzielle Schaffenskraft und Großzügigkeit vom Anbeginn dieses Krieges an bis jetzt herabzusetzen und zu verfeinern und sich so zu stellen, als ob sie an die Erfolge unserer Anleihen und unseres gesamten Geld- Wesens nicht glauben wollten. Das gewisse n l o i e System der Täuschungen, von dem Helfferich gestern sprach, wird auch jetzt noch immer fortgesetzt, iind es dient nach wie vor dazu, die in öen Krieg hineingeführtcn anderen Völker zu betören und rn ihnen 'den Aberglauben wachzuhalten, daß Deutichland wenn nicht militärisch, so doch in absehbarer Zeit wrrt- nhaftlich und finanziell niedergerungen werden könne. Ein Aberglaube, der sich an den feindlichen Völkern und an ihren Regierungen noch bitter rächen wn»! Wen Gott verderben will, den straft er mit Blindheit — so ries Helf-ferich aus, und der Satz paßt fürwahr trefflich auf unsere Feinde.
Es sind gewaltige Opfer, öre ,-bisher dem deutschen Volke zugsmutet sind und die von chm w i Ili g auf seine starken Schultern genommen wurden. Mit der neuen Kreditvovlage, deren Annahme heute schon feststeht, werden es 40 Milliarden sein. Und 20 Milliarden sind die imposanten, weit ausgreifenden Eisenbahnanlagen ganz Deutschlands wert, einer der größten Staatsbesitze der Welt; also dre Halste dessen, was in den fünfviertel Kahren des Krieges bisher vom deutschen Volke geleistet worden ist oder noch m kur- zerer Zeit geleistet werden soll! 40 Milliarden — cme Ziffer von überwältigender Größe, ern packender Be weis für die ungebrochene Kraft des deutschen Volkes, für seinen f e st e n W i l l e n. alles zu tun. was Vaterland und Ehre von ihm verlangen! .
Riesenhaft sind die Opfer, die u"s der Krieg auf erlegt. Unsere Regierung denkt gor nicht daran, uns nach ldiefer Richtung hin Mauen Dunst vormachen zu wollen. Wir Deutschen wollen und können den Dingen fest ins Auge schauen. Zwei Milliarden im Monat Ausgaben — Summen, vor deren Größe die Kosten früherer Kriege winzig erscheinen! Aber unsere Gegner haben keinen Grund zu frohlocken. Ihre Ausgaben sind noch wesentlich erheblicher wie die unsrigen. Von den 120 Milliarden, die der Krieg im Jahre ver- schlingt, fallen nach den Berechnungen Helfferichs zwei Drittel auf unsere Gegner, und eingehend konnte er nachiveifen, -daß eine fortgesetzte Verschlechte r u n g der Geldbeschaffung bei Frankreich und England stattfindet — ganz im Gegensatz zu Deutschland und dem verbündeten Österreich-Ungarn, wo die Anleihen sich jedesmal erheblich bester gestaltet haben. Interessant und beweiskräftig war ferner die Darlegung Helfferichs, das Deiitschland. das an sick, selbst zahlt, es er- tragen kann, ärmer zu werden, während ein arm gewordenes England bedeutungslos wird, da es von Anfang an nur die Rolle des Geldgebers und des industriellen Teilhabers auf dem Weltenrund gespielt hat. Wir wollen und wir können durchhalten und siegen, und die deutsche Ersenfaust wird zu neuen Schlägen ausholen, wenn unsere Feinde es durchaus so haben wollen. In diesen Gedankengängen klang die Rade des Schatzsekretärs, deren Schluß wir unten noch mitteilen, aus, und sie wurde vom Reichstag mit Heller Zustimmung ausgenommen. Das deutsche Volk draußen aber ist von derselben Stimmung und demselben Geiste beseelt. Mögen auch ein paar Ouerköpfe rind Fanatiker abseits stehen — dos ergibt sich ja auch aus der gestriaen Reichstagsvevhandlung wieder — die un- geheuer überwältigende Mohrheit des deutschen Volkes steht nach wie vor f e st und treu auf dem Boden der Beschlüsse voni 4. August 1914 und alles dessen, was sich daraus als eiserne Konsequenz für unser Voll ergibt. *
Staatssekretär Helfferichs Rede.
(Schluß.)
’W.T.-B. Berlin, 14. Dez. (Nichtamtlich.) In seiner Rede fortftchvend, führte Staatssekretär Helfferich Weiler aus: Wir haben unsere Geldbeschaffung nach diesem einheitlichen und einfachen großen Plan durchgeführt, dabei die Bedingungen für das Reich von Schritt zu Schritt verbessert. und den Erfolg von Schritt zu Schritt gesteigert. Bei
Kbend-Kusgabe.
unseren Gegnern sehen wir ein Suchen und Taften, Ber- legenheitsmaßnahmen und, was das wichtigste ist, eine fortgesetzte Verschlechterung der Bedingungen der Geldbeschaffung. Ms Deutschland bald nach Beginn des Krieges mit einer sünsprozentigen Anleihe zu 97% herau-- karn, da sprachen die französischen Zeitungen von dem bevorstehenden deutschen Staatsbankerott. Die Franzoien stno bald bescheidener geworden. Der Staatssekretär beleuchtete dann weiter
die französischen Anleiheverhältnisse und fährt fort: Das Emprunt de la Victoire ist, abgesehen von dem niedrigen Ausgabekurs, auch sonst mit allen möglichen Reizmitteln ausgestattet. Die breiproz-entige französische R e n t e, die jetzt auf 64% steht, kann für em Drütel der Zeichnungen zu 66 in Zahlung gegeben werden. Dre sämtlichen bisher ausgegebenen Bonds und Obligationen der französischen Nationalbank, zusainmen rund 12 Milliarden Franken, werden in Zahlung auf die neue Anleihe angenommen. Die Sparkassen, die auf Grund des Moratoriums alle 14 Tage nur 56 Franken auf ihre Einlagen aus- zuzählen brauchen, sind angewiesen, die Einlagen für Zroecke der Anleihezeichnung freizugeben, aber nur dann, tvenn der Einleger auch noch eine persönliche Anstrengung macht und den gleichen Betrag, den er von der Sparkasse znruckerhalt, aus anderen Mitteln noch einmal zeichnet. An der Agitation für die Anleihe hat Frankreich bei weitem die eng- lifche Propaganda übertroffen. Sogar die sämtlichen Kinos sind in den Dienst der guten Sache gestellt worden, und die reichlich in Dienst gestellte Begeisterung der Pariser Pres,e für die S-iegesauleihe kennt kerne Grenzen. Morgen soll die Zeichnung geschlossen werden. Wir warten das Ergebnis m Ruhe ab umd werden zwischen Geld und^Papier wohl zu unterscheiden wissen. Weitaus am besten für die Beurteilung der finanziellen Lage bei unseren Feinden ist die Gestaltung der Dinge im England.
England ist, finanziell wie politisch, der Eckpfeiler der gegnerischen Koalition.
Zunächst möchte ich seststellou, in welchem Maße England sich in den Kriegskosten von Anfang cm verrechnet hat. Ich erinnere an das leicht hingeworsene Wort, das Sir Edward Grey bei Kriegsbeginn gesprochen hat, der Krieg werde England keine größeren Opfer aufevlegen, wenn es sich am Kriege beteilige, als wenn es beiseite stche. England hat recht u m - gelernt. Zu Anfang des Krieges spielte Lloyd George noch mit dem Gedanken, eS könne entsprechend der guten alten britischen Tradition ein sehr erheblicher Teil der KricgS- kosten durch Steuern aufgebracht werden. Aber die damals, im November vorigen Jahves, beschlossenen Steuern machten von vornherein nur wenige Prcgent des Kriegsbedarfs aus. Ein zweiter Steuerversuch im Frühjahr 1915 trat überhaupt nicht über die Schwelle des Parlaments. Ein dritter Versuch ist vor einigen Monaten gemacht worden. Die Vorlage sollte angeblich 100 Millionen Pfund bringen. Für das laufende Jahr waren allerdings nur 30 Millionen Pfund veranschlagt. Das ist der Bedarf von sechs Kriegstagen. Aber die Vorlage ist in vierwöchigen- BerhandLumgen beraten worden, und wenn sie jetzt Gesetz wird, so wird sie, wie heute schon festzustehen scheint, kaum etwas zu den eigentlichen Kriegskosten beitragen, sondern kaum genügen, um das durch den Krieg verursachte Mehr an Schuldenzmse-n zu decken. Die Absicht, durch Steuern- einen ansehnlichem Teil der Kriegskosten aukzubringen, ist in England gescheitert. England kämpft heute lediglich um die Erhaltung des Gleichgewichts in seinem ordentlichen Budget.
Meine Herren! Das ist ein schwerer Kamps, ein Kampf, der auch uns noch bevorsteht. In seiner Anleihepolitik sieht sich England auf Wege gedrängt, -di-e in den ernsthaften eng- lrschem Finanzkveifen die größten Besorgnisse erregen. Vor einem Jahre noch glaubte man mit 3% Prozent Zinssatz^ aus zukommen. Die Anleihe war kein Erfolg. Das Resuüat wurde nur dadurch zuwege gebracht, daß die großen englischen Banken veranlaßt wurden, ettva 160 Millionen Pfund für sich zu übernehmen. Die Folge des Fehlschlages lvar, daß der Markt für eine ähnliche Anleihe nicht mehr ausnähmefahlg wurde Die Regierung behalf sich denn, so lange es gmg, mit Schatzscheinen und Reserven. Als im Juni dre weitere Begebung von Schatzscheinen wegen der Übersättigung des Marktes und der Banken schwierig und damit «in n e uer Anlciheversuch notwendig wurde, schritt England zu dem heroischen Mittel der 4%prozentigen Anleihe, di- m Wirklichkeit eine mehr als öprozentige Anleihe war, und die mit den bekannten Reizrnitteln, vor allem der Konvertierung der 2%-prozentiyen Konsuls und der ersten 3%prozcntigen Kriegsanleihe auSgestattet wurde. Der britische Schatzkanzler erklärte damals im Parlament — es war im Juni , er erwarte von der Anleihe, daß sie den Geldbedarf Englands für den Krieg bis Ende März 1916 sicherstelle. Die Anleihe erbrachte nicht ganz 660 Millionen Pfund. Ihr Ertrag, der bis zu Ende März 1916 reichen sollte, war im Monat September, spätestens Oktober, bereits aufgebracht, in drei, statt in neun Monaten. Aber nicht nur in ihrem Betrag war die Anleihe ein Fehlschlag, sondern auch in der Einwirkung auf die Verhältnisse des Kavitälmarktes. Zu den schwierigen Verhältnissen auf dem englischen Kcqütalmarkte kam die Verschlechterung der englischen Valuta.
Der Stcrlingkurs, der feste Pol in der Flucht der Erscheinungen des internationalen Geldverkehrs, kam ins Wanten. Die Entwertung des Pfundes Sterling gegenüber dem Dollar betrug vm September nahezu 8 Prozent. Eng
land staud vor -der Gefahr nicht nur einer schweren Ersch utte- nwng fernes Prestiges auf dem internationalen Güdmartte, sondern auch vor einer ernsten Gefährdung seines Kriegs- Materials- und Lebensmittelbezuges aus den Berenmgten Staaten. Unter -dem Druck dieser Sachlage wurde die englisch - französische Kommission nach New Dort geschickt nrit dem Auftrag, dort eine Anleihe von mindestens einer Milliarde Dollar abzuschließen. EnglarL und Frankreich, die Geldgeber der Welt, erschienen- als Kredit-. suchende vor ihren bisherigen Kreditnehmern. Dre Verhandlungen gestalteten sich schwer. Das Ergebnis entsprach nicht Öen Erwartungen. Statt einer Milliarde Dollar erhielten die beiden Großinächte zusammen nur er ne halbe Milliarde, und zwar gegen öpvozentrge Schatzscheine mit fünfjähriger Laufzeit, die zu 96 Prozent «i ooS amerikanische Bankkonsortium begeben wurden^ Sotvoyi Frankreich wie England tvareii von dem Ergebnis dieser amerikanischen Aktion so wenig befriedigt, -daß sw alsbald die Ausnahme wett-eren Kredits versuchten. Aber selbst das Bankhaus Morgan zeigte jetzt zirgeknchifte Taschen. Nur um den Preis der Bestellung amerikanischer Wertpapiere als Sicherheit gelang es, einiges weitere Geld rn der Form „kommerzieller Kredite" zu erhalten. Jch ,telle hier fest, daß der mangelhafte Erfolg der Alliierten in den Bereinigten Staaten zu einem großen Teil cem Widerstand zu verdanken ist, den die amerikanischen Staats- büvger deutscher Abstammung dem englisch-französischen An- lerheprojekt entgegenstellten. . . . .
Meine Herren! Wenn Sie in einem einzigen ZahtM- bilde die Entw-icklumg der Finanzverhältnisse in England, Frankreich und Deutschland während des Krieges^ erblicken wollen, dann brauchen Sie nur den gegenwartr gen Kursstand der Staatspapiere der drei Reiche mrt^dem Stand ettva im Fahre 1913 zu vergleichen. Im Durchschnitt von 1913 notierte die ftanzösische 3prozentiye Rente 87, heute steht sie aus 64%, der Rückgang beträgt also 22% Prozent. Die Li/zprozentigen englischen KvnsolS sind in derselben Zer. von 73,60 auf etwa 58 Prozent gesunken, also Jtm 15,6 P-wz. Die 3prozentige deutsche Reichsanleihe ist dagegen nur von 77)70 auf 70, also um 7,7 Prozent, zuruckge» gangen. Der Kursrückgang der englischen Ko-nsols war also doppelt so groß: derjenige der französischen- Rente „drermat so groß als der Kursrückgang unserer Anleihe. (Hort! Hort!»
Di-e Gründe, ans denen sich unsere Finanzen so viel leistuaiyssähiger und widerstandskräftcher erwiesen Hoden als diejenigen unserer Gegner, diese Gründe liegen teils in unserem stärkeren staatsbürgerlichen Pflichtgefühl, teils m der Tatsache, daß wir in diesem schweren Kriege stark und fest ans unseren eigenen Füßen stehen, datz unsere eigene Arbeit in Landwirtschaft und Industrie auS heimischem Boden alles schafft, was wir zum Leben und Kriegfühnen nötig haben. (Beifall.) Wir zählen so gu-t wie ausschlteßlich an uns selbst, während die Gegner gezwnngwr sind, Milliar'den um Milliarden an das Ausland zu entrichten. In diesem Unterschied, meine Herren, liegt em» Gelvähr, daß wir auch späterhin den Vorsprung behaupten lverden, den wir auf dem Felde der KriegSsinanzen Miseren Gegnern abgevumgen haben. Das britische Weltreich ist z-unr guten Teil auf der britisch«, Geldmacht ausgebaut und wird diwch die britische Geldmacht zufarnmengehalben. Sen« Allianzen hat England zumeist mft Geld begründet, ffene Kriege mit Geld geführt. Auch im jetzigen Kriege hat England von Anfang an sich seine Hauptrolle älS Gew-geb«: und -als „manufacturing Partner" gedacht, eine R olle, tm es nun zum Teil an die Vereinigten Staaten hat aoyeb en müssen. Um den Ring, der nnS einkreisen und erdroffel« sollte, zuisammenzufchmieden und zusammenzuhalten, hat eS seinen Verbündeten und solchen, die es nach seiner Avsichl werden sollten, viel größere Geldmittel zur B«sugun g stellen müssen, als jemals die englischen Staatsmänner crüxncm hatten. Aber der ursprüngliche englische Krregsplcm hat sich! nicht durchführen lassen. Unsere braven Trupp«, haben England gezwungen, in das Babanquespiel nicht nur britisches Geld, sondern auch britisches Blut eirquschen. Der Zwang, eine starke Armee auszustellen, hat wiederum dre Wirkung gehäbt, die eigenen Kriegskosten Eng- lands nahezu ins Ungemeflene zu erhichen und die englischen Finanzen und die englische Wirtschaft in eine Lage zu bringen, die von den britischen Staatsmännern selbst fortgesetzt als äußerst ernst bezeichnet wird. Wir wollen uns «i aller Ruhe vernünftig Rechenschaft davon äbgeben, daß mrt der englischen Finanz- und Wirtschastsmacht die Grundlagen des englischen Weltreiches ins Wanken geraten. Wenn das britische Weltreich erst einmal in -die Brüche gegangen rst, dann wird es in Jahrtausenden nicht wieder auserstehen. Und dieses England spricht das frevelhafte Wort vom S r - schöpfuugskrieg, dieses England will von den Waffen, mit denen es uns nicht zu überwältigen vermag, mit denen es bis in die jüngste Zeit sich so schwere Mißerfolge holte, an »den Hunger und den Bankerott appellieren. Der Appell wird verlogen.
Wir wissen, daß wir baS Nötige zum Leben und .Kämpfe« haben nnd haben werden.
Wir wissen, daß trotz mancher Knappheit das Brot und die Kartoffeln und alle wichtigen Dinge bei uns billiger find als in England und Frankreich, die über die offene See verfügen, und der Feind soll wissen, daß wir auf jeden Überfluß verzichten, daß wir, wenn es nötig ist, lickber jede Not , ertragen als das feindliche Gebot. (Lebhaftes Bravo!) Er soll - 1 aber auch wissen, daß uns außerdem nach, wie
