ruhig um — Fährden und einer seiner Begleiter traten bei ihm ein.
Jetzt erkannte Herbert auch den Fremden, es war ein vielgenannter Bücherrevisor aus Hannover; er hatte selchst schon mit ihm zu tun gehabt. Es bedurfte also keiner Vorstellung.
Nach allseitiger höflicher Verneigung fragte Herbert:
„Die Herren wünschen? . . ."
In Mchrdens Gesicht stand peinlichste Verlegenheit. Sein Blick blieb an dem aufgezählten Geld haften, als er sagte: „Mir liegt die traurige Pflicht ob, Herr Rechts- anwalt. Ihnen mitzuteilen, daß man, infolge böswilli- ger Denunziation, von Hannover aus einen Haftbefehl gegen Sie erlassen hat, der mich zwingt . .
„Revision . . . Generalrevision — also wirklich?!"
»Es läuft ja selbftverftändlich nur auf eine Form- fache hinaus, aber wir sind gezwungen, der Pflicht zu genügen. So bitte ich Sie denn, Herr Doktor, uns und den Beamten draußen keine Schwierigkeiten in den Weg zu legen — wir müssen unseres Amtes walten. Ich ersuche Sie, mir die Schlüssel zu den. Tresors und sämtlichen Geschäftsbüchern einzuhändigen. Seien Sie liberzeugt, es wird sofort alles geschehen, Ihre Inhaftierung umgehend wieder aufzuheben, und . . ."
„Bitte" sagte Herbert einfach, öffnete mit fester Hand die Tresors, die noch verschlossen standen, und legte Las Schlüsselbund dann auf den Tisch neben das aufgezählte Geld. „Diese Schlüssel öffnen Ihnen alles, was Sie sonst in meinen Bureaus noch verschlossen finden sollten. Ich bitte die Herren, es sich hier nun nach Kräften boguem zu machen — mein Bureauvorstcher soll Ihnen in jeder Hinsicht behilflich sein."
Herbert klingelte nach Brenkmann, und unterdessen hwlt vor seiner Villa eine leere geschlossene Droschke — zum Transport für ihn, den Defraudanten von Fünf- Hugelchen.
Der Revisor legte Hut und Stock auf einen Stuhl am Fenster und sah angelegentlich Hinaus. Fährden war dicht an Herbert herangetreten und flüsterte ihm zu:
„Warum mußten Sie denn den Verkauf Ihrer Villa so plötzlich betreiben? Das hat drüben den „Fluchtverdacht" gezeitigt — Trümpe hat so lange gearbeitet, bis man Ernst gemacht hat. Hier hätte niemand inter- vemert. Aber La Sie auf Warnungen nicht reagiert haben, so liegt ja wähl auch nichts vor, was . . ." Her- bcrt hatte sich stolz vor Fährden mifgerichtet, als verbäte er sich jedes weitere Wort.
Brenkmann trat trennend zwischen die beiden. Tranen in den Augen, nahm er stumm die wenigen lebten Weisungen seines allezeit gütigen Chefs ent- gegen.
„Ich bin nun bereit", sagte Herbert. — „Brenk- mann, wollen Sie so gut sein, meiner Frau Mitteilung zu machen und sie bitten, mir einen Koffer zum Nachsenden zu packen."
Brenkmann sah seinen Chef mit einem langen Blick air und ging hinaus — sie hatten sich wohl verstanden. Denn in der Tür, durch die die beiden Polizeibeamten jetzt eintraten, stellte Brenkmann eine Frage an diese und neigte sich zu Fährden zurück, der ihm Lereitwilliast zu antworten bestrebt war. aber den Sinn der halblaut geMlten Frage nicht ganz gefaßt hatte. Die Minute, i'N «er sich das Interesse dort zwischen Tür und Angel .konzentrierte, genügte — es fiel ein Schuß, und Herbert SZren lag mrt einer warmblutenden Wunde in der Schlafe auf dem Teppich.
Vielleicht hatte niemand im Zimmer diesen Aus- gang b »zweifelt, niemand zeigte große Bestürzung — nirr eine entsetzliche starre Stille schwebte über den, Raum.
Die Grcheimpolhziften zogen sich sofort zurück. Brenksirann, Fährden und der Revisor hoben Len stum- men, bleichen Monn behutsam vom Teppich auf und legten ihn auf die Chaiselongue. Dann stürzte Brenk- wann in die draußen wartende Droschke, um Dr. Wulfsen herbelAcholen. )
| Niemand wagte sich zu Dina hinaus, ihr Mitteilung zu machen. Sie saß mit Katrin Wer den Strümpfen und plauderte mit Tante Mademoiselle, die auf ihrer Frühpromenade Halt gemacht hatte.
Die Kinder spielten immer noch mit ihren Reifen und Murmeln, und beide waren eben in das Eßzimmer gelaufen, etwas Zucker zu holen, um Trümpes Mimosa damit zu erfreuen, die sie bedächtig die Billen* schnür hatten heraufkommen sehen. Sie wandelte mal. wieder reiterlos, allein ihren Gedanken nachhängend, in den heimischen Stall zurück — ihr Herr hatte erst noch anderswo Geschäfte zu besorgen.
Me Besson rief den Kindern zu: „Susi, Gerd,
Monsieur Trünrp' ist nicht eine Freund von eure Papa, ihr müßt seine Pferd nicht füttern!"
Dina winkte den Kindern: „Die Mimosa ist ein
liebes, gutes Tier, gebt ihr nur von eurem Zuckerl" Und zur Besson sagte sie: „Liebe Tante Mademoiselle, ich möchte die Kinder durch solche Roden nicht stutzig machen lassen — was wissen sie von Herrn Trümpe, von Freund- oder Feindschaft."
.Sie werde es lernen müsse!" sagte die Besson, ärgerlich über den ewig engelhaften Gleichmut Dinas.
Mimosa war vor dem Gitterzaun stehen geblieben und hatte den Kopf hinüber gestreckt, als entsänne sie sich, daß.hier kleine Hände oft für sie Süßigkeiten in Bereitschaft hielten. Aber sie stand noch immer am Gitter, als die Händchen längst leer und auch schon des Streichelns müde waren.
„Geh' ßu Hause, dumme Mimose, kricht nich's mchr!" sagte Gerd brummig und gab ihr einen Klaps.
Aber Mimosa stand, als sei sie nur hergekommen. i:m etwas zu sagen. Sie wiegte den Kopf hin und her, und kratzte mit dem Huf ganz leise an das Gitter.
Den Kindern wurde es langweilig, sie liefen da- von, zu Tante Mademoiselle und dem Gelee. — Mitten im Essen schrien sie freudig auf: „Onkel Knut. Onkel Knut", und sprangen vom Stuhl auf, um ihm entgegen», zulaufen.
..Die beiden Damen wandten sich um, und Katrin Süte ließ die Hände mit ihrer Stopferei in den Schoß fallen, so entsetzte sie sich vor Wulfsen, der blaß und feierlich, mit weiten, erregten Augen, ohne Hut, in der Verandatür stand.
„Ach, Doktor, Sie . . ." wollte Dina ihn lachend be« ’ grüßen, aber betroffen hielt sie inne.
„Was . . . was ist Ihnen passiert — was . . Wulfsen zog Dina -bei den Händen vom Stuhl und! legte deu Arm wie schützend um sie: „Mir nichts, Frau Dina, aber . . .
„Herbert . . .?" schrie sie auf. „Aber nein. Her« bert ist ja im Hause . . . was . .
„Darf ich Sie hinüberführen —> Herbert ist — verunglückt."
„Verunglückt? Tot —- —?!"
Wulfsen preßte nur Dinas Hand ein wenig zur grausigen Bestätigung.
Dina schrie nicht mehr auf.
Ihr wurde ganz schwarz vor Augen, sie sah sich selbst durch schwarze Wolkensckleier im langen Zuge aK Witwe Hinter einem Sarg hergehen, und schwere Düste stiegen aus schneeweißen langstieligen Lilien auf und betäubten sie-
. Ämn aber fand sie sich in ihres Mannes Zimmev wieder, das eben Amtsrichter Fährden und ein Frem« der, sich tief vor ihr verneigend, verließen.
Sie sah Knut Wülsten, mit dem bleichen, wehver« zerrten G «sicht neben sich stehen, und Herbert noch viel bleicher auf dem Ruhebett, mit der kleinen, runden Wunde in der Schlafe, aus der es nur noch ganz fein rot rieseste.
Da verstand ihr wachgowordener Sinn die Lragödtq
unter ihrem Dach-
„Herbert", sagte sie leise und weich, und sank in stillem, herzbrechendem Weinen neben dem Loten nie, her, Sie nahm die schmal«, noch warm« Hand, in ihr?
