I Der Roman.
morgen* Beilage -er Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 291.
Dienstag, 14. Dezember.
1915.
(Schluß.) DEV s (Nachdruck verboten.!
Roman von Edrla Rüst. '
Am amberen Morgen hielt Herbert sich sehr lange beim Frühstück auf der Veranda auf, ließ die Kruder abwechselnd auf den Knien reiten und machte einen .^Höllenlärm" mit ihnen.
Dina hatte schon einige Male „Aber Herbert!" gerufen, aber es verschlug nichts, er war wieder einmal in seiner alten glücklichen Stimmung. Dina hatte ihm noch am Abend Mütterchens Geheimnis verraten, daß Lauters sich mit Orgel-Anger-Gedanken trügen, und bas erleichterte sein Herz bedeutend — da würden ihm seine ,/Offenbarungen" in Tirol dem Schwiegervater gegenüber nicht mehr halb so schwer ankommen. Es loste sich alles so zur Befriedigung, man durste sich des neu zu gewinnenden Lebens jetzt recht freuen. Der heimliche Mahnruf zur Flucht hatte heute etwas Komisches für ihn.
„Wird denn Eichenberg nicht bald kommen, es rst doch schon halb neun?!" fragte Dina.
„Aber er ist doch noch nicht da, Kindchen", sagte Herbert und tollte -weiter.
Das Mädchen räumte den Tisch ab.
,,-Brenkmann hat schon nach dir gefragt, ob du gar nicht herüberkämst, eS läge so viel vor, und er möchte, ehe Eichenberg ..."
,Warum willst du mich denn so mit aller Gewalt los sein, Maus? Du weißt ja gar nicht, wie du mir bemerkbar machen soW, daß ..."
Dina -lachte und legte iihm die Arme um den Hals.
„Nein, Schätzt, du soW es eben nicht merken, daß ich dich fortgraule. Aber ich möchte mich hier mit Katrin auf ein paar Stunden niederlassen — es ist ein ganzer Waschkorb voller Strümpfe zu stopfen und auszurangieren, und hier die Veranda ist der einzige schattige Platz am Vormittag . . ."
„Ach, du gemütvolles Weib, ich soll so schnell wie möglich in mein Schwitzbad tauchen, denn bei mir geht die Sonne früh auf und hält an, mich zu bescheinen."
„Da du doch hineinmußt — es ist nur, wir haben so wenig Zeit, und . . . ."
Unter Lachen und Scherzen ließ Herbert sich von Dina und den Kindern von der Veranda treiben, denn Katrin Sütte erschien bereits mit dem verhängnisvollen Waschchorb in der Tür.
„Es wird dir noch leid tun, mich vertrieben zu haben! Man weiß nie. ob man jemand auch wieder» sicht, den man fortschickt — warte nur", rief Herbert.
Dina ließ .Herbert ganz erschrocken los und sah ihn ernst mit großen Augen an.' Er machte auch ein ganz ernstes Gesicht. Aber dann flogen sich beide lachend in die Arme und küßten sich innig, als müßten sie sich auch An Spiel versichern, daß sie einander fürs Leben durch Me Gefährnisse in Oiche festhalten wollten.
Herbert hob noch einmal die reizenden Kinder zu sich empor, drückte ihre Köpfchen an seine Wangen und küßte sie in ausbrechender Dankbarkeit für so viel Glücksgüter.
Dann ging er schnell nach seinen Bureaus hinüber, und Dina kehrte zu Katrin und dem Waschkorb voller Strümpfe zurück. Die Kinder trieben ihre Reifen im Garten und zahlten ihre großen und kleinen Murmeln. Das heißt Susi zählte immer eine Murmel in Gerds Beutel und drei in ihren eigenen hinein, und Gerd meinte wähl, das müsse so sein. Er war immer fidel und zustieden mit dem, was er hatte und was Sich geruhte ihm angedeihen zu lassen. Sic besaß immerhin eine echte Sehrensche Ader, denn trotz all ihrer weichen Zärtlichkeit regierte sie die sanfte, nachgiebige Drna- Natur Gerds.
Es gab mancherlei Erfreuliches, als Herbert vor seiner sonst üblichen Sprechzeit im Bureau erschien.
Auch Eichenberg war eben eingetroffen, um seinen Villenkauf perfekt zu machen. Er hinterlegte seine er- hübliche Anzahlung sofort in bar, überließ den Rest der- Formalitäten seinem persönlichen Rechtsbeistand und empfahl sich in Haft, um den Zug nicht zu versäumen, da er unterwegs erst mit seiner Reisegesellschaft zusammenstoßen wollte.
Das Geld lag noch aufgezählt auf dem Tisch mitten im Zimnrer. Herbert Unterzeichnete an seinem Arbeitstisch am Fechter einige notarielle Beglaubigungen — da sah er bei flüchtigem Aufblick auf die Straße den Amtsrichter Fährden mit einem Herrn vor dem Hause stehen bleiben und auf zwei andere Herren »varten, die in einiger Entfernung langsam nachfolgten. Herbert kannte keinen der drei, es waren keine Fünf-Hügeler.
Als er allein im Zimmer war, stellte er sich hinter die Gardinen, und sah die Vier, die die Straße ein ganzes Stück hinuntergegangen waren, plötzlich wieder Kehrt machen und unter dringenden Gesprächen, ohne noch einmal Halt zu.machen, in sein Haus eintreten.
Fährden voran, die anderen folgten.
Was bedeutete das?
Gehörten die vier wirklich zusammen? Hatte Fährden, der ihn am Fenster bemerkte, ihm Zeit lassen wollen, über die nächste halbe Stunde nachzudenken und sich bereit zu halten? —
Hatte er darum den Weg ausgedehnt, um Herbert einen Überblick über die Situation zu schaffen?
Was in Herbert Sehren in diesen wenigen Mim?ten vorging, kam wohl ihm selbst nicht zur Klarheit.
Es zuckte vom Scheitel her etwas an ihm herunter rmd verbrannte ein stolzes, reiches Menschenleben, wie der Blitz dem Baum durch die Krone fährt und seine Zweige kahl und verkohlt niederreißt.
Die schmale Hand, die in ein Schubfach des Diplom matentisches fuhr und den kleinen blankvernickelten Revolver in die Brusttasche seines Rockes schob, bewegte sich Mechanisch, als fei sie lange, lange auf diesen Griff eingeschult worden, um auch selbst bei völliger Lähmung aller Kräfte im letzten Augenblick nicht zu versagen.
Noch einmal suchte Herberts Blick die Sonne und den lachenden blauen Himmel, dann wandte er sich
