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Montag, 13. Dezember 1913.

Kbend-Kusgabe.

Nr. 580« . 63. Jahrgang.

vor der neuen Valkanentscheidung.

Die Presse üer Entente bezeichnet die neueste N o t e an die griechische Regierung als ,,>reunL- schaftlich", und sie versichert bei dieser Gelegenheit, daß die ganzen bisherigen Verhandlungen mrt der Athener Regierung in freundschaftlicher Wefte geführt worden seien. Wora-us hervor geht, datz vas Wort „freundschaftlich" in der diplomatischen Sprache einen neuen Inhalt bekommen hat nach dem Motto: Und willst du nicht mein Bruder fern» so schlag ich dir den Schädel ein! Die Engländer und Frau- zosen benutzen die griechischen Inseln als Operatrons- bwsis — alles freundschaftlich» sie besetzen Salomkr alles freundschaftlich, sie verlangen erst Lrc MobrUste- rung und dann die Dernobilisierung - alles freund- gastlich, sie schnüren die griechische Schiffahrt ein und suchen sie zu unterbinden — alles freundschaftlich, und sie drohen jetzt, wie unten wiedergegebene Drahtberichte ergeben, da Griechenland die Gefolgschaft. verweigert, mit der dauernden Besitzergreifung von Saloniki — auch alles freund fchaitlich. Am Ende wird die Entente gar behaupten, daß ine soeben aus Athen kommende Meldung, „in Salomkr ist me Stimmung der Bevölkerung gegen die Engländer und Franzosen gereizt", einen Druckfehler enthalte, daß es statt gereizt reizend heißen solle. . ^ ^

Daß die Engländer und Franzosen letzt den letzten, starken Druck auf Griechenland versuchen, rst begreif- sich, denn das mit der Landung in Salonrkr eingeleitete Abenteuer geht seinem Bankerott entgegen. Der glänzende Sieg der Bulgaren am Wardar hat die französisch-englischen Truppen in eine verzweifelte Lage gebracht. Don den etwa 100 000 Mann starken französisch-englischen Truppen, die sich in Mazedonien befanden, ist bereits ungefähr die Hälfte genötigt gewesen, auf griechisches Gebiet überzutreten,. und dem Rest wird nichts übrig bleiben, als sich gleichfalls den Rückzug zu erkämpfm. Denn da in Saloniki nur noch etwa 40- bis 60 000 Mann an Reserven stehen, ist eine erneute Offensive ausgeschlossen, ist aber auch die Defensive in dem Augenblick aussichtslos, wo die Verfolger sich entschließen, die griechische Reutrasi- tat in d e m Sinne anzuerkennen, wie die Entente sie auffaßt, nämlich in griechisches Gebiet ein-, durch griechisches Gebiet d u r ch zumarschiercn. ,

Der Punkt, den wir hier berühren, ist zurzeit die brennende Frage. Von bulgarischer Seite wie von der der Mittelmächte ist bisher die griechische Neu­tralität streng geachtet worden, und besonders dre Bul­garen haben auf die griechische Empfindlichkeit, wert- gehende Rücksicht genommen. Man weiß, daß dre ber- den serbischen Landzipfel von Doiran und Gewg e lr, die dreieckförmig in griechisches Gebiet hinernragen, eine Art Achillesferse für Griechenland bedeuten, das in der Besetzung dieses Gebietes durch die Bul­garen eine Bedrohung seiner Küste, eine Bedrohung Salonikis sähe. Eben deshalb hat rnan sich von bul- garischer Seite bereit erklärt, eine neutrale Zone zu schaffen, und die Sofioter Staatsmänner haben zu- gleich in Athen den Weg zu einer endgültigen V e r- ständrgung über die strittigen Gebiete angebahnt. Die SpÄuIation des Vierverbandes, hierdurch doch noch einen Keil zwischen Bulgarien und Griechenland zu treiben und dieses dadurch auf seine Seite zu brin­gen, dürfte mithin verfehlt' sein. .

Wie liegen die Dinge aber jetzt, wenn die letzten Engländer und Franzosen über die griechische Grenze zurückgodrängt werden und ihre militärische Operatio­nen trotzdem fortsetzcn? Man weiß, daß König Konstantin den ungebetenen Gästen freien Abzug zugesichert hat, wenn sie ihr verunglücktes Unternehmen a ü f g e b e n und Saloniki Verl a s s c n. Aber die Engländer und Franzosen haben keine Neigung hierzu, am allerwenigsten, bevor die ans den 19. De- zembcr angesetzten Neuwahlen i>er griechischen Kammer die Entscheidung darüber gebracht haben wenden, ob, wie es wahrscheinlich ist, König Konstantin der leitende -Mann bleibt, oder aber der VievveNbands- zögsing Benizelos zur Rdacht zurückkehrt? Keinesfalls (können die Mittelmächte und Bulgarien es zugeben, daß die Ententetruppen sich in Griechenland .festsetzen, um von dort jederzeit Vorstöße nach Mazedo iien zu unternehmen. Und auch König Kon­stantin dürfte sich in diesem Falle auf den Standpunkt stellen, daß, was dem einem recht, dem anderen billig sein müsse. Hat Griechenland seine Neutralität wohl oder übel der Entente gegenüber so auslegen müs­sen . daß es thron Truppen den Durchmarsch g-e- ft q i t e t e» so kann es den Mittelmächten gegen- über keinen anderen Standpunkt einnehmen.

Wollen es >die Engländer und Franzosen aber wirk­lich darauf ankommen lassen, wollen sie die Balkan­blamage zur Balkankatastrophe werden lassen? Man weiß, daß sowohl Kitchener wie Sarrail für die

Aufgabe dieses Abenteuers sind, während dre eng­lische und die französische Regierung sich aus Gründen des Prestige nicht entschließen können, durch die Lrqur- dierung des Saloniki-Unternehmens den Balkan- bankerott offen einzugesteheir. Ihre letzte Hoff­nung ist, Griechen! and durch Drohung mrt offe­ner Gewalt zur Deckung und Rettung ihrer Wtron zu zwingen. Aber die Drohungen verfangen nicht mehr, denn die Griechen haben als 8 a ustpfand die französisch-englischen Truppen, und die Stimmung ist im Lande so umgeschlagen, daß die Hoffnung ans dre Neuwahlen und Venizelos schon jetzt als, eitel bezeichnet werden kann. So steht die Entente, während die vor­sichtig ferngebliebenen Italiener sich ins Fäustchen lachen, vor der schweren Wahl: Balkanblanrage oder Balkankatristrophe?

Die Ereignisse auf dem Balkan.

Bereits 20 000 Kranzosen und Engländer von den Bulgaren gefangen.

Br. Wien, 13. Dez. (Eig. Drahtbwicht. Zeus. Mn. T.-U.)

AuS Sofia wird gemeldet: Die Zahl der von den Bulgaren bisher gemachten englischen und französischen Gefangenen nähert sich jetzt 20 00», hauptsächlich ans dem Cerna- und Wardargrbiet.

Eine regierungsfeindliche Interpellation in der italienischen Kammer.

Br. Lugano, 13. Dez. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Der Abgeordnete Gambarvtta hat folgende Interpellation an den Minister des Äußern gerichtet: 1. Ob der nrit Geneh­migung dex Zensur veröffentlichte Text des Londoner Vertrages, besonders das Datum der Unterzeichnung -richtig sei. 2. Warum die Regierung, wenn sie schon sechs Monate gezögert habe, den Vertrag zu unterzeichnen, nicht noch einen Tag länger warten konnte, und das Parlament vor die vollzogene Tatsache stellte. 3. Warum der Minister in der Eröffn ungssttzuny vom 1., Dez. die Tatsache verschwieg, daß der Vertrag gerade einen Tag vorher urrtcwschrieben war, unid mit der Veröffent­lichung wartete, bis das Vertrauensvotum erteilt Warden war. — Gambarotta gehört der radikalen Partei an und hat als einziger dieser Gruppe gegen das Vertrauens­votum gestimmt.

ver erbitterte Rampf in Mazedonien.

Die Bulgaren fallen im Rücken der Expeditionstruppen ein.

Köln, 13. Dez. (Zens. Bln.) Zur bulgarischen Offensive in Mazedonien meldet der Sofioter Bericht­erstatter der „Köln. Ztg.": Die Bulgaren fochten allein ohne Verbündete. Die Ansetzung deS rechten Flügels führte sie in den Rücken der französischen Stellung und bedrohte die Verbindung auf dem westlichen Wardarufer. Die Bulgaren marschierten gedrängt auf einen Punkt zu und schlugen ver­eint die große Zahl der Widerstand leistenden Truppen. Die Franzosen Hatten allein vierzehn Regimenter im Kampfe. Die sehr geringe Anzahl der Gefangenen beweist an einigen Punkten die Erbitterung des Kampfes. An anderen Stellen fand ein eiliges Zurückgehrn, namentlich der Engländer statt, die nach einem Kampf von wenigen Stunden die Befestigungen aufgaben, die sie Wochen hindurch auszebaut hatten.

Der englisch-französische Rückzug.

W. T.-B: Saloniki, 13. Dez. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Hav-as meldet: Auf der Front der Alliierten, wo die Bul- garen in tiefen Massen cmgreifen, dauert die lebhafte Tätigkeit an. Der Rückzug der Alliierten wird methodisch fortgesetzt. Die Lage der Engländer nördlich von Dorrän hat sich dank der Ankunft von Verstärkungen aus Saloniki merklich gebessert. Neue englische Truppen landen täglich. Die Alliierten bringen zahlreiche Menschen, die aus der Gegend von Gewgeli geflüchtet sind, in der Umgegend von Saloniki unter.

Hartnäckige ttämvfe bei Doiran.

W. T.-B. Mailand, 12. Dez. (Nichtamtlich.^ Ma-grtni drahtet aus Doiran -unter dem 9. Dez., daß seit vier Tagen in der Umgegend gekämpft werde. Durch Doiran kämen fortwährend «nglische Kavallerie- und Jnsanterie- truppen sowie Artillerie. Uber den Doircm-Sec würden fort­während englische Verwundete weggeschafft. 'Das ganze Ge­biet an der bulgarisch-griechischen Grenze sei auf Anordnung der englischen Militärbehörden, die Spionage befürchteten, von den Bewohnern geräumt worden; nur Doiran sei nicht geräumt, stehe aber unter dem englischen- Platzkomman» bauten.

Neue Hemmungen in ber schweizerischen Industrie.

W. T.-B. Bern, 11. Dez. (Nichtamtlich.) Wie die „Schweizerische Tepeschen-Agcntur" meldet, fand in Zürich eine Versammlung der Einfuhrvereinigung für Baumwolle und Baumwollfabrikate zur Aufilärung der Interessenten statt. Die hohe Zahl der Teilnehmer beweist, daß die Schweiz mit wachsender Ungeduld die Zufuhr von Rohbaum­wolle und Garnen herbeiwünscht, und daß man von der Einfuhrgesellschaft eine kräftige Unterstützung dieser Forde­rungen erwartet. Leider sind jüngst neue Hemmungen cinge- treten, was um so überraschender ist, als nach der Betriebs­eröffnung der Einfuhrgesellschaft die Annahme wohl gerecht- fertigt war, daß nun alles in bester Ordnung fei. Zu aller

Enttäuschung erfährt man nun noch, daß es bei den der In­dustrie bereits auserlegten Beschränkungen nicht sein Bewen­den hat, sondern neue empfindlichere hinznkommen werden.

Die serbischen Heeresreste auf der Flucht und der Rückzug in das Innere Albaniens.

Ein heftiger bulgarisch-englischer Kampf.

Br. Genf, 13. Dez. (Eig. Drahtbericht. Jens. Wn.) „Temps" meldet, daß der Rest der serbischen Heeresgruppe unter döm Befehl von Wassitsch sich unter unaufhörlichen Kämpfen mit den verfolgenden Bulgaren und KomitatschiS in das Innere Albaniens zurückzieht. Den letzten Meldung« aus Athen zufolge unternahmen die Bulgaren einen General­angriff auf der ganzen französischen Front. Die Franzosen ziehen sich nach Süden zurück. An ber Strumitzafront ent­brannte ein heftiger Kampf zwischen Bulgaren und Eng­ländern, der bis in die späte Nacht andauerte. Die Engländer bereiten in Erwartung eines weiteren Rückzuges neue Ber- teidigungslinicn an der griechischen Grenze vor.

Einzug der Bulgaren in Dchrida:

W. T.-B. Sofia, 13. Dez. (Nichtamtlich) Nachtrag zmn amtlichen Bericht vom 9. Dez.: In Ochrida fanden unsere Truppen eine unbeschreibliche Aufnahme. Die ganze Bevölke­rung der Stadt war unter Führung ihrer Priester unsere« Truppen entgcgengezogen, die sie mit Blumen und grünen Kränzen überschütteten. Die Einwohner verg»fsen Freudea- tränen bei dem Anblick unserer Soldaten.

Widerlegung englischer Lügen über Bulgarien.

IV. T.-B. Sofia, 13. Dez. (Nichtamtlich) Die Bul­garische Telegraphen-Agentur meldet: Der römische Korre­spondent des „Daily Deleg-vaph" will glauben machen, daß' zwischen Bulgarien u-nld seinen Verbündeten Mißver« ständrrisse bestehen, die ihren Grumd iin der erdichtete« Überibassun-g Monastrrs an Ungarn und in f>er Aniwesenheit türkischer Druppen in Bulgarisch-Thrazien hätten. Wir wissen nicht, woher der angeführte Berichterstatter seine Nachricht«» gesclchpft hat. aber wir sind in der Lage, ein- für allemal zu erTären, daß sie vollkommen falsch find. Sicherlich wünschen gewisse Ententekreise sehnlichst den Ausbruch von Unruhen in Bulgarien herbei, an denen sie jahrelang ge­arbeitet haben. Mer das bulgarische Volk ist weit entfernt, ihnen diese Genngtwnny zu verschaffen. Es gibt keine Un­zufriedenheit im Lande; die Gründe, die man dafür anfüh-t, sind in allen Punkten erfunden. Es gibt hier keine türki­schen Truppen; Ungarn hat niemals die Überlassuing von Monastir gefordert, wo bereits bulgarische Behörden tätig find. .

ver Rriegsrat der verbündeten befchlietzt schärfere Matznahmen.

Br. Kopenhagen, 13. Dez. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) Nach dem „Petit Parisien" hat der Kriegsrat der Alliierten unter Joffres Vorsitz gestern beschlossen, verschärfte Maßregeln zur Erzwingung eines endgültigen festen W- kommens mit der griechischen Regierung anzuwenden. Die Verhandlungen sollen nicht auf diplomatischem Wege, sondern rein militärisch zwischen dem General Sarrail und dem griechischen Generalstab geführt und zum Abschluß ge­bracht werden.

Griechische Generalstäbler in Beratung mit Sarrail.

Br. Rotterdam, 13. Dez. (Eig. Drahtbericht. Zens. Mn.) Reuter meldet aus Saloniki vom 10. Dezember: Gestern und heute haben die Obersten Pallis und Staikos vom griechffchen Generalstab mit dem General Sarrail eine Unterredung gehabt, die sich auf die Fragen der militärischen Lage in Mazedonien beziehen. Ein Salonikier Blatt erfährt aus fran­zösischer Quelle: Rallis hat im Auftrag der griechischen Re­gierung erklärt, daß die griechische Armee, wenn die bulgari­schen Truppen die Ententetrnppen auf griechisches Gebiet ver- folgen, sich zurückziehen werde, um jeden gefährlichen Zusam­menstoß zu vermeiden. Dieser Bericht hat große Sensation hervorgerufen. Athener Blätter melden, die griechische Re­gierung erwäge die teilweise Deniobilisierung, und zwar wahrscheinlich zunächst der halben Armee. Im Gegensatz hier­zu berichtet die „B. Z." aus Sofia: Laut hier cingetroffenen Meldungen aus Athen haben die bulgarischen Siege über die Truppen der Entente in der griechischen Bevölkerung große Befriedigung ausgelöst. Von Griechenland wird erwar­tet, daß es weitere Truppentransporte verhindern wird, was auch höchstwahrscheinlich geschehen wird.

Eine Unterredung mit Sarrail.

Br. Genf, 13. Dez. (Eig. Drahtbericht. Zens. Blm) Magrini hatte am Samstag eine Untervedung mit Sarrail, in der dieser ausfiihvte, daß er den Rückzug am 2. Dez. be- goni-en habe, nachdem er schon geraume Zeit eingesehcn hätte, daß die angestvebte Vereinigung mit den Serben gescheitert sei. Um den Rückzug besser durc^lfführen, täuschte Sarrail nach seiner Darstellung die Bulgaren über seine Wsichten. indem er seine Stellungen am linken Ufer des Wardar erweiterte und dadurch einen geplanten Vorstoß gogen Jstip vortäuschte. In Kavadar und Krivolac waren große Mengen Kriegsmaterial, nämlich 600 Geschosse für jedes Geschütz und Proviant für Wackln, aufgestapelt. Die ßtäumung habe einige Zeit erfordert, sich aber dank des dort angelegten Brückenkopfes ziemlich glatt vollzogen. Ms- dann zag Sarrail seine Truppen vom linken Ufer des War- dar von Krivolac zurück, sprengte die Brücken bei Vchiqrnq