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gs 1 a Morgen-Veilage -es Wiesbadener Tagblatts, » —-* i
Nr. 289. Samstag. 11. Dezember. 1915.
(37. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.»
Roman von Edela Rüst.
Drüanpe konnte gar nichts erwünschter kommen, als dem Amtsrichter die Gefälligkeit zu erweisen. Er tat es mit ausgesuchter Noblesse ohne jede „Sicherheit", woran es Fährden besonders lag. Man sah die beiden jetzt viel Arm in Arm durch die Straßen wandern, und Herbert fühlte ein gelindes Grauen, wenn er noch als Dritter im Bunde den Staatsanwalt Lübben mit den verschworenen Freunden im Klub zusammenhocken sah.
Lübben war auch Junggeselle und galt als Sonderling. Er verkehrte nicht in Familien und war nur im Klub oder sonstwo beim Wein anzutreffen. Herbert hatte im Vorjahre eine heftige Fehde in Kluüange- legenheiten mit ihm gehabt, seitdem sie sich nur gerade
noch grüßten.
Seit dem Polarfest ließ Fährden sich selten bei Sehrens sehen, Trümpe mied das Haus ganz, und Herbert fing an, den Klub zu vernachlässigen. Er begleitete Dina auch selten in Gesellschaft, unter Vorgabe zu stark angehäusten Arbeitsmaterials, und verreiste fast lebe Woche zwei, drei Tage in Geschäften.
War er zu Hause, so fiedelte er oft stundenlang, gleichviel, ob zur Geschäftszeit oder danach, und erwarb sich bei seinen Angestellten den Untertitel: Herbert der Fiedler!
Sie fingen an sich geniert zu fühlen, wenn ein Klient das Bureau betrat und aus dem Privatzimmer ihres Chefs lustige Walzerweisen herübertönten. Und doch hätte nieniand gewagt, ihm mit einem respekt- widrigen Wort oder emer unehrerbietigen Gebärde entgegenzutreten. >
Sie liebten ihn trotzdem, er war ihnen stets ein wohlgesinnter freundlicher Vorgesetzter, auch jetzt, wo er mit so verändertem Ausdruck in denr feinen, beweglichen Gesicht umherging. So, als suche er in allen Caen etwas.
Und doch meinte man, er hätte alle Ursache, froh und entlastet in die Welt zu blicken. Denn die
t chrecken der ruchbar gewordenen Insolvenz der Firma ehren standen längst nicht mehr auf der Schwelle, er erste April hatte den Alp vom Hause verscheucht. Das Gold klirrte in den Kassetten.
Es wurde noch einmal so flott gearbeitet, die Klientel wuchs wieder zusehends, und Herbert mußte sich in epen äußerst verwickelten Brandstistu-ngsprozeß vertiefen. Der Delinquent, ein reicher Großbauer, dessen Vertrauen er seit langem in Geschästssachen genoß, hatte ihn bestürmt, sein Anwalt zu werden, obschon Herbert alles getan hatte, ihn zur Berufung eines berühmten auswärtigen Kollegen zu veranlassen.
Dieses Vertrauen und der an sich interessante Fall wirkten denn auch schließlich auf Herbert glücklich-belebend. Es kam wieder Feuer und Sonne in feine Augen, er schloß sich für Wochen ganz ab und lebte mit aller Inbrunst ferner Aufgabe.
Getue Umgebung sagte zwar, es sei damit etwas
( rta Ungesundes über rhu glommen. Etwas, das neu überreizten Nerven den Rest geben müßt»
Er betrieb Sprachstudien wie ein Bühnenaspirant. Die halben Nächte lang hörte Dina von unten her lange tönende Tiraden, von verzweifelten Konsonantenübungen unterbrochen, gegen die Decke schallen.
Und so manche Nacht hörte sie ihn plötzlich abbrechen und eilig das Haus verlassen, um nach der Erregung in die laue Frühlings nacht hinauszuwandern.
Dann lief er im Sturmschritt zum Orgel-Anger und schleuderte dort die seltsamsten Monologe gegen seine Villen, die leer durch das Dunkel drohtenl
„Ich Äving's! Jetzt zwinge ich es, allein aus eigener Kraft! Wenn mir der große Wurf gelingt und ich den Bauern freikriege — bas l/ilft I Das rettet aus allem . . . aus allem! Ihr, die ihr alle an meiner Rede- gewalt gezweifolt habt — ins Gesicht lachen werde ich euch! Alle werden mich rufen, ldaß ich sie aus ihren Nöten erlöse, und das Geld wird im Kasten klimpern, daß der Teufel seine Lust daran hat! Nur durch, nur dieses Jahr noch durch, dann stehe ich auf, ein neuer Mensch in Ehren und Glanz. Dann bin ich herum um die Mauer, um die ganze Mauer! Nur noch ein Jahr — ein einziges Jahr!"
Dann stieg er leise die paar Steinstufen zur Villa Deubenreiter hinan und lugte durch die gesperrten Jalousien des Erdgeschosses. Es war ihm in solchem Augenblick Bedürfnis, sich auch dieser ersten großen Schuld recht lebhaft zu erinnern, und sich aufs Gewissen zu fragen, üb er sie langsam abgetragen durch verdoppelte Liebe und Sorge um Weib und Kinder. Er schämte sich ihrer immer von neuem. Dann stürmte er davon, wie er gekommen, zu Dina hinauf.
*
Es war nur wenige Tage, ehe die Gcrichtsferien ein- setzen sollten, und damit das allsertige große Reisen in Fünf-Hügelchen, als man sich noch einmal im Klub sehr vollzählig versammelte, mn den Held des Tages, „Her- bert Sehren, den glänzendsten Verteidiger, den die. Welt je gesehen", mit allen bacchanalischen Ehren zu feiern.
Er hatte ihn frei bekommen, den Großbauern! Man hatte vierzehn Tage lang den Saal gestürmt, so hochinteressant hatte sich der Prozeß zugespitzt. Und als die Plaidoyers begannen, ivar die ganze Stadt auf den Beinen, um „Herbert den Fiedler" zum zweiten Male mit Pauken und Trompeten durchsausen zu hören. Aber es wurde ein Sieg, wie er in dem Saal noch nie erfochten worden war.
Alles saß starr und sprachlos und horchte auf die Wundervoll fließende Redeflut, die mit so viel Geist, Witz und Scharfsinn zu aller Herzen strömte, und Publikum, Richter und Geschworene zu tiefer Bewegung, beinahe zu begeisterten Kundgebungen hinritz.
Es war nach langer, langer Zeit in Fünf-Hüaelä^n mal wieder etwas passiert! So fühlte man, als der Großbauer den Gerichtshof verließ und auf den jubelnden Zuruf, die Mütze schwenkend, mit feuchtfrendigen Augen nach rechts und links dairkte.
