Morgen-Beilage -er Wiesbadener Tagblatis.
Nr. 288. Freitag. 10. Dezember.
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1915.
(86. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.1
R»man von Edela Rüst.
Es schien wirklich ein merkwürdiger Geist über einen Teil der Gesellschaft gekommen zu sein. Auch Oberst Altleder war schon den ganzen Abend in den Räumen außerhalb der Eis- und Gletscherwelt, mit einem älteren Professor vor jedem Kunstgegenstand stehen geblieben, als käme er erst heute 'darauf, sie auf ihren vollen Wert zu untersuchen.
„Man muß es ihm lassen, er hat Geschmack und
Verständnis —-das ist alles Prima! In ganz Fünf-
Hügelchen können Sie nach solchen Stücken suchen."
„Ich verstehe ja im Grunde nichts davon, ich meine, ob 'ne Sache kostbar ist oder nicht — — was mir gefällt, gilt mir, sonst . . ." sagte der Oberst lachend und nahm eine kleine Bronze von einem Wandbrett, die er nach allen Seiten drehte. ,Sehen Sie, Professor, dieses kleine Ding sticht mir schon lange in die Augen —< cs ist von so entzückender Grazie — das Kamel hat Individualität, und der Maure drauf hat alle Weiber in der Tasche, vom Schulmädel bis zur Urahne! Da gäbe ich gern hundert Mark für! Sehren wollte sich bei dem Angebot, das ich ihm machte, halb tot lachen. Ist es denn gar so kostbar? Habe ich mich damit unsterblich blamiert?"
„Ein wenig, fürchte ich, lieber Oberst, sintemalen es das kostbarste kleine Nichts im ganzen Hause ist. Das Ding ist echt, ein ganz alter Orientale — mindestens seine fünftausend Mark wert."
„Ei der Deibel!" lachte Altleder und zog die Schultern in komischem Entsetzen hoch. „Ja, glauben Sie denn wirklich, daß Herbert Sohren so mit dem Golde 'rumschmeißt?"
„Ob er es >dafür gezahlt hat, weiß ich nicht, er schweigt sich darüber aus. Jedenfalls, er kriegt es alle Tage dafür, wenn er cs nach 'ner Großstadt verkauft. Hier natürlich —• wenn's hier mal unter den Hammer käme, würde man es Ihnen vielleicht für Ihren Hunderter zuschlagcn."
„Na, dann will ich schon lieber verzichten!" sagte der Oberst leise.
Der Professor, der das kleine Kunstwerk zuletzt in der Hand hatte, stellte es auf seinen Platz zurück, trat ganz dicht an den Oberst heran und flüsterte beinahe: .Oberst, Sie sind doch ein Intimus der Familie — wie Dht's denn eigentlich hier? Man tuschelt ja schon ganze Legenden — ganz böse Sachen! Ich meine nicht das Deubenreiter-Jdyll. Darüber sind wir ja langsam weg! Ich meine die Finanzen! Man kann es ihm so ungefähr glatt nachrechnen — er soll unabwendbar pleite sein, unser Herr Gastgeber, unser Reformator von Fünf-Hügelchen . . . trotzdem er sogar den Staat um hohe Stempelgelder schwächen soll, und . . ."
„Ich kümmere mich nicht um solchen Klatsch!"
„Klatsch — Klatsch? I Die Sachen stimmen hier doch mal nicht! Äußert sich Vater Lauter gar nicht?"
„Mit keiner Silbe."
< „Er hat am eigenen Leibe genug zu tragen er
soll auch schon seit Jahr und Tag mit Verlust arbeiten. Sein Johannestrieb hat ihm den Geschäftssinn getötet. Aber er ist doch klug und besonnen genug, er zieht ein. Während sein Herr Schwiegersohn hier ostentativ mit den Flügeln schlägt, um Aufsehen zu erregen. Er macht sich nur Feinde dadurch — glauben Sie mir, er wird in einer Weise unbeliebt — solche Großmogulei bei einem noch so jungen Manne — noch dazu mit fremden Geldern . . . Gott, na, er hat's doch nicht! Beim alten Sehren ist doch das nicht gewachsen, und schließlich bei Ludwig Lauter auch nicht!"
„Aber lieber Professor, wir sind doch hier zu Gaste."
„Nu, ja, ja — ich meine nur, was jeder sehen kann? Wir leben doch hier in etwas stark transparenten Verhältnissen, und dem soll nieder Rechnung tragen, der vor den Augen der Leute bestehen will! Es tut mir persönlich ungemein leid, man hat hier so unendlich viele wahrhaft schöne Stunden verlebt!"
„llnd die wollen wir ihm danken, wenn ..."
„Aber es kippt, es kippt!"
.wenn es mal kippen sollte! Vorläufig können
wir alle darüber ruhig schlafen, glaube ich. Das ist alles leeres Gerede, der Neid . . ."
„Auch über den Orgel-Anger?"
„Erst recht!"
Ein Dritter gesellte sich zu den Herren: das dem Oberst so sehr unbehagliche Thema wurde kurz abge-. brochen.
Ob Herbert es merkte, wie sehr inan sich mit seinen Angelegenheiten beschäftigte, war schwer zu sagen. Er gab sich heiter, wenn auch nicht so übersprudelnd wie sonst, scherzte mit den Jüngsten und führte an allen Ecken das Wort.
Nur zwei Menschen wich er aus. Der eine war Trümpe, bei dessen Anblick es ihm in den Fingern zuckte, ihn beim Kragen zu fassen und hinauszuwerfen — so fast unerträglich lastete dessen Anwesenheit in seinem Hause auf ihm. Der andere war der Amtsrichter Fährden! Er sah es ihm an: der brauchte wieder mal Geld! Er ging dann mit so eigentümlich nach innen gekehrtem Blick herum, sprach wenig und be- tastete unablässig seine Rockknöpfe, als rechnete er daran aus, wie viel es sein müsse. Und Herbert wußte, er konnte ihm keinen Pfennig geben, er mnßte ihn: „nein" sagen.
Er bäumte sich vor einer Mauer, die nicht zu erklettern, auch nicht zu überspringen war — da gab es nur eins: um die Ddauer herumgehen! Ob aber sein Leben lang genug sein würde, da herum zu kommen? Es >var ein weiter Weg voller Schrecknisse und Ungeheuerlichkeiten! Bisher hatte er nur Gräben übersprungen. Auch nicht gefahrlos — cs ging über Sumpf und Unrat, aber jenseits der Gräben sah er grünes Land. WaS aber hinter diesen Mauern gähnte, war Abgrund und Drachenbrut! Immerhin, er, Herbert Sehren, der Sieghafte, war bereit zu dem Marsch, koste es, was es wolle!
