Einzelbild herunterladen
 

Verlag Langgasse 21

„Tagdlatl-HauS".

Schalter-Hille geöffnet von 8 Udr morgen« di« 7 Uhr abend«.

wöchentlich

Sejngs-Pret« für beide Ausgaben: 70 Pfg monatlich. M. r.- vierteljährlich durch den Verlag Langgaffe St. ohne Bringerlohn M vierteljährlich durch alle deurichen Boftanftalten. auöichliefflich veitellaeld — Bezugs-Bestellungen nehmen außerdem entgegen: in «ietdaden die Zweigstelle BiS- marürtng lS. wnne die Ru«,abestcllen in allen leiten der «tadt: in Biebrich: die dortigen Au», gadeitellen und in den benachbarten Landonen und im Rheingau die betreffenden TagdlaN-lräger

»nzetgrn-Anuadme: , Mittag«, iür die Morgen

12 Busgaben.

Fernruf:

„Tazblatt-HauS" Nr. 8850-SZ.

Bon 8 Uhr morgen« bi» 8 Uhr abend«, außer Sonntag«.

«»zeiaen-PreiS für »ie Zeile: 15 Pfg für örtliche »n«ei,en >m-«r»ei«»markt" und .seiner Ana-fger" in einheitlicher Satzform: Ä Pfg. in davon abweichender SatzaEhruna. lowie füralle übrigen örtlichen Anzeigen: 3ü Pfg. für alle answärtigen Anzeigen: 1 MI. für örtliche Reklamen, 2 Mk. für auswärtige Reklamen, «anze. halbe, drittel und viertel Seiten, durchlanfend. nach besonderer Berechnung.^- Bei wiederholter Aufnahme unveränderter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen entsprechender Nachlaß.

^en.Äu«g.MsttÄS« BerlinerSchriftleitnngdesWiesbadenerTagblatts:Berlins'.,PotsdamerStr.121 K. Feruspr.:AmtLützow6202«.6203.

Freitag, 10. Dezember 1915.

Morgen- Ausgabe.

Nr. 575. * 63. Jahrgang.

Oer Kanzler über den Frieden.

Oie Friedensinterpellalion.

(Von unserer Berliner Schriftleitung.)

L. Berlin, 9. Dezember. Zens. Bin.

Die Rede Scheidemanns war in: allgemeinen das, was man nach der bisherigen Haltung der großen Mehrheit der sozialdemokratischen Partei erwartet hatte. Als er einmal in einer Pariser Arbeiterver­sammlung nach Jaurös unter vielem Beifall gesprochen hatte, meinte ein französisches Blatt, er habe die welt­männische Korrektheit eines deutschen Reserveoffiziers. Im Gehrock erschienen, bestrebt, seinen Worten den höf­lichsten Klang zu verleihen, vermied er es ganz glück­lich, als Opposition etwa im Gegensatz zum Reichskanz­ler aufzutreten. Er lud den Reichskanzler gewisser­maßen ein, sich seinen Auffassungen wohlwollend an­zuschließen, da sie gar nicht so entfernt von den eigenen sein könnten. Auch wenn es angängig wäre, nicht nur berichterstattend über diese Friedensinterpellatiou zu schreiben, könnte man kaum versucht sein, in eine starke Fehde mit den Interpellanten einzutreten. Alle Völ­ker wären froh, wenn dem Krieg schnellstens ein Ende gemocht werden könnte — sagte Scheidemonn — könnte! Darauf legte der Reichskanzler in seiner Er- w i b e r u n g den Ton. Die Antwort, die Herr von Bethmann-Hollweg erteilte, war ohne Umschweife die: Bisher liegen der deutsche Regierung kein feindlichen Friedensangebote vor. Der Interpellant hatte alle möglichen englischen, französischen und italienischen Friodensftrmmen angeführt; es wurde ihm nicht be­stritten, daß sich darunter gut gemeinte und Vernunft tige befanden. Aber wenn er über die Rede A s q u i th s und Briands mit der Bemerkung himveggehen zu können glaubte: „Es werde in diesem Kriege so vieles geredet"', vermochte der Verantwortliche deutsche Regierungsleiter ihm nicht zu folgen. Für diesen könnten nur Friedenswünsche ermächtigter Vertreter der beiden Staaten in Frage kommen. Es war kein Widerspruch laut geworden, als er sagte: Von

Frieden könne und solle zuerst der reden, dessen mili­tärische Stellung und wirtschaftliche Stärke gestatte, auch jede Mißdeutung seiner Bereitschaft „als Zeichen der Schwäche" mit ruhigem Kraftbewußtsein hinzu- nehmen. Der Kanzler, der sich gern der Hoffnung hin­gab, daß die Jnterpellationsbegründung Scheide­manns bei unseren Feinden freudige Erwartungen enttäuschen werde, bestritt nicht, daß unsere letzten großen Erfolge, mit denen eine Bedrohung der emp­findlichsten Stelle des englischen Weltreiches verbunden sei, beim Gegner den Gedanken aussteigen lassen müßte: Warum noch weitere Opfer? Aber der Reichskanzler wies daruf hin, daß die feindlichen Minister noch nicht auf eine Zerstückelung Deutschlands verzichten, ge­schweige denn, sich den deutschen Bedingungen unter­werfen zu müssen glauben. Schcidemann hatte scharf hervorgehoben: „Den Gedanken einer Angliederung

Elsaß-Lothringens an Frankreich, einerlei in welcher Form sie erstrebt wird, lehnen wir ab." In Frankreich jedoch gilt die Rückgabe Elsaß-Lothringens als Mindest­forderung. Hanotanx gab soaar im „Figaro" zu, Frankreich habe dieserhalb den Krieg gemacht: von den Plänen mit der Rheingrenze gar nicht zu reden! Ihre hohe Bedeutung erhielt die zweite Reichskanz­le r r e d e durch einige Aussprüche, die uns besonders dankenswert erscheinen, weil sie für das Inland und noch mehr für das Ausland Klarheit schaffen Deutsch­land wird und kann Friedensvorschlage a n h ö r e n, weil ihm seine militärische Lage dies tat­sächlich gestattet. Sollten aber wegen des mit Lügen­nachrichten aller Art gespickten, unauslöschbaren Hasses, und weil man sich so fest darauf verbissen hat, daß Deutschland zertrümmert werden soll, weitere Hundert­tausende auf die Schlachtbank geführt werden, dann werden auch um so mehr die Garantien wachsen, die wir fordern müssen. Der Kanzler hatte bei diesen und anderen kraftvollen Aussprüchen doch sein Herz nicht den schmerzensreichen Opfern verschlossen, die die­ser Krieg von uns fordert und noch fordern kann. Auch Scheide mann hatte schon den Feinden die Hofft nuna abgeschnitten, daß Soldatenmangel auf unserer Seite ein Nachyeben herbeiführen müsse.

Die bürgerlichen Parteien, in deren Namen der Zentrumsführer Dr. Spahn recht feierlich sprach, heben es mit aller Wucht hervor, daß sie, aus die un­beugsame, allen Angriffen unserer Feinde im Osten und Westen gewachsene und überlegene Stellung un­serer Heere vertrauend, die Stunde abwarten, die Frie­densverhandlungen ermöglichen werden. Und in die

Friedenssicherheiten schlossen die bürgerlichen Parieren „die dazu erforderlichen Gebietserwerbungen" ein. Die Verkündung Spahns wurde mit noch stärkerem Bei­fall ausgenommen, als die Rede des Kanzlers ihn ge­funden hatte. Aber — warum mußte ein längerer lärmender Zwischenfall den Eindruck des Tages stören? Warum wurde ein Antrag aus Schluß der_ Debatte angenommen, ehe der zweite sozialdemokratische Ab- geordnete Dr. Landsberg zu Worte kam? War es nur ein Versehen, daß Landsberg nicht hinter dem Namen Spahns vermerkt wurde? Jedenfalls mußte man es im höchsten Grade bedauern, daß jenen paar aufgeregten Leuten, die nicht zu übersehen zu werden wünschten, die Gelegenheit, aufzutreten, ge­geben wurde. Alsdann die Beschwichtigungsversuche der Abgeordneten v. Payer, Bassermann und Schulz die Wiedereröffnung des Diskussion beantragten, da mißbrauchte Abgeordneter Landsberg denn auch nicht die Worterteilung. Er wiederholte das schöne Wort, daß ein Staatsmann nicht flöten könne, wenn die geg­nerischen Staatsmänner das schwerste Geschütz auft fahren und erntete allseitigen Beifall, als er dem be­rufsmäßigen Zwischenschreier im eigenen Lager kalt ab- fertigte: Die Friedenswünsche, die er heiß empfindet, mögen anderen noch unerfüllbar erscheinen, aber den Frieden, den er wünscht, den Frieden des unverletzlichen Deutschlands, wollen alle. Beifall und Händeklatschen lohnte ihn. Das letzte Wort in der großen Debatte be­hielt der Vereinzelte, den wir nicht nennen, oder aber — er behielt es nicht. Denn sein Antrag, morgen in einer zweiten Sitzung etwas für den Frieden zu tun, wurde sozusagen einstimmig abgewiesen.

Sitzungsbericht.

Eigener Drabtberickt des „Wiesbadener Tagblatts'. (Fortsetzung des Drahtberichts in der gestrigen Abend-Ausgabe.)

Reichskanzler v. Vethmann-Hollweg fährt fort: Die Maßusgeln, welche die Regierung zur Linde­rung der Not und zur Verteilung der Lebensmittel ergriffen hat, sind vielfach als ungenügend und verspätet kritisiert wor­den. Ich will darüber heute nicht rechten. Wenn bei dieser Gelegenheit ganze Stände in ihrer Allgemeinheit für die be­stehenden Verhältnisse verantwortlich gemacht worden sind, so ist das unrecht. Verfehlungen einzelner kommen vor.

Wo wir den Wucher fassen können, legen wir ihm sein unsauberes Handwerk.

Unsere Feinde bezahlen höhere Preise für Lebensmittel, für Getreide und Kartoffeln, ziehen es aber vor, um das Dogma von dem Erfolg der Abschließung glaubhaft zu machen, mehr von den Preisen bei uns als von den höheren bei ihnen selbst zu sprechen. Unsere Feinde können sich beruhigen. Wir haben zwar keinen Überfluß, aber wir haben ge­nug. (Beifall.) Es ist inteoessant, die gegenwärtigen tatsäch­lichen Verhältnisse mit den Vorstellungen zu vergleichen, die man vor dem Kriege ton seinen wirtschaftlichen Wirkungen gehabt, hat. Ihr langjähriger Führer, meine Herren von der Sozialdemokratie, August Bebel, hat darüber ausführlich aus dem Jenaer Parteitag gesprochen. Bebel hat damals für die Zeit bald nach dem Ausbruch des Krieges den Bankerott von Tausenden kleiner Gewerbebetriebe, Stillstand der Fabriken, die nicht für den Krieg arbeiten, eine nicht zu be­kämpfende Arbeitslosigkeit, die Unmöglichkeit, die Familien der Arbeitslosen zu unterstützen, den Bankerott der Kassen und Gewerkschaften, von Gemeinden, Staat und Reich und die allgemeine Hungersnot vorausgesagt. Es ist gewiß nicht Bebel allein gewesen, der so dachte. Viele von uns werden manche seiner Ausführungen geteilt haben. Darum ist es heute nach 16 Monaten Krieg wohl erlaubt zu sagen, daß wir selbst unsere eigene Kraft unterschätzt haben. (Sehr richtig!) und trotz aller Entbehrungen, Hingabe und Opserwilligkeit, die von allen Seiten, ton einzelnen, von Verbänden, von Gewerkschaften, von Gemeinden, Staat und Reich ausnahmslos gewährt worden sind, Leistungen hervor- gebvacht haben, die wir nicht bloß kritisieren, sondern für die wir auch dankbar sein sollten. Unsere Gegner, ich beriihrte das schon, ziehen aus unserer militärischen Lage und aus unseren wirtschaftlichen Zuständen den Schluß, wir stünden unmittelbar vor dem Zusammenbruch. Seit Wochen ist die Presse der Entente, und das geht zum Teil auch auf das neutrale Ausland über, voll von Artikeln mit sensatio- nellen Überschriften, wie „Deutschland ist geschlagen", „Deutschlaitd am Ende", „Deutschland verhungert", „Deutsch­land und Frieden", und was dergleichen mehr ist.

Namentlich das Kapitel vom Frieden spielt eine große Nolle. Keine bekanntere deutsche Persönlichkeit kann eine Ortsver- änderung vornehmen, ohne als Friedensagitator der Regie­rung hingestellt zu werden. (Heiterkeit.) Bald ist der Fürst Bülow in der Schweiz, bald ein Staatssekretär im

Haag, plötzlich wieder Prinz Max von Baden in Stock­holm und Kardinal Hartmann in RE, ihnen allen wurde der Auftrag angedichtet, den Frieden zu vermitteln und überall dieselbe Motivierung: Deutschland ist fertig und muß um Frieden bitten. Dazu wurde zur Abwechslung auch ein­mal ein anderes Register aufgezogen. Nach unseren serbischen Erfolgen hieß es, der Kaiser werde in Konstanti­nopel e i n z i e h e n und von da aus der Welt den Frie­den diktieren. Sollte dort angeblich deutscher Klein­mut, so sollte hier angeblich deutscher Übermut an den Pranger gestellt werden. An all diesen Legenden ist auch nicht ein wahres Wart. (Hört! Hört!)

Eingesetzt hat diese Pressekampagne in ihrer besonderen Zuspitzung in dem Augenblick, wo die Ententcpolitik auf dem Balkan zusammenzubrcchen drohte, wo der Weg nach dem Süd­osten. offen und die blutigen Durchbruchsvcrsuche »nsercr Feinde an der Westfront scheiterten.

Das ist der Schlüssel. Nach so vielen Mißerfolgen war natürlich ein Mittel noüoendig, um über die eigene schlechte Lage hinwegzutäuschen. Wohin man blickt: Lüge und Verleumdung!

Ich muß bei dieser Gelegenheit einen besonderen Fall sestnageln. Als auf Geheiß Englands General Botha Süd­westafrika angriff, erfand er die Mär von deutschen Angriffs- wnd Eroberungsabsichten aus die südafrikanische Union, um damit den Überfall aus die deutsche Kolonie in den Augen seiner Volksgenossen zu rechtfertigen. Bruderbliut wurde dann vergossen, da es der Burenbevölkerung widerstrebte, an dem Überfall teilzunehmen. Ehemalige Waffenbrüder, die für die Ehre ihres Volksstammes eintvaten, wurden in den Kerker geworfen. Jetzt sucht General Botha die burische Bevölkerung sogar zum Eingreifen auf dem europäischen Kriegsschauplatz durch die Behaup­tung zu bestimmen, daß die deutschen Eroberungsgelüste sich sogar auf die Heimat des Burenvolkes erstrecktem. Ich finde kein Wort, daS hart genug wäre, um gegen diese unwahren und böswilligen Behauptungen Verwahrung ernzulegen. (Lebhafte Zustimmung.)

Ich habe versucht, Ihnen die Loge auf dem Kriegsschau­plätzen draußen und drinnen nüchtern zu schildern, wie sie ist. So sind die Tatsachen. Gegen die Gewalt ihrer Sprache ver- mögen unsere Feinde nichts.

In unserer Rechnung ist kein dunkler Punkt, kein einziger

Faktor, der unsere felsenfeste Zuversicht erschüttern könnte. Wenn unsere Feinde sich jetzt den Tatsachen noch nicht beugen, so werden sie es später müssen. Das deutsche Volk, uner­schütterlich im Vertrauen auf seine Stärke, ist unbesieg­bar. (Beifall.) Es heißt uns beleidigen, wenn man glau­ben machen will, daß wir, die wir von Sieg zu Sieg geschritten sind, und tief in Feindesland stehen, unseren Feinden, die noch von Siegen träumen, nachstehen sollen an Ausdauer, an Zähigkeit, an innerer moralischer Kraft. Nein, meine Herren, wir lassen uns durch Worte nicht beugen. Der Kampf, den von unseren Feinden gewollten, kämpfen wir entschlossen weiter, um zu vollenden, was Deutschlands Zukunft von uns fordert. (Stürmischer, sich vielfach wiederholender Beifall und Händeklatschen, in welchem ein Zwischenruf des Abg. Liebknecht untergeht.)

Darauf tritt das Haus in die Tagesordnung ein, auf der die

Interpellation des Abg. Albrccht (Soz.) und Genossen, betreffend Fricdcnsvcrhandlungcn,

steht.

Der Reichskanzler erklärt sich zur sofortige» Beantwortung der Interpellation bereit.

Die Interpellationsbegründung durch Abg. Scheidcmann.

Abg. Schridemann (Soz.): Zweifellos wollen alle

Völker den Frieden, aber die verantwortlichen Staatsmänner wissen noch nicht, wie sie aus der Sack­gasse herauskommen sollen. Wir unsererseits erheben selbst­verständlich immer wieder unsereStimme für den Frieden. Wir würden aufhören, die P artei des Bölkerfriedens zu sein, wenn wir es nicht täten. Wir alle müssen uns der großen ^Verantwortung bewußt sein, die auf uns liegt. Biele sprechen nur deshalb nicht von Friedest, weil sie fürchten, es könnte da s als Zeichen der Schwäche gedeutet werden, und diese Furcht ist selbst bis in den Kreisen der sozialdemokratischen Partei verbreitet. Am 4. August 1911 stand unser Volk wie ein Mann bereit zur Verteidigung des Vaterlandes sind unsere damalige Erklärung fand stürmischen Beifall. Wie steht es nun mit dem, was wir damals als Voraus­setzung für Friedcnsverhandlungen hinstellten? Ein Blick auf die Kriegskarte zeigt, wo unsere Truppen stehen. Glauben unsere Gegner wirklich, den Krieg noch auf unser Gebiet hin- überspielen zu können?

Es handelt sich wirklich nur noch um die Frage, ob dir Gegner zum Frieden bereit sind.

Vom Frieden soll der reden, dessen Stärke ihm gestattet, auch jede Mißdeutung davon als Zeichen der Schwäche mit ruhigem Kraftbewußtsein hinzunehmen. Wir wollen «rS