Nr. 287.
Donnerstag, 9. Dezember.
1915.
Mslgen.Beilkge -er Merbs-ener Tsgblatts.
(86. Fortsetzung.)
Oer Grgsl-Knger. m-,«».»-
Roman von Edel» Rüst.
Diner mußte eine Sekunde lang die Augen schließen; sie beugte sich schnell über ihre Schwiegermutter und küßte sie auf Len grauen Scheitel. „Mütterchen, laß Loch die Leute reden. Vater auch. Du kennst ja seine Art. er meint es nicht alles so."
. .Meint er nicht? Wozu betäubt er sich denn selber? einst du, ich glaube an die Nervenschmerzen? Das orphium, mit dem er sich langsam umbringt, soll ihm die Gedanken nahmen, wenn die schlaflosen Nächte ihm Teufeleien vorspuken — ach Kinder, ich mag es ja selber nicht glauben, aber ich habe so die Freude am
Leben verloren, das bißchen Freude am Leben-.
Wenn ich denke, daß Herbert mal mit einem Gesicht herumginge wie Lucy -— so mal über Nacht . . ."
„Du solltest Lucy nicht allein besuchen, Mütterchen, ehe sie sich nicht mehr erholt hat-"
„Die erholt sich nicht mehr — die Ärmste! Mein Gott, und was hat sie denn so schwer gesündigt, daß sie so fortgewischt werden mußte — so rein fortgewischt ist sie doch — es steht doch ein ganz anderer Mensch an ihrem Platz!"
„Und doch ein besserer, Mütterchen — ich kann mir nicht helfen, das war doch eines Opfers wert."
„Mn besserer? Kann ein Mensch besser werden, dem die Freude genommen ist? Dem das Herz 'rausgerissen ist? Der selber nicht mehr weiß, was er früher war? Das hängt auch am Orgel-Anger — und Gott weiß, was alles noch!"
„Du hast einen grauen Tag, Mütterchen — komm', zieh' dich an, wir fahren noch ein Stück über Land und
du bleibst den Abend bei mir --Herbert wird zeitig
in den Klub gohen, sie haben eine wichtige Sitzung über einige Neuaufnahmen — — Gutsbesitzer, die."
„ . . . die Haus und Hof da verspielen wollen! Wird auch nicht so schlimm sein! Aber Vater hatte doch recht — es hat keine acht Tage gedauert, da haben sie angefangen zu spielen —> es hat mich sehr gewurmt, daß Vater recht behalten hat, mehr als das Spielen selbst, das heut nicht mal mehr geheim gehalten wird! Herbert spielt nicht — er hat es mir in die Hand geschworen, und da weiß ich, daß er's hält! Laß dir nichts weisinachen, Kind!"
„Nein, nein, Mütterchen, ich laß mir nichts weismachen, von niemand — von niemand! Kommst du mit?"
„Ja, am Ende tut's mir wirklich gut. Ich sitze hier so viel allein — als deine Mutter noch lebte, da war das alles anders . . . Kommt Wulfsen heut- abend?"
„Ich kann es nicht sagen, aber schon möglich, er war die ganze Woche noch nicht da."
„Wenn Wulfsen nicht tväre — er ist dir ein treuer Freund ..."
,^Ja, das ist er!"
„Dabei leuchten dir ordentlich die Augen —> Dina, das ist nun auch nicht nötig ..."
; Dina wurde rot: „Mütterchen . .
„Nu ja, wir lachen dazu. Wer ob Herbert das so gern mit ansight?! Ich denke, die beiden sind auch nicht mehr wie früher."
„Ach Gott — sie gehen zu sehr auseinander, in allem!" t
„Wulfsen ist auch ungerecht gegen Herbert."
„Ungerecht? Wulfsen?! Nein, Mütterchen . . ."
Dina nahm noch die Kinder zur Ausfahrt mit, um die Großmutter aufzuheitern. Und während nun die Doktorin mit den Kleinen schwatzte und lachte, dachte Dina: Die armen Alten! Was würde noch alles über sie kommen, bis sie für immer ausruhen durften?!
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Es war schon spät, die Gäste mußten sich jeden Augenblick einfinden. Dina ging in voller Toilette zum letzten Mal prüfend durch die verschneiten, eisglitzernden Räume, und immer noch hörte man den Hausherrn unten in seinem Arbeitszimmer fiedeln. Das ging schon wohl eine Stunde lang: abgerissene Passagen, Läufe, Triller und zwischenein einen flotten Wiener Walzer.
Es hörte sich an, als risse mitten im Spiel eine Saite oder als fiele dem Geiger das Instrument aus den Händen. Vor jeder der unendlich vielen Pausen knallte irgendetwas durch die Luft. Bisher hatte Dina keine Zeit gehabt, darauf zu achten, aber jetzt fiel ihr die Zerfahrenheit, das ewige Absetzen doch auf.
War Herbert beim überhaupt schon im Frack?
Dina eilte hinunter. Die Tür war verriegelt, sie mußte erst klopfen.
„Herbert. . .!"
„Was denn?"
„Ziehst du dich nicht an — die Leute werden gleich hier sein."
„Ja, ja!" ! <
„So mach' doch auf." "
„Wozu denn, ich sitze in voller Arbeit."
„Beim Geigen . . ."
„Ach, Unsinn, Kind — ich arbeite und mach' nur mal zur Erholung etwas Geräusch. . ."
„Bitte, Herbert, öffne —• weshalb muß ich denn antichambrieren — so mach' doch auf!"
Dina stampfte leicht mit dem weißen Atlasschuh auf. Der Riegel schob sich langsam zurück.
„Was soll denn das bedeuten, Herbert? Mache dich fertig — deinetwegen sind doch die Feste."
„Meinetwegen?"
Herbert lachte auf.
„Ja, wie siehst du denn aus, Herbert? — Ganz dunkelblaue Ringe unter den Augen — so ganz merk- würdig! Ist dir nicht wohl?"
„Nicht zum besten!"
„Und wie sieht das hier aus? Aber Herbert . . ."
„Na staune dich nur ordentlich aus, dann wirst du deine Gäste beruhigter empfangen können. Da, es klingelt schon — einige Polarmenschen stapfen herauf — eile dich!"
