Nr. 286.
Mittwoch. 8. Dezember.
1918.
Morgen.Vrilage Ser Merbatzeuer Tagblatts. s===a
[(84. Fortsetzung.)'
Der Orgel-Knger.
Roman von Edel» Rüst.
(Nachdruck verboten.!
Der Kommerzienrat sah seine Frau am anderen Lage bei Tisch wieder. Sie hatten sich einfach „Guten Tag" gesagt, ohne sich die Hände zu reichen, und sie wechselten stumm die Schüsseln aus, nur auf Rudis munteres Geplapper freundlich-einsilbig antwortend.
Aber als Lucy sich zurückgezogen hatte, trat Lauter, ohne auch nur anzuklopfen, zu ihr in das Zimmer.
Er hielt sich sehr aufrecht, wie ehedem. Die Augen blickten entschlossen, und seine Stimme klang herb, als fci er ganz mit sich einig, nicht auf Gegenreden zu achten.
„Ich will nicht viel fragen. Mir liegt nur daran, mich mit dir cncheinanderzusetzen... es muß klar zwischen uns werden!"
Lucy überlief ein Zittern: „Bitte, Ludwig, nur
keine Szene! Ich bin hier — du hast damit die Antwort auf deinen Brief, es geht also doch alles seinen alten Gang."
„Meinst du? Ich meine aber, daß ich diesen „alten Gang" gründlich satt habe und daß, wenn du gesonnen bist, ihn weiterzugehen, ich dir nur raten kann: packe deine Koffer und lebe, wo du willst, außer in meinem Hause! Ich stelle dir gar kein Hindernis in den Weg. Ich willige bereitwilligst in eine Trennung, die, Leinen Wünschen nachkommend, täglich zur endgültigen Scheidung führen kann. Du stehst iq auf sicheren Fußen. Die Hunderttausend, die ich dir zur Hochzeit verschrieben, gehen mit dir. Da wird eS dem Herrn Dr. Nachod nicht schwer fallen, sich mit deinem oder besser mit meinem Gelde eine neue Existenz zu gründen. Ich bin es so gewohnt, Habenichtse aus dem Dreck zu heben. Laß es mir auf einen Ehrenmann mehr oder weniger nicht ankommt. Dann freilich wird ein Strich hintek die Familie Griimm und Genossen gemacht, ganz fürs Narrenhaus bin ich noch nicht reif!"
Lucy hatte sich in tiefster Erregung von dem Ruhebett erhoben, in ihre bleichen Wangen schoß glühendes Not.
„Entlade deinen Zorn auf die Grümms, du hast vielleicht Veranlassung dazu . . ."
.Melleicht ja!"
„Doch Dr. Nachod lasse aus dem Spiel: er ist vielleicht der erste im Leben, dem du etwas verdankst!"
Lauter lachte bitter auf.
„Jawohl! Ihm verdankst du, daß ich hier bin, in deinem Hause wieder! Es soll alles heraus, ich will kein Lügen und kein Verstecken mehr! Ich will nichts bemänteln, mich keiner Unehrlichkeit mehr beugen. Ich, Lucy Grümm, die vielbeneidete und vielgehaßte Kom- merzienrätin Lauter, bin dem Dr. Nachod ins Haus gelaufen, um alles im Stich zu lassen und mit ihm ein Neues Leben anzufangen! Aber Julius Nachod hat mich
dir zurückgeschickt, weil ein fortgelaufenes, pflicht- versessenes Weib sein Lehen nicht zu schmücken vermag, weil ihm vor solch einer Zickunft des Vorwurfs und der Reue graute! Er hat auf jede Rolle in dr?sem Dxarna verzichtet, auf jede mit Ausnahme der des absoluten
Ehrenmannes, der zur Pflicht rief, um sein und mein Gewissen rein zu halten! Jetzt wirf mich hinaus, wenn du willst, ich werde gehen, als Habenichts aus deinem» Hause gehen, wie ich kam! Moch's kurz: Willst du, daß ich jetzt gehe, oder willst du, daß ich bleibe?"
Nach drückendem Schweigen stöhnte Lauter: „Du
liebst Nachod trotz allem?"
^Danach frage mich über Jahr und Tag, wenn ich verwunden haben werde, heute nicht."
Lauter sah seine Frau an. Erst jetzt merkte er, wie verändert sie aussah, wie der Jugendschimüz so plötzlich' aus ihren Zügen weggewischt schien. Uuck.r den Augen lagen dunkle Schatten, und etwas Fahles hatte sich über Wangen und Mund gelegt.
Sie stand mit gesenktem Blick vor ihm . . . dein schönen, farbenprächtigen Schncetterling hatte man die schillernden Flügel gebrochen.
Jetzt erst war das Leben über sein Weib hingegangen.
Ein heißes Erbarmen stieg in ihm auf, er hätte die Arme öffnen mögen, sie an sein Herz zu ziehen, daß sie dort Heilung und Frieden finden mochte. Aber sie waren sich so fremd geworden, er wagte es nicht. Er wandte sich ab, weil er diese Wandlung an ihr nicht ertragen konnte. Nach einer Weile fragte Lucy mit immer leiser werdender Stimme: „Was willst du, Ludwig, das nun- geschieht, ich bitte dich, mache ein Ende."
Lauter bewegte sich nicht, aber er fragte ebenso leise: „Ja, willst du denn hier bleiben? Willst du dich soweit überwinden?"
„Ich möchte bei Rudi bleiben, wenn ich darf — du sollst dich nicht mehr zu beklagen haben. Nur bitte ich dich um ein wenig Geduld, Ludwig, damit wir . . ."
„Dann bleibe — ich jage dich nicht fort! Nur das noch: Höre auf, mich als den schwerreichen Mann zu betrachten; ich habe im Laufe der Jahre und nur erst vor kurzem starke Verluste erlitten — um meiner Kinder willen bin ich gezwungen, für uns alle engere Grenzen zu ziehen, und daß du mir vorwurfslos das Ziehen dieser Grenze allein zugestchst. Willst du auch dann bleiben?"
„Ich werde auch lernen, mich einzuschränken. Ich danke dir, Ludwig."
Lauters Fassung war am Ende. Er lvandte sich hastig, um dieses neue, demütig ergebene Geschöpf in seine Arme zu nehmen, ihr in alter Liebe alles freudig zu vergeben. - '
Lucy war schon an der Tür; sie wußte nicht recht, wohin sie wollte, vielleicht zu Rudi hinüber, nur um diesem Beisammensein, dieser Szene mit ihrem Manne zu entfliehen. Der Kommerzienrat rief sie zurück. „Lucy . . ."
Sie blieb stehen, ohne den Blick zu heben.
„Lucy wollen wir uns nicht darauf die Hand geben?"
Sie kgm langsam heran. Ihre Hand rastete in der Luft uniher, und ehe Lauter sie noch ergreifen konnte, sank sie cchnmächtig vor seinen Füßen zusammen-
