Lrs Muhakmt Ssgfeleßs.
CTr. 285._ Dienstag, 7, Dezember. 1915.
m Sorisebung.7 Der Grgel-Mnger.
Roman von Edel» Rüst.
(Nachdruck verbotrn-I
Das Mädchen legte einen Brief ans den Tisch.
„Darf ich Licht machen, gnädige Frau?"
, „£sa, drehen Sie das Gas an, nur eine Flamme, bitte, es ist so warm in den Zimmern. Morgen soll Nur der Salon geheizt werden."
.Schön, gnädige Frau. Darf ich die Tassen fort» räumen?"
„$fa, Ist der Doktor auf der Visite? Es ist schon spät."
„Herr Doktor hatte in der Stadt zu tun. er ist nur in dieser Minute ins Haus getreten; ob er da noch die Runde macht *— er will am Abend fort nach . . ."
. „Sagen Sie Herrn Doktor, ich ließe ihn bitten, auf reden Fall noch bei mir vorzusprechen, ich fühle mich ganz und gar nicht Wohl, ich kann und will nicht bis morgen warten."
„Jawohl, gnädige Frau, ich will es ihm melden. Kommen gnädige Frau zum Abend herunter oder wünschen Sie. daß Hier serviert wird?"
„Hier!"
Als das Mädchen das Zimmer verlassen hatte, öffnete Lucy den Brief. Es war das erste Schreiben ihres Gatten, seit sie ihm ihre Übersiedelung nach dem Orgel- Anger nach Frankfurt gemeldet hatte. Sie wußte auch, es würde nichts besonders Erfreuliches darin fie-hen, darum zögerte sie immer noch mit dem Lesen und Horchte fieberhaft gespannt nach dem Korridor hin. ob ^ulius Nachods elastischer Schritt sich nicht eilig ihren etwas abgelegenen Zimmern nähere. Aber es blieb still draußen, nur unten klappten ein paar Türen und die Jalousien rollten an diesem und jenem Fenster laut herunter.
Endlich faltete Lucy den Brief auseinander. Er war kurz und in einem Tone, wie sie ihn bisher an ihrem Manne nicht kennengelernt hatte:
„Liebe Lucy!
Wie ich über Deine eigenwillige Übersiedelung in das Sanatorium denke, hat Dich mein Schweigen „wohl genügend gelehrt. Ich hatte gehofft. Dich bei Meiner Rückkehr nach hier wieder im Hause bei unsrem Kinde zu finden ... ich sah mich getäuscht. jEtfun fordere tdj Dich auf. bis morgen abend wieder Mnter meinem Dache zu sein, oder Du verwirkst das Recht, überhaupt noch einmal hierher zurückkehren zu dürfen. Es ist mir bitter ernst damit. Meine Ge- Huld, die Du auf gar zu harte Proben gestellt hast, ist zu Ende. Ludwig."
E, Lucy warf den Brief auf den Tisch und lachte vor sich hin. Trotzdem kroch ihr etwas über das Herz, ein leises Mahnen, den Bogen nicht vor der Zeit zu straff zu spannen. Vielleicht war es doch eine Torheit ge- wesen, ihr Haus zu verlassen, ehe irgendeine süße Ge- wißheit es erheischte. Wozu hatte es gedient?
Es war mit solcher Gewalt über sie gekommen, gegen sich selbst ehrlich zu sein und das Heim zu der- lassen, das ihren ausgerührten Sinnen zum Gefängnis wurde. Daß sie den kleinen Rudi auch verließ, kam ihr
nicht zum Bewußtsein. Er wurde ihr ja alle Tage auf ein paar Stunden hinausgebracht, er hatte hier mehr von seiner hübschen Mama als jemals bisher zu Hause, und die Kindsfrau liebte ihn wie ihr Eigenes. Zu kurz kam er nicht, hilflos verlassen hatte sie ihn nichts
So sollte es bleiben, bis der ersehnte Tag kam, an dem sie Rudi auf den Arm nahm, um ihn in die Welt mitzunehmen. die ihr ein geliebterer. als ihr bisheriger Gatte erschließen würde.
Der leichte Schritt auf dem Korridor nrachte Lucy auffahren. Der Schritt war leicht, wie immer, aber nicht so hurtig wie sonst, er hielt zweimal an, als hemme ihn ein Hindernis auf dem glatten Weg. Dann end- lich ein entschlossenes, hartes Klopfen an der Tür der reichsten, schönsten und gesündesten Patientin des Dr. Nachods.
Lucy ging ihm entgegen und schloß selbst die Tür, nachdem Nachod eingetreten war; sie blieb an das Gerüst gelehnt stehen, als sei sie enttäuscht, daß die Hände deS Doktors mit Hut und über dem Arm hängendem Paletot zu sehr in Anspruch genommen waren, um die erwartete Umarmung zuzulassen.
Er machte es gerade noch nröglich, ihr die Hände zu küssen.
,So auf dem Sprung?"
„Ich will in den Klub, ich habe es Sehren fest versprochen; es wird da irgendetwas gefeiert, ich weiß wirklich nicht, was. Ich muß mal endlich Wort halten und den seltenen freien Abend benutzen."
„Ich habe soviel mit Ihnen abzureden, Julius, cs wird nicht so eilen. Im Klub fängt man später an, soviel ich weiß."
„Nein, nein, es wird um acht gegessen ich . . ."
Lucy löste sich von der Tür los und nahm Nachods Hut und Paletot. „Ihre Patienten gehen vor, und ... ich bin sehr leidend", lachte Lucy.
„Woran, Gnädigste?"
„Zunächst hier an diesem Brief . . . lesen Sie, bitte."
„Vom Kommerzienrat? Endlich läßt er von sich hören? Er ist seit gestern zurück."
„Bitte, lesen Sie. Herr Lauter wird energisch. . , ich muß Stellung dazu nehmen."
Doktor Nachod las. Der Ausdruck in seinem Gesicht war schwer zu entziffern, als er den Brief vor sich auf den Tisch niederlegte und die gegenüberliegende Wand ins Auge faßte.
Nach kurzem Schweigen fragte Lucy: „Was sagen Sie dazu, und was raten Sie mir, dazu zu sagen?"
Nachod wandte sich zögernd um: „Ja . . . Lucy, es wäre ja die lächerlichste Komödie, wenn ich jetzt so tun wollte, als wüßte ich nicht, daß Sie nur eins von mir erwarten. Daß ich jetzt sage: „Du bleibst, wo du bist, alles weitere warten wir zusammen ab! Aber . .
„Sie sagen eS nicht . . .?!"
„Nein, Lucy! Ich sage: Gehe zurück zu deinem Kinde und zu dem Manne, der dir die Hände unter bis
