S Der Roman, i
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.Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, s-4
Nr 284.
Sonntag» 8. Dezember.
1915.
(S2. Fortsetzung.) DSt OpgLl - (Nachdruck vevbotrn.1
Roman von Edela Rüst.
„Ah, Tante Besson, das lobe ich mir, bah wir nun auch endlich in Geschäftsverbindung treten. Wieviel ist's denn?"
Herbert war froh, daß das Gespräch endlich eine andere Wendung nahm.
„Rund sünfzechntausend Mark! Gut anlege und sicher, aber in fremde Papiere... so ein bißchen zu spekulieren mit höheren Prozente, sicher, ganz und gar sicher I"
„Ich rate Ihnen, liebe Besson, legen Sie's auf dem Orgel-Anger an, da liegt's totsicher — begraben!" höhnte der Kommerzienrat, schon in etwas gesänftig- terer Stimmung.
„Beileibe nicht! Mit die Orgel-Anger will ich nichts zu tun habe. Warum hat das die kuriose Nam' Orgel-Anger?"
„In den dreißiger Jahren wurden da die Jahr- anärikte abgehalten. Nachher blieben die aus, und Wanderbuden, Menagerien und Karussells fristeten hier ihr Dasein unter einem ewigen Gewimmer der dazu gehörenden Drehorgelspieler. Und weil die Landjugend auf dem Anger zu dem „Orgeln" wochenlang Tag und Stacht tanzte, hieß er bald inr Volksmund der Orgel- Anger und hat den Namen bewahrt", erläuterte der Kommerzienrat.
„Also eine ganz harmlose Nam'l Ich habe mich gedacht, es sei so ein schauerliches Begebenheit daran geknüpft."
„Jedenfalls war er den Leuten schon von jeher ein Ärgernis •— mir hätte das als Warnung gedient. Andere Leute hatten ja aber andere Ansichten, und eine moderne großzügige Auffassung des Lebens und seiner heutigen Werte!"
Wieder das geringschätzige Lächeln um Lauters Mund, dem Herbert nicht länger widerstand.
„Die Leute mit dieser Auffassung werden den Kleinkrämern beweisen, wie recht sie taten, das Schicksal herausHufordern. Gut, der Orgel-Anger soll ein Ärgernis blciiben für alle, die es sich entgehen ließen, da mitzubauen und mitzugewinnen. Ich garantiere dir, lieber Onkel, daß ich in fünf bis sechs Jahren den Orgel-Anger mindestens mit 'ner runden Million in der Tasche verlasse, um damit den Staub von Fünf- Hügelchen von meinen Stiefeln zu blasen und als ein gemachter Mann mir den Ort zu wählen, wo ich den Rest meiner Tage in menschenwürdigen Verhältnissen genießen wevde. Meine Arbeit in Fünf-Hügelchen ist jbald getan, Gott sei Dank! Und ob wir dann in Berlin oder hier in Frankfurt fürstlich Feierabend machen oder eine neue Welt lohnender Arbeit aufbauen, das wollen wir uns inzwischen noch überlegen. Maust... komm, darauf stoßen wir zwei allein an!"
Herberts ganzes sonniges Siegesbewußtsein strömte ms seinen Worte« und strahlte aus seinem ganzen Wesen, seit die Großstadt ihn mit all ihrem Prunk und
ß rern geistigen Fluidum umwogte. Hier trugen ihn e Wallen, er schwamm -mühelos. Hier marterte ihn
nicht die Sehnsucht nach auszuspannenden Flügeln, ihn auf die Höhe zu tragen, in einen Luftkreis, in dem allein er atmen zu können glaubte, ohne Schaden an Seele und Leib nehmen zu müssen!
Nun, er zwang sich sein Leben doch in die eigenen Hände! Sein Tagewerk in Fünf-Hügelchen war bald getan! Wenn erst der Orgel-Anger in aller Pracht da- stand, dann gab's für ihn in dem Nest nichts mehr zu tun, dann war die Höchstgreirze erreicht.
Und der Orgel-Anger sollte in nicht ferner Zeit fertig dastchen. Nichts sollte sein Werk aufhalten! Er würde es zwingen: erst das Werk, und dann die Philister in das Werk hinein!
Er wollte die Mittel schaffen — wen ging es an wie?! Wie ein Triumphator würde er das blöde Volk unter die Füße kriegen! Mit Mut und Gewalt regierte man die Welt, und gar so eine Handvoll Fünf-Hügelcr Kleingeisterl Er hatte sich endlich ganz durchgerungen, er wußte jetzt, wer ihm den Orgel-Anger bauen mußte!
Ja, der Orgel-Anger war doch die genialste Idee seines Lebens! Je mehr sich daran knüpfte, je mehr Spuk und Eulenspiegelei da miteingemauert wurde, desto besser!
Es mußte in allem ein Reichtum sein, gleichviel welcher Natur! Nur nichts Flaches, Leeres, Totes — das paßte nicht zum Unwesen eines Schöpfers wie Herbert Sehren.
Am nächsten Morgen beim Frühstück, als jeder mit seiner Post beschäftigt war, bemerkte es lange niemand, daß der Kommerzienrat, aschfahl im Gesicht, tief i,m Stuhl zurückgelehnt, denselben Brief immer wieder las, bis er ihn zuletzt vor Herberts Kaffeetasse warf mrd mit der flachen Hand daraufschlug, um ihn am Zusammenklappen zu verhindern. Ohne ein Wort zu sagen, nahm Herbert den Brief auf und las ihn . . . auch zweimal, als fasse er auch den Inhalt nicht recht. Trotzdem war er kurz und knapp rmd klar genug, und zeigte an, daß Frau Lucy Lauter sich seit der. Abreise des Gatten so elend fühle, daß sie es für geraten gehalten hätte, sich auf einige Wochen ganz in das Sanatorium zu begeben.
Herbert reichte den Brief an Dina weiter, zuckte leicht mit den Schultern und sagte: „Das braucht dich doch nicht aufzuregen — tödliche Leiden sind das nicht gerade. Es ist eine Abwechslung für sie, das soll ja bei Nerven immer die Hauptsache sein."
„Ich danke dir für diese Art der Auffassung", brauste der Kommerzienrat auf, „aber ich teile sie leider nicht! Das ißt auch ein Stück von deinem Orgel-Anger l Das Sanatorium, und der Dr. Nachod, und was da sonst noch alles für Tugendfallen stehen —< man ist ja nicht taub und blind in Fünf-Hügelchen!"
Die Besson, die als letzte jetzt den gelesenen Brief zwischen ihren runzeligen braunen Fingern hin- und herrieb, sah in großer Unruhe von Herbert zu Dina, und zwinkerte dem Kommerzienrat zu: „Aber, liebs
Lauter, was für einen Ausdruck wieder! Tugend-
