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Der Roman.

o Morgen.veilage der Wiesbadener Tagblatts.

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Nr. 288.

Samstag. 4. Dezember.

1915.

[(81. Fortsetzung.) DCt ©t^ßl * (Nachdruck verboten!

Roman von Edela Rüst.

Dina hörte eines Morgens zu ihrem Erstaunen aus dem Bureau ihres Mannes Geigentöne. Erst schüchtern, ls stimme er an dem Instrument herum, dann klang er volle Zürcher seines Spiels durch das Haus.

Das war freilich noch nie vorgekommen, und wäre Dina allein gewesen, würde sie hinübergegangen sein. Aber Katrin Sütte war gerade bei ihr und packte mit thr den Koffer: sie wollte morgen nach Frankfurt fahren, KU Ottos Hochzeit.

Katrrn Sütte horchte hoch auf und vergaß ganz das Packen. „Mitten in der Sprechstunde?!" sagte sie ge­drückt, als reute es sie, den Mund geöffnet zu haben.

Dina wandte sich, und nahm eine weißseidene Bluse aus dem Schrank. Dann nach einigem überlegen: „Es ist wohl stille Zeit im Bureau, die Saison hat noch nicht richtig eingesetzt."

„Ja, sehr still soll's sein, und wir haben -och schon November. Richter sagte gestern, es kämen zwei, drei Leute den Tag über, sie würden schon alle ganz dick vom Nichtstun."

„So? Na, Katrin, darüber wollen wir uns nicht die Köpfe zerbrechen: in ein paar Wochen wir- Richter fein Fett wieder los sein. Es sind ja eigentlich noch Ferien! — Legen Sie nur die Blusen lieber alle in den Pappkarton, der Koffer wird schon übervoll — 1 so, die blau« obenauf, bitte. . ."

„Ja, gnädiges Frauchen, so liegen sie ganz lose. — Das Hab' ich ja dem Richter auch gesagt, das von seinem Fett."

„Na also."

„Aber, so wie er so is, er muß recht behalten und das letzte Wort, und um mich zu vexieren, rein um mich zu vexieren, hat er mit seinem langen dünnen Daumen über die Schulter weg nach dem Markt gezeigt und ge­sagt: „Wenn uns man inzwischen Kollege Zur Wehlen nicht die Kundschaft wegschnappt — da nimmt immer einer dem anderen die Tür aus der Hand, und drei neue Schreiber sind seit dem Ersten eingestellt! Da liegt der Hase im Pfeffer, Mamsell Katrin!" Dazu hat er sich an seine Kartoffelnase gefaßt und mich ange- Hwinkert, als wollt er fragen: Na, merkst du was?! Na, rch Hab' ihm meine Meinung gesagt und ihn gründlich ausgelacht. Dieser Labommel! Er kann's nicht lassen, mir mit irgendetwas in die Quere zu kommen — wo er doch weiß, ich kann so'ne Anspielungen durchaus icht vertragen. Als ob ich nicht durch Schneiders örte, wie neidisch Herr Dr. Zur Wehlen auf unseren Herrn is, weil alles zu ihm läuft und jeder fette Hap­pen hier hängen bleibt!"

„Richter neckt sich doch nun mal zu gern mit Ihnen, Katrin — ich glaube immer, aus Ihnen beiden wird noch mal ein Paar."

„Nein, gnädiges Frauchen, für'n Bureaudiener bin ich doch nu nicht zu haben — und noch jetzt mit meinen zwölftausend Mark — die langen zu was Höherem."

„Seit wann sind Sie denn Kapitalistin, Katrin?"

«Ach, noch nicht, aber meine Tante Kolberg kann

ja nu nich mehr lange machen, und dann erbe ich doch alles."

„Das ist ja nicht zu verachten. Von den Aussichten haben Sie ja nie etwas gesagt."

„Was lohnt davon zu reden, ehe es so weit ist. Wenn ihre- einzige Tochter nicht vor Over Jahren gestorben wäre, hätte ich ja nie etwas davon gesehen."

„Haben Sie schlechtere Nachrichten von der Tante?"

S a. Anna Pletten schrieb heute, daß es jeden Tag rde gehen kann. Ich wollt' schon mit Herrn Doktor sprechen, daß er alles in die Hand nehmen möchte. ich versteh doch von alledem nichts, mit dem Geldunterbringen und so. Nein, aber hören Sie bloß, wie schön unser Herr spielt! Ach du mein Gott, wenn ich das so hör', dann fallen mir immer alle meine Sün­den ein . . . dann wein' ich wie'n Schloßhund, so schön is das — ick wünschte, er spielte den ganzen Dag."

„Haben Sie denn so viel Sünden auf sich geladen, Katrin?" lachte Dina.

„Ach Gott, rra, wenn auch das nich', aber man sagt doch so, wenn man es vor Rührung gar nicht aushal- ten kann: es rührt so, wenn der Herr spielt, so, als ob er dann so todtraurig is. und er is doch immer so ver­gnügt und will, daß alles um ihn 'rum vergnügt is, ach Gott ja, es is zu schön auch all! Unsere Kinder sind doch nu ganz und gar nicht musikalisch. Ich muß immer denken, wie sonderbar das doch is, wo Sie, gnädiges Frauchen, doch auch so sehr schön singen!"

Dina, in deren Augen vorhin schon die Tränen ge- standen hatten, mußte jetzt lachen: „Susi scheint doch etwas geerbt zu haben, sie singt nach, was sie hört."

„Aber nich richtig! Da Hab' ich Wohl aufgepaßt, sie singt immer so dicht dran, aber dann mit einem Mal singt sie ihre eigene Melodie weiter und lauter Kraut und Rüben. Und nu erst Gerd, du meine Zeit! Der hört gar nicht erst zu, wenn man ihm -was vorsingt, und macht immer lalalala auf demselben Ton! Nein, nein, es liegt nich drin, schade!"

Dann wurde schweigend weiter gepackt, als wolle man die herrliche Musik nicht stören, die zu den Frauen träumerisch herüberklagte, so todtraurig, wie aus einem zerrissenen, todwunden Herzen.

Wenn eine kurze Pause eintrat, horchten sie auf, als ob sie dächten: jetzt kommt etwas Freudiges, daß eS allen in den Gliedern kribbelt, daß sie mitrasen und mitjubeln möchten und nicht stille sitzen können: aber nein, es blieb so, eine Schwermut löste die andere ab.

Endlich mitten in einem Takt, brach das Spiel ab. Ein Klient war erschienen, das Geschäft wurde wieder flotter.

Dina hatte freudig aufgeatmet. Sie hatte Herbert bei Tisch bitten wollen, doch nur nicht wieder während der Sprechstunden zu geigen, da sonst die ganze Nach­barschaft erführe, daß seine Praxis plötzlich stille stehe. Aber nun sagte sie nichts davon, als Herbert ganz hei­ter seine Snppe aß und sich erkundigte, ob ihr Koffer gepackt sei.