Freitag, 3. Dezember 1913
Sette !L»
Morgenausgabe. Erstes Blatt.
WiesLadenrr Tsgblail»
durch die serbischen Behörden nach Griechenland geschickt
-Haren. Einige sahen sehr dürftig und kränklich aus.
Die „Liga für rumänische Einheit".
> W. T.-B. Bukarest, 2. Dez. (Nichtamtlich.) Die in deutschen Blättern gebrachte Nachricht über die Gründung ernea: Liga für das Eingreifen Rumäniens gegen Rußland Änvch Marghiloman ist vollständig unbegründet. Es handelt sich offenbar um eine Liga für rumänische Einheit, über die die „Jndöpendance Roumaine" folgendes bringt: „Die Nachricht über die Gründung dieser Liga ist unrichtig. Dies wird >uns durch den ehemaligen Minister Arion bestätigt, der unter
Gründern der Liga genannt war und uns erklärt, keinen Gründmrgsakt unterschrieben zu haben."
Sine deutsche Getreive-LinKaufsKommission ln Bukarest.
Bukarest, 2. Dez. (Jens. Bln.) Wie das Matt „Jnainte" .meldet, traf hier unter Führung des Barons Oppenheim, Direktors Klein und Dr. Melchior eine deutsche Kommission ein, um mit dem Ackerbauminister wegen Ankaufs von Getreide zu verhandeln. Die Beratungen werden einige Tage dauern und versprechen ein günstiges Resultat.
Der Urieg gegen England.
I704H Mann englische Verluste in F Monaten.
33 000 englische Gefangene in Deutschland.
Br. Ritterdam, 2. Dez. (Eig. Drahtbericht. Zcns. Bln.) Im englischen Unterhaus wurde mitgeteilt, daß sich in Deutschland gegenwärtig annähernd 32000 englische Soldaten und 1050 Seeleute als Kriegsgefangene befinden. Im November sind insgesamt 332 Offiziere getötet worden, 728 sind verwundet oder vermißt. Während derselben Zeit sind 7652 Mann getötet worden, 3 3 0 5 7 wurden verwundet oder werden vermißt. Bei der Flotte betragen die Verluste im November 34 Offiziere und 261 Mann. Für die letzten drei Monate ergibt sich nach den bisher offiziell bekanntgegrbenen Mitteilungen an Verlusten für September 56 327, für Oktober 72 020, für November 42 084 Mann; Tote. Verwundete und Vermißte eingerechnet. Insgesamt betragen die dreimonatigen Verluste 170 411 Personen.
Ein englischer Dampfer versenkt.
IV. T.-B. London, 2. Dez. (Nichtamtlich.) „Lloyds" meldet: Der britische Dampfer „Kingsway" ist versenkt worden. Der Kapitän und 21 Mann der Besatzung sind gelandet. Ein anderes Boot mit 8 Personen wird vermißt.
Eine eigenartige Vereinbarung über Jntcrnierten- Austausch.
Br. Kopenhagen, 2. Dez. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bin.) Durch Vermittlung der amerikanischen Botschaft ist eine eigenartige Vereinbarung über die Auswechselung von Soldaten kriegführender Länder, die in neutralen Staaten interniert sind, zustande gekommen. Die norwegische Regierung gibt nämlich einen kranken Matrosen von der internierten Mannschaft des Hilfskreuzers „Berlin" im Austausch gegen einen der auf Seeland internierten englischen Unter- seebootsmatrosen, der gleichfalls invalid ist, frei.
vas feindliche Eigentum und der feindliche kfandel.
Die Nachteile des englischen Prisengerichts.
IV. T.-B. Haag, 2. Dez. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Der „Nieuwe Rattevdamsche Courant" meldet aus London: Im Unterhaus wird der Earl of Portsmouth die Politik der Regierung gegenüber feindlichem Eigentum und feindlichem Handel zur Sprache bringen. Er wird die Regierung fragen, ob die Errichtung eines internationalen Gerufungsgerichtshofes für die Urteile der britischen Prisen. Berichte geplant sei, ferner ob die Regierung eine Wanderung des Gesetzes beabsichtige, nach welchem in England registrierte feindliche Handelsgesellschaften die Rechte britischer Gesellschaften genießen und ob die KabinettSorder vom 11. März oder irgendwelche andre Verordnungen England des Rechtes beraubt hätten, das auf See erbeutete feindliche Eigentum zu, konfiszieren.
Die Lage im westen.
Frankreichs Mangel an Mannschaften.
IV. T.-B. Berlin, 2. Dez. (Nichtamtlich.) Die bevor- stchende Einberufung der JahreSklasse 1917 in Frankreich
legt einen deutlichen Beweis für den Mangel cm Mannschaften
ab, unter dem Frairkreich zu leiden beginnt. Noch mehr beweist dies aber ein im „Matin" mitgeteilter Vorschlag des ^sffchors Bernavd, der die Zustimmung der HeereSlom- miffion erlangt hat. Danach sollen, wie es bereits aus Grund eines Gesetzes vom 19. Oktober für Westafrika ange- ordnet ist, freiwillige Werbungen für die ftanzösische Armee unter den Eingeborenen der gesamten französischen Kolonien vorgenommen werden. Für die Freiwilligen, für ihre Familienangehörigen, ja selbst für die Stammeshäuptlinge sind zur Erzeugung einer Begeisterung für die Sache Frankreichs große Geldprämien vorgesehen.
Auch die Belgier vollzogen Todesurteile an Frauen.
W. T.-B. Berlin, 2. Dez. (Nichtamllich. Drahtbericht.) In England hat die Regierung und die Öffentlichkeit den Fall C a v e l l zum Aiüaß genommen, zum soundsovieltenmal das Vorhandensein einer deutschen Schreckensherrschaft in Belgien zu behaupten, die sogar an Frauen gerichtliche Todesurteile vollstrecken lasse. Daß die Franzosen im Laufe des Kriegs Frauen erschossen haben, wurde bereits festgestellt. Ob bei den in England nachweislich Gehängten auch Frauen waren, bleibt noch abzuwarten. Tatsache aber ist, daß in dem gleichen Belgien, das unter einer deutschen Schreckensherrschaft leiden soll, vor der Okkupation nach den gleichen Grundsätzen gehandelt wurde, die für die deutsche Justiz im Fall Cavell maßgebend waren. Am 18. August 1914,12 Tage vor der Einsetzung des deutschen Generalgouverneurs, ist in Löwen die verehelichte Julia Wan Wauterghem. geboren zu Brüssel am 26. Januar 1872, wegen Kriegsverrats standrechtlich erschossen worden, mit ihr zwei andere Belgier. Das Urteil wurde in der Nacht nach der Fällung vollstreckt. Der Anschlag dieses Urteils ist in der Stadt Antwerpen in einem Brief befohlen worden, der neben anderen auch die Unterschrift des belgischen Kriegsmini st ers trägt und jetzt unter den damals u n- bestellt gebliebenen Postsachen ausgesunden wurde. Die „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlicht heute ein Faksimile dieses Briefes.
Der Krieg gegen Italien.
Sonninos Erklärungen.
W. T.-B. Rom, 2. Dez. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Im weiteren Verlaufe seiner Erklärungen führte E o n n i n o noch aus: Die Verletzung des Vertrages von Lausanne, die von der türkischen Regierung schon am Tage nach der Unterzeichnung eben dieses Vertrages begann, die von der Türkei gegen uns in Libyen verübten Feindseligkeiten, die beständige Entsendung von Offizieren und Waffen nach unseren Kolonien, ihre Weigerung, die Gefangenen zurückzuschicken und die der Wreffe unserer KonslulatSbeamten in den Weg gelegten unzulässigen Hindernisse, die Gewalttaten gegen die Jtalisner, die in die Heimat zurückkehren wollten, bestimmten uns, um 2V. August >der Türkei den Krieg zu erklären.
Italien verfolgt auf dem Balkan seine traditionelle Politik, die es während mehrerer Lnstren getrieben hat und die beseelt war von dein Prinzip der Nationalitäten und der Unabhängigkeit der Balkanvölker. Sonnino führte weiter aus: Der wirksame Beistand der italienischen Waffen ist der gangen Welt bekannt. Seit Beginn unseres Krieges verspürte man in dem feindlichen Lager den Druck der italieni- schen Armee, die sich zur Eroberung der natürlichen Grenzen Italiens anschickte. Die Wirksamkeit unseres mUitärischen Beistandes erwies sich aufs klarste, als im letzten September Österreich-Ungarn gezwungen war, eiligst beträchtliche Truppenkörper von Galizien nach den Alpen zu führen und als dieser Umstand die siegreiche Gegenoffensive Rußlands in jenem Wschnitt ermöglichte.
Die Haltung Griechenlands gab Grund zu Besorgnissen -und Meinungsverschiedenheiten, die im Augenblick eine gewisse Spannung erreichten. Allein die Lage klärte sich glücklicherweise sehr bald durch einen Notenaustmisch. Da Griechenland ohne Schwierigkeiten dareinwilligte, entsprechend seinen früheren Erklärungen einer wohlwollenden Neutralität die verlangten Zusicherungen zu geben, verschwanden nunmehr Argwohn und Mißtrauen. Die Alliierten weiden mit dem griechischen Königreich wieder die besten Beziehungen in vertrauensvoller Herzlichkeit au-fnehmen, auf Grund deren es leicht sein wird, im einzelnen die Unverläßlichkeit und die Bewegungsfreiheit der die Truppen der Alliierten betreffenden Fragen befriedigend zu lösen, so-
Zur Krirgszeit in London.
Aus einem Grfangrnrnla-rr in London.
Bon Karl Wichman«.
Als ich von London abdampfte, schloß sich mir ein 18jäh- riger, helläugiger Österreicher an, der ebenfalls die Erlaubnis erhalten hatte, Albion zu verlassen. Erst nachdem wir beide das hochnotpeinliche Verhör und die hochnotpeinliche Untersuchung im Hafen von Tilbury überstanden hatten und uns bereits auf dem neutralen holländischen Dampfer befanden, auf dem wir vor der ersehnten Abfahrt noch die Nacht verbringen mußten, ging dem sympathischen Jungen vollends das Herz auf und er erzählte mir seine zahlreichen Abenteuer in England während deS Kriegs. Seine Erlebnisse sind charakteristisch für viele Tausende, und ich gebe sie hier in der schlichten Art und Weise seiner Schilderung wieder.
„Mein Vater hat ein gutgehendes Gasthaus in Wien, begann er, und sandte mich auf ein Jahr durch ganz Europa, damit ich den Betrieb in der Fremde und etwas von den fremden Sprachen lernen sollte. Ich hatte mich bereits in Italien, Frankreich, Spanien umhergetrieben, überall ein paar Monate als Kellner. Aus Spanien ging's nach England zusammen mit ein paar Bekannten aus Wien, die ebenfalls als Kellner dienten. Wir fanden ein jeder rasch eine Stelle in London, zumal wir herzlich wenig Geld verlangten. Es gefiel uns in London ganz gut, obzwar es dort verdammt schmutzig ist. Auf einmal, wie über Nacht, kommt die KriegS- erklärung an Deutschland. Wir wollen fort, aber es geht nicht mehr. Bevor wir uns noch recht die Augen reiben können, hat auch schon Österreich die Kriegserklärung. Ich teile mit meinen Kollegen zusammen ein Zimmer in der Charlottc- Street. — Sie kennen ja das früher deutsch-österreichische Viertel in London. Uns ahnt nichts Gutes. Sofort müssen wir uns als ausländische Feinde auf dem nächsten Polizeiamt „«Wstrieren" lassen. Ein Riesenkerl von einem Polizisten nMvet muffle Meldung entghgen. „Kiqgerahdrückek" fährt
er meinen Kollegen an. Mein Kollege stemmt die beiden. Daumen auf eine Glasplatte. „Sprache!" fordert das Auge des Gesetzes gebieterisch. „Deutsch." „Was!" zischt der baumlange Kerl und wird blaurot im feisten Antlitz vor Zorn und Arger. „Deutsch?! Sie, ein Österreicher, sprechen doch österreichisch!!" „Nein, Sir, österreichisch ist keine Sprache, meine Muttersprache ist deuffch." „Höchst verdächtig", raunt der Kerl in Blau seinem Schreiber zu, „muß sofort in die Olympia" (das erste Gefangenenlager in London). Mich läßt er vorläufig noch nach Hause gehen. Aber sein Blick sagt mir deutlich, daß meine Freiheit nicht nrehr lange dauern wird. Dann höre ich ihn auch seinem Schreiber zuflüstern: „Diese Kellner! — Sie sind die Allergefährlichsten!"
Zu Hause packe ich in aller Ruhe meine Siebensachen. Jeden Augenblick erwarte ich das Auge des Gesetzes. Aber es wird 10, 11 Uhr abends, und ich warte noch immer. Lege mich daher zur Ruhe und schlafe den Schlaf des Gerechten. Auf einmal ist mir, als zög mir jemand die Decke fort. Ich versuche, zu erwachen. Eine barsche Stimme ruft deutlich: „Qet up! In die Olympia! Rasch!"
Da also haben wir's! Steht da wieder fo’n baumlanger, dickbäuchiger Bengel in Blau drohend vor mir aufgepflanzt. In 2 Minuten mutz ich fertig sein. Ich will noch rasch einen Überrock umwerfen. „Liegen lassen!" kommandiert der Polizist. „Frieren schadet euch gar nichts, übrigens ist jetzt Angust." Ich will mein Gepäck ergreifen. „Liegen lassen!" kommandiert der Bursche weiter, „laßt eure verdammten Bomben zu Hause!"
Unten angekommen, wirft mich der Kerl in ein finsteres Loch — ein Wageninneres; ich falle auf ein paar Leute, die auffchreien, und sich nachträglich ebenfalls als deutsche und österreichische Kellner entpuppten, die Tür wird zugeschlagen, und im Stockfinsteren und im rasendsten Tempo geht's nach der Olympia.
Lustig ift’s gerade dort nicht. Wir alle glauben, daß mail uns erschießen wird. Die meisten behandelt man wie Hunde. Zwei Tage lang keinen Wffcn, nur bitteren Lee. I
Nr. 363.
wähl was Saloniki, als auch was die Zugeständnisse und die Sicherung der Seewege zur Verproviantierung anbelangt. Die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit Serbiens hat immer einen springenden Punkt in der Politik Jüaliens aus dem Balkan gebildet. (Hochrufe auf Serbien.) Diese Politik entspricht einer vitalen Notwendigkeit und der E x i st e n z Italiens s e l d st als Großmacht. Eine politische und wirtschaftliche Aufsaugung Serbiens durch Öfter- reich-Ungarn würde für Italien eine schwere nnd ständige Gefahr bedeuten und gleichzeitig unserer wirtschaftlichen Ausdehnung auf der jenseitigen Küste des Adriatischen Meeres eine unüberwindliche Mauer errichten. Im Einvernehmen mit unseren Alliierten wollen wir als unnmgäng- lich notwendiges Ziel dieses großen Krieges die Wiederherstellung des serbischen Volkes in seiner vollen Unabhängigkeit. (Lebhafter Beifall; die W- geordneten erheben sich unter Hochrufen aus Serbien.) Die Anwesenheit unserer Flagge auf dem jenseitigen User des Adriatischen Mcres wird auch dazu beitragen, die traditionelle Politik bezüglich Albaniens zu bekräftigen, das jetzt, wie in der Vergangenheit, ein Interesse ersten Ranges für uns darstellt insofern, als sein mit der Gestaltung der Befitzver- hältmsse im Adriatischen Meere eng verbundenes Schicksal sowie die Anfrechterhaltung der Unabhängigkeit des albanischen Volkes, dessen ausgesprochene und crlt- ehrwürdige Rationalität aus selbstsüchtigen Gründen verleugnet worden ist, für Italien von der größten Bedeutung ist. (Lebhafte Zustimmung.) Für Italien ist die Schaffung einer Lage am Adriatffchen Meere, die die ungünstige Lage unserer Küste wettmacht, eine Notwendigkeit.
Im Anschluß an die Bemerkung über das Verhältnis Italiens zu Österreich-Ungarn erwähnte Sonnino auch Deutschland, und zwar mit folgendem Satze: „Nach unserer Kriegserklärung an Österreich-Ungarn notifizierte uns Deutschland, daß es seine Beziehungen mit Italien als abgebrochen betrachte."
Görz wird vollständig vernichlet.
Die Stadt fast ganz von der Bevölkerung vcriasfen.
Br. Berlin, 2. Dez. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Aus dem K. und K. Kriegspresseguartier wird berichtet: Je weniger Erfolg die Angriffe der Italiener an der Front haben, desto wütender beschießen sie Kürz. Es scheint ihre Absicht zu sei«, daß in Görz kein Stein auf dem andern bleibt. Schrecklich ist die Vernichtung; die Granaten fallen ununterbrochen auf die Häuser der Stadt. Die Straßen siifl, überall voll von Trümmern. Dach- und Wandteile, Ziegel und Möbel liegen wirr durcheinander. Nur manchmal kann man einen einzelnen Mensche» sehen, der längs der Hausmauer dahineilt und erschreckt stehen bleibt, sobald eine Granate herarcheult, und dann laufend um die nächste Straßenecke verschwindet. Mit wahrer Aufopferung arbeitet die Feuerwehr von Görz. Die Briefträger haben ihre Pflicht bis zum Schluß getan und trotz der Beschießung noch die Post bestellt. Ganze Straßenzüge sind abgebrannt. Auf den Straßen kann man überall L e i ch n am e und Blutlachen sehen. Die letzten Einwohner von Görz kriechen bleich vor Hunger aus den Kellern und flüchten aus der Stadt. Sie folgen dem Rat ihrer „Erlöser", die durch Flieger drei Tage vor der Beschießung Tausende von Zetteln herabflattern ließen, ans denen zu lesen stand: „Flieht rasch, denn wir werden Görz vollständig zusammen schießen und verbrennen."
Der Krieg
in den deutschen Schutzgebieten.
(Fortsetzung.)
2. Kamerun.
Der Norden und Rordwesten.
Vor Garua hatten sich am 14. Januar d. I. englische nnd französische Truppen vereinigt und bei Bogele und Tonga feste Lager bezogen. Ihre Versuche, sich näher an die Station heranzuschieben, scheiterten. Nach diesen Mißerfolgen beschränkte sich der Gegner auf lockere Einschließung der Garua-Besatzung. Seine Wachsamkeit scheint nicht allzu rege gewesen zu sein. Jedenfalls ge- lang es Hauptmann Freiherrn v. Crailsheim, dem Führer der ein- geschloffenen Truppen, unbemerkt Garua zu verkaffen und gegen den englischen Etappenort Gur in. der etwa 40 Kilometer östlich Dola an einem Arm des Faro gelegen ist, vorzustoßen. Nach Zu-
Einer verlangt etwas zu essen. Die Schildwache sticht ihm gleich mit dem Bajonett in die Hand. Mn anderer bekommt eins mit dem Gewehrkolben auf den Kopf. Die Schildwachen sind den ganzen Tag wütend. Warum? Sie können nicht schießen, können ihre Flinten nicht ordentlich gebrauchen, und jeden Tag schießen sie sich ein paarmal aus Unvorsichtigkeit gegenseitig an, zwei haben sich sogar aus Dummheit' selbst erschossen. Am ärgsten leiden wir bei Nacht. Die wenigsten von uns haben Kleider, man hat fast alle im Hemd abgeholt. Decken gibt's keine. Uni> dazu muß man auf dem Steinboden schlafen.
Nach solchen elenden acht Tagen heißt's plötzlich „Marsch!" Jetzt glauben wir wieder, es gehe zur Hinrichtung. Nein, ins Innere von England sollen wir, in ein neues Lager, nach Newbury. Hält' ich eine Ahnung gehabt, was mir bevorsteht, ich hätt' mich umgebracht. Man waggoniert uns wie die Schweine ein. Aber das ist noch nicht das Ärgste. Kaum sind wir 2 Minuten aus dem Londoner Bahnhof, da hält der Zug. Mein Nachbar schaut zum Fenster hinaus, was denn los ist. Da fliegen ihm Zwiebeln, faule Eier, Steine an den Kopf. Und ein Gejohle ist draußen, wie ich es noch nie gehört habe. Hunderte von Weibern stehen draußen vor dem Zug und schimpfen, zetern, brüllen, heulen: „Ihr verfluchten Deutschen! Ihr barbarischen Schweine! Wir kratzen euch die Augen aus!" Darauf ein neuer Hagel von Zwiebeln, faulen Eiern, Steinen. Wir verkriechen uns unter den Bänken, sonst wäre uns gewiß der Schädel eingeschlagen worden. Mein Lebtag vergeß ich diese Weiber nicht. Sie sehen wie Hyänen aus. . .
Endlich sind wir in Newbury. Es ist kaum zu sagen, was wir dort gelitten haben. Aber Sie kennen die Sachen gewiß schon von anderen. Jawohl, cs ist vollkommen wahr, daß wir nächtelang in Stroh voll Ungeziefer gelegen haben. Das Stroh war kein Stroh mehr, nur noch Staub. Ja, und das ist auch wahr, daß wir eine halbe Stunde in der Früh' haben laufen müssen, um uns in einer dreckigen Pfütze zu waschen. Auch daß viÄe von uns Fieber und zuletzt Typhus bekvMnen
