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Nr. 281.

Donnerstag. 2. Dezember.

1915.

Morgen-Seilage des Wlesbadmer Tagblattr. ü

(29. godfefeuna.) 13 Ct* (Dt^ßl * (Nachdruck verboten.»

Roman von tkdela Rüst.

Mm nächsten Lage sollte Dilla mit den Kindern in Fünf°Hügelchen eintreffen. Herbert hatte eben ein Telegramm erhalten. Er stand ganz bestürzt am Fenster im Sanatorium und verbuchte sich klar zu machen, daß er eine Frau und zwei süße Kinder hatte!

Dabei flackerten seine übernächtigen Augen in blöder Starre nach der Villa Deubenreiter hinüber.

Ja, was war nur über ihn gekommen all diese Tage lang?

Er mußte denken, welch einen geringen Einfluß dre Frauen auf sein ganzes Leben ausgeilbt hatten.

Er ivar nie ein Weiberheld gewesen! Nie auch nur im harmlos kecken Sinn in seinen Studentenjahren!

Und mm batte er Dina lieb, seine Kinder lieb, den Kopf voller Gestaltungs- und Zukunftspläne und quä­lendster Sorgen. Und nun war er da sinnlos in einen Lausch hineingetaumelt, aus dem es ein böses Erwachen geben mußte!

Die arme Lene war wohl schon längst erwacht. Sie hatte schon gestern mehrmals davon angesangen, daß sie jetzt von hier fort müsse, ganz weit fort.

Da hatte er ihr noch lachend mit wilden Küssen den Mund verschlossen er hatte noch nicht zwei Tage voraus denken können!

So fest hatte ihn der Rausch gehalten. Die quälen- den Sorgen waren wohltuend darin untergetaucht. Die quälenden Sorgen!

Jawohl, die quälenden Sorgen hatten ihn dazu ge­bracht! Die Sorgen, und der Kerl da drüben . . .! Wie ein Rasender riß Herbert das Fenster auf: Trümpe kam auf seinerMimosa" Wer den Orgel-Anger ge­ritten, stieg ab, warf einem Jungen die Zügel zu und stampfte die paar Steinstufen zur Villa Deubenreiter hinan, so recht ausdringlich laut, als sollte die ganze Kolonie hören, wo er blieb.

Frau Lene stutzte, als sie Trümpe die Tür öffnete, und wollte sie ihm vor der Nase mit einem hastigen Wort zuschlagen.

Erlauben Sie, schöne Frau ich wollte nur Nach­fragen, ob ich neulich nicht meine Brieftasche hier habe liegen lassen", sagte Trümpe,im ruhigsten Ton und trat einfach an Lene vorbei in die Stube.

Ich habe nichts gefunden, aber ich sehe gern noch- * mal nach", antwortete Lene ebenso ruhig und suchte im selben Zimmer und dem daranstoßenden eifrig nach.

Sie enthielt keine Wertsachen, nur ein paar Adres­sen darin sind mir wichtig, und die Tasche selbst ein Andenken von schöner Hand! Ja, schöne Frau es gibt Frauen ..."

Lassen Sie doch dieschöne Frau" weg, Herr Trümpe, die behagt mir nicht! Und was es sonst für Frauen gibt, interessiert mich nicht in ^hrem Falle!"

.Warum denn so böse zu mir? Bm ich denn ein so widerlicher Kerl?"

Trümpe war ihr in das andere Zimmer nachge- schlichen und wollte eben frech den Arm um sie schlin­gen, als es stürmisch klingelte.

Lene versetzte Trümpe einen Schlag mit dem Arm gegen die Brust, daß er ihr den Weg freimachte, um öffnen zu können.

Auf der Schlvelle stand Herbert, blaurot im Gesicht, mit geschulterter Reitpeitsche.

Lene verstand sofort. Sie riß Herbert, ehe er sich's versah, die Peitsche aus der Hand, warf sie weit in die Küche hinein, schloß schnell ab und steckte den Schlüssel zu sich.Sind Sie wahnsinnig geworden", flüsterte sie dem eintretenden Herbert zu, trat vor ihm ins Zimmer und erklärte, ohne mit der Stimme zu zittern:

Ist sie gefunden?" fragte Herbert, ohne Trümpe weiter zu begrüßen.

Bis jetzt leider nicht, Herr Doktor", sagte Lene.

Dann suchen Sie letzt auch nicht weiter, ich habe Ihnen einiges Geschäftliches vorznlegen, das umgehend erledigt wevdon muß. Ist die Tasche hier verloren, wird sie sich auch finden und dem Verlierer zugestellt werden! Empfehle mich, lieber Trümpe, und bedaure nur außer­ordentlich, Sie nicht znm Gabelfrühstück einladen zu können, aber ich bin leider nicht bei mir z» Hause! Mrigens Ihre lammfrommeMimosa" wird draußen sogar schon unruhig< empfehle mich bis auf weiteres. Bitte, Frau Deubenreiter, es pressiert!"

Herbert langte in die Vrusttasche, zog eine Handvoll Papiere hervor und trat an Trümpe vorbei in das Eß­zimmer.

Sie miissen mich schon entschuldigen, Herr Trümpe sobald sich die Tasche findet . .

Schon gut, Frau Deubenreiter, es macht nichts! Adieu Sohren Adieu . . .1"

Mit einem Lachen, das halb ein Drohen war, ver­ließ Trümpe das Haus ebenso laut, wie er es betreton, und ritt im Galopp die Landstraße hinauf. Herbert aber stützte den Kopf in beide Hände und stöhnte, Lens holte die Peitsche und legte sie vor ihn auf den Tisch.

Sie hatte für ihn an Dina und die Kinder gedacht! Herbert nahm stunim ihre Hand, preßte sie an seine fiebernden Lippen und lief^davon.

Zwischen der Kinderstube und dem Sohrenschen Schlafgemach lag dieHamsterkammer", ein schmales, einfenstriges Zimmer, in dem alle Vorräte an Por­zellan, Wäsche, Stoffen und Winterobst aufgespeichert wurden.

Frau Dina sortierte Wäsche in der alten Holztrrche, die noch von den Großeltern herstammte. Die Tüv zum Kinderzimmer war geschlossen. . Katrin Lütte hatte Besuch, eine Cousine, die seit Weihnachten Pflegerin bei Dr. Nachod auf dem Orgel-Anger ivar.

Die schien viel zu erzählen. Katrin ermahnte dir Kinder oft, nicht so zu schreien, sie könnte kein Wort von dem verstehen, was die Dante sage. Dann horchte» die Kleinen auch ein paar Minuten aufmerksam, als hörten sie auf ein Märchen; aber als würde es ihnen nicht bunt genug, lärmten sie bald wieder von neuem. In solch Stille fiel der Name Deubenreiter des öfteren.