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Donnerstag, 2. Dezember 1913.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 561. 63. Jahrgang.

Ein neuer österreichisch-ungarischer Erfolg bei Plevlje.

vie Kriegsbeute im November in Galizien und rvalhqnien. Oer Brückenkopf von Tolmein und der Nordhang San Michele unter erneutem italienischem Zeuer. vie Angriffe ergebnislos verlaufen. Große Novemberbeute in Serbien.

v«rr österreichisch-ungarische Tagesbericht«

W.T.-B. Wien, 1. Dez. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 1. Dezember, mittags:

Russischer Kriegsschauplatz.

Keine besondere« Ereignisse.

Bei den dem ö st e r r e i ch is ch - un g ar r s ch e n Oberbefehl unterstehenden Verbündeten Streitkraften der Nordostfront wurden im Monat November au Ge­fangenen und Beute 78 Offiziere, 12 000 Mann und 32 Maschinengewehre eingcbracht.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Der gestrige Tag verlief an der Jsonzosront im allgemeinen ruhiger. Nur der Brückenkopf von T o l m e i n wurde wiederholt heftig angegriffen. Diese Borstöße des Feindes brachen in unserem Feuer zu­sammen. Heute nacht setzte starkes Artilleriefeuer gegen den nördlichen Hang des Monte San Michel e ein. Gleichzeitig griffen die Italiener den Gipfel dieses Berges an. Sie wurden zurückgeschlagen. Auch feindliche Angriffsversuche im Raume von San Martina wurden abgewiesen.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Unsere Truppen drangen umfassend gegen Plevlje vor. Eine Kolonne greift die G r a d i u a - H ö h e n südöstlich des Metalka-Sattels an, eiue andere er­stürmte in den Nachmittagsstunden und nach Ein­bruch der Dunkelheit den von den Montenegrinern zähe verteidigten Hochflächenrand, 10 Kilometer nördlich von Plevlje. Prizrend wurde am 29., mittags, von den Bulgaren genommen.

Die Armee des Generals v. K o e v e ß hat im No­vember 40800 serbische Soldaten und 2 6600 Wehrfähige gefangen genommen und 179 Geschütze und 12 Maschinengewehre erbeutet.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. Höf er, Feldmarschalleutnant.

Unser Kaifcr.

Zur Thronbesteigung Kaiser Franz Josephs.

(2. Dezember.)

Bon Dr. Haus Wantoch.

ImSturmjahr" 48 am 2. Dezember bestieg Kaiser Franz Joseph, kaum ein Jüngling, fast noch ein Knabe, den Thron. Als sein Oheim die Dokumente der Ab­dankung verlesen hatte, sagte er 1 mitten unter dem blendenden Gefolge der Generale, der Minister, der Kirchenfürsten die familienhast schlichten und er­greifenden Worte:Gott segne dich, sei nur brav,

Gott wird dich schützen, es ist gern geschehen." Und eine andere Historie berichtet: als der junge, achtzehn­jährige Kaiser in seine Gemächer zurückkchrte, standen ihm Tränen in den Augen, das erste Wort, das , er sprach, war nicht der Ausdruck eines Machtwillens, nicht Zeugnis einer Herrschgier, es war wiederum ein Dokument reiner, natürlicher und nächstliegender Menschlichkeit. Kaiser Franz Joseph sagte:Meine

Jugend ist nun dahin."

Siebenundsechzig Jahre sind nun seitdem verflossen. Mehr Leid als irgend ernes hatte dieses Leben zu er­tragen: der Sohn starb, die Frau wurde ermordet, .zwei Provinzen gingen nach Kriegen verloren, die zwei von drei Malen Siege gewesen waren, und am Ende wurde ihm noch der Nachfolger ermordet, der ihm mit seiner starken Hand und seinem griffesten Willen ein guter Erbe und ein sicherer Bürge für den Bestand der Zu- kunft gewesen wäre. Dieses Leben schien uns weit über die Grenze gemeinmenschlichen Daseins nur für neuen Schmerz und seine letzte Prüfung ausgespart. Wer es war aufgespart für seine letzte Erhöhung und für das letzte Glück, das irgendeinem Men­schen, wer es auch sei, beschieden sein kann: im 66. und 67. Jahre seiner Regierung sah Franz Joseph das Werk seines Lebens gekrönt Österreich bestand!

Dieses Österreich war sein Glaube gewesen, seine Mission und seine Philosophie. Ms er vor 67 Jahren den Thron bestieg, drohte dieses Österreich außer Rand und Band zu gehen: Stnrnijahr 48, Ausstand in der Lombardei, Rebellion in Ungarn. Aber ein Viertel jahchundert später, berief er ein Haupt der ißcr schwörurig, den Grafen Andrassy, an die Spitze des und wiederum ein Werteliabrbundert darnach

machte er Franz, den Scchn jenes Kofsuth Lazos, der Anno 48 in DÄrezin sich zum Diktator ausgerufen hatte und von seinem Sohn niemals verleugnet wor­den war, zuin Minister und Geheimen Rat seiner Krone. In Metternichtagen, in der Zeit des Systerns und der Volksbevormuudung, war Franz Joseph, das Kind, herangewachsen. Aber Franz Joseph, der Grers, «machte eigenhändig und gegen den Willen von Groß­kapital, Hochadel, Großgrundbesitz den Völkern Oster- reichs die Klinke zum Vv8kshaus aus. Er war rm I strengen Glauben der katholischen Kirche erzogen, er war ein frommer Christ geblieben alle seine. Tage, und er setzte dennoch seinen Namenszug unter die Zrvrlehe- gesetze in Ungarn. Rätselhafte Verbindungen, seltsame Wege, gibt es in diesem unendlich reichen, unendlich schweren Leben, kaum denkbare Begriffe in dem Kops eines Menschen. Oder dieser Mensch muß , schon einen weiten Horizont haben, ein erstaunliches Gefühl für das Nötige des Augenblicks, besonders aber em sehr weites Herz. Franz Joseph glaubte an das Menschliche im Menschen. Und dies ist das Geheimnis seiner Kraft. Franz Joseph war allem Menschlichen ein milder und nachsichtsvoller Versteh er. Und dies ist seine Größe. .

Darum hat er sich nie gegen ferne Zeit gestemmt, nie gegen ein Erfordernis gespreizt, denn was wir den Wandel der Zeiten, den Geist, die Forderungen der Zeiten hießen: dies ist ja stets nur ein Anderssein der Menschen. Und kaum ein anderer hat die Menschen so geliebt wie Franz Joseph. Darum ist auch kern an- derer mit ähnlicher Liebe wiedergeliebt worden, wie er. Für 50 Millionen ist er seit zwei, drei, vier (Generatio­nen der Herrscher an sich, der Monarch schlechthin,der" Kaiser.Unser Kaiser"; das kleine unscheinbare Wort, das gleichsam aus dem Eigentumsbewußtsein in der Alltäglichkeit geholt ist, hat eine wunderbare Macht, eine unsägliche Welle menschlicher Wärme strömt von ihm aus. Es knüpft zwischen ihm und 50 Millionen ein menschliches Band. Menschlich ist alles an diesem Menschen, der ein Kaiser ist, wie das erste Wort, das er vor 67 Jahren in seiner frischen Würde sprach und wie das Wort es war, mit dem sie in seine Hände ge­legt wurde. Wenn man Friedenskaiser sagte, so wollte man an den Segen einer fast fünfzigjährigen Waffenruhe, die Österreich, dank der Weisheit seiner wohlbedachten Zurückhaltung genoß, erinnern, an seine .Haltung im Annexionsjahr und besonders an das er­schütternd schlichte Wort, mit dem er nach den Sturrn fahren von 1909 die Delegaftonen eröffnete:Der

Friede ist doch das Beste, hoffen wir, daß er uns er- batten bleibt."

Österreich ist sein Glaube. Österreich, das vielen, vielen in diesem Reich der Nationen und Kulturen, der Vielsprachigkeit und Buntartigkeit (und es waren die Schlechtesten nicht) stets als einProblem" erschien, Österreich war für ihn immer eine Tatsache. Viel­leicht war auch .dafür das Jahr seiner Thronbesteigung von entscheidender Bedeutung. Das astrologische Sturmzeichen von 48 stand ja über seinem Regierungs­antritt. Aus den Fugen zu gehen drohte der Staat. Der Knabe Franz Joseph hat ihn wie ein Ehrfftophorus über das Wasser der Sintflut ins Geborgene getragen. Seit dem ersten Tag seiner Herrschaft kannte er das Gewicht, das auf seinen Schultern lag, seit dem ersten Dag seiner Herrschaft kannte er aber auch die Kraft, die in ihm seDer war.

Nun aber in diesem Jahr ist etwas ganz Wunder­bares geschchen: mit dem Hatz und der Anfeindung von außen wurde auch die Liebe in uns weiter und breiter; die Liebe zu Österreich, die im Grunde nur eine Liebe zu Franz Joseph war, wuchs über die enge Begrenzung aus eine Person hinaus.Wie Tiroler in den K a r- path en uns geholfen haben, werden die Honved den Tirolern Helsen", sagte Graf Apponyi, der Führer der 48er, bei Beginn des italienischen Krieges. Mitten in einer Welt von Hatz und Hader und Grauen und Greuel durfteunser Kaiser", der Landesvater, die Krönung seines Werkes erleben: daß die Völker seines Reiches seine Kinder einander lieben lernten. Heute gibt es nicht bloß einenÖsterreicher", sondern fünfzig Millionen. Der Glaube an uns selb st ist uns wiedergegcben. Aber niemals, niemals wollen wir vergessen: es war durch 67 Jahre der Glaube und die Sorge und die Arbeit und die weltgeschichtliche Sendung vonunserm Kaiser".

Oie Ereignisse auf dem Balkan.

Das Schicksal der Trümmer des serbischen Heeres.

In dcr letzten Dccfnng vor Monastir.

Sr. Saloniki, 1. Dez. (Eig. Drahtbcricht. Zens. Bln. T.-Uh Die Serben zogen sich von Kr.usevo einige Kilonieter südlich nach Trstenik zurück, wo sie eine starke Vertei­digungslinie erreichten, welche sich aus den Hügel des Topol- fchani-Höhenzuges stützt. Um die Hügelkette von Topolschani,

die die letzte Deckung von Monastir bildet, ist ein heftiger Kamps im Gange. Tie Serben leisten verzweifelten Widerstand, da die Besetzung des Ochridagebietes durch die bulg»rifchen Truppen die Serben auch von der Verbindung mit Albanien abschneiden würde. Falls der bulgarischen Heeresleitung ihre Absicht gelingt, würde der ganze Plan des serbischen Oberkommandos, die Trümmer des serbischen Heenes gegebenenfalls durch Albanien zu versorgen, hinfällig werden.

Die Bereinigung der serbischen und französischen Strcitkräste »nmö glich geworden.

W. T.-B'. Saloniki, 1. Dez. (Nichtamtlich. Drahtbericht. Meldung der Agerwe Havas.) Infolge der Räumung des Eng­passes von Katschanik durch die Serben ist die Vereini­gung der Franzosen nnd der serbischen Streitkräfte nutzlos und u n m ö g l i ch geworden. Auch der Marsch der Fran­zosen auf V e l e s ist nutzlos geworden, da die Zurückziehung der Truppen aus der Gegend von Krivolac begonnen hat. Ent­gegen den Nachrichten aus bulgarischer Quelle hatten die Franzosen alle aus dem linken Wardaruser bis Krwolac er­oberten Stellungen besetzt.

Eine hohe Persönlichkeit, mit der anscheinend Kitchener . gemeint ist, soll in Rom die Meinung ausgesprochen haben, die Franzosen und Engländer täten gut, ihre Truppen vom Balkan und von den Dardanellen zurückzuziehen.

Serbien völlig vom serbischen Heer geräumt.

Br. Rotterdam, 1. Dez. (Erg. Drahtbericht. Zens. Mn.) Athener Meldungen, die in London gestern an­kamen, bestätigen, daß Serbien vi> llrg vom

serbischen Heere geräumt rst, das suh aus drer

Wegen nach Dnrazzo, Skutarr und Sud- a l b a n i e u zurückzieht. Die Derben konnten dre Ge> birgsgeschütze und einen Teil der Feldgeschütze m Sicherheit bringen. Alle Jünglmge vom Io. brs 17. Lebensjahre werden mitgeführt, um als Heeresersatz ausgebildet zu werden.

Enver pasch« in Sofia.

Sofia, 1. Dez. (Zens. Bln.) Der türkische KriegSmirnster Enver-Pascha ist hier eingettoffen. Am Bahnhof hatte er mit dem Kriegsmiinister Naidenow und General S a w o f f eine längere Unterredung, vie Lage in Griechenland plötzlich ernster geworden.

Nur so weit mit Sonveränität und Unabhängigkeit vereinbar, zu Entgegenkommen bereit.

W.T.-B. Rom, 1. Dez. (Nichtamtlich.) DieTri- buna" bringt ein Telegramm aus Athen, nach welchem dort die Lage plötzlich ernster geworden ist. Gestern überreichte Skuludis, wie bereits gemeldet, den Gesandten des Brerverbandes die griechrsche Antwort auf die letzte Note und hatte «ft ihnen über die Fragen, die den Inhalt dcr augenblicklichen Unterhandlungen bilden, eine Besprechung. Es scheine, daß Skuludis sich über die guten Absichten Griechen­lands nicht sehr entgegenkommend ausgesprochen habe. Er erklärt, daß die Zurückziehung der griechischen Truppen von Saloniki und die von dem Biervcrband verlangte Überwachung der Küstenzone Bedingungen wären, die die griechische Neutralität in Frage stellen, und verletzen würden.- Giornäle d'Ftalia" erfährt aus Athen, daß die grie­chische Regierung bereit sei, den Forderungen des Vier- Verbandes entgegenzukommcn, soweit es mit der Sou­veränität und dcr Unabhängigkeit des Staates vereinbar sei. Im Falle, daß die Fordern«- gen gebieterisch geäußert würden, würde die griechische Regierung einen modus vivemdi erwägen, der ihre Pflichten als Nation und die durch die gegenwärtigen Umstände aufgezwungene Lage in Einklang brächte.

Englisches Mitztrsuen über die Haltung) Griechenlands.

Bi. Kopenhagen, 1. Dez. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Der Londoner Berichterstatter derPolitiken" telegraphiert: Die enAische Beurteilung der letzten Athener Nachrichten sei sehr pessimistisch. Vorläufig feien einige der wich­tigsten Streitpunkte noch nicht geordnet nnd die griechische Regierung zeige wenig Bereitwilligkeit, -ms die ForderuttzeM einzugehen.

Griechenlands Ersuchen an die französische Regierung.

Sr. Amsterdam, 1. Dez. (Eig. Drckhtüericht. Zens. Bln.) DieTimes" meldet ans Athen, die griechische Regie­rung habe Frankreich um eine Erklärung über, verschie­dene Punkte der neuen Note gebeten und wartet die Ant­wort der französischen Regierung <w.

Minensperre im rumänischen vonaulauf.

W.T.-B. Bukarest» 1. Dez. (Nichtamtlich. Meldung der J-ndepen-daitce Roumaiine".) Me rumänischen Behörden haben die Minensperre in dem rumänischen Donaulaufe angeordnet, beginnend bei TurSkismil an der rumänisch-bul­garischen Grenze bis Kilometer 340 und von Galatz bis zur Pruthmündung. Wegen gcsährdeter Schiss-chrt können Han­delsschiffe an den genannten Stellen nur unter Führ ung er- mächtigter Lotsen passieren, Am Eingang der, genanotM