Morgen-Veilage -es Wiesbadener Zagblatts,
Nr. 279. Dienstag.ASO. Nsvember. _ _ ^13.
'(27. Forlsetzung.) INachdruä verboten.)
Roman von Edela Rüst.
Drei Tage später ließ sich Frau Doichenreiter :m Bureau des Doktor -Lehren melden.
Herbert ließ sie sofort vor, trotzdem wohl noch ein Dutzend Klienten vor ihr eingetroffen waren.
Sie stand einen Augenblick befangen und ließ den Blick flüchtig über das modische, reiche Herrenzimmer gleiten, als sie Herbert die Hand reichte.
„Also frohe Botschaft?" fragte er.
„Ja, frohe Botschaft! Es hat etwas Kampf gekostet, aber jetzt ist Vater ganz für meine Pläne eingenommen. Er gibt mir 20000 Mark Baugeld und Strecker zahlt mir die Hälfte der Pacht für die Waldschenke. Da gehts, nicht wahr, Herr Doktor?"
„Aber prächtig! Und bis Ihr Haus fertig ist, verwalten Sie die Kolonie?"
' „Ja — gern! Ich möchte zum ersten Juni über- siedeln, wenn es Ihnen recht ist."
Herbert zeigte sich sehr erfreut und besprach nun unt Frau Deubenreiter alles vorläufig Nötige. Er rief feinen Burcauvorstoher herein und beauftragte ihn, eine Art Kontrakt ansznsetzen betreffs des Veuwal- tungspostens —« es mußte in allem korrekt hergehen. In ähnlichen Fällen erlaubte es seine Zeit nicht, während der schriftlichen Erledigung draußen mit seinen Klienten drinnen zu plaudern. Aber heute machte er eine Ausnahme.
Als Brenkmann das Zimmer verlassen hatte, um seinen Auftrag auszuführen, erhob Herbert sich aus seinen: Stuhl und spazierte vor Frau Lene herum,, ohne zunächst die rechten Worte, für eine Plguderei zu finden.
Als Frau Deubenreiter sich nun leicht über den Schreibtisch bongte, um eine darauf stehende Photographie zu betrachten, trat er schnell hinzu, reichte ihr das Bild und sagte: „Meine Frau mit den Kindern! Kennen Sie sie?"
„Nein", sagte die junge Frau leise.
Als sie ihm das Bild nach längeren: Ansehen zu- rückreichte, schimmerte es feucht in ihren Augen. Sie nrochte es nicht sehen lassen, und machte sich darum an ihrer Kleidung zu schaffen.
Er ließ seine Augen auf ihr ruhen, als er langsam sagte: „Ganz anderes Genre! Aber sie ist hübsch, nicht lvahr?"
Sie wurde feuerrot und sagte verlegen: „Sehr
hübsch — und die süßen Kinder ..."
„Meine Frau nwchte Sie gern kennen lernen — Sie interessiert sich sehr für Ihre Pläne."
, Da richtete Lene Deubenreiter sich gerade auf und sah ihrem Jugendgeliobten voll in das freundlich lächelnde Gesicht:
„Vielleicht später einmal, wenn es sich so macht, in der Kolonie — hier in Ihrem Hause nicht."
Herbert senkte den Blick und schwieg.
Dann sprachen sie noch über dies und jenes bezüglich der Verwaltung, und als der Kontrakt, vorgelegt wurde, unterschrieb sie schnell und machte sich auf den Weg.
Herbert öffnete ihr die Tür nach dem Korridor. Als er noch ihre Hand zun: Abschied hielt, kan: Susi die Treppe herunter.
Katrin Sütte packte den kleinen Gerd :m Wagen zurecht — sie machten sich zun: Ausgehen fertig.
Susi kauerte auf der letzte:: Stufe und bog das Köpfchen neugierig zun: Papa und der hübschen Fremden.
„Komm mal her, Susi", riefe, Herbert.
Lene Deubenreiter hob das Kind auf und küßte es auf die blondbraunen Löckchen, die unter der weiß- seidenen Mütze, mit einen: rosa Bändchen seitwärts zu, sammeugohalten, hcrvorquollen.
„Das ist die Tante Deubenreiter — die Mama von Putti!" sagte Herbert und kniff den: Kinde in dis weichen, frischen Bäckchen.
„Vorn Putti mit den: Schaukelpferd?"
„Ja, u:ein Herz", sagte Pnttis Mutter. ,
,Marum hast du ihn nicht mitgobracht? Susi will Mit ihm spielen", sagte Susi und sprang an ihrem Vater hoch.
„Du besuchst Putti einmal. Papa bringt dich ein, mal mit in die Kolonie hinaus —■ willst du?"
Susi nickte der fremden Dame vergnügt zu und lief dann zu Katrin Sütte zurück, die sich jetzt mit Gerd in Bewegung fetzte.
Herbert zag sich in fein Zimmer zurück, und Lene De:ll>enreiter ließ sich noch von Gerd ein .Hündchen geben. Dann verließ sie vor den Kindern das Haus.
Katrin Sütte hatte sie aufmerksam forschend betrachtet. Es war ihr nichts Neues, daß Frauen aller Stände das Privatzimmer des Rechtsanwalts betraten und es auch von ihm hinausgeleitet verließen. Sie hatte auch von Putti des öfteren gehört, auch von seiner Mutter, nur — darunter hatte sie sich eine dralle, einfache Landfrau vorgestellt, wem: sie überhaupt über sie nachgeidacht hatte. Es wurde ihr jetzt erst klar, daß sie sie sich so vorgestellt hatte, als sie eine so ganz andere Erscheinung vor sich sah. Das lvar ja eine Dame, und eine ganz eigenartig hübsche — so hübsch, daß man ihr mit gewissem Staunen Nachsehen mußte.
Und wie feierlich sie die Kinder angegnckt!
.Katrin Sütte sah sich arrf der Straße noch zweimal! nach Frau Deubenreiter um, als müsse sie sich die Er, scheinung ganz besonders einprägen.
Auch Herbert war einen Augenblick an das offene Fenster getreten und hatte der üppig schlanken Erscheinung nachgeblickt, die fo stolz voriiberging, ohne einen Blick auf die Villa Zn werfen, in der er es sich Wohlsein ließ.
Ja, ein herrliches Weib war sie geworden, das siebe, heitere, brave Mädel von ehodem! Sie brauchten sich beide ihrer Jugenderinnerungen nicht zu schämen.
So «waren denn wieder vier ireue Villen auf dem! Orgel-Anger in Angriff genommen. Einige schwere Stein- und Zimmermann-Rechnungen waren begliche^ —- es gab auf ein Jahr neuen Kredit. Außer poH Mütterchen und Frau Deickenreiter war .Kapital,Nus
