Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatir.
Nr. 275.
Donnerstag» 25. November.
1415.
(23. Fortsetzung.) ©VQSl ' (Nachdruck verboten.!
Roman von Edrla Rüst.
II.
Drei Jahre waren über Fünf-Hügelchen hingezogen und hatten seine Physiognomie in manchen Zügen etwas verändert. Bei JungSehrens hatte sich zur kleinen noch ein kleiner Gerb gesellt. Die Schwiegermutter des Kommerzienrats, Frau Jda ^ Josefine von Grümm, hatte nach langen Leiden das Zeitliche gesegnet. Und vom alten Dr. Sehren erzählte man, er sei ausgesprochener Morvhinist. Seine Hand sei nicht mehr recht sicher, so daß er das Operieren fast ausschließlich seinem Liebling, Kaut Wulffen, überlasse, wenn seine Patienten auch sonst seine Frische und Milde rühmten und seine Diagnose nach wie vor als unfehlbar galt. Doch empfand es niemand als leidige Konkurrenz, als eine unternehmende jüngere Kraft von außerhalb kam, imr ein Sanatorium zu eröffnen, das im Sommer vorher ans dem Orgel-Anger errichtet war.
Herbert Sehren, der Besitzer des Orgel-Angers, hatte die glückliche Idee gehabt. Ein Sanatorium, allen Ansprüchen der modernen Zeit genügend, in guter Luft, mit deni kleinen Park an dcrs Wäldchen stoßend — das hatte eine Zukunft!
Das schloßähnliche Haus mit den drei Jsolier- Pavillons im Garten hatte freilich viel Geld verschlungen, und daher haperte es mit den weiteren Ballten ein wenig. Denn niemand ahnte, daß Herbert Sohren auch die ganze innere Einrichtung auf seine Kappe genommen hatte, daß er recht eigentlich den jungen Arzt hineingesetzt, um die Ansiedelung auf dem Orgel- Anger mit Gewalt in die Höhe zu bringen.
Wenn nur erst einer da fest saß, wenn dieser Komplex sich erst belebte, dann war die „Stadt kreiert"!
Dr. Nachod zahlte das erste Jahr keinen Pfennig, im zweiten die Hälfte und erst im dritten die volle, dann mit Ilbzahlung der Ginrichtungsgelder allerdings sehr hohe Miete.
Er hätte unter anderen Bedingungen nicht abschließen können, denn er besaß nichts. Zudem sah er scharf genug, unl sich die Sachlage nutzbar zu machen.
Herbert hatte Knut Wulffen bereden wollen, unter denselben Bedingungen anzunehmen, aber der Freund hatte abgelohnt. Er stand sich gut, wie er stand, und wollte sich unter keinen Umständen belasten und für die Zukunft binden.
Sogar die ersten »Patienten wurden unentgeltlich bchandelt, aber bald fanden sich auch zahlende aus der jhmgegend ein. Und wenn das Institut auch jetzt im Frühjahr noch nicht blühte, so sah man doch: es rggte sich, es ging vorwärts!
Die Fünf-Hügeler fingen an zu begreifen, daß der junge Gehren doch wieder einmal den großen, weiten Mick gezeigt hatte, der ihnen eingestandenermaßen so sehr abaingl Und sie wunderten sich auch keinen Tag lang, als Heribert zum ersten Male im eigenen Dog- oart, Frau Dina neben sich, durch die Stadt fuhr.
Wie sollte dieser rührige Mann sonst mit allem fertig werden? Und er brauchte doch auch seine Erholung in frischer Luft, und Dina konnte nicht viel laufen.
Sie war so recht von Herzen stolz ans ihr Gefährt, das an Eleganz den ,/alten Karren" Trüinpes weit überflügelte.
Das eheliche Glück schien durch den Stammhalter noch um ein bedeutendes gefestigt, und Dina hatte längst alle Sorgen begraben. Seit der Begründung des Sanatoriuins gab es in ihren Augen allerdings keine Unmöglichkeit mehr für Herbert — es sei denn der Verteidigerstand. Ta hatte Herbert nach langem, heißem Bemühen von selbst e-ingelenkt — es lagen keine Lorbeeren auf seinem Wege, das wußte er nun, nachdem er zum letzten Male in Hannover so über alle Maßen erfolglos plädiert hatte.
Es war ein Tag, ähnlich dem, an welchem Herbert, der „kommende Mann", in seiner Vaterstadt eingezogen .war. Es regnete ohne Pausen! Der Reitweg, auf dem sich kein Reiter sehen ließ, tvar zum sumpfigen Moor aufgeschwollen, und die jungen Linden, die ihn flankierten, ließen die zartgrünen Aste lustlos nach unten hängen.
Selbst von dem Turm, der über die zwei- und dreistöckigen Häuser hinweguagte, klang der Uhrschlag so zerrissen und unfrei, als spritze das Wasser in das Räderwerk und mache es rosten. Aber als der Nachmittag sich neigte, sandten aus den Böschungen des Walles Flieder und Goldregen scküoere Duftwellen aus die Promenade hinauf. Die mächtigen alten Kastanien, deren Zweige trotz der weiten Abstände ineinander- harften, als tanzten die bamoosten Häupter einen Ringelreigen, hatten in Regen und Wind ihre weißen Blütenflocken wie ein Schneetuch über den breiten Kiesweg geschüttelt. Der Wind hatte sein Werk getan und Feierabend gemacht. Und nun kam der Laternenmann die schmucklosen Lampen anznzünden, deren unruhiges Licht .über die weiße Blütenstraße flackerte, aus der sich halb Fünf-Hügelchen aufatmend erging. Auf der Villen-Schnur, vor dem hellerleuchteten Hause des Rechtsanwalts Sehren, stampfte der rassige Traber das Pflaster — er wollte losziohen, und sein Herr hatte im Haufe immer noch mehr Weisungen zu geben.
Es war wieder Großes im Werk — eine gefeierte Diva sollte morgen eintceffen, um in einem überzähligen der inzwischen ständig gewordenen Museumskonzerte zu fingen. Nie stieg ein Künstler im Hotel ab, sie alle kamen mit Empfehlungen ausgerüstet direkt in das Haus Sehren und wurden glänzend ausgenommen und beherbergt. Bald'rühmten selbst verwöhnte internationale Künstler dieses „Patrizierhaus" durch alle Provinzen und Großstädte — man beglückwünschte sich darob, wenn man schon mal da den Weg hinunter mutzte! iMan rühmte die Kultur der Wirte, ihr künstlerisches Verständnis, ihre gediegene Hausmusik, die geschickte Mischung gesellschaftlicher Typen auf ihren Empfängen, ihr behagliches, reiches Heim, die vorzüglichen
