fe—rij Morgen.veilage -er Wiesbadener Tagblatts. ss===3!)
Nr. 274. Mittwoch» 24. November.
lL2. Fortsetzung.)
Oer Orgel-Knger. m^na verboten.»
Roman von Edel» Rükt.
„Dazu ist ober doch gar keine Veranlassung! Die Verhältnisse kommen Herberts gefährlichem Temperament sehr zu statten — es müßte schon toll kommen, wenn die Flut ihn wegrisse I So toll, wie es gänzlich auher aller menschlichen Berechnung liegt. Ich meine . . . ."
„Eine ernste Frage, Knut: wird im Klub gespielt?"
„Was ich davon gesehen und gehört hrwe, läßt nichts befürchten — harmlos, es geht um Pfennige."
„Haben Sie Herbert spielen sehen?"
„Niemals! Ja — einmal ließ er sich widerwillig zum Skat schleppen, zur Aushilfe, und gewann zehn Mark."
,^Jch spreche nicht vom Skat, ich . .
,/Sie denken an Roulette und . .
„Ja!"
„Es ist nrir nichts davon bekannt. Freilich, wann lande ich eimnal im Klub? Aber das hätte sich längst herumgesprochen. Wie hätte Köster das für sich behalten können? Wer hat Ihnen je darüber . . ."
„O niemand, niemand! Mein Schwiegervater machte nur mal eine Anspielung — das heißt, er bemühte sich, durch mich etwas zu erfahren . . . Das hat mich eben erst darauf gebracht."
Wulfsen lachte.
„Ach so! Ja, der liebe Papa Sehren pflegt sich auch so mit allerhand, was die Zukunft bergen mag? den Kopf zu zerbrechen! Laßt doch Herbert laufen — er läuft sich schon die Hörner ab, dafür sorgen die Mauern von Füns-Hügelchen! Gerade je länger ich ihn studiere, desto mehr komme ich zu der Einsicht: Herbert hat
recht! Wenn Man erst älter und mürbe gearbeitet ist, ist's mit deni Leben und Ausladen vorbei! Er hat dos „große Wollen" mit in die Wiege bekommen, das muß sich irgendwie und irgendwo abnutzen. Ein paar Reinfälle werden da unvermeidlich sein, gewiß! Wer wie gesagt: er kann sie sich im Grunde leisten! Wir werden es alle erleben: der Philister siegt doch — der siegt in uns allen Kulturmenschen heut oder morgen!"
„Wie wühl das tut, lieber Freund! Ich wünschte, Sie hielten mir und vornehmlich all denen, die sich ewig um Herbert aufsuregen bemüßigt fühlen und mich dabei mit aufregen — hielten mir und denen nur täglich zehn Minuten lang solch ein Privatissimuml Mein armer Mann käme ein paar Jahre früher auf den Philister-iRacheposten I"
Dina war nun freudiger gestimint und erzählte von Susis neuesten Niedlichkeiten und von neuen Liedern, die sie sich verschrieben hätte und die sie heute mit dem Freunde noch ein wenig probieren möchte.
Und sie tranken dazu ungezählte Dassen Tee dazwischen und aßen gebutterten Toast mit selbsteingemachter Orangenmarmelade in Menge. Denn solch ein trauliches Teetrinken im kosiaen warmen Winkel war Heiden ein Hochgenuß. 9dur kamen sie selten dazu, sich jfvlch ein Plauderstündchen zu gönnen.
„Eigentlich — was die Temperamente anbeliangt, passen wir zwei doch besser zusammen, als Herbert und
ich", sagte Dina fröhlich und biß mit ihren Weißen Zähnen in -das geröstete Brot.
„Das sagen Sie so hin!"
,Ha, für die Ehe wäre es mit der Zeit vielleicht langweilig, aber so . . ."
„Ach so! So nebenher zur Abwechslung?"
„Zum Aus.ruhen!" . 4
„Wie ein langweiliges Buch zum Einschlafen!"
,/Sie übertreiben nun — ich habe das nicht gesagt.''
Sie lachten sich an und reichten sich die Hände zur Versöhnung.
„Übrigens, was war das für ein Buch, das vorhin hier auf dem Tisch lag — hatten Sie darin gelesen?"
„Ibsens Nora — ich habe heute den ganzen Tag darin gelesen, es hat mich sehr bewegt — ich fand so viel Bekanntes -darin — die Menschen. . ."
Wulfsen hatte sich das Buch geholt und blätterte darin.
„Es war Ihnen doch wohl nicht neu?"
„Doch! Hier i>at man Nora nie gegeben, und auf Reisen habe ich sie nie angetroffen, fo sehr ich auch daraus gemerkt habe."
„Und wie denken Sie über die Nora selbst?"
,/Sie werden ja lachen, wenn ich Ihnen sage, daß ich mir wie der unselige Hjalmar vorgekommen bin."
.Sie sich?"
„Ja. Sehen Sie, ich folae Herbert auch nur auf den glatten, -breiten Wegen, ich genieße in wohligen Zügen sein Temperament und freue mich seiner zärtlichen Liebe! Aber auf den krausen Wegen, wohin seine komplizierte Natur rhu führt, lasse ich ihn eigentlich im» Skich — -— da folge ich ihm unter undenkbaren Schwie- ringkeiten, wenn ich ihm überhaupt folge! Und wer weiß, eines Tages, in harter Prüfung, versage ich ganz und gar. Wenn er mir dann auch fortläuft wie Nora ihrem Manne, dürfte ich mich gar zu sehr wundern? Andererseits, eine Unredlichkeit, wenn auch den edelsten Motiven entsprossen, bleibt doch immer eine Unredlichkeit! Darf man nun ohne weiteres von einem Menschen eine Größe voraussetzen, die die peinlichen praktischen Folgen Übersicht und am rein Ethischen hängen bleibt? Nora müßte doch dann immerhin selbst die Größe besitzen, ihre Unredlichkeit, so liebenswürdig sie sich auch äußert, mit Hjalmars Schwächen auf die Wagschale zu legen, um zu erfahren, daß sie nicht schwerer wiegen. Sie besteht meiner Meinung »rach ebensowenig diese erste Prüfung, die ihre Lichesche aufrührt, wie Hjalmar. Sie kann sich ebensowenig in sein Normalempfinden schicken, wie er in ihr verzwicktes Anpassungsvermögen. Wie kommt sie dazu, so viel Größe von ihm zu verlangen, da sie doch nicht groß genug ist. seine Kleinlichkeiten zu vergeben, trotzdem sie ihn bisher von Herzen geliebt hat. Mir geht das nicht so recht ein."
„Hätte Nora anders gehandelt, so hätte Ks«r durch sie nicht den Typ des modernen Weites fefwelsgt uro das Werk hätte nicht den Triumphzug durch die ganz? Welt gemacht,"
