-es Wiesbadener Tagblatts. !» '- »i
Nr. 272,
Sonntag, 21, November.
1915.
(20. Fortsetzung.)
Der Orgel-Anger.
Roman von Edel» Nüst.
(Nachdruck verboten.»
„Ich fragte, ob du mit dem festen Plan, mir dar- ulber Aufklärung zu geben, herkamst?"
„Aufrichtig gesagt, nein — ich hatte nie den Mut, es dir zu beichten."
„Und was hat dich doch nun plötzlich so mutig gemacht?"
„Gabriele von Barten! Ihr halbe ich mich anver- traut, mit ihr habe ich alles das durchprobiert, was ich bisher für mich allein studierte, und sie hat mich angestachelt, mein Talent nicht untergehen zu lassen — ‘— sie glaubt an mich, und sie kann selbst schon so unendlich viel, daß ich ihr glauben Lars."
„Zllso doch indirekt eine Bescherung meines Herrn Schwregersohnesl Durch ihn ist ja das Fräulein von Barten zu uns in die Gesellschaft gekommen, um ihre Mission an dir zu erfüllen. Uird er schürt das Feuer, damit ich zu dem wohlgeratenen Schwiegersohn einen womöglich noch wohlgerateneren Sohn 'bekomme!"
„Du wirst nicht über mich zu klagen haben, aber lasse mir den Willen, denn ich täte es doch, weil ich müßte. Fräulein von Barten hat nieinen Entschluß nur beschleunigt, aber über kurz oder lang hätte ich es dir geschrieben. Ich denke aber, so ist es besser, so offen heraus."
„Und du meinst, daß ich nun gleich von deinen Liraden benmnmxn Lin und zu dem Hellen Unsinn nur die Hände falte und Amen sage?"
„Ich kann den „Unsinn" dabei nicht scheu, Papa! Heute ist der Künstler- und Schauspielerstand geachtet wie jeder andere und bringt mehr ein als die meisten bürgerlichen Berufe."
„Das heißt, die Qberbonzen darin sind geachtet und werden mit Gold bepflastert, und die darunter Wim- nreln, die Handlanger, sind nach wie vor Proletarier! Wer sagt dir, daß dn zu den Oüerbonzen gehören wirst?"
„Das wird die Zeit lehren. Sei versichert, unter deine Proletarier werde ich nicht geraten."
„Weil du in der Wahl deiner Eltern zw vorsichtig »varst, meinst du."
„Nickst darum! Aber weil ich dank deiner Güte nicht nötig habe, ein Schmierenkomodiant sein. Wenn ich in drei Jahren nicht die volle Aussicht wenig- slens auf eine gute Position habe, schwöre ich es dir in deine Hand, daß ich dann umkehren werde und zu die komme, um Kaufmann und dein Nachfolger zu werden. Bist du dcunit zufrieden?"
„Also du meinst, ein verkrachter Komödiant taugt immer noch zum Kommerzienrat?"
„Wenn er Geld genug hat? Bewillige mir weiter, was du mir bisher bewilligst hast."
„Und toenn ich sage, ich gebe dir keinen Heller, sich, wie du mit meinem Segen, cm dem dir so viel liegt, weiter kommst?"
„Und wenn du mich enterbst, es kann nichts ändern, ich bleibe fest."
„Ach, schöne Redensarten!" ,
„Du wirst es nicht tun. Papa, uud hasst ja auch kein« Veranlassung .dazu! Und vergiß nicht, daß Rhetorik aus der Schule mein einziges bestes Fach war, ich bin asto nur meinen natürlichen Entwicklungsgang gegangen. Also, du schlägst ein, Papa?"
Der Kominerzienrat legte seine Hand nicht gleich rn die seines Sohnes: „Ich werde es mir iroch über
legen, Auf morgen!"
. Lauter wieder allein war, lächelte er bitter vor sich hm. Das-war ja heute ein Tag!
Das lehrte ihn viel!
Er hatte sich überhaupt nichts mehr zu überlegen, er. hatte einfach ja zu lagen imd den Geldschrank zu osinen, sonst erinnerte man ihn zart an seine Verbrechen der Familie gegenüber: seine Heirat und seine Zuge- staudnisse an die Grümuüche Verwandtschaft!
O, er verstand sehr Wohl!
Sie meinten, sie hätten ihn in ihrer Macht! Aber noch war er der Mann, der das Heft in der Hand hielt.
Er wußte, ivas er bewilligen mußte, aber darüber hinaus gab's fortan einen Damm!
Und doch ging Ludwig Lauter seit diesem- Taae etwas gebückter eiicher.
Als er am Abend das Bedürfnis füblte, seiner Fnau Mitteilung über die Geschehnisse zu machen, sagte sie betreffs Herberts und seiner Geldangelegenheit, hoch- mutig mit den Schultern zuckend: „Bist du von siiu°r Habgier überrascht? lind auch Dina lernt zu fordern
— sie ist längst nicht mehr die, die sie war; sie »rächst Mit dem chodentendsten" Diann von Fünf-Hügelchon I"
Dann klingelte sie nach Hut. Mantel und Blaufuchs
— eine Vierrausondmark-Kleinigkeit, durch die ihr das Neujahrsfest vom Gatten verschönt worden war Sie mußte noch in eine Komiteesitznng für eine Wohlfahrts- angelegenheit und war nicht in der Laune, Sorgen zu teilen.
Lauter hatte gerade noch Zeit, ihr über Ottos Ent- schluß zu berichten. Eine Weile sah sie den Kommerzienrat an. als habe er den Verstand verloren. Dann ging sie wichen Schrittes auf das dunkle Eichen-Dodo zu, bas sich längs zwei Wänden des Zimmers zag, griff nach einer kostbaren chinesischen Vase, packte sie mit beiden Händen und warf sie mit aller ihr zu Gebot stehenden Kraft auf den Teppich, daß sie in tausend Scherben brach.
„Lucy . . . ,1" sagte Lauter, sein Gesicht ivar asch- fahl geworden. Er hatte auch kaum die Lippen bewegt, so leise hatte er den Namen in maßlosem Staunen gerufen.
Frau Lucy flackerte ihn mit wilden Augen an. „Ein Narr bist du — sie tanzen dir aus dem Kopf!"
*
Knut von Wulfsen hatte einen schweren Tag gehabt. Er faß jetzt allein bei feiner Abendmahlzeit, die seine Wirtschafterin chm mit gewisser Zierlichkeit und kuchb tuend geräuschlos vorsetzte.
