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Sonnlag, 21. November 1915.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 542. - 62. Jahrgang.
Der Fe«i> mm letzten Rest Altserbiens vertrieben.
Die Bulgaren in Monastir eingerückt.
Oie Linie Sienica - Ougapoljana- Naska überschritten.
Die italienischen Angriffe auf der Hochfläche von voberdo überall zurückgeschlogen. — Abermaliges Lustbombardement von Verona und anderen italienischen Städten.
Der österreichisch-ungarische Tagesbericht
W.T.-B. Wien, 20. Nov. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 20. November, mittags:
Russischer ttriegrschauplatz.
Bei der Armee des Erzherzogs Joseph Ferdinand wurde nordwestlich von O l i k a ein russischer Angriff abgeschlagen. Sonst nichts Neues.
Italienischer ttriegsschauplatz.
Die Käulpfe im G ö r z i s ch e n dauern fort. Der Brückenkopf von Görz wurde wieder an mehreren Stellen vergeblich angegriffen, die Stadt eine Stunde lebhaft, dann mäßig beschossen.
Am Nordteile der Hochfläche von D o b e r d o erneuerte der Feind seine Vorstöße mit starken Kräfte» sowohl gegen unsere Stellungen am Nordhange des Monte San Michele als auch gegen den Ab- 'chnitt von San Martina. Mehrfach kam es zum Handgemenge. Die Italiener wurden überall zurückgeschlagen. Unsere Kampflinie ist »ach wie vor in unseren Händen. Dasselbe gilt auch von unseren Stellungen bei Zagora, wo der Gegner nächst der Straßensperre eindrang, in erbittertem Nahkampfe aber wieder vollständig vertrieben wurde. Unsere Flieger bedachten Verona, Vicenza, Tricesimo, Udine und Cervignano mit Bomben.
Südöstlicher Kriegsschauplatz,
Die Armee des Generals v. K o e v e ß hat Nova Baros besetzt und die Linie Sienica-Duga- poljana-Raska überschritten. Südöstlich von Raska nahm eine k. und k. Brigade 2000 Serben gefangen
Die deutschen Truppen des ®e«er i v. Gollwitz kämpfen südlich des Prepolac-Sattels, die Armee des Generals Bojadjrff im Gebiete von Coljek Planin a. Der Feind wurde sonst gestern durch die Waffen der drei Verbündeten Heere vom letzten Rest altserbischen Bodens vertrieben. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. Höser, Feldmarschallentnant.
Die Ereignisse auf dem Balkan.
Die Vulgaren ziehen in Monastir ein.
Frankfurt, 20. Nov. (Zeus. Frkft.) Der „Franks. Ztg." wirb aus dem Haag berichtet, daß laut einer Meldrtng ter römischen „Tribnna" die ersten bulgarischen Truppen in Mona st ir ringerückt seien. Die Bevölkerung sei geflüchtet.
Gewißlich ist in diesen letzten Tagen von den Serben and ihren englisch-französischen Helfershelfern nichts unversucht gelassen worden, um Monastir, den letzten großen Platz in Serbien, vor dem Schicksal zu retten, das schon Pirat, Risch, Kragujevac und so mancher anderen Stadt Serbiens zuteil geworden ist Noch zuguterletzt hatten sie sich vereinigt, um mit neuen Verstärkungen einen Flankenstoh zu unternehmen, der die bulgarischen Truppen aus mazedonischem Gebiet, schwer treffen und sie womöglich dann über den Wcwdarabschnrtt zurückwerfen sollte. Es ist alles anders gekommen, als man gehofft hatte, Tenn unaufhaltsam drangen, durch den Kontakt mit den deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen gestärkt, die Bulgaren vor. Nachdem noch der strategisch wichtige Paß der Babuna-Planina an der Straße Veles-Prilep genommen und dieser letzte Ort sogar selbst erobert worden war, konnte Monastir als ernstlich gefährdet gelten, und so erscheint es begreiflich, daß der Kommandant der serbischen Südarmee den Konsuln des Vierverbandes an- rtet, so schnell, als ihre Füße sie tragen würden, zu fliehen, da er keine Verantwortung mehr für ihre fernere Sicherheit tragen könnte, und daß er, als diese glaubtem, es wäre wohl noch genügend Zeit, verzweifelt ausrief: „Meine Herren, der letzte Augenblick ist gekommen!" Wie sehr auch die Serben ihre Verbündeten anflehten, ihnen Artilleriemunition au
überlassen, diese taten es nicht, und so mußten jene Geschütze und alles, was schwierig zu transportieren ist, zurücklassen, damit wenigstens so viele, als konnten, ihren Leib in Sicherheit brachten.
Monastir, das alte Bitolia, war nächst dem seit den Balkankrregen griechisch gewordenen Saloniki die größte Stadt Mazedoniens. Mit den vier Sandschaks (Regierungsbezirke) Monastir, Dibra, Elbassan, Gevridscha oder Koritza zählte es etwa 715 000 Einwohner, von denen die Hälfte christliche und mohammedanische Bulgaren sind. Am Dragor, einem Zufluß der Tscherna, in der Nähe des sagenhaft umwobenen alten Heraklea Lyniästis und am Fuße des Peristeriberges gelegen, zieht sich außerhalb der Stadt die alte Via Egnatia hm, während die rings umher liegende fruchtbare, aber versumpfte Landschaft noch heute wie im Altertum Pelagonia heißt und nach ihr auch der griechische Erzbischof von Monastir benannt wird. Bon hohen Bergen umgeben und gut geschützt, bildet Monastir den Knotenpmrkt wichtiger Verkehrsstraßen, von denen eine in südlicher Richtung nebst einer Eisenbahn nach Saloniki führt, eine andere nach Durazzo und eine sogar in fortlaufender Linie bis Sofia geht. Von Monastir aus kann man auch nach Prilep und Tetovo, dem heißumstrittenen Ort der letzten Kämpfe, gelangen, nur daß die Bulgaren den Weg umgekehrt machen. Und vom iiahegelegenen Wardar aus erreicht man die Pässe der Ba- bunaberge, an denen sich die letzten großen Kämpfe vor der Eroberung von Monastir abspielten.
In unvergleichlichem Draufgängertum und trotz mancher Rückschläge zäher Ausdauer ist es den Bulgaren gelungen, sich auch dieser Stadt zu bemächtigen, während der österreichisch-ungarische Tagesbericht melden kann, daß nach der Besetzung von Baros, Sjenica und Raska und dem Überschreiten der Linie Sjenica- Dukapoljano-Raska der Feind vom letzten Rest altserbischen Bodens verdrängt ist. Das sind Erfolge, die sich sehen und hören lassen können, denen die letzte, für die Serben aufbewahrte Katastrophe wohl bald, sehr bald, folgen dürfte. Denn entgehen wird Serbien seinem Schicksal nicht, und dann werden auch einem Worte des Reichskanzlers zufolge, das erst dieser Tage noch im englischen Parlament wieder als Waruungsrus in den Saal hineingerufen wurde, tatsächlich wieder neue Armeen zu neuen Schlägen bereit! Dr. A. H.
Oie folgen des Durchbruchs bei pristina.
Auch für Griechenland naht die entscheidende Stunde.
Sr. Sofia, 20. Nov. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) Der Durchbruch der serbischen Front bei P r i st i n a zeitigt für die Serben äußerst ernste Folgen. Die bulgarische Armee Thodorow sucht südlich von Pristina von Norden her die Flucht der serbischen Truppen vor der Armee Gallwitz auf dem einzigen nach Pristina führenden Wege abzuschneiden; von K u rs u m l i j a bis Pristina sind nur 50 Kilometer. Sobald die Serben diese Strecke zurückgelegt haben, werden die flüchtenden Truppen von der Armee Thodorow im Gebiete von Pristina angegriffen. Hierdurch wird der weitere Rückzug der Serben unmöglich gemacht und die Serben müssen sich auf dem Amfelfelde zur Schlacht stellen, wo sich bereits schon einmal das Schicksal Serbiens erfüllte. Mit dem Vordringen in Südmazcdonien begann ein neuer Abschnitt des Krieges, wobei die Haltung Griechenlands eine große Nolle spielen dürfte. Jetzt muß es sich entscheiden, wie sich Griechenland gegenüber den flüchtenden Truppen verhalten wird. Nur wenige Tage noch und die Ereignisse werden die Antwort auf diese Frage geben.
vorbereitende Maßnahmen für den serbischen Rückzug nach Albanien.
" Französische und englische Offiziere in Nordepirus.
Sr.. Konstantinopel, 20. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) Eingetroffenen Nachrichten zufolge haben sich in Santi Quaranta mit Automobilen gelandete englische und französische Offiziere nach Nordepirus begeben, um den Rückzug der serbischen Armee nach Albanien vorzubereiten. Um die Massenflucht der Bevölkerung von Monastir nach Griechenland zu verhindern, wurde die Bahu- vcrbindung von Monastir nach Florina auf einen täglich verkehrenden kurzen Posizug beschränkt.
Die Albancscnwehr gegen die fliehenden Serbenheere.
Sr. Konstantinopel, 20. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) Bon der albanischen Grenze wird gemeldet, daß sich in der Nähe der serbischen Grenze bei Brot, Babas- niza und Nestelniza albanesische Truppen konzentrieren, um die von Prisrend »ud Bostivar her flüchtenden serbischen Truppen am Überschreiten der Grenze zu verhindern. Hier keilt sich die albanische Grenze in das serbische Gebiet hinein, weshalb die Gegend zur Defensive sehr geeignet ist. Die geradeste Durchmarschlinie durch Albanien führt von diesem Gebiet nach San Giovanni di Medua am
Adriatischen Meer. Dort können aber Truppeneinschiffungen nicht vorgenommen werden, da die Nähe der feindlichen Stellumgen dies nicht erlaubt. Es ist daher mit Sicherheit anzuuishmen, daß die Serben den Weg nach Durazzo wählen worden.
Sr. Budapest, 20. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) „A Billag" meldet aus Saloniki: Nach Berichten aus Korfu haben die albauesischen Truppen, welche den sich zurück- ztcheuden Serben den Weg nach Albanien abschneidon wollen, bereits die Zahl von 20 000 Manu erreicht. Die Albanesen sind gut ausgerüstet und verfügen über vortreffliche Artillerie. Diese albanesischeu Truppen sind bereits auf den» Wege nach Serbien.
Ein Attentat auf paschitsch?
Der Attentäter hingerichtet.
Br. Budapest, 20. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) „A Villag" meldet aus Bukarest: Dort einge- tcoffenen Nachrichten zufolge soll ein Major des serbischen Genevalstabs auf Paschitsch ein Attentat verübt haben. Er feuerte einen Schuß ab, der jedoch nicht traf und Paschitsch gelang es, zu flüchten. Über das Attentat werden noch folgende Einzelheiten gemeldet: Als die serbische Regierung auf ihrer Flucht in Raschka eintraf, griff der Attentäter Paschitsch an, indem er die ganze serbische Regierung als eine Bande von Hochverrätern bezeichnete, welche die serbische Natton auf die Schlachtbank sichre, ihre eigene Haut aber in Sicherheit bringe. Der Mrrjar zog darauf einen Revolver und gab zwei Schüsse ab, welche direkt neben Paschitsch in die Wand einschlugen. Der Mawr, der einen förmlichen Tobsuchts- anfall bekam, als er sah, daß ihm das Attentat mißglückt war, wurde verhaftet, zum Tode der-, urteilt und sofort hingerichtet.
vle Saloniki-Expedition.
Aus dem englisch-französischen Mimsterrat.
Sr. Genf, 20. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zens. Mn.) über die vom englisch-französischen Kriegsrat in Paris gefaßten Beschlüsse will „Figaro" wissen, daß Hinsicht- lich der Saloniki - Expedition der Kriegsrat einstimmig für eine tunlichst energische Durchführung der Expedition sich aussprach, ohne sich dabei durch irgend welche Bewegungen beeinflussen oder behindern zu lassen. Es würden Maßnahmen getroffen werden, um alle Hindernisse, die sich entgegenstellen sollten, koste es, was es wolle, zu beseitigen. Kommentare der Blätter erblicken in diesem französisch-englischen Kriegsrat den ersten Schritt zu einem ständigen Komitee der Verbündeten, das neben einem ständigen Kriegsrat aller verbündeten Generalstäbe von Zeit zu Zeit zusammentreten soll.
DasExpeditionskorps nachKegypten bestimmt?
Sr. Konstantinopel, 20. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Hier hält man auf Grund zuverlässiger Meldungen die Zurückziehung der englischen Truppen von der Linie Gewgeli-Doiran und deren Überführung nach Ägypten für wahrscheinlich. Kitchener soll geäußert haben, daß die weitere Teilnahme Englands am Balkankrieg angesichts der Bedrohung Ägyptens mit den Interessen Englands unvereinbar sei. In diplomatischen Kreisen ist es ausgefallen, daß in den von der französischen Gesandtschaft in Achen veröffentlichten Kriegsberichten ausdrücklich hervorgehoben ist, daß bisher Engländer an den Kämpfen gegen die Bulgaren nicht teilgenommen haben.
Oie Bedrohung Griechenlands durch die Entente.
In Paris und London hat die Presse, ganz zweifellos einem Gcheiß des Ouai d'Orsay und der Downing- street folgend, mit der schärfsten Bedrohung Griechenlands und seiner Unabhängigkeit als Staat begonnen. Denys Cochin betrat offenbar nicht nur mit der Friedenspalme den hellenischen Boden und noch weniger Lord Kitchener; sie. haben höchstwahrscheinlich den Auftrag, eine bündige Erklärung da» über zu verlangen, daß etwa zurückflutende serbische oder französisch-englische Truppen beim Überschreiten der griechischen Grenze nicht entwaffnet werden, daß ein überNältigtes, geschwächtes Ententehecr und die Trümmer des entmutigten, halb verhungerten serbischen bei ihm nicht nur eine sichere Unterkunst finden, iondern sich Leute formieren und bewaffnen können. Sollen da auf die Dauer die Bulgaren und ihre Bun-
