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Morgen.veilage der Wiesbadener Tagblatts, t»--—^

Nr. 271. Samstag. 20. November. 1915.

(19. Fortsetzung.) ©^0^1 5 (Nachdruck verboten.!

Roman von Edela Rüst.

„Du zwingst mich, -daran zu mahnen, lieber Onkel, Latz du mit anderen, sehr viel entfernteren Gliedern deiner Familie sehr viel ritterlicher verfährst — uns etwas gar zu ritterlich! Oder hast du Verpflichtungen, einen leichtsinnigen Leutnant der Armee um jeden Preis zu erhalten? Sit sind alle drei genau unter­richtet und sind all drei in dieser Beziehung ganz einer Meinung, wenn wir auch feinfühlig genug waren, nicht daran zu rühren. Heute hast du mich dazu getrieben, dir gerade, sehr gerade in die Augen zu sehen-ver­

zeihe, aber in unserer Stellung zueinander ist Notüvahr unumgänglich: du durftest nicht gar zu schwierig wer­ben deinen Allernächsten gegenüber, wenn du . . ."

„Kein Wort weiter! Ich sehe, worauf es hinaus- laust! Morgen kannst du deine Forderung einzichen und den Grundstein zum Ruin des Hauses Sehren jun. legen. Weiter aber, darüber werden wir uns urkund­lich einigen, gibt es keinen gebogenen Heller bei meinen Lebzeiten, Herr Schwiegersohn."

„Damit bin ich gern einverstanden, Onkel. Sei versichert, ich habe nicht die Absicht, von dir Ungebühr­liches zu erpressen, aber Recht mutz Recht bleiben, und das Recht 'war längst auf Linas Seite — oder gibst du das nicht zu?"

„Ich wüßte nicht, daß ich Dina geschädigt 'habe."

„Gewiß nicht! Aber Dina ist doch nun nicht mehr allein deine Tochter, und als Frau ihres Mannes än­dern sich auch ihre Pflichten und Ansprüche gegen dich etwas! Daß die Väter das immer nicht begreifen wollen . . .!"

„Höre ans an reden — du hast dich schon bei mir um Kopf und Kragen geredet!"

„Du bist jetzt im ersten Zorn, du nimmst es für Raub! Morgen wirst du anders denken und mir recht geben, dah ich die Chancen eintach nütze. Um Dinas willen wirst du schon anders denken und dich an die natürlichen Folgen ihrer Heirat gewöbnen."

„Dazu hatte ich schon Gelegenheit! Aber na — eben um Dinas willen soll's ohne Geschrei ab gelten: sch gestehe euch euer Recht zu, und damit tue den großen Schritt ans- oder abwärts!"

Die Herren trennten sich dann in scheinbar bestem Einvernehmen, nachdenr Herbert es noch über sich ge­wonnen, sich zu entschuldigen, daß er sich zu der Autze- rung über Erlass Grüinm habe hinreitzen lassen. Es sei nicht beabsichtigt gewesen, und er hätte noch Dina versprechen müssen, diese Kenntnis der Verhältnisse streng für sich zu behalten, aber Lauter müsse doch auch zugeben, daß er ihn mit seiner Anspielung auf Petri etwas über Gebühr gereizt habe.

Als Herbert die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ sich Lauter schwer in das kirschrote breite Ledersofa niedersallen, und fuh r sich mit beiden Händen gegen die hämmernden Schläfen.

Also man sah ihm doch schon auf die Finger I

Wie hatte er sich aber auch einbilden können, daß das nicht durchsickern würde? Der Klatsch ging doch

von Regiment zu Regiment, gerade wie hier von HauS zu Haus!

Ja. ja — was diese zwei Jahre verschlungen hatten, so ununterbrochen bar verschlangen, ohne daß ein Pfennig je davon zuriickkam!

Und nun diese Hunderttausend wieder dem Geschäft entziehen, als ob's nur so ein überflüssiger blauer Lappen wäre! Vielleicht käme nun auch bald Otto, sein Muttertet! fordern — berechtigt war er gerade so gut dazu, er könnte es ihm nicht vorenthalten, um nicht böses Mut zu machen. Ja, weiß Gott, es war keine Bagatelle! Es riß sein Haus nicht nieder, aber trotz­dem — es war keine Bagatelle! Wer weiß —■ es rück­ten vielleicht noch Sorgen in sein Alter, das so klar und festgefügt vor ihm gelegen hatte.

Seine Heirat hatte eine,: großen Wandel geschaffen

er konnte es sich nicht verhehlen. So hatte er es sich doch nicht gedacht! Eines riß immer das andere mit, und dieser Ultimo hatte ihm doch zu denken gegebenI Zudem, die Konkurrenz mehrte sich, das Geschäft war auch nicht mehr das, was es noch vor zehn Jahren ge­wesen war! Statt langsam einzufchlununern, würde er noch einmal mit erneuter Kraft und allem Aufgebot an die Arbeit gehen müssen.

Zu Tisch fand der Komimerzienrat seinen Sohn Otto vor, der ja nun in den nächlsteit Taget: Minf- Hügelchen wieder den Rücken kehren würde.

Lucys Stimmung war inzwischen umgeschlagen: sie war ganz Sonne und Heiterkeit und eifrig bemüht, ihre beiden „Kostgänger" viel lachen zu machen.

Sic lachten auch beide, sie lachten viel und laut, und keiner benterkte wie der andere sich dabei abguälte.

Otto saß außerdem noch mit flammend rotom Kopf da und machte sich innerlich mit seiner Fvau Mutter zu schaffen. Er hatte wieder mit ihr ein paar Mal um den Wall laufen müssen, und dann hatte sie ihn die halbe Stunde zu Hause, ehe der Vater zu Tisch kam, tmter heißen Tränen beschworen, in Fünf-Hügelchen zu blei­ben und hier weiter zu studieren, damit sie doch eine Seele habe, die ihr wohl wolle, mit der sie sich im Ver- trauen aussprechen könne.

„Du ahnst es ja nicht, wie einsam, wie grauenvoll einsam ich hier bin. Niemand ahnt es."

Er hatte sie tröstend in die Arme getrommen, ihr die Wangen gestreichelt und sie immer wieder geküßt, um sie nur zu beruhigen. Er wußte gar nicht, was er ihr sagen sollte, sie schien so ganz fassungslos.

Mit dem Hierbleiben war es auf alle Fälle nichts. — Mit seinem Studium war er längst fertig, und seit er zu Hause war, wartete er aus die Stunde, die ihin endlich den Mut geben sollte, sich seinem Vater zu ent­decken. Jetzt kam der Abschied — es mußte nun sein.

Der Kommerzienrat zog sich zurück, um in der „blauen Grotte", dem die untere Zimmerflucht ab-, schließenden kleinen Salon, sein übliches Diertelstünd- chen abzunicken, und Otto ging in sein altes Zimmer