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Kreitag, 19 , November 1915.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 539. ♦ 63. Jahrgang.
Javor besetzt.
Die Bedeutung des Sieges bei Ezartorqsk.— Görz wieder unter heftigem italienischen Geschützfeuer. — Gesterreichische Flieger beschietzen Belluno. — Oie serbische ttopaonlk-planina überschritten. — Oie Rablanhöhen von den Bulgaren gewonnen.
Der österreichisch-ungarische Tagesbericht.
W. T.-B. Wien, 18. Nov. (Nichtamtlich.) Amtlich oerlautet vom 18. November, mittags:
Russischer Rriegsschcmplatz.
Die Lage ist unverändert. Beim Aufräumen des Schlachtfeldes von Czartorysk ist erst die volle Größe des jüngst errungenen Erfolges zutage getreten. Der Feind hatte schwere Verluste. Bisher wurden 2500 Russen begraben und 400 frische Gräber gezählt. Mehrere tausend Gewehre und große Mengen Munition sind die Beute, die noch steigen dürste. Der Gegner besaß am westlichen Styr-Ufcr vier hintereinanderliegcndc starke Stellungen mit Drahthindernissen, Stützpunkten und Flankicrungsanlagen. Ausgedehnte Hüttenlager mit Blockhäusern und große Stellungen beweisen, das; er sich schon für den hinter eiugerrchtet hatte.
Italienischer Rriegsschauplatz.
Im Laufe des gestrigen Tages nahmen die Italiener ihre Angriffstätigkeit nicht wieder auf. Nachts versuchten sie schwache Vorstöße gegen Z a g o r a, am Nordhange des Monte San Michele und gegen den Abschnitt südwestlich Sau Martina; alle wurden abgewiesen. Seit heute zeitig früh steht G ö r z wieder unter heftigem Geschützfeuer. In der ersten Stunde fielen etwa 400 Geschosse in die Stadt. Der alte Stadtteil von Riva war gestern dom Altissimo her unter Feuer. Unsere Flieger warfen Bomben auf die Kasernen von B e l l u n o.
Südöstlicher Rriegsschauplatz.
Die Verfolgung macht trotz schwerer Unbillcn der Witterung gute Fortschritte. Nördlich von Nowa Varos nähern sich unsere Truppen dem Abschnitte des Uvac. Der Ort Javor ist in Besitz genommen. Südlich von I v a n i j i c a schoben wir uns im Raume um die Höhen Jankov Kamicn nahe an die Paßhöhen der Golija Planina heran. Deutsche Truppen sind bis etwa halbwegs Usce-Raska vorgedrungen; während österreichisch-ungarische Kräfte, von Osten gegen den Jbar vorstehend, die Kopaonik- Planina am Wege nach Karadag überschritten haben. Die Truppen der Armee v. G a l l w i tz sind über das von den Serben geplünderte Kursumlije südwärts vorgcdrungcn. — Bulgarische Kräfte gewannen kämpfend die Höhen des Ra blau und den Raum südöstlich davon.
Der Stellvertreter dxs Chefs des Generalstabs: v. H ö f e r, Feldmarschallentnant.
Die Ereignisse auf dem Balkan.
Vas Schicksal Monastirs besiegelt?
MV. T.-B. Mailand, 17. Nov. (Nichtarrctlich.) Der Spezialberichterstatter des „Corriere della Sera" drahtet ans Florina: Das Schicksal Mouastirs ist nunmehr besiegelt. Nach lötägigen wütenden bulgarischen Angriffen, denen die Serben heldenmütig standgehalten haben, kreisten die Bulgaren die Babrkna-Stellung ein. Vor 50 000 Bulgaren, die im Tale und aus dem südlichen Abhange des Babunaberges verteilt sind, mußten sich die beiden verteidigenden serbischen Regimenter zurückziehen, da sie rn Gefahr waren, durch ein anderes von T e t o v o kommendes bulgarisches Armeekorps von der Rückzug s l i n i e abgeschnitten zu werden. Monastir lebe in ang st voller Erwartung. Hunderte von Einwohnern von Monastir flüchten gegen die griechische Grenze zusammen mit Tausenden von Bauern und Hirten.
Die Baburrapässe umzillgelt.
Sr. Rotterdam, 18. Nov. (Eig. Drahtocricht. Jens. Bin.) Das Pariser „Petit Journal" erfährt aus Saloniki: Nach heftigem, blutigem Gefecht ist es den Bulgaren gelungen, die Babuna-Pässe zu umzingeln und drei serbische Re
gimenter mit einer bedeutenden Menge Geschütze ernstlich zu bedrohen. Die Lage ist kritisch geworden für die Serben, die entweder ihren Abzug erkämpfen oder einen großen Teil ihrer Truppen aufopfern müssen, um sich um jeden Preis zu behaupten.
Der serbische Rriegsrat für Fortsetzung des Rampfes.
Rotterdam, 18. Nov. (Jens. Bln.) Lyoner Blätter erfahren aus Saloniki, daß im Beisein alter Mitglieder der serbischen Regierung am Mittwoch ein Kriegsrat ab gehalten wurde. Bedeutende Entscheidungen wurden bezüglich der Wetterfiihrung des Krieges getroffen. Mehrere Mitglieder des Kabinetts rieten zur Einstellung der Feindseligkeiten und zum Abschluß eines Waffenstillstandes mit den Mittelmächten und Bulgarien, da sie der Meinung waren, datz ein weiterer Widerstand unnütz sei. Die Kriegsvartei stimmte jedoch dagegen, so datz schließlich der Beschluß gefaßt wurde, den Widerstand auf der Nordostfront bis zum Einttefsen der Hilfstruppen der Verbündeten fortzusetzen.
„wir können nicht länger widerstehen!"
Hilferufe serbischer Offiziere.
Br. Lugano, 18. Nov. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) Eine Depesche des „Corriere della Sera" berichtet aus Saloniki: Zwei serbische Offiziere trafen in Saloniki ein, um mit Tränen in den Angen Hilfe zu erflehen. Die serbischen Offiziere sagten wörtlich: Wir können nicht länger widerstehen, wir können nicht mehr. Wir haben nur noch wenig Mannschaften, wir haben kein Brot für die Soldaten. Wir müssen alle verhungert sterben, wir können Serbien nicht retten.
Alle rufen um Hilfe.
Warum zögern die Berstärkungen, wenn es morgen schon zu spät ist?
Nr. Genf, 18. Nov. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) Einen letzten dringenden Helferuf nach Paris und Sortbon sendet der Sonderberichterstatter des „Journal": Unsere Verstärkungen zögern, anzukommen, und die Stunde rückt vor. Ich glaube zu wissen, daß unsere Diplomatie in diesem ernsten Augenblick eine sehr energische Haltung einnimmt, aber Energie der Worte ist wenig wirksam, wenn sie sich nicht auf energische Handlungen stützt, und ich wiederhole die beängstigende Frage: Wann kommen unsere Verstärkungen an? Die Fahne des Rechts ist hier im Spiele. Wir dürfen nicht mehr mit Wochen, nicht mehr mit Tagen- sondern nur noch mit Stunden rechnen. Wird man diese kleine, hier in ein Abenteuer gejagte Armee, wie in einem Nest handeln lassen, will man ihr die Mittel geben, zu siegen oder soll sie unnütz umkommen? Der serbische und französisch-englische Heroismus kann durch ein Verzögern der Katastrophe dies nur dann verhindern, wenn man sich endlich beeilt, aber morgen wird es schon zu spät sein. Ich sage nicht mehr, als was ich absolut sicher weiß.
Das serbische Flüchtlingselend.
Sr. Lugano, 18. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bln.) Magrini meldet dem „Secolo": Große Massen von Flüchtlingen durchziehen die Straßen über Raschka-Mttropitza- Pristina oder lagern in strömendem Regen auf dem Amsel- seld. Für sie alle fehlt das Brot vollständig. Sie ernähren sich von Fleisch und Kartoffeln. Auch die Verpflegungsver- hältnisse des Heeres sind nicht gut. Die flüchtende Bevölkerung zieht zum Teil nach Montenegro. Auch dort fehlen die Lebensmittel, und sie dort zu ernähren, scheint unmöglich. Es fehlt auch an Spitälern für die Verwundeten. Die meisten Flüchtlinge sterben am Wege. Auf dem Wege nach Albanien ist der Sekretär der russischen Gesandffchaft in Serbien in Saloniki eingetroffen. Er erzählt, daß die Gesandtschaften beim Verlassen Kraljevos ihr diplomatisches Gepäck nicht mehr mitnehmen konnten, so daß die Archive und die Chiffrierbücher verbrannt werden mutzten.
3ur Lage in Saloniki.
Etwa 5000 Mann werden täglich gelandet.
Sr. Konstantinopel, 18. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Nicht die wachsende Zahl der fremden Truppen in Saloniki, wohl aber ihre kaum noch zweifelhafte Absicht, sich in Saloniki häuslich n i edelr z ul a ssen, besonders die Verträge von Unternehmungen über den Bau von Kasernen usw., beginnt die Bevölkerung zu beunruhigen, die trotz der Treibereien der venizolistischen Sendlinge überwiegend für die Ausrechterhaltung der Neutralität sind.
Sr. Rotterdam, 18. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) „Daily Mail" meldet: Den Engländern ist es unmöglich, mehr als 5000 Mann täglich in Saloniki zu landen. Es wird also zwei Monate erfordern, um 800 000 Mann zu landen.
Die Besorgnis wegen albanischer Revolten.
Vermißte englisch-französische Marinekontingentc.
Sr. Rotterdam, 18. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Der „Times"-Berichterstatter drahtet unterm 15. Nov. aus Modena: Die Serben halten die Albanesen noch im Schach, die Befürchtung besteht aber, daß die Albanesen bei weiteren serbischen Schlappen revoltieren lverdcn. Von den englischfranzösischen Marinclontingenten, die nach Mitrowitza, bezw. Monastir unterwegs seien, fehlt jede Kunde.
Die Forderungen der Entente.
Kitchener in Saloniki?
Br. Lugano, 18. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Die Konzentrierung der Ententeflotte vor Saloniki hat begonnen. Kitchener kam in Saloniki an und hielt sofort einen Kriegsrat ab. Die römische Presse erklärt einmütig, datz die Entente endlich andere Saiten aufziehen werde. Der „Corriere della Sera" bestätigt offiziös, daß der Schritt der Entente in Athen bereits erfolgt sei. Die Entente verlange kategorische Zusicherungen über das Verhalten Griechenlands für den Fall, daß die fliehenden serbischen oder verfolgenden deutsch-bulgarischen Truppen die griechische Grenze überschritten. Die Entente verlangt ferner die Garantie für alle Sicherheit des gelandeten Entente- Heeres. Die „Stampa" klagt, wie immer, es komme die Entente auch bei ihrem heutigen Druck auf Griechenland zu spät.
Ein gemeinsamer Schritt des vierosrbandes in Athen.
Br. Lugano, 18. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Der „Corriere d'Jtalia" meldet aus Athen: Bon den Bier- verbandsmächten wurde gestern ein gemeinsamer Schritt bei der griechischen Regierung unternommen. Man versichert, daß Italien sich ihm angeschlossen habe, nachdem der italienische Vertreter die nötigen Weisungen von Rom erhalten habe. Ter unternommene Schritt soll in energischer Form gehalten sein.
Der französische Minister Eochin in Athen.
W.T.-B. Athen, 17. Nov. (Nichtamtlich.) Agence HavaS.) Minister Denys Eochin ist hier angekommen.
Br. Rotterdam, 18. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zens. Mn.) Der „Nieuwe Rotterdamsche Courant" berichtet aus Athen: Der dorttge Gemeindevat hat einstimmig beschlossen, den französischen Minister Eochin bei seiner Ankunft feierlichst eiuzuholen, bei welcher Gelegenheit der Bürgermeister ihm das Ehrendiplom der Stadt Athen überreichen soll.
(Anmerkung unserer Berliner Schriflleitung: Allzu hohe politische Bedeutung kann man diesem Empfang in Athen nicht beimessen. Herr Eochin ist als Mitglied der Academie Fran?aise und als Hellenist schon lange vor dem Kriege in Athen sehr beliebt gewesen, wo berctts eine Straße seinen Namen trägt. Daß man diesen konservativen Baron, der von Brianid zum Minister ohne Portefeuille ernannt wurde, nach Athen gesandt hat, ist vielleicht ganz geschickt, wird aber auf die Enffchlüsfe des Königs und des Kabinetts Skuludis kaum einen Einfluß haben.)
Italienische Drohungen gegen Griechenland:
Br. Lugano, 18. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Die italienische Presse fährt weiter fort, ihre herausfordernde Sprache gegen Griechenland zu führen. Der „Secolo" macht darauf aufmerksam, der Piräushafen eigne sich vorzüglich zur Blockade. Mittels eines Handstreiches könne man den Peloponnes von den übrigen Halbinsel isolieren. Alle größeren Städte unter dem Zepter König Konstantins seien den Geschossen der Schiffsartillerie ausgesetzt. Die Vierverbandsflotte würde auch jene blühenden Oasen der Matrosen und Schmuggler, aus denen sich der ägäische Archipel zusammensetze, unter Feuer nehmen. Sollte die athenische Politik einen Verrat an der Vierverbandsarmee ausüben wollen, so dürfe dies nicht ungesttaft bleiben. Die verbündete Flotte hätte alsdann die Pflicht, sofort in Aktion zu treten. Das genannte Blatt stellt weiter fest, daß das Königsschloß in Athen nur 7 Kilometer von Phaleron und den Fewerschlünden der dort erwarteten Ententeflotte entfernt sei.
Der Griechenkönig zum ersten Male wieder in der lveffentltchkeit.
Br. Athen, 18. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) „Embros" schreibt: Zum erstenmal nach seiner Krankheit erschien der K ö n i g gestern in einem Konzert, bei dem das Lied eines griechischen Komponisten über die Genesung des Königs gesungen wurde. Das im Hause anwesende und das draußen- stehende Publikum begrüßten den König mit begeistertem Jubel.
Ein Mitarbeiter der „Nowoje wremja" in Acht und Bann getan.
Die Falschmeldung über Truppenlandungen in Barna.
W. T.-B. Petersburg, 18. Nov. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Die „Birschewia Wjedomosti" meldet: Der Mit
arbeiter des „Nowoje Wremja" Ksunin ist aus Petersburg verbannt worden. Es wurde ihm verboten, sich im Kricgs- gebict aufzuhalten, weil er eine unsinnige Nachricht über die Landung russischer Truppen in Varna ohne Genehmigung der Militärbehörde verbreitete und dadurch das Vertrauen der Militärzensur mißbraucht hat.
Ein deutscher Fliegererfolg in den Dardanellen.
W.T.-B. New York, 18. Nov. (Nichtamtlich.) Hiesige Blätter melden, datz im September ein deuffches FluWeug an den Dardanellen eine Bombe auf einen leichten englischen Koeuzer geworfen habe, wodurch 145 Offiziere und Mannschaften getütet und noch mehr verwundet worden seien. Die Alliierten hätten diesen Vorfall verschwiegen. Die Nachricht sei durch einen mit der „Adriattc" zurück gekehrten Ingenieur namens Eric Wilson bekannt geworden.
