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ii Der Roman, i
Füü
Morgen-veilage der Wiesbadener Cagblatts. ge==«)
Nr. 269.
Mittwoch, 17. November.
1915.
(17. Fortsetzung.)
Der Grgel-5lnger.
(Nachdruck verboten-l
Roman von
Frau von Grümm war eine bescheidene Dame, «die nur sprach, wenn matt zu ihr sprach, und die auch nicht einmal sonderllch zu beobachten schien. Sie hatte etwas Müdes und einen verschleierten, toten Blick, als horche sie nur nack) innen und als habe sie keine besondere Freude an der Musik, auf die sie horchte.
Auch Erloff von Grümm, der schöne Ulan, verhielt sich sehr still. Ob cs ihm nicht lohnte oder ob ihn das Fremdsein in dem Kreis, in den er nur erst am Abend einbrach, genierte, war schwer zu entscheiden. Er trug ein glänzendes Zivil und sah sehr gut aus mit seinem kurzblonden Haar, das sich trotz der Kürze kräuselte, und seinen prachtvollen, braunen Augen. Er hatte dasselbe Gesicht wie Schwester Lucy, nur um vieles hochmütiger, und war sehr schlank und lang gewachsen.
Er beobachtete, und sagte auch nur gerade .das, was er mußte, um seiner Dame gegenüber Kavalier zu bleiben — kein Wort, keine Geste zu viel! Seine Dame war Gabriele v. Barten, di? sich an ihrem rechten Nachbarn schadlos hielt — es war Otto. Die beiden kannten sich langst sehr gut. Otto war zum Entsetzen der Besson zu allen Tageszeiten in ihrem Heim zu finden, zu Tisch, zum Kaffee, ja schon zum zweiten Frühstück, wenn Gabriele nicht Pricke hatte. Abends war er im Theater, oder wenn sie mal theaterfrei war, verbrachte er auch die Abende mit der neuen Freundin.-.
„Mais mon eher Otto, du genierst uns, das geht nicht, du mußt ßu Hause bleibe — waas denke die Latte
<-in matne Haus is kaine chambre garnie für
Herren'" Das hatte ihm die Besson schon einige Male gesagt, aber es verschlug nichts. Die beiden saßen dann stundenlang in Gabrielens kleinem Salon, und es klang, als überhöre er ihr die Rollen.
„Nicht so brülleI" verwarnte Tante Mademoiselle KUweilen und klopfte energisch an die Tür. Dünn gab es lautes Gelachter drinnen, oder Otto steckte auch Wohl den Kopf heraus und sagte mit Grabesstimme: „Es
wird eine hunroristische Sache zu Ihrem Geburtstag, Tonte Mademoiselle!"
Worauf die Besson entrüstet so etwas sagte wie: ,/Otto, man ober gar^an, du saist aine alte Affe", und zu Luise, der „dummen alten Pehrson", hinausging, um ihr einzuschärfen, nicht früher zu servieren, als bis Herr Lauter junior das Haus verlassen habe.
Die „dumme alte Person" konnte das aber selten ab- warten, sie servierte doch für drei •— und es waren lange nicht so uuverbrannte und unversalzene Schüsseln auf den Tisch gekommen, wie seit der bisher achttägigen Regentschaft Herrn Otto Lauters.
Außer von seiten Wedels, der immer zu hören war, war die Unterhaltung an der Weihnachtstafel nicht auffallend aufgeregt.
Während des ganzen ersten Ganges war man über das lebhafteste Wundern, wie „großartig" Susi und Rudi sich bei dem -ungewohnten Lichterglanz „benommen" hatten, nicht hinausgekommen. Und danach flaute es gleich merklich ab — wie das oft so eine Sonderheit bei
Edela Rüst.
umfangreicheren Familienfesten sein kann! Der alte Dr. Sehren war scheinbar noch der vergnügteste — er sprach von einigen interessanten Fällen von Krebs-, operationen mit tödlicheni Ausgang und richtete andauernd an Wulfsen das.Wort, als ob sonst niemand zwischen ihnen säße.
Erloff hatte sich mehrmals sein Einglas ins Auge geklemmt und den Doktor süffffant angestiert.
Herbert sprach bei Tisch kaum ein Wort. Es hieß, er habe schon den ganzen Tag Kopfkolik.
Erstens das und zweitens sielen ihm Grümms zu sehr auf die Nerven; er mrißte sich erst daran gewöhnen, Erlass anzusehen, ohne ihm an die Kehle zu wollen.
»später, als im Salon Kaffee und Punsch gereicht wurde, taute er allmählich auf und wurde ganz lebendig, als Gabriele von Barten erzählte, .daß um die Mitte des Januar die T. vom Deutschen Theater in Berlin in Fünf-Hügelchen ein drei Abende umfassendes Gastspiel absolvieren solle.
„Die £.? Ach, die habe ich ja mehrmals bei Berliner Freunden ans Jours und kleinen Abendgesellschaften getroffen! Famose Person, mit der man ein gebildetes Wort reden kann, und — erste Kraft! Da woll'n wir mal ein bißchen Stimmung nrächen — was, Wedel?"
„Sicher, sicher, solch ein Ereignis!"
, „Weißt du, Dina — sie wird sich meiner schr gut erinnern, mrd es wäre mir auch soisit lieb, mich den guten Freunden gegenüber revanchieren zu können. Ich möchte mal anfragen, ob sie eine Einladung, bei uns zu wohnen, annshmen würde. Dann sind Professors ja endlich fort, Platz haben wir also."
„Abex, lieber Herbert, eine ganz fremde Person.."
„Mir ist sie nicht fremd, und es dürfte für unser Haus nur eine Ehre sein, eine solche Künstlerin zu be- Herbergen."
„Das ja wohl, aber Künstlerinnen dieses Ranges sind doch sehr ansprrichsvoll. Darauf ist doch am Ende der Zuschnitt unseres ganzen .Hauswesens nicht . . ."
„Immer doch besser für sie als im Hotel."
„Und sehr viel billiger!" lachte Lucy spitz.
Herbert warf seiner Frau Schwiegermutter einen kurzen Blick zu und fragte erregter: „Ja, Dina, hast du etwas ^dagegen — regt sich in dir, nach berühmten Mustern, etwa wieder Krähwinkeler?"
„Aber ich bitte dich, Herbert, wir brauchen das doch nicht gleich aus der Stelle zu entscheiden; es hat ja noch Zeit.'
„Was ist da zu reden und zu überlegen? Wenn sie „ja" sagt, ist sie willkommen, und dann gibt's bei uns den ersten großen Rout, den wir Fünf-Hügelchen für dieses Jahr schuldig sind!"
Herbert hatte sich hinter Dinas Stuhl gestellt und Köpfte ihr zärtlich begütigend auf die Arme. Das allgemeine eisige Schweigen lastete peinlich auf Dina, sie wagte es gar nicht, zu ihrem Vater und dem alten Sehren hinzusehen und kannte von dem Gedanken nicht
