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s=- » J morgen»Beilage -es Wiesbadener Tagblatls. »>

Nr. 267. Sonntag, 14. November. 1918.

(16. Fortsetzung.)

Oer Grgel-Knger.

Roman von Edcla Nüst.

(Nachdruck verbotea.1

Acht Tage vor Weihnachten kehrte also Otto Lauter ver Bohrens ein. Sein erster Gang, nachdem er mit -Überstunden ausgeschlafen hatte, war zum Kommer- Menrat.

„Tag, Papa."

„Tag, Otto!" sagte der Bater, der in seinem Pri- datkoutor saß und rauchte und rechnete. Er hielt einen Augenblick inne und reichte seinem Sohn die Hand, ihn nur eben mit einem kurzen Blick von oben bis unten messend, als wolle er sich schließlich doch überzeugen, daß es wirklich, sein Fleisch und Blut sei, das vor ihm stand. Dann rechnete er weiter.

„Es ist dir doch recht, daß ich bei Dina bin, Papa?"

„Wenn du dich da Wähler fühlst-warum solltest

du nicht bei Dina sein?"

„ES macht ja doch Tina so viel Spatz, mir ihre junge Häuslichkeit . . ."

„Lieber Junge —- ich sitze mitten in der Arbeit — wachs kurz — du bist natürlich blank <ibgebrannt, wie­viel sollst, also sein — um Weihnachten herum will ich schon nicht knausern."

„Sehr liebenswürdig, Papa, aber deshalb bin ich. . . ."

„Hier ist ein Blauer, kaufe nicht zu großartige Prä­sente, dann langt's vielleicht bis Neuja!I>rI Und nun gehst du wohl meiner Frau und deinem kleinen Brüder guten Tag sagen — aus Wiedersehen!"

Das war so die Art, wie der Kommerzienrat mit seiner Familie verkehrte, wenn er Kaufmann'war. Nach den Geschästsstunden, in der Villa, als Familienvater, war er ausführlicher und gemütlicher, und besonders Dina durfte ihm ruhig mit allem kommen. Mit seinem Sohn Otto, der ihm ja bisher auch nicht gerade Kum­mer verursacht hatte, verkehrte er mit gewisser ilächeln- der Kameradschaft, weil er ganz genau wußte, daß er so noch am ehesten ein wenig Macht behielt. Im übri­gen hatten Vater und Sohn nicht viel Anknüpfungs- Punkte und nicht viel gemein miteinander, trotzdem Otto äußerlich das getreue Abbild seines Vaters )var.

Die gnädige Frau war noch bei der Toilette. Dafür wurde der kleine Bruder in den Salon gefahren, um sich seinem.großen Bruder vorznstellen.

Otto stand eine Weile allein von dem hübschen, blauen Kinderwagen mit den Kidenen Vorhängen — die Wärterin holte dem Kleinen, der eben von seiner M/orgenausfahrt heimgekehrt war, die Flasche.

„Ra, du Deibelsbraten? Was hast du hier ver­loren gehabt?" Das war die erste Begrüßung seitens des großen Bruders, der weiter gar nicht neugierig war, die Gardinen zu heben.

Als die Wärterin aber zurückkam und den Kleinen unter den zärtlichsten Namen in seinen Spitzenkissen ein wenig aufsetzte, weil er liegend nicht zu trinken be- liebte, konnte Otto doch anstandshalber nicht anders, als einen Ton der verwandtschaftlichen Bewunderung hon sich zu geben.

— -Strammer Kerl!" sagte er väterlich.

„2ca und ob! Und die Augen, wo er hat!" sagte da- Mädchen voll Stolz. „Rudi — sieht doch mal deu Herrn Bruder an — mach große Angen, Schatzi!"

,. Und Rudi, den bisher nur seine Milchflasche inter­essiert hatte, sah wirklich geradeaus auf Otto und machte so große Augen, daß sein Herr Bruder lachen mußte und näher trat, um chm mit der Hand sanft über die kurzen^ braunen Locken zu fahren, die chm, von Wind und Schlaf »och in reizender Unordnung, über Stirn und Ohren hingen.

„Ein hübscher Kerl, ja wohl!" sagte Otto schon wärmer, und im Grunde seines Herzens dachte er kaum noch daran, daß dieser kleine Bursche ihn um ein Drit­tel seines Vermögens beraichte — wie in Otto Lauter überhaupt Haß- und Liebesgefiihle schnell «wechselnd auf- lind niederwallten. Die Kommerzienrätin ließ nicht zu lange auf sich warten, sie trii-g ein dunkelblaues Luchkleid, und schien schlanker geworden irnd um einen Zoll gewachsen. Ddan sah cs ihr an, daß Körperpflege und Toiletten ihr Leben ausmachten, und auch mit ent­schiedenem Erfolg.

Sie badeutete der Wärterin, sich zuriickzuzichen und ging mit ausgebceiteten Armen aus ihren Stiefsohn zu und sagte lachend: „Umarme deine Frau Mama, mein Sohn!"

Und sehr benommen von ihrer anziehenden elegan­ten Erscheinung stürzte Otto ihr ohne Besinnen an den Hals und ließ sich von ihr auf den Mund küssen. Er vergaß vollständig, sie „gnädige Frau" zu nennen, wie er sie in nicht zu umgehenden Briefen zu hohen Fest­tagen bisher angeredet hatte, und Frau Lucy hatte auch den dringenden Wunsch, ihn diese Anrede für immer vergessen zu machen.

„So ist's recht, mein lieber Junge — wir wollen Ans jetzt vom ersten Augenblick an auf den richtigen Fuß stellen. Daß du mich Mama nennst, verlange ich nicht nur nicht von dir, sondern verbitte ich mir gründ- lichst. Ich will für dich, wie für Dina fortan „Lucy" fein — das wird unser Verhältnis zueinander sofort regeln. Willst du?"

„Aber ja!" beeilte sich Otto zu bestätigen, und küßte zum Zeichen seiner an stand s losen Verehrung Lucys beide Hände und dann noch einmal den Mund.

„Wie wird Papa sich freuen, Otto! Ein schöneres Weihnachtsgeschenk hast du ihm nicht machen können, als daß du mit mir Frieden schließest! Und mit dem da bist du auch ausgesöhnt?"

Frau Lucy zeigte nach Rudi hin. >

„Ja natürlich, ein so lieber Kerl, wie er ist!"

„Nicht wahr? Wer dem böse sein kann, hat wirk- lich kein Herz. Freilich, dein Schwager wird ihn zeit­lebens in Gedanken vergiften! Der hat aber auch sicher kein Herz!"

„Das sage nicht, Lucy, Herbert isst im Grunde ein guter Mensch nur . .

„Nur . . .1 Darin liegt es — jn diesem notwendi­gen „Nur" liegt eine Welt!"