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Morgen-Veilage der Wiesbadener Tagblatts, i «--- ->

Nr. 2o4. Donnerstag, II. Novemdsr. 1915.

tIL. Fortsetzung.) DZt (DS*0^I ® lNachdruck v-rboten.1

Roman von Edcla Rüst.

Es war so früh geworden, haß Herbert sein Bett nicht mehr anssuchte. Das Frühstück, das ihm allein serviert war, ließ er unberührt, aber er fühlte sich frisch und froh zum Tagewerk, das heute gerade etwas an­strengender als gemeinhin werden sollte — er hatte eine ganze Reihe Zivilsachen auf dem Gericht abzu- wickeln und mußte umfangreiches Material zu seiner ersten größeren Verteidigung sichten. Er eilte mm — er hatte mit der Klub-Angelegenheit so viel Zeit ver­schleppt, da hieß es nachbolen.

Er saß eine Stunde früher an seinem Arbeitstisch, als es sonst seine Gewohnheit war. Er wollte seinem Alten drüben zeigen, daß er trotz einer durchschwävm- ten Nacht vor seinen Schreibern auf dem Pllrtze war.

Aber es ging mit der Avbeit doch nicht gleich ganz so geläufig, wie er es sich gedacht hatte, und als er seinen Vater nach der Sprechstunde das Haus verlassen sah, warf er die Feder wrt und schlich sich leise zu Frau Malwine hinüber, die über ihrer Zeitung saß und ihn schon mit sehnendem Herzen erwartete. Er pflegte immer zum zweiten Frühstück zu ihr hinüber zu kom­men, aber sie wußte, heut würde er früher da sein!

„Morn Mütterchen' Endlich ist das Gewitter ab­gezogen! Hat sich mein Herr Papa nicht gewundert, daß ich vor ihm schon am Platze war? Ach so, na, er äußert sich über so etwas nicht!"

„Herbert, Hert!"

„Dafür hat er gestern abend mit aller Berechtigung murren dürfen — das hat hier wohl ordentlich ge­hagelt? Und du armes Mutting, du wärst 'doch so gern dabei gewesen!"

Herbert hielt seine Mutter von hinter dem Stuhl umfaßt und lehnte seinen Kopf an ihre Wange.

„Schön war es hier nicht gestern abend, mein lieber Junge."

„Es hat mir den halben Wend verdorben, daß ich dich nicht sah."

„Laß nur, ob so ein paar Alte dabei sind oder nicht, was macht das aus! Aber dafür will ich nun wissen, wie alles war. Setze dich nur hin, ich habe ein paar Pastetchen für dich, sie werden gleich kommen, brühiheiß — es ist so schubberig heut, ich hab's in den Gliedern, als möcht's zum ersten Male schneien!"

„Soll ich dir das Tuch unrlegen?"

„Ach nö, hier ist's ja warm genug, und gegen die Gliederkälte hilft's doch nichts ' — der Schnee muß erst runter sein, .dann hört das auf. Also nu, mein Jung', wie war's nu also?"

„Mütterchen, tadellos! 2>8chr kann ich im großen picht sagen."

„Aber im kleinen hoffentlich!"

„£) ja, die Details waren musterhaft!"

„Dummer Schnack", lachte Frau Malwine. „Wer ßar glles dort?"

ji jedermann bis aus Alt-Gehrens natürlich!"

^Wgren denn Lauters sehr in Stimmung?*'

„Aber sehr! Papa Lauter warf nach dem Souper, bei dem eigentlich schon Sekt genug geflossen war, noch an die dreißig Butelljen in gemütlichen Winkeln."

„Er ist wohl nicht klug!"

, „Doch, doch, das war sehr klug, sein Prestige ist riesig gestiegen in der einen Nacht! Und das konnte er brauchen, nachdem er sich doch vor ganz Fünf-Hügelchen etwas stark blamiert hat!"

„Warum nicht gar! Ms ob sich nicht tausend andere in denselben Alter wieder verheiraten! Ms ob düs nicht selber tun würdest."

„Und dann mußte doch an dem ersten Wend etwas springen! Der Ökonom hat sich die Hände gerieben, sage ich dir! Der wünscht, es wäre alle Tage Ein­weihung!"

„Hat denn euer Fräulein von Barten den Prolog schön gesprochen?"

"Großartig, einfach großartig! Sah glänzend aus übrigens."

„Was hatte sie an?"

"Weiß, weiß, alles weiß und ein furchtbares Ge­flimmer darüber, daß einem die Augen weh taten, wenn sie gerade unter den Kronleuchtern stand! Ich, als Dichter, war mit ihr zufrieden, und die andere« waren es auch. Sie hat überhaupt einen Beifall gehabt — bei den Männern meine ich. Der Dallwitz, der von feiner Tina Rehlen kaum gesund geworden ist, ist seit gestern an der Barten erkrankt. Wir haben uns könig­lich über ihn amüsiert! Er traute sich nicht, es zu zeigen, als es , schon jeder sah. Sie hat nach Tisch dann noch deklamiert und Chansons gesungen — aber prima sage ich dir! Es klippte und klappte alles glänzend; es ist tadellos geredet, gegessen, getrunken und getanzt wor­den, und die ganze Gesellschaft panschte nur so Äimpel- dick in Wonne! Ich habe Fünf-Hügelchen noch nie ähnlich gesehen! Um vier wollte eigentlich noch niemand rücken und rühren, aber Tina bestand darauf, imd so kam es denn durch einige ältere Herrschaften um fünf zum allgemeinen Aufbruch. Die Junggesellen sitzeir vielleicht noch oder schon wieder da! Heut obend natür­lich zweite eigentliche Weihe unter uns Männern!"

„Aber, Herbertchen, ihr werdet doch nun am Ende rächt wirklich Abend für Wend .da im Klub sitzen?"

„Wer Zeit und Lust hat! Dazu ist doch der Klub gegrüiidet, Mütterchen."

„Na ja, die Junggesellen!"

"Glaube mir nicht, Mütterchen, daß ich mit dom Klub nur einzig uird allein Unterhaltung bezweckte. O nein, auch er dient schließlich geschäftlichen Zwecken. Denkt nur nicht, daß ich ein Träumer bin! Weit da­von ab! Ich bin ein Geschäfts gerne aus Anlage und kann mir daher den „Idealisten" leisten, den Diann, der ohne Kultur, Kunst und Illusionen >das große Nechenexempel Welt nie lösen könnte!"

„Ich glaub's schon, mein Junge, ich glaub's schon? Wer weißt du, was Vater denkt? Er deM, das fauictj keine acht Tage . .