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ss- Jahrgang.

Erscheint ,n zwei Ausgabe«. Bezugs-Preis: drirch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post Z Mk. SO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

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AtttkkAkll' Sittttltlf iHC P- s J . 2 mittag», für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags. Für die Aufnahme später eingcreichter Anzeigen zur nächst-

" ' ___ u.nocn Ausgabe, wie für die Aazeigen-Aufnahme an bestimmt vorgefchricbene« Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Zorge getragen.

Ito. 604,

Berlags-Fernsxrecher R». 2868 .

Dienstag, den 587 . Deremlrer.

RedaküonS^rerniprecher No. 62.

1904.

Kbenö -Kusgabe.

_ 1. Matt.

Fost-Aöonnement

auf da»

Wiesbadener Hagbkatt".

Er fei nochmals darauf hüigewiesen, daß ab I. Januar 1S05 dasWiesbadener Tagblalt"

Mimal' tägüch mit der Ml verschickt

vird, sodaß die Abend-Ausgabe noch am ErscheinungStagc in der Umgebung Wiesbadens, sowie im Rhein- u. Maingau u. Aarthal «er Bestellung gelangen wird. Die Morgen-Ausgabe wird auch ter wie seither versandt. Die bisherigen Postbezieher seien an baldigste Erneuerung des Abonnements erinnert, da erfahrnngs- » beim Vierteljahres-Wechfel leicht Störungen im Bezug cin- tntm können. Bestellungen nehmen nicht nur die Postämter, iontmrii auch das Personal lBriefträgcr, Landpostboten ic.) tntgegcn.

Der vertag des Wicsöadener Hagbkalts.

Hier Giam - dort Pcnnirifamg!

M Aus den Kreisen des Berliner gewerblichen Mittel, stcmdes ging derKöln. Volksztg." vor den Weihnmhts- UM folgendes Schreiben zu, welches wir als Wmmungsbild unverkürzt und unverändert wieder-

gobm:

L. Rmr naht wieder die Weihnachtszeit heran, wo in >»lm wenige an das Geschenk vom Himmel denken, §r r Mo mehr Leute an die Geschenke voinChef", von ^ekaiiilteil und Verwandten. Tie Striaßenfmd dicht bc- W mit Menschen, als ob jetzt alle Tage Sedan gefeiert Die Gedanken aller konzentrieren sich entweder AdasHaben" oder dasGeben"; sowohl die Gierig, cn als die Gutmütigkeit feiern ihre Triumphe. Und E nach dem Feste kann man imLokal-Anzeiger" Bert. Tageblatt" lesen, crsrculichcnveisc sei das ^lmachtsgeschäst wiederglänzend" gewesen; es zeuge N "er. Kaufkraft des Publikums und garantiere die Mre Hoffnung einer großenHebung" der Wirtschaft- "»M Verhältnisse.

_..^uiit will ich gegen die bona kille» dieser Zeitungen sagen. Sic können unmöglich ihre Lokalreporter MBehnta-usende von Geschäften schicken und Nachfragen, - berdient worden sei. Bei solchen Erkundigungen Ufr M ch so leicht kein Kaufmann, daß das Geschäft MAyt geht, weil er sich damit selbst Schaden zufügt, ^^utlich wird nur in den großen Geschäften nachge-

Ferstöetes IöyLl.

Von Antonio Fogazzaro.

« " orisicrle Übersetzung aus dem Italienischen von E. Müller-Röder.

besitze Oria am User des Luganersocs in Nord- Vlck/" 01110 kleine,, von den Wellen bespülte Villa am 011111:5 Berges, den Oliven, Wein und auch Lorbeer iucf't ctDcn den kein Dichter vor mir jemals dort ge-

M h'' 'lk ein schöner, stiller Erdenwinkel, den Träumern ich Künstlern lieb. Wenn ich in Oria bin, verbringe 'sin-großen Teil des Tages auf dein See, allein in Sud;," 01öoot. wie ein Schiffer gekleidet, mit einem Wi Hp meinem Fischereigerät. Diese Gewohnheit , mic dor vielen Fahren das romantischste meines Lebens.

^rand^ sikorgens landete ich mit dein Boot an einem !vr>Milchen zwei Klippen, Lugano gegenüber, da, t Gasthaus zum Cavallino ist. Ter Ort war KlipjD "?ch gänzlich wild und öde. Zwischen den beiden c ihem f;n°'^ M ein schattiges, kleines Tal, das zu steillia^rhellen Wasserfall führt. Ich hatte längs der ^eftade des Monte Caprino gefischt und meine Äck .-."kochen, ohne ein Fischchen zu fangen.

^nb fjj ' Ite S aus der Barke, setzte mich in den Schatten Ü?iit,tW, Qn ' meine Angel herzu richten. Seit einigen fi a fef-,rra c .^ch dort, als ich in der Höhe, oberhalb des rauhe Männerstimme hörte und leises i^nheiz Schreien, als wenn dort oben Damen in Ver- T ich wegen des Hernutersteigens. In der Tat

WeilL3? 0l "f dein grasigen Abhang ein schönes'Mäd- Äsdcx,, .^uilwen. das mit dem Sonuenschirm einer Wlktzj' vierzehnjährigen half, die einen Korb trug.

rin ziemlich bejahrter Herr, der sich an cit r ''Eanwiiertc und tüchtig hrummle. Dann m 011:5 dem Korbe Sandwiches, Flaschen >»ld Obst

fragt und die Warenhäuser wie die großen Spezial­geschäfte, z. B. Gerson, haben ja immer einen kolossalen Verdienst. Sie können jede Weihnachten mit gutem Ge­wissen. sagen, das Geschäft sei wieder glänzend gewesen. Und der Berliner Zcitnngslcser ist nicht wenig stolz darauf, daß in seiner Vaterstadt Handel und Wandel so prosperiert.

Der Kenner der Verhältnisse urteilt aber anders. Aus einen Kaufmann, der im Gelde schwimmt, konmnen tausend, tvelche nur mit Seufzern und Sorge des kom­menden Weihnachtsfestes gedenken. Dabei spreche ich nicht pro domo, denn ich will hier gleich anfügen, daß cs mir persönlich gut geht, aber desto schlimmer sieht cs dafür bei anderen kleinen Kaufleuten aus. Man gehe nur abends statt in .der Lcipzigcrstraße und Umgegend in die entfernten Straßen an der Peripherie der Stadt; ob es nun in W, N, O oder 8 ist,- überall herrscht bei den Kleinen" die gleiche traurige Stimmung, wenn sic die­selben auch verbergen, denn derKunde" denkt, daß der Kaufmann, der keinenZulauf" hat, schlechte Ware führt, und schon das Mißtrauen genügt, um ihn in ein anderes Geschäft zu scheuchen. Die Wahrheit ist aber diese: Wäh­rend es große Geschäfte gibt, wo der Weihnachtsmonat, öer_ Dezember, mindestens so viel Geld bringt, als sonst drei Monate older sogar sechs und darüber, wird in den meisten kleinen Geschäften, besonders denen, welche mehr an >der Peripherie liegen, gerade im Dezember oft nicht ein­mal die Monatsmiete verdient. Unter solchen Umständen braucht man die verzweifelten Stimmungen der Be­troffenen kaum zu -schildern. Auch an sie stellt dieser Monat größere Ansprüche; für Gas, Heizung, Reklamen, für Beschaffung neuer Winterartikel, auch sie selber möch­ten Weihnachten feiern und haben Kinder, die freudig dem Feste entgegen jauchzen, aber ihre Kasse zeigt gähnende Leere. Ich kenne Beispiele, wo solche Leute aus Geschäftsrückstchtcn vor dem Publikumprotzig" auftrcten und wahrheitswidrig prahlen, daß das Geschäft gut geht, aber abends nach Küssenfchluß setzen Vater und Mutter sich hin, um sich gegenseitig zu fragen: Wie soll es uns gehen? Woher das Geld nehmen für die Miete, die bestellten Waren und die Neujahrsrechnungen? Das Ende ist dann oft eine Tragödie, die im lokalen Teil der Blätter achselzuckend registriert wird.

Wo so fragen sich die Bedauernswerten bleiben jetzt die sonstigen regelmäßigen Kunden, die getreuen Nachbarn und desgleichen. Da ist die Frau A. und der Herr di., die sonst immeranschreiben" lassen und noch mit so und so viel Mark im Buche stehen; weshalb läßt sich jetzt keiner sehen? Man findet sie alle abends in der Leipzigerstraße, bei Wertheim, bei Tietz oder in einem ähnlichen Geschäft. Am erregtesten sind die Frauen; alles, was sie brauchen und brauchen könnten, wird ge­kauft. Man holt das Geld bei der Sparkasse, borgt es sich vielleicht, oder geht gar zum Pfandleiher/ aberwas der Mensch braucht, muß er haben", sagt der Berliner. Das Warenhaus, hat einmal ein Zeitungschronist treffend

hervor und schickten sich zum Frühstück an. Den ältlichen Herrn, eine massive Gestalt mit roter Nase und grauem Backenbart, schien meine Nähe zu ärgern; aber die größere der jungen Damen, nachdem, sic einen raschen Blick auf mich geworfen, sagte verächtlich:A fisliur!"

_ Das berührte mich unangenehm, und es schien mir, daß ich rot wurde. Tic Fremden achteten nicht weiter auf mich, sondern fingen an zu speisen und heiter zu plaudern. Da es mir gewöhnlich schwer fällt zn ver­stehen. wenn man englisch spricht, war ich erstaunt über die Deutlichkeit, mit der diese Leute sprachen, besonders die junge Dame, die gesagt hatte: A fisber. Diese war sehr hübsch, schlank, ziemlich groß; sie hatte braunes Haar und schöne, klare, blaue Augen. Ich weiß nicht mehr zu sagen, wie sic gekleidet war; aber ich weiß, daß sie einen Strauß Alpenveilchen im Gürtel trug, daß ihre Füße ziemlich groß schiene», ihre Hand hingegen sehr schön war.

Ich hatte damals ein sehr zärtliches Herz, und meine Einbildungskraft war stets bereit, gefühlvolle Seelen, Schätze von Zärtlichkeit zu erblicken in allen schönen Augen, die drei- oder viermal den ineinigen begegnet waren. In Wahrheit hatten mich die Augen dieser jungen Dame nur einmal angeblickt und fast mit Verachtung; aber gerade ihre vermeintliche Verachtung entflammte meine Phantasie. Als ich ein Knabe war. liebte ich es, mir die seltsamsten und ^wahrscheinlichsten Liebes­abenteuer auszudeuken. Tie Frauen darin Wien immer schön und hochmütig. Ich war ein unbekannter Prinz. Ich heischte Liebe und ward mißachtet; alsdann entdeckte ich mich, und die hochmütigen Schönen fielen mir zuFüßen. Später habe ich gefunden, daß alles dies nicht sehr edel war und habe meine Ideen gänzlich gewecksielt. Wäh­rend ich jedoch das zarte Gesicht und die hübsche Figur des Mädchens, das mich verachtet hatte, betrachtet und wieder betrachtet, fuhr es mir durch den Sinn nicht gerade, daß sie mir zu Füßen fallen solle, da ich doch kein Prinz ivar aber daß ich ihr eine gewisse Achtung aufnötigel'

gesagt, istganz nach dem Fleisch und Blut der Frau." Es ist, als ob cs eigens dazu erfunden wäre, den Evas- töchtern die Köpfe zu verdrehen. Sie sehen das uuld das und gestehen sich, das könnten sie alles brauchen, und es erwacht in ihnen die leidenschaftliche Begierde, cs auch zu besitzen. Nor einigen Tagen sagte mir eine junge, hochgebildete Frau, die Gattin eines akademisch gebildc- tcu Mannes, nach ihrer Rückkehr von Wertherm:Das Kaufen ist wirklich zu verlockend, und man möchte immer mehr mitmchmcn und kann sich nicht sattfelicn; zuletzt habe ich einen heroischen Entschluß gefaßt, ich kniff das Portemommie mit beiden Händen, zu, schloß die Augen und lief in« Sturmschritt heraus. Als ich draußen war, tat es mir schon leid, und ich hätte nnnkehreu .mögen, freue urich aber, daß ich es nicht getan, denn sonst hätte ich sicher noch viel mehr .gekauft, und ich halbe jetzt schon meinen Weihnachtsetat um 60 Mark überschritten." R'ach- her gestand sie lächelnd:Trotzdem gehe ich sicher noch einmal tvieder hin." Wahrscheinlich macht sie es noch mehr als einmal.

Das Beispiel zeigt, wie gefährlich die kolossale Au» Häufung solcher Wavenmassen ist. Und nun sind solche Frauen die Kundinnen, auf welche der ihnen benachbarte Kaufmann rechnet, rechnen muß. Aber in dieser Weih­nachtszeit sind sic alle verschwunden, man sieht sie nicht, und sie kaufen nichts. Nach Weihnachten oder nach Neu­jahr kommen sie schämig zurück und entschuldigen sich vielleicht mit Krankheit oder einer ähnlichenGefell- schaftslüge", aber dann ist idr Geldbeutel leer, und der geplagte Kaufmann.mußanschreiben" oder er verliert den Kunden vollständig.

Das ist ein treues Bild, wahrlich kein übertriebenes, der förmlich sckwecllichen Lage, in der sich jetzt der kauf­männische Biittelstaud hier befindet. Je größer die Stadt, desto schlimmer ist es, und in Berlin ist es am schlinkm- stcn. Dann müssen solche Leute nach dem Feste in der Lokalpresse lesen, das Weihnachsgeschäft seiglänzend" gcüvoscn ja. ich war Zeuge, daß solche Notizen von einem gellenden Lachen der Verzweiflung begleitet wur­den. Man stelle sich Leute vor, die als .Kommis in laugen 20 Jahren sich einige tausend Mnrk sauer erspart haben: sie heiraten ein fleißiges Mädchen, das in langjähriger Stellung als Verkäuferin, Buchhalterin oder Köchin sich auch ein Sümmchen erübrigte, damit eröffneten sie hosf- nüngSvoll ein Geschäft, und jetzt geht das ganze kleine Vermögen gegenüber der fürchterlichen Konkurrenz des Großkapitals und Großbetriebes in zwei Jahren ver­loren. Ja, sollen die Leute da nicht verzweifeln oder sozialdemokratisch werden? Und wessen Nerven so etwas ruhig anshalten töunen, der werfe dann den ersten Stein auf sie.

Ist denn nun nichts zu machen, um den gewerblichen Mittelstand von der todbringenden Umarmung dieses großkapitalistischen Riesenpolypes zu befreien? Das sollen uns die Gesetzgeber sagen: wir wissen cs nicht. Was wir aber wissen, ist, daß mit dem Untergang jeder

wolle, indem ich mein Englisch und meine literarischen Kenntnisse zur Schau stellte.

Kaum hatte der ältliche Herr eine passende Anzahl Sandwiches verschlungen, so fing er an, von der Rück, kehr nach Lugano zu reden, und ich verstand, daß er nichts davon wissen wollte, noch einmal über den Berg zu klettern, um auf der nahen Station Caprino das Dampf- schiff zu nehmen. Welche Überraschung, wenn nun der Fischer sich lächelnd und mit voriwbmcr Mime vorgestellt und auf Englisch gefragt hätte:Wünschen Sie ein Boot, mein Fräulein? Und einen Fischer als Bootsmann? Soll ich Sie fahren on tho oval luirror of the glassv luk' 1 ?" Nein, das war zu lächerlich, und wenn das Bdädchen mir inS Gesicht gelacht hätte, ton* konnte ich tun? Konnte ich vielleicht sagen:Hüten Sie sich, mein Fräulein, der Vers ist von Byron?" Nein, nein, .das wäre noch lächerlicher gewesen. Ich raffte hingegen mein Fischergerät zusammen, trug es in das Boot, versteckte ein Bändchen Heine, das ich mit mir trug, kehrte dann zurück, näherte mich dem ältlichen Herrn und frug ihn auf italienisch, während ich kaum an meinen Hut faßte, ob er eine Barke nach Lugano wünsche.

Der Herr sah seine älteste Tochter an, die ihm mein Anerbieten erklärte. Er schien sehr glücklich darüber und antwortete mir gleich:De», zw». Lugano, Lugano'"

Nehmen wir erst das Boot in Augenschein", sagte das Fräulein mit ihrer sanften Stimme.Die Fischer- boote gefallen mir nicht; sie sind so schmutzig. Wer weiß, wie es nach Fisch riecht, Papa!"

Das war wirklich ein bitterer Hohn gegen das Ge- schick, das ich kurz zuvor verwünscht, wegen meines un- glücklichen Fischzugs.

Das andere junge Mädchen eilte wie ein Pfeil an das Ufer nnd fing an. von ferne zu rufen:Hgrrict Harri et!"

Am Ufer lag nur ein Boot, und das Mädchen konnte sich nicht irren: es mar das meine.

Miß Harrtet war sehr erstaunt, zu sehe», daß cs ein