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Morgen-Vellage der Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 263. Mittwoch, 10. November. 1918.
01. 8-octfcüuna.) Oer Grgel-Knger. lRachdruck v-rboten.1
Roman von Edela Rüst.
„Tante Mademoiselle, ich schlage Ihnen vor. Sie kommen mit mir und essen heut mal bei uns — es ist schon so lange her. Laß . .
„Ein glitte Idee, ma chöre Dina, ein sehr gutte Idee, und der beste Straff für die Luis', daß sie «mich at verhungern wolle! Ich komm, ma ehäre >— tout de suite «— die Besson macht nicht lank an die Toilette lind ist doch toujours comme il faut."
In der Wartezeit strich Dina scheinbar absichtslos durch die ganze Wohnung, die, geräumig und altmodisch behaglich, das ganze Erdgeschoß einnahm. Unter den Schlafzimmerfenstern, die nach der Giebölseite lagen, zog in trägen, kleinen Wellen der braungelbe Fluß nach Norden. _ Unterwegs erzählte Dina von ihrem Besuch bei Gabriele von Barten, und daß die junge Dame am nächsten Samstag bei ihnen speisen würde.
Die Besson blieb einigemal stehen, als verstünde sie zuni ersteil Male Dinas Deutsch nicht ganz genau.
„Mais ma chfere Dina —• •— eine Actrice, sagst du?"
Tie erstaunte. Frage wiederholte sie wieder und wieder. Dann, als sie über die Richtigkeit der „actrice" nicht mehr im Zweifel sein konnte, sagte sie: „Comme ü’autre, naturellement comme l’autre! Sie war in
unsere Salons wie jede dame —-jolie-
charmante-o ja, die Tina Rehlen-nur die
aine einzige Person von die thdätre in all die vierßig Jahr! Mais ma chdrie — was war ßulettz? Sie aÜ alle Messieurs die Köhpfe verdreht und so war ein große Klatsch, weiter nix, und tont le monde war entlüft, als sie fort war enkinl Willst du mache solche Sache in deine Haus?"
„Das denke ich mir köstlich, Tante Madenwisellel Da wird's doch mal wieder eine Aufregung in Minf- Hügelchen geben!"
„Ma chfere Dina — du ast ein junge Mann — — man soll nicht gebe sein jlinge Mann Veranlassung! So ein dame du thdhtre ist so aine ganz aigene Sach- "
Dina zag sie ins Haus und lachte vergnügt: „Tante Mademoiselle, für Herbert fürchte ich nichts. Wissen Sie, wenn ein Mann so viel Interessen hat und so nach allen Windrichtungen vollauf beschäftigt ist wie Herbert, dann pflegt für die Damen nicht viel übrig zu bleiben!"
„Si ce ne c'est que §a!"
„Außerdem bin ich doch auch noch da!"
„Ma ch&re Dina, du bist ßu jung pour connaltre 1 ’homme!"
Bei Tisch sagte Dina plötzlich:
„Tante Mademoiselle, wozu brauchen Sie eigentlich fiir sich ganz allein sechs Zimmer?"
„Die Appartements fein nicht kleiner, ma chdrie!"
„Wissen Sie was, Tante Mademoiselle, ich denke schon die ganze Zeit darüber nach, ob Sie nicht zwei Bwnmer an Gabriele von Barten abaeben könnten — das letzte Giebelzimmer und das gleich rechts aus der Diele."
Die Besson legte Messer lind Gabel aus der Hand und zupfte an ihrer Serviette herum. „Mais ma ehfcr'e Dina — ich weiß nicht, was ich daß» sage soll."
„Aber das ist ja ein glänzender Gedanke!" rief Herbert. „Denken Sie nur, wie lebendig cs bei Ihnen würde."
„Ja, ßu lebendig-merci!"
„Luise wird mehr Ehrgeiz entwickeln — wird nichts mehr versalzen und verbrennen, wenn eine Fremde bei Tisch sitzt."
„Und zudem — Sie leisten der jungen Künstlerin einen kolossalen Dienst, wenn Sie sie unter Ihre
Fittiche nehmen-Wer bei der „Besson" wohnt,
ist ein- für allemal eingeführt und steht über jedem Zweifel gesellschaftlich. . ."
Als „die Besson" nach fünf Jung-iSchrenS verließ, war sie mit ihren wohlgezähltsn sechzig Jahren zur „dame la eliaperonne" von Gabriele von Barten ernannt, und, wie es sich anderen Tages herausstellte, setzten sich der Übersiedelung Gcibrielens nicht die geringsten Schwierigkeiten entgegen.
Der fünfzehnte November war der bedeutsame Tag. an dem der „Klub" der Öffentlichkeit übergäben wurde “ die Damen durften mit einweihen, zurr Dank für ihre liebenswürdigen Stiftungen. An diesem Tage sollten sich alljährlich die Pforten dieses Heiligtums dom privilegierten Damenkreis öffnen, und diese Gunst machte den Klub den weiblichen Herzen teurer. Bauliche Veränderungen mußten aris den nächsten Sommer warten, aber sonst war in der kurzen Zeit ganz Erhebliches geleistet. Die Zimmer waren unter den Händen von Tapezierer, Maler und Dekorateur zu vollständigen Neuschöpfungen geworden, überall solide Eleganz, bis auf die niedrigen, fcingetönten Majolikaöfen und die Schiebetüren mit verdutzten Scheiben, die vier ineinanderlaufende Salons in einen großen Saal zu wandeln vermochten. Man sah, da hatte ein vornehmer Geschmack, ein feinsinniges Verständnis und eine freigebige Hand gewaltet.
Und dieser Geschmack, dieses Verständnis und diese Hand gehörten Dr. Herbert Sehren zu eigen, den man an diesem denkwürdigen Abend wie einen siegreichen Feldmarschall mit höchstmöglichen Ehren feierte.
Und Herbert Sehren sonnte sich in diesem Festglanz ■— seine erste „Tat" in Fllnf-Hügelchen war getan.
Ja, er wußte die Leute zu nehmen und seinen Absichten gefügig zu machen — man wurde ihm gegen- iüber ganz willenlos.
Alle waren sie gekommen. Die, die schon dazu gehörten, und die, die man zu Gaste lud, um sie durch Tat-, sachen der Sache geneigt zu machen. Nur einer fehlte, den man trotz allem erwartet hatte: der alte Sehren und mit ihm feine Frau Malwino.
Er, der selten mal an einem Abend zu Hause vom Tagewerk ansvuhte, ohne bis Mitternacht nach diesem oder jenem seiner Kranken zu sehen, blieb heute da-
