gs. Jahrgang.
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|jt0. 601« verlagS-Ferusprecher No. 2958.
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Ka«stag, dr« 24. Deremlrer. sr-d<.r,i>.«-.F-rn,«reche. ss 1904.
Morgen - Ausgabe.
_ 1. Wkatt.
Pülittsche Mochenschnu.
Die politische W ei h>n a ch ts ruh e, die in der Unterbrechung der parlamentarischen Tätigkeit ihren wahrnehmbarsten Ausdruck findet, wird diesmal nur von kurzer Dauer sein, demr die politische und parlamentarische Arbeit ist nicht nur im Reiche, sondern auch in den meisten größeren Bundesstaaten außerordentlich umfangreich und zum Teil sehr dringlich. So wird sich die durch die Feier des für uns zu einem Familienfeste im besten Sinne des Wortes gewordenen Weihnachtsfestes geschaffene Pause iu der Politik diesmal tiicht allzu stark Wnevkbar macken. Und die rauhe, unfriedliche Gegenwart, in der wir leben, steht ja auch in scharfem Gegensatz Zu der Botschaft des Weihnachtsfestes, das uns „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" verkündet. *
, Wenn wir auch alle Ursache haben, dafür dankbar zu sein, daß uns in diesem Jahre, wie schon seit mehr als drei Jahrzehnten, trotz der Umdüsterung des politischen Horizontes der Frieden nach außen hin erhalten wurde, so ist uns doch „Krieg und Kriegsgeschrei" nicht ganz erspart geblieben. Der blutige Aufstand in unserem südwesta frikani sch en S chutzgebiet, der nun schon seit Anfang des Jahres tobt, ist, trotzdem wir bereits über 10 000 Mann nach Südwestasrit'a geschickt haben, noch immer nicht völlig niedergeschlagen, und noch laufen nahezu täglich die unheimlichen Listen der Opfer ein. die der männe rmovd ende Krieg oder der noch Wimmere Typhus dort drüben heischen. Und an den Monialkrieg wird sich wohl oder übel die Untersuchung oer Sünden reiben, die zu dem Aufftande geführt haben, und die Abrechnung mit denen, welche sie auf dem Kerbbolz haben. Die Debatten, welche sich jetzt schon darüber ontjpinnen, lassen einen Schluß darauf zu. welche scharfen «lseinandersetzungen dabei noch zu erwarten sind.
Eine recht scharf zugespitzte Auseinandersetzung, die M einem richtigen Konflikt ausgewachsen ist, haben wir soeben in einem kleineren Bundesstaate zu verzeichnen, Er sonst keine sonderliche Rolle in der Weltgeschichte Im Großherzogtum M e ck l e n b u r g - Schwerin ist es zwischen dem Großh erzog und den ^ die „Landschaft" delegierten Vertretern der seufzenden Steuerzahler zu einem ernstlichen Konflikt gekommen, weil die Bürg erweisrerabgeordneten das Ber- Egen, die Matrikularlast von der grvßherzoglichen "aste auf die des Landes zu nehmen, im Interesse der
Stmerzahler rundweg abgewiesen haben. Die groß- herzogliche Regierung hat zunächst den bewilligungs- unlnstigen Landtag vertagt, aber es sieht nicht aus, als ob die Bürgermeister die unzweideutige Mahnung des Großherzogs, eine „Trübung des Einvernehmens zwischen Landesherrn und Ständen zu vermeiden", zur Richtschnur ihrer politischen Haltung machen werden.
Im Gegensatz zu dieser scharfen Konfliktsstimmung, aber im Einklang mit der Friedensstimmung des Weih- nachtsfestes steht die neueste Wendung in den Handels- vertrags Verhandlungen zwischen Deuts ch- I a n d und Hst erreich-Ungarn. Auf den jäh en Abbruch der Verhandlungen ist bereits deren Wiederaufnahme und auf den scharfen Ton der Kriegsdrometen, deren Schall zwischen Spree und Donau zu vernehmen war, der sanftere Klang der Friedensschalmeien gefolgt. Die beiderseitigen Unterhändler haben den abgerissenen Faden der Verhandlungen wieder ausgenommen, und man hofft, daß wir in Bälde eine befriedigende Lösung zu verzeichnen haben werden.
Freilich wird die parlamentarische Erledigung des Handelsvertrages sowohl in Österreich, wo ja der Parlamentsapparat bedenklich ins Stocken, als auch ganz besonders in Ungarn, wo er auf den toten Strang geraten ist, noch .außerordentliche Schwierigkeiten machen.
In Ungarn hat sich der „starke Mann", Graf Tisza, nur noch dadurch helfen können, daß er nach einigen vergeblichen Ansätzen das Parlament nach Hause schickte. Daß Tisza das Wagnis der 3t e >uwahIen nicht scheut, ist ein Beweis für seinen Mut; wie das Experiment ansschlägt, das bleibt freilich abzuwarten.
Da haben es der Zar und seine Berater bequemer. Sie brauchen kein störrisches Abgeordnetenhaus heimgn- schicken oder aufzulösen, denn derartige „revolutionäre" Institutionen gibt es in Rußland noch nicht, und die sonderbaren Schwärmer, welche tagtäglich ans das „Reformmanifest" upd die «rschrchm Reformen warten, sind noch immer enttäuscht worden. Polizei und Kosaken suchen den Reformern wie den Revolutionären ihre aufrührerischen Gedanken mit der Maßnahme zu vertreiben, die sich in Rußland noch immer als „der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht" bewährt hat: Mit der Knute!
Wenn dies Mittel und diese Taktik den Japanern gegenüber zöge, dann wäre Port Arthur längst entsetzt und die anmaßenden Japaner in Numero Sicher in Sibirien untergebracht. Aber die Japaner sind keine wehrlosen Studenten, und so muß sich Rußland auf „Siege" im Innern beschränken, während es in der Mandschurei von Mißerfolg zu Mißerfolg schreitet. Wilde Gärung im Innern und schwere Niederlagen nach außen! In diesem Zeichen steht der Zarismus.
Politische Übersicht.
Polizcirccht in Sachsen.
Die Gräfin Montignoso hat einige Stunden in Dresden verweilt, wo sie vergebens versuchte, ihre Kinder zu sehen, und sie ist dann wieder abgereist, nachdem sie polizeilicherseits bedeutet worden war, daß sie die Stadt sofort verlassen müsse. Wir wollen auf die_ Tragödie dieser Frau hier nicht tiefer eingehen, aber eine Frage ist geboten. Man versteht nämlich nicht, nüt welchem Rechte die Dresdener Behörden, vom Staatsministerium angefangen bis zu den Polizeiorganen, der geschiedenen Gemahlin des Königs befehlen, unverzüglich abzureisen. Tie Gräfin Montignoso hat durch die Scheidung ihre Eigenschaft als Reichsdeutsche nicht verloren, somit gibt es für die Polizei keine Befugnis, sie mit Ausweisung! zu bedrohen, zumal sie nichts begangen hat, was einen Zusammenstoß mit dem Strafgesetz in sich enthalten hätte. Die Gräfin hat das Recht, an jedem beliebigen Orte im Deutschen Reiche Aufenthalt zu nehmen, also« auch in Dresden. Ihre Anwesenheit mochte als Unbequemlichkeit empfunden worden sein, und wenn ihr unter Beiseitelassung des polizeirechtlichen Apparats ungeraten worden wäre, daß sie besser tue, abzureiseu, so stieße stich vom Rechtsstandpunkt aus gegen eine solche private Behandlung der Angelegenheit vielleicht nichts einwenden. Aber die Inanspruchnahme von Befugnissen, für die cs in diesem Falle keine gesetzliche Stütze gibt, muß auffallen, und sie erscheint wenig geeignet, die Erregung der sächsischen Bevölkerung über den merkwürdigen Vorgang zu dämpfen. Mit Erstaunen beobachtet man, daß fürstliche Persönlichkeiten unter Um- ständen schlechter gestellt sein können als -simple Leuts aus dem Bürgerstande, denen gegenüber sich die Dres- dener Polizei schwerlich zu einem Ausweisungsbefehl verstanden hätte.
Ter deutsche Schiffsbau in englischer Beleuchtung.
Ein Leitartikel der großen englischen Fachzeitschrift „Engineer" beginnt mit dem Satz: „Die Schiffsbau- industrie in Deutschland hat sich in den letzten Jahren zu einer solchen Ausdehnung entwickelt, daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach in zwei oder drei Jahren vollauf im stände sein wird, alle Bedürfnisse des eigenen Landes' zu befriedigen, wenn sie nicht eine solche Stellung schon jetzt erreicht haben sollte." Dies Urteil wird ausgesprochen auf Grund einer eingehenden Prüfung der Statistik des deutschen Schiffsbaues und gibt den Engländern wieder Grund zur Klage über den Aufschwung des deutschen Wettbewerbs. Wenn in Betracht gezogen wird, daß im Jahr 1903 von Deutschland Schiffe im
Feuilleton.
Luöwig pietsch.
80. Geburtstage des Seniors der deutschen Kunstkritik (25. Dezember).
Won Dr. Kurt Rudolf Krcnschner.
^ ett bedeutenden deutschen Kritikern, die das stW««lschL Schaffen der letzten Jahrzehnte unter die unparteiischen Beurteilung genommen haben, Ludwig Pietsch, der am ersten Weihnachtstage dieses ui staunenswerter körperlicher und geistiger
das achtzigste Lebensjahr vollendet, an erster .Das Lebeiisbild des Mairnes, der noch heute mit stj^.^uderter Schaffensfreudigkeit den großen Kreis U^brVerehrer mit wohldurchdachten, geistveichell Arbei- fririirf r ~ t ' ist mehr als dasjenige anderer, die das Szepter geschwungen haben und noch schwingen, Pi-n^stEgemeines Interesse zu erwecken; denn Ludwig b ot O nicht nur, wie sehr richtig die Festschrift einer &IicfpttS 3em aus ein zweihundcrtjähriges Bestehcil zurück- sch^.a.a®u großen „Berliner Zeitung" bemerkt, der Ge- der künstlerischen Entwicklung der letzten ieifhhi!ü e geworden. Er ist ferner nicht nur ein ®Utori\* er Schriftsteller von hoher Begabung, der die feitW• in seinem reichbegnadeten Leben Geist m lebendiger Plastik Wiede rzugeben weiß. Er er auch in seiner Entwickelung zu dem, was
“uf bi»? en ' grundverschieden von den jüngeren, die darf ^ Gebieten tätig sind, daß man es wohl wagen fät fosjt . öus Interesse eines größeren Leserkreises
ei» f„s/0UNntsse dieser analytischeil Kunst einführen, >
H St.!^^reiches literarisches Material erleichtern >.„ .wmen und Fleißigen, die Fallgruben zu ver- die Hindernisse zu nehmen, die sich auf dieser l "uftürmen. Wenn nur wenige das augestrebte f Elchen, so offenbart sich darin nur die Wahrheit
des biblischen Spruches: „Diele sind berufen, aber
wenige sind auserwählet." Denn gerade zum Amte des unbestechlichen Zensors in Kunstdingen muß man die nicht zu erlernende Gabe der Intuition und des Geschmacks mitbringen. Wem aber dieses Geschenk verliehen, der pflegt gemeinhin heutzutage viel früher als ehedem mit ausgereiften Anschannngen feine praktische Arbeit auf diesem Gebiete zu beginnen.
Ganz anders Ludwig Pietsch! Lange Jahre hindurch ist sein ganzes Sinnen und Streben darauf gerichtet, ein hervorragender Zeichner und Maler zu werden. Ein zeittötendes, träumerisches, zersplitterndes Treiben, von dem er selber in seiilem Buche „Wie ich Schriftsteller geworden bin" mit großer Offenherzigkeit spricht, als Erbteil des Vaters ein romantischer Idealismus, Mitleidenschaft unter den Stürmen des _ tollen Jahres 1848 und nicht zum wenigsten ein ungeeigneter Atelienmterricht durch den Porträtmaler Otto lassen ihn lange Zeit seinem Ziele nicht merklich näher kommen. Es verstreicht eine lange Reihe von Jahren voll schwerer pekuniärer Bedrängnis. Während hundert andere in den'Sorgen und bitteren Erfahrungen des rauhen Lebens zugrunde gegangen wären, läßt er sich aber nicht ent- mutigen, und als er endlich sich soweit durchgesetzt hat, daß er seine Zeichnungen nicht mehr um einige elende Silbergroschen verkaufen oder an Zahlungsstatt dem benachbarten Grünkramhändler oder Fleischhacker hinzu- geben brauckst, sieht auch schon, ohne daß er es gewollt, der Übergang zur Schriftstellerei und' Kritik vor der Tür, in denen er niemals die bitteren Erfahrungen der tausend anderen durchzukosten gehabt hat, die vergebens von Redaktion zu Redaktion laufen und ihre Manuskripte immer wieder von den Verlegern zurückkommen sehen.
Während hundert andere ihr frühestes Werden, die Gestaltung ihrer Jugend mehr als nötig breittreten, so daß der Biograph oft nicht imstande ist, das Tatsächliche von dem aus Reflexionen späterer Jahre Hinzuphcmta- sielten zu trennen, ist über Pietsch aus seiner Jugendzeit nur wenig zu berichten, um so mehr, als er selbst nur wenig mitteilsam darüber ist. In Danzig geboren, bezieht er im Jahre 1841, also noch vor Vollendung des siebzehnten Lebensjahres, die Berliner Kunstakademie.
Die Erwerbung der technischen Fertigkeit verzögert sich aus den oben angedeuteten Gründen. Leidenschaftlich erregen den ideal Denkenden die politischen Ereignisse des Revolutionsjahres. Plötzlich stirbt sein Vater, dessen Tod ihn aller Subsistenzmittel beraubt und zur Unter- brechung der Studien zwingt und zu alledem schließt der noch nicht Fünfundzwanzigjährige eine höchst romantische Liabesche, von deren Beginn er selber sagt, daß er und sein schöner braunäugiger, schwarzlockiger^ schlanker, achtzehnjähriger Schatz „nicht ein Bettcheu» ein Tischchen, einen Stuhl" ihr eigen nennen konnten.
Der „törichte Schritt", der schwachen Charakteren oft zum Verhängnis wird, ward für Pietsch zur Ursache innerlichster Vertiefung. Sein Wille, sich durchgurmgen^ erstarkte wie ein Magnet, der durch das angehängte Gewicht nur noch kräftiger wird. Er mutzte zwar auf manche bunte Jugendillusion verzichte:^ und die altgewohnte Geselligkeit gänzlich aufgeben. In dem kleinen Haushalt war Schmalhans viele Jahre lang Küchenmeister, und Pietsch mrißte einmal sogar, als kein Stückchen Holz und ebensowenig Geld, um es zu kaufen, in der Wirtschaft war, auf beit Hausboden schleichen, um von dem Dachboden so viel abzuhacken, als erforderlich war, um auf dem Herde Wasser heiß zu machen. Sein Hochzeitsmahl war ein Glas Bier, das er in einer Bier- Wirtschaft an dem heut schon seit langem verschwundenen Schinkelschen Tore mit seiner Frau und dem genialen Bildhauer Kälide trank. Mangelhafte Wohnung, unzn- reichende Ernährung und andere Entbehrungen warfen ihn schon in den nächsten Jahren mehrmals auf das Krankenlager. Gelegentliche kleine Aufträge verhüteten zwar das Allerschlimmste. Wie knapp es aber dem jungen Paare ging, beweist die Tatsache, daß seine Frau namentlich in den Wochen vor Weihnachten mit geschickten „mains de f4e" Puppenkostüme zusammenschneidcrte, woraus beide bei Ne'belgeriesel und Winterschnee in den Läden der Friedrichstraße und .Königstraße mit ihrer Ware hausieren gingen.
Als im Jahre 1852 die Not aufs höchste gestiegen war, brachten einige Aufträge, die Pietsch durch Ver- Mittelung von Dr. Max Schasler, den Kunstkritiker dev .„Vossischen Zeitung" und Herausgeber der „Dioskuren",
