Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 262.
Dienstag, 9. November.
1915.
110. Fortsetzung.) Dßf (Dü^Cl = HltQSf, lNachdruck verboten.1
Roman von Edrla Rüst.
Gleich bei seiner Rückkehr sprach Herbert mit Dina über den Fall Barten und fantb bei ihr nicht nur Las richtige Verständnis, sondern eine gewisse freudige Neugier auf -die außergewöhnliche Bekanntschaft mit einer Künstlerin.
Dann erzählte er viel von der Jagd. und zuletzt auch so nebenher von Frau Deubenreiter, «die jetzt die ,Waldschcnke führe — natürlich als hätte er sie heute zum ersten Male gesohen — besonders aber von dem reizenden, schnurrigen, kleinen Putti, dem er sin Schaukelpferd habe versprechen müssen.
„Aber, liebster Heribert, gleich ein Schaukelpferd, einem ganz fremden Jungen? Das hättest du doch lieber dem reichen Trümpe überlassen sollen!"
„Trümpe! Was versteht der von Kindern! Ich «sage dir, das Gesicht von diesem Bengel am nächsten Sonntag ist mir drei Schaukelpferde wert."
„Am nächsten Sonntag?"
„Selbstverständlich jagen wir die nächsten sechs Wochen jeden Sonntag! Meinst «du, man kaust sich «ine Jagdansrüstung, um mal vier Hühner zu schießen?"
Das leuchtete Dina ja ein, und in ihrem Stolze, daß ihr Mann sich keine Blöße gegeben «hatte und wirklich eine Deute heimgeibracht, versprach sie denn zuletzt bei Spielberg ein Schaukelpferd für «den fremden Jungen auszüsuchen.
„Die Eltern waren hier, auch Papa mit Lucy:"
„«So! Das ist freilich nichts Aufregendes gewesen. Wie haben sie sich denn zu meinem Jagdvergnügen geäußert?"
„Dein Väter schwieg sich in seiner beredten Weise aus. Mütterchen glänzte über ihren AlleAvoller und Ulleskönner von Sohn. — Papa meinte, wer schon so viel Zeit bei der Fidel versäumt, könne wenigstens die Flinte in Rirhe lassen, und Lucy spöttelte, «du würdest dich doch hoffentlich gleich morgen in ganzer Figur photographieren lassen, damit Petri dich in den Schaukasten hängt, und ganz Fünf-Hügelchen den schneidigsten seiner Anwälte auch als Nimrod bewundern könne!"
„Recht so! Ich werde die Herrschaften schon in Bewegung erhalten! Diese Bande!"
„Aber, Herbert!"
„Mütterchen ist natürlich ldavon ausgeschlossen — ztvei von den Hühnern bringst «du ihr morgen, sie soll sie auf »nein Wohl verspeisen."
„Mutter Grünrm siodelt nun znm Januar wirklich nach Hier über, es ist «beschlossene Sache."
„Nu also, was will man mehr! Sie muß «doch die Goldmine, die sie auszubaggern gedenkt, besser und andauernd «übersehen, können!"
„Lucy meinte, sie könnte eigentlich am besten bei uns oben wohnen, da Professors nun ausziehen — die Wohnung wäre gerade ausreichend für sie, und Papa brauche dann doch nicht ertra Miete zu zahlen."
Herbert lachte unbändig.
„Und was hast du dazu gesagt?".
„Daß Frau von Grümm bisher ja wohl auch selbst ihre Miete gezahlt habe, sie -dos ja auch tun könne, «wenn sie nach Fünf-Hügelchen verzöge, wenn es «durchaus wünschenswert wäre, sie hier am Ort zu haben. Und daß wir unser Haus jetzt leider für uns nötig «haben, «da es auch mein Wunsch sei, daß dein Bureau nach hier verlegt werde!"
„Gib mir einen Kuß, du bist bildungsfähig! Wie nahm man «deine Erklärung aus?"
„Lucy war ganz sprachlos und verfärbte sich ins Grüne, wozu sie jetzt leicht neigt, Papa meinte etwas einge'chüchtert: inan könne sich das ja noch bis Weihnachten Merlegen, und Mütterchen platzte sehr energisch heraus: „Aber liebste Frau Lucy, Ihre Mutter gehört denn «doch «her in Ihr Haus als in das unserer Kinder >— Ihre Villa ist ja geräumig genug!"
„Bravo! Ich kann mir denken! Tableau, und — Papa Lauter hielt genau vier Sekunden darauf Vortrag über . . . .?"
„. . . Dampfheizung! Die Villen vor «dem Tor sollen alle damit beglückt werden, und wenn es sich tun läßt ohne zu viel Umbauerei, reflektiert Pa-pa «für sich darauf."
„Selbstverständlich! Die vor dem Tor dürfen doch vor dam Kommerzienrat Lauter nichts voraus Habens Was sonst noch?"
„Otto hat an Mütterchen geschrieben und ange- fragt, ob er wohl zu Weihnachten bei uns logieren könne. Wenn nicht, blieb er in Berlin, vorläufig verzichte er noch auf intime Festlichkeiten im Hause seiner Frau Mutter und der jüngeren Linie Lauter. Er soll doch kommen, nicht wahr?"
„Gewiß soll er kommen! Schon weil die Frau Kommerzienrat sich darüber ärgern wird."
„Ihr seid doch wirklich wie die kleinen Kinder, mit dieser ewigen gegenseitigen Ärgernis. Papa ist nach «lvie vor glücklich, und das ist die Hauptsache. Seine einzige ernste sorge ist vorläufig: nicht der alternde
Mann in ihren und anderer Au,gen Ml sein! Es ist so rührend, gerade an Papa, weil er so wenig gewohnt war, sich als Gefühlsmensch zu zeigen, Und doch, wer weiß, heut oder morgen bereuen sie doch vielleicht alle beide ..."
„Ach, Gott, das ist schließlich überall so . . ."
„Wie denn?"
„Daß es sich lockert!" '
„Muß sich denn jode Ehe lockern?"
„Sie muß nicht, aber ..."
„Sie tut es. . .?!"
„Das ewige Gesetz «des Ausgleichs! Es morsch! alles, was da lobt, auch alles Dotgegenständliche! Wir
morschen auch einmal, liebes Kind ■-einmal, sage
ich! Bis dahin habe ich mich aus dem Staube gemocht!^ Zwischen geborstenen Mauern könnte ich nicht leben h Wozu auch? Nur nicht rührselig wenden, Kindchen!! Wir sitzen im «dicken Glück, was scheren uns geborstene
