53. Jahrgang.
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|J,*, 579. «erlags-Fernsprecher R». 29»,. SyUNlltg, 11. RedaktionS-Fernsprecher No. öS. 1804.
Morgen- Kusgabe.
1. Matt._
Politische Wochenschau.
Man soll in der Politik niemals niemals sagen! Die Wen und drüben abgegebenen feierlichen Versicherungen, wonach man bei den Verhandlungen über den Handelsvertrag zwischen Deutschland und Ö st e r r e i ch - U n g a r n gerade so weit gegangen sei, wie es nur menschenmöglich wäre, sind ja von Anfang an nicht allzu wörtlich genommen worden, und in der Tat macht es jetzt den Eindruck, als ob sich die beiden Regierungen doch noch friedlich-verträglich, und zwar handelsverträglich zusammen- sinken werden. Jedenfalls sind die diplomatischen Ver- Handlungen aufs neue ausgenommen worden, und anscheinend rückt jetzt die Möglichkeit doch. wieder näher, daß dem Reichstage nach Weihnachten mir den anderen Handelsverträgen auch der mit Österreich-Ungarnzugehen werde. Freilich, bis dahin werden noch viele Widerstände zu überwinden sein, und zwischen Spree und Donau ist ein weiter Weg.
Der Reichstag hat sich unterdes, _ während er der kommenden Handelsverträge harrt, mit heißem Be- müh'n des Etats angenommen, der diesmal ja ein nichts weniger als erfreuliches Bild bietet. Es hat an Klagen über unsere Finanzwirtschaft, welche von den Leuten, die das Kind beim rechten Namen zu nennen pflegen, kurzweg als Pumpwirtschaft bezeichnet worden ist, nicht gefehlt, aber über die Mittel, wie wir aus dem Pump ins Bare gelangen können, gehen die Meinungen noch himmelweit auseinander. Ter alten Gewohnheit folgend, wonach in der Etatsdebatte all die vielen Beschwerden und Klagen zur Sprache gebracht werden, an denen es bei uns ebenso wenig lvie irr den anderen Ländern mangelt, haben die Volksvertreter auch dies- mal reichlich von dein ausgepackt, was sie auf dem Her- ?en hatten.
Einen großen TeU der Seiten des parlamentarischen Beschwerdebuches pflegt nach alter Gewohnheit die Sozialdemokratie auszufüllen, aber ihre Taktik, grau in grau zu. malen und aus der Eins durch Hinzufügung von öwei Nullen eine Hundert zu machen,^ hat dem Reichs» kanzler Grafen Bülow bei feinem Rededuell contra Bebel die Arbeit auch diesmal erheblich erleichtert. Am bemerkenswertesten von den Ausführungen des Reichskanzlers, der über die Vorhänge der "inneren Politik ziemlich leicht hinwegging, war das, was er über unser Verhältnis zu Rußland und England und vor allem über die zukünftigen Maßnahmen in S ü d w e st a f r i k a sagte. Sehr trostreich sieht diese Zukunft fürs Erste freilich nicht Ms, und von den angekündigten Reformmaßnahmen sind wir noch weit entfernt, da das Ende der blutigen und verlust
reichen Kämpfe noch gar nicht abznsehen ist. Die Ge- fechte bei Warmbad, Rietmont und Antchaebib haben gezeigt, daß die Aufständischen noch keineswegs entmutigt und sogar noch zur Aggressivtaktik befähigt sind. Bis zur endlichen Pazifizierung des Schutzgebietes werden wir mithin noch einen recht langwierigen und opferreichen Gesundungsprozeß durchzumachen haben.
Ein langwieriges und peinliches Prozeßverfahren, oder, genauer gesagt, ein ganzer Ratt en k ö ni g v o n Prozessen ist es, der sich im Grotzherzogtu-m Oldenburg um die Person des I u st i z m i n i st e r s Ruhstra t dreht. Der jüngste dieser Prozesse hat zwar mit der Verurteilung des angeklagten Redakteurs Schweynert zu einem Jahr Gefängnis geendet, aber die mancherlei, sagen wir eigentümlichen, um uns gelinde anszudrücken, Vorkommnisse bei diesem Prozeßverfahren lassen es als höchst wahrscheinlich gelten, daß in dieser Sache, mit der sich zunächst das Reichsgericht zu befassen haben wird, noch lange nicht das letzte Wort ge. sprachen ist. An diesen Rubstrat-Prozeß, dem noch et- liche andere folgen werden, ist eine so scharfe Kritik geübt worden wie selten an einem Gerichtsverfahren, und es darf nicht wundernchmen, wenn allgemein die Vermutung ausgesprochM wird, daß die eisenfeste Position des Justizministers allgemach doch erschüttert werden könnte.
Einige kleinere Ministerkrisen, welche die Welt jedoch wenig Msgeregt haben, hat es in den letzten Tagen in Spanien und in Serbien gegeben, wäü- rend sich in F r a n k r e i ch das Kabinett Combes gegen die Attacken seiner Gegner mit. Erfolg wehrt. Eine dieser Attacken, die von dem Nationalisten Gauchet auf den Präfekten Joliet ausgeführt - wurde, ist von diesem mit einem handfesten Regenschirm abgewehrt worden, während die beiden Helden I a u r d s und D ö r o u l ä d e die poetischere, aber in diesem Fall weniger wirksame Pistole vorgezsgen haben. Der Attentäter S y v e t o n, der den vergangenen Kriegs- minister ohrfeigte, ist seiner Bestrafung entgangen, indem er kurz zuvor einem Unglücksfall zum Opfer fiel.
Während das Bombardement zwischen Faurds und Döroulöde als Spuren nur vier Löcher in der Lust hinterließ, hat das Bombardement der Japaner auf die Port Arthur-Flotte nach den letzten Meldungen eine verheerende Wirkung ausgeübt, und der Fall der heldenmütig verteidigten Festung scheint trotz der verzweifelten Anstrengung der Belagerten immer näher zu rücken.
Der Krieg aber wird trotzdem seinen Fortgang nehmen, denn die Gerüchte von einer Dermittlungsaktion sind völlig verstummt, und der zweite Ausguß der Friedenskonferenz ist bis nach dem Kriege vertagt worden. Die Botschaft Roofe Veits läßt erkennen, daß jetzt nach der Wahl der Plan der Friedenskonferenz für ihn nur noch die Rolle des Mohren spielt. Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen!
Die Deichssinaryen.
Ein Gerücht geht um, wonach in Regierungskreisen die Einführung einer Reichsvermögenssteuer erwogen werden soll. Das Gerücht hat seinen Ursprung im Zentrum, das als vermeintlich oder wirklich regierende Partei ja jedenfalls über gute Verbindungen nach oben hin verfügt. Man kann sich vorstellen, daß einer der Zentrumsführer in vertraulichem Gespräch mit dem Reichskanzler oder dem Grafen Posadowsky darauf hingewiesen haben mag, wie es doch eigentlich unmöglich und unerträglich geworden sei, das jetzige leichtfertige Wirtschaften von der Hand in den: Mund fortzusetzen. Graf Bülow oder einer seiner Stellvertreter hat vielleicht bei einer Zentrumsgröße leise, aber vernehmlich angeklopst, ob nicht mit der Erhöhung der Biersteuer oder der Tabaksteuer Abhülse geschaffen werden könnte, und die Antwort war vielleicht, daß alles seine Grenzen habe, also auch und namentlich die Erregung von Unzufriedenheit in den sogenannten unteren Klassen durch indirekte Steuern, die von der Sozialdemokratie mit Erfolg agitatorisch ausgenutzt werden können. Und in solchen Unterredungen mag denn, mit andeutenden Fragen und ebenso bloß andentcnden Zustimmungs. winken, der Gedanke an eine direkte Reichssteuer in ungefähren Umrissen aufgetaucht sein.
Wie gesagt, so kMN es sich Verhalten haben. Wir wissen nichts darüber, wir hören nur die Botschaft und wir vermögen nicht einmal zu sagen, ob wir ihr miß- trauen müssen oder ihr am Ende doch, mit zaghaften Erwartungen, vertrauen dürfen. Darüber kann kein Zweifel sein, daß in dem Augenblick, wo sich die Regierung zu einem Gesetzentwurf betreffend die Einführung einer Reichsvermögenssteuer entschließen wollte, der Erfolg bereits gesichert wäre. Keine Partei würde es ernst-? sich wagen können, einer solchen Steuer zu widersprechen. Mit Unwillen zwar würden zahlreiche, nur allzu zahlreiche Reichstagsmitglieder Ja sagen, aber das Ja selbst wäre unvermeidlich. Die Entscheidung steht einzig bei der Regierung. Selten nur kommt es vor, dc.ß eine Regierung allein es in der Hand hat, ob sie eine Steuer- reform, die als ein nobile officium der wohlhabenden Klassen zu beurteilen wäre, durchführen soll oder nicht. In der Regel wirken entgegengesetzte Einflüsse materiellster Natur, wichtige Interessengegensätze aller Art freundlich und feindlich durcheinander, wenn es sich um Steuerprobleme handelt. Bei einer Reichsvermögens, steuer aber läge das durchaus anders. Die Nichtbe- sitzenden würden selbstverständlich von ihr begeistert sein, die Besitzenden müßten sich schämen, wenn sie sich ihr entziehen wollten. Sollten wir wirklich zu einer solchen Reform in absehbarer Zeit kommen, so könnte man den Streit darüber, ob eine Reichseinkommensteuer oder eine Reichserbschaftssteuer nicht einer Reichsvermögenssteuer vorzuziehen wäre, ruhig beiseite lassen. Jede dieser Reformen bat ihr Für und Wider, aber jede auch wäre geeignet, die Reichsbedürfnisse so zu befriedigen, daß
Feuilleton.
meiner Mappe.
(3 ü r das „Wiesbadener Tagblatt".)
Von Walther Schulte vom Brühl.
XVH.
Der s?«"it iche Herr.
Meine Frau lag noch wach, als ich von dem Herren- men kam. Sie frug nach allem und hörte mit Belegung, daß ich zur Rechten des Fabrtkdirektors -^ärckler meinen Platz gefunden hatte. .....
»Das freut nnch für dich", sagte sie. „Ein gebildeter, siuger Mensch. Und er hat so was Ruhiges: und dann lebt er sehr glücklich mit seiner Frau. Solche Menschen llndet man heute nicht oft. Habt ihr euch denn gut unterhalten?"
, »Vorzüglich. Während der Suppe meinte er, bei oer überhandnehmenden Irreligiosität sollte der ethische Unterricht mehr poussiert werden, beim Fisch hielt er El lr einen sehr belehrenden Vortrag über ein neues -Water-Closet-Modell, das sich seine Fabrik eben habe patentieren lassen. Er versprach sich einen solchen Er- >°lg davon, baß die Aktien seines Unternehmens gewiß uui zwanzig Prozent steigen würden, und das A>ema U'achre chn so lebhaft, daß er sich fast an einer Grate
verschluckt hätte." .
ö- ."'? r rst halt ein ausgezeichneter Geschäftsmann. Die ovbrik kann froh sein, daß sie ihn hat", meinte inemc sdeau. „Und worüber habt ihr euch sonst noch unterhalten?"
. »Über seinen Affen. Er sei so ungemein possierlich, der es wäre ewig schade, er hätte die Räude an den Schwanz gelriegt. Er hat ihn mir versprochen. >zch dunte die Freundlichkeit nicht abweisen."
„Das Vieh kommt mir nicht ins Haus", bestimmte mein Weib mit großer Entschiedenheit.
„Nachher, nach der ersten Flasche, hielt einer eine Rede auf die Frauen. Da hättest du ihn sehen sollen, wie er seine Gattin pries. Die Tränen kamen ihm ordentlich in die Angen und er seufzte wohl ein halbes Dutzend mal: Ein Kapitalweib, ein Kapitalweib! Und jedesmal trank er ein halbes Glas Rüdesheimer dazwischen."
„Ein famoser Mann", sagte meine Frau.
„Später fing er an, zärtlich zu werden. Er versicherte, ich sei ihm von jeher sehr sympathisch gewesen und ich müßte unbedingt eine Jagd mit ihm zusammen pachten. Ich glanbe, ich habe es ihm zugesagt."
„Ihr hattet wohl schon beide ziemlich viel getrunken", gab meine Frau ihre Meinung kund, indes ich mir den Kragen abknöpfte.
„Und was dann weiter? Wovon habt ihr euch denn noch unterhalten?"
„Hm, eigentlich ist das eine diskrete Sache."
Meine Frau richtete sich halb im Bette Ms. „Du weißt, Schatzi, daß deine Maus schweigen kann. Du wirst es mir doch sagen", schmeichelte sie.
„iflun ja, du läßt ja doch nicht locker, Mer Diskretion Ehrensache."
Sie legte die Hand aufs Herz. „Selbstverständlich. Also was war es?"
„Nun, was soll's gewesen sein? Wir unterhielten uns noch, als er schon drei leere Flaschen vor sich stehen hatte, über die Haarfarbe der Frauen. Selbstverständlich sagte ich, aschblond — so wie du es hättest — sei mir besonders lieb. Er aber trat energisch für ein leuchtendes Rot ein. Das verriete Blut, das spräche von Temperament, meinte er. Und dann zog er seine Brieftasche hervor und zeigte mir zwischen den Blättern ein Löckchen derartigen Haares. Du hättest nur sehen sollen, wie
zärtlich er es mit seinen schon schwimmenden Äuglein onsah."
„Aber seine Frau hat doch pechschwarzes Haar", wandte meine Frau beunruhigt ein.
„Nun ja, das Löckchen stammte ja auch nicht.von ihr, sondern, wie er mir schüchtern gestand, vom Haupte der Schreibmaschinendame seines Privatkontors."
Meine Frau, schlüpfte mit einem ordentlichen Schwupps unter die Decke und wandte das Gesicht gegen die Wand. „Weißt du, ich habe es immer gesagt, dieser Nückler, das sei mir ein ekliger Mensch", zischte sie. „Und über- Haupt, ihr Männer."
„Es gibt Ausnahmen", sagte ich begütigend.
„Nein", entschied sie, „sie sind alle, alle miteinander schlecht. Und die, die nicht schlecht sind — die sind überhaupt zu dumm dazu? — Und damit: Gute Nacht!"
XVIII.
Mie ich de« Papst nicht sah.
Ich schleuderte durch die Strada di Roma in Neapel, schlängelte mich mühselig durch das Gewirr von kleinen Wagen, Menschen, Eseln und Ziegen, Ziegen, deren Milch da frisch vom Euter an jeder Ecke verkauft wird. So gelangte ich an einen kleinen Platz, auf dem sich eine dichte Menschenmenge um einen dicken, schwitzenden, die Augen rollenden und wild gestikulierenden Signore drängte, der auf einem Eselkarren stand. Mit heiserer Stimme brüllend, pries er alle möglichen Dinge zum Verkauf an, hauptsächlich Tropfen gegen Zahnschmerzen. An einem schlichten Biedermann, der durch lautes Ge- winsel und durch ein üin die Backen gebundenes Tuch deutlich zu machen strebte, welche Pein er zu leiden habe, vollzog er seinen Heilungsvcrsuch mit so augenscheinlichem Erfolge, daß er im Handumdrehen einige Dutzend der Fläschchen mit der Heilflüssigkeit verkaufte, worauf er sich den Schweiß von der Stirne wischte und nun ein anderes
