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SS. Jahrgang.

®ff<ßetnt in zwei Ausgaben. — Bezugs-Pv.'iS: > 8(^9 den Verlag 60 Pfg. monatlich, durch die Pop 2 Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgasie 27.

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Hfl. 5T5« «erlags-Fernsprecher Ro. 296*.

Morgen - Ausgabe.

1. Matt.

Deutschland und Rußland.

Man muß nicht alles aussprechen, was man fühlt und denkt, und nicht alles, was man spricht, sagt das, was zu jagen wäre, wenn nicht zwingende Rücksichten der .Klug­heit im besten Wortsinns genommen werden müßten. Wer mit solchen Vorbehalten, mit solchen, in der Sache selber liegenden kritischen Reserven die Reden Bebels and des Reichskanzlers in der Montagsdebatte des Reichstags über unser Verhältiris zu Rußland durchgeht, der wird bald finden, daß beide mehr gesagt haben. als sie verantworten können.. Der sozialdemokratische Führer hat wahrhaftig kein Patent auf die von ihm geübte Kritik an den russischen Zuständen. Millionen von Deutschen, die mit der sozialdeni,okratischen Gesinnung des radikalen ' Redners nichts gemein haben, mögen über die Zerrüttung im Zarenreiche, über ihre Ursache und über die zweck­mäßigsten Mittel zu chrer Abstellung ebenso wie Bebel denken, und es ist ein öffentliches Geheimnis, daß un­zählige Russen, sehr gemäßigte, nach deutschen Begriffen etwa rechtsnationalliberale Männer, einen Mißerfolg ihrer Heere in Ostasien mindestens fiir kein Unglück, viel­mehr für die mögliche Ursprungsstelle unvermeidlicher Reformen halten würden. Läßt sich so die Empfindung verstehen, aus der heraus der Redner der radikalen Partei die russischen Verhältnisse verurteilte, ^ läßt sich weiterhin begreifen, daß sein Tadel der Unterstützung des russischen Systems durch die deutschen Polizeiorgane scharf Mssiel, so wird man gleichwohl Front machen müssen gegen die kaum verhüllte Sehnsucht Bebels nach einem offenen Zerwürfnis Deutschlands mit Rußland. Inso­weit der Reichskanzler den Spuren dieser Sehnsucht nach- sting und seinen gerechten Unwillen iiber ern so gefähr­liches Verhetzungssystem anssprach, bewegte er sich auf Bahnen, auf denen man ihm folgen kann. Insoweit er aber versuchte, das beflissene Entgegenkommen seiner Politik und der von den Regievungsanweifungen ab­hängigen unteren Organe gegenüber der russischen Unter­drückungspolitik zu beschönigen, ist man verpflichtet, zu entgeanen, daß diese an Liebedienerei grenzende Art das lebhafte Mißfallen auch solcher Kreise in unserem Partei­leben erregt, die sonst nicht abgeneigt sind, die aus­wärtige Politik des Kanzlers zu billigen. Die Aus- Weisungen russischer Studenten, die nichts weiter ver­brochen haben, als daß sie mit dem Terrorismus ihrer Regierung nicht einverstanden sind, die Stellung unter Polizeiaufsicht, unter der die noch nicht ausgewiesenen Russen bei uns leiden, dann vor allem der unselige Königsberger Prozeß, das sind häßliche Flecken auf einem ohnehin nicht sehr klaren und sehr erfreulichen Bilde. Es war kein gutes Wort, das dem Grafen Bülow am Mon- tag im Reichstage entschlüpfte, die Behauptung nämlich, daß eine Unterssiitzung, wie sie die russische Regierung durch die deutsche erfährt, auch, dann gewährt werden

Freitag, de« 9. Dezember.

würde, wenn ein Dahomey das Nachbarland wäre. Mög­lich, daß leidige Notwendigkeiten der internationalen Politik ein derartig trauriges Muß in sich schließen können, aber man sagt dergleichen doch nicht, und man sagt es vor allem nicht in einem Tone, der merken läßt, daß die Sache förmlich mit Lust und Behagen betrieben wird. Warum soll es nicht möglich sein, die Politik der Freundschaft, die der Reichskanzler in wohlerwogener Abschätzung unserer Interessen Rußland gegenüber ein­geschlagen hat, in Formen dnrchzuführen, die uns eine beschämende Kritik im Jnlande wie von außen her^ er- sparen würden? Warum müssen wir manchmal russischer sein, als sogar die Russen? Warum mußte der Königs­berger Prozeß eingeleitet werden, an dem die russische Regierung so wenig Freude hatte, daß sie erst durch lästig empfundene Vorstellungen und Mahnungen dazu gebracht werden konnte, das grundlegende Material zu besorgen? Warum kann bei uns nicht verfahren werden wie in Frankreich? Die Republik ist mit Rußland offi- ziell verbündet, aber es fällt den französischen Behörden nicht ein, -die Hunderte von liberalen, sozialdemokratisch gesinnten, vielleicht sogar anarchistischen Russen zu be­helligen, die in Paris leben. Wahrscheinlich laufen die Fäden einer der russischen Regierung unwillkommenen Bewegung von Paris nach Petersburg und Moskau schneller und häufiger als von Berlin bis dorthin, aber es werden keine aufreizenden polizeilichen Dienste ge­leistet und daß sie unterbleiben, zeigt im übrigen, daß Rußland- dies Treiben aushalten kann. Also ginge die russische Welt, auch die heutige zerrüttete Welt des ab- solutistischen Systems, gewiß noch, lange nicht ans d-en Fugen, wenn man sich an der Spree weniger mit Diensten beeilte, für die der Dank doch nur mäßig ist. Die Aufgabe der deutschen Politik mich es sein, Frieden und Freundschaft mit Rußland ohne Preisgebung unserer Würde zu pflegen. Es ist sehr die Frage, ob dieser Auf­gabe in der letzten Zeit immer entsprochen worden ist.

Preußischer Stirdlelag.

8. 8. Berlin, 7. Dezember.

In der heutigen zweiten und letzten Sitzung beschüf- tigtc sich der Städtetag mit dem G-ese tz e n t w>u r f zur Verbesserung der W o h n u n gs v e r h ä 1 t- niss e.

Der erste Berichterstatter, Oberbürgermeister Z w e i g e r t - Essen-Ruhr hat der Versammlung folgen­den Antrag unterbreitet:

„Der preußische Städtetag erachtet ein Eingreifen -der Gesetzgebung zur Beseitigung der auf dem Gebiete des Wohnungswesens herrschenden Ubelstände für notwendig und erkennt an, daß die im Artikel 4 und 6 des Gesetz­entwurfes über den Erlaß von Wohnnngsordnnngen und -Einführung einer kommunalen Wohnungsbeanf- slchtignng gegebenen Vorschriften eine geeignete Grund­lage für eine gesetzliche Regelung dieser Gegienstände bilden können. Was dagegen die vorgcschlagenen Ab­änderungen des Fluchtlinien- und Kommunakabgaven- gesetzes anlangt, so kann denselben in ihrer jetzigen

Redaktions-Fernsprecher No. 62. 1904.

Fassung nicht zugestimmt werden. Sie sind nicht geeignet, die nach Lage der geltenden Gesetzgebung vorhandenen Hindernisse einer leichten 'und umfassenden Erschließung von Baugelände in dem erforderlichen Umfange zu be­seitigen und durch gerechte Verteilung der Stratzenkosten- beiträge zu einer Besserung der Wohnungsverhältnisse beizntragen. Die Beschränkung .der Selbstverwaltung erweckt die grüßten Bedenken und würde in ihren Wir­kungen dahin führen, daß die Gemeindeverwaltungen in ihren Plänen und Maßnahmen gelähmt und dadurch eine gedeihliche Stadtverwaltung aufs äußerste gefährdet werden müßte."

Der Vorsitzende des Preußischen Landes-Berbandes städtischer Haus- und G-rnndbesitzer-^Vereine, Jusiizrai vr. Baumert- Spandau, hat dem Städtetag eine längere Erklärung eingeveicht, in der es am Schlüsse heißt:

„Der ergebenst Unterzeichnete Preußische Landes­verband, welcher 75 Vereine mit über 45 000 Mitgliedern umfaßt, erlaubt sich, die Bitte auszusprechen, daß der Preußische Stäötetag den Landes-Verband wenigstens in einigen wesentlichen Punkten unterstützen und insbeson­dere sich für Schaffung von RentenbaUken behufs 'Be­richtigung von Anliegerbeiträgen und von Pfandbrief, instituten für Häuser.aussprechen möge."

Oberbürgermeister Zw e i g e r t - Essen begründet seinen Antrag und sagt u. a.: Die ganze Angelegenheit ist ja außerordentlich schwer zu behandeln. Andererseits handelt es sich um ein Thema, welches seit Jahrzehnten die Gemüter bewegt und daher allen bekannt ist. ES handelt sich hier lediglich um zwei Fragen: Ist es richtig, daß die Wohnungsverhältnisse als elende zu bezeichnen sind, .und, falls dies 'zutrifft, wie ist dies Elend zu be­seitigen? Der Gesetzentwurf schlügt verschiedene Mittel vor, die jedoch nicht alle gangbar sind. Der Verfasser des Gesetzentwurfes und seiner Begründung sieht das Wohnungselend in ursächlichem Zusammenhang mit dem Umstande, daß die Zahl der mittleren und kleineren Woh­nungen in den Großstädten und mittleren Städten dev Nachfrage nicht entspricht. Dieser Auffassung kann ich mich anschließen. Der Herr Verfasser ist aber im .Irr­tum, wenn er zur Begründung ausführt: Schuld au dem Wohnungselend sind die Stüdtevernmltungen, und deshalb ist es notwendig, die Städteverwaltungen in dieser Hinsicht unter staatliche Aussicht zu stellen. Nun wird weiter behauptet, das Wohnungselend fei eine Er­scheinung der Neuzeit! Diese Auffassung ist vollständig falsch. Das Wohnungselend ist auch nicht durch das Bau- fluchtliniengesetz entstanden. (Heiterkeit.) Wahr ist nur, 'daß durch dieses Gesetz die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Wohnungselend gelenkt worden ist. Ich gebe zu, viel mögen an den schlechten Bauplänen die Techniker, die auch nur Menschen sind, Schuld haben. Der Gesetz­entwurf bilde zweifellos einen Eingriff in die kommunale Selbstverwaltung. Ich erachte es für gleichgültig, ob der Bürgermeister oder der Regierungspräsident eine Anordnung trifft, denn Bureaukraten sind es beide. (Heiterkeit.) Allein, die kommunale Selbstverwaltung besteht bekanntlich nicht aus dem Bürgermeister, sondern aus dem Magistrat und der Stadtverordneten-Bersamm- lnng. (Sehr richtig!) Der Schutzmann, der Polizist und der Nachtwächter sind nicht die geeigneten Persönlich­keiten, die über die Anlegung und den Ausbau von

Feuilleton.

AreWg in die Heimat unseres Mizengs.

llichts ist reizvoller, als den Werdegang unsrer urprodukte zu beobachten, zu sehen, wie der Wille Menschen die Tücke des Objekts bemeistert. So war "nge mein Wunsch, die Spielzeugmacher Per ryrer zu belauschen. Und so ging's in das sächsische

ze. '

m Möhä, einoin Fabrikort nahk am Zusammew- >er Zschopau und der Flöha gelegen, verließ ich ug, um zu Fuß ins obere Gebirge vorzudringen. Leg, führt erst im Tal nach HohenftAe, wo noch industrie dominiert, dann bergan nach-Ist wach, erstohlener Blick in die Stuben lehrt, daß wir tw> c der Spielwarenherstellung gelang! _ sind, denn werden drinnen kleine Häuschen gelermt mrd an- hen. Zwischen wohlbestellten Hafer- und Roggen- i geht's sacht bergan. Überm Bergrücken taucht stich ein Ksirchturm auf. Wie der Hüter des Tales lald ein sauberes, weißes Kirchlein vor uns. Ta Grünhainichen ist nun erreicht. Es zreht stck) m schiefergedeckten Häusern, terrassenförmig an ; Abhängen erbaut, dem Bach entlang ms Floh . Hier ist der Mittelpunkt der Wagen., Puppen. >, Puppentheater- und Kausmannsladen-Fr *

Während in einer größeren Fabrik mit stre g tsteilung und reichem Sortiment 'Sveualmaschinen >er Stämme zerteilenden Blatt- "^d Krelssag ^

Stabfräser alle nur erdenklichen Mintaturw g '

Trachtwagen, Rollwagen, Postkutschen, M fl Equipagen, hergestellt werden, bedienen sch, die ren Meister zur Erzeugung der gleichen Waren

einfacher Vorrichtungen. Seit Eröffnung des Elektrizi­tätswerkes, das mehr Kraft- als Lichtstrom erzeugt, haben sich aber auch bei diesen vielfach allerhand Maschinen eingebürgert. Etwa 30 Werkstätten haben sich dem, Kraftwerk angeschlossen und sind trotz des ziem­lich hohen Preises mit diesem Fortschritt zufrieden. Es ist ganz erstaunlich, wie viele verschiedene Techniken heute bei den hohen Ansprüchen an feinere Spielwaren zur Anwendung kommen. Stellmacherei, Tischlerei, Schlosserei, Glaserei und Tapeziererei, ferner Anstrei­cherei und Lackiererei. Wer eine Puppenkutsche oder eine elegante Puppenstube auf dem Weihuachtsmarkt schaut, bedenkt selten, welcher Scharfsinn, welche Hand­fertigkeit und welches Dispositionsgeschick es erfordert, um bei den beklagenswert niedrigen Warenpreisen dem Wettbewerb nicht zu erliegen, lind doch sind es meist ganz einfache Leute, die alle die Gegenstände vom Roh­material bis zur Gebrauchssertigke.it Herstellen. Die Fachschule unterrichtet schon neben der Elementarschule die Knaben im Zeichnen und der Handfertigkeit. Später führt sie die in der praktischen Arbeit Stehenden in die eigentlichen gewerblichen Techniken neben beständigem Zeichenunterricht ein. Auch die Behandlung der Elektro- motoren und der Spezialmaschinen lernen hier die Schüler kennen.

Zu Fuß geht's weiter. Don ,der Höhe des „Knochens" blicken wir tief herab aus die weite Talmulde der Flöha, in der das behäbige Städtchen Olbernhau sich ausdehnt. Die wohlgebaute!: Geschäftshäuser im Kern, die schmucken Villen an den Höhen und die dem Fluß entlang errich- ieten zahlreichen Fabriken, der neue Schlachthos, alles aimet Ordnung und Wohlhabenheit.. Olbernhau ist das große Sammelbecken, in welches der größte Teil der Spiclwaren zusammenströint, die in etiva, 40 Ortschaften hergestellt werden und von wo sie dann in alle fünf

Weltteile abfließen. Denn in, der Tat, sowohl, in Australien wie am Kap und in Ägypten, in der Union wie in Kanada, in Indien und Kleinasien erfreuen die erzgebirgischen Archen Noahs, die Holzsoldaten, die Puppenstuben, Knabenflinten und Aufbauschachteln die Herzen der Kinderwelt. In Olbernhau hat sich, aus einer staatlichen Gewehrfabrik, nachdem sie eingegangen^ die Kinderflintenherstellung als Spezialität entwickelt, Weiter die Flöha hinauf kommen wir zuerst in ein Gebiet der Metallindustrie, bevor das klassische Land des Schachtelspielzeuges sich vor uns austut. Der herrliche Fichten- und Buchenwald, der die Abhänge bedeckt und die Höhen krönt, birgt in seinen Stämmen Millionen kleiner Tieraestalten und Soldaten zu Fuß und zu Rotz, die der Erlösung durch die Hand des Drechslers harren und die dann, hübsch bemalt durch Kinder- und Frauen- Hände, auf ihre Wanderschaft in die weite Welt geschickt werden. Aus schattigem Waldweg bringt uns die Post vom Bahnhof nach dem Ort Seiffen. Es ist Samstag, also Liefertag, an dem. die Spielwarenfabrikanten ihre Erzeugnisse den Qibernhauer Verlegern bringen. Die Straße ist belebt, besonders mit Frauen, und Kin!dern, big mit Tragkörben und schweren Hucken zu Tal steigen. Zehn- und zwölfjährige Kinder schleppen Lasten bis zu 40 Pfund wohl eine Stunde weit. „Wenn die armen Dinger nur 'was Ordentliches zu beißen hätten", bemerkt der Kutscher, „aber Kartoffeln, und wieder Kartoffeln." Von Montag bis Freitag wird gemalt, geputzt, geleimt, Samstags ge­liefert, Sonntags geruht. Der Vater besorgt das Drehen, die Mutter vielfach das Schnitzeln.

Seiffen und seine Umgebung ist für die wirtschaft­liche Entwickelung des Erzgebirges die typischste Gegend. Wie schon der Name Seiffen auf Erzwäschen deutet, so zeugen auch hohe, heute zum Teil bewachsene Halden ans dm früheren Bergbau, neben diesem Erwerbe warf sich