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fl Der Roman, s
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morgen»Beilage der Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 261.
Sonntag» 7. November.
1915.
(9. Fortsetzung.)
Der Orgel-Knger.
^Nachdruck verboten.!
Roman von Edela Rüst.
Die Hauptjäger rückten ins Quartier ein. Man saß bald bei der Laset, aß, trank und enthielt sich aller aufschneiderischen Jagdgespräche.
Mit der Zigarre war man auch wieder beim „Klub" arrgelangt, bei diesen: für alle immer noch so unerschöpflichen Thenna.
Der reiche Trümpe war. nachdem er ganz gesättigt, zu Kran Teubcnreiter hineingegangen, um sich auch nach dem alten Luller und den geänderten Verhältnissen zu erkundigen.
Er hatte ja die schwarze Lene als Mädel gekannt. Ein halbes Kind noch, hatte sie ihm so manchen Schoppen schon kredenzt, als er noch mit den Studenten mit- smnpfle, als Jüngling mit normalen Ansprüchen. Damals hieß er auch noch nicht der reiche Trümpe und fuhr noch kein Dogcart. Er war nichts als seines Vaters Sohn, ohne jedes abnorme Taschengeld.
„Da wird sich ja mahl nun wieder etwas auftun hier!" meinte er. „Ich wette, die Herren Studiosi pauken bald wieder hier, wenn sie erst Frau. Lene gewittert haben werden."
„Wundervoll sieht sie aus, viel schöner als früher >— nicht wahr, Doktor?"
Herbert stieß die Asche von seiner Zigarette ab und sagte, als wäre er noch nicht ganz einig mit sich: „Ja, ja, o ja — verflucht hübsch > Halten Sie Ihr Herz fest, Trümpe, denn Sie werden wohl fortan so dann mid wann zur Tränke fahren."
Dann sagte Leutnant Köster in seinem muffligen Ton, als hebe er immer noch einen Nest im Munde, -- den er nicht mehr unterzubringen wisse: „Die Komödianten sind auch wieder da — ich kann nur sagen „Nummern"! Standen jestern alle vor dein Tempel versammelt: kurz und lang, dick und dünn, aber besonders: lattenarlig! Deivel, eS leid't doch hier keiner am Knochenfraß — man müßte sich fone Latschen einfach verbitten."
„Sagen Sie mal, Köster, Sie müssen sich doch Reporter halten, wie kämen Sie sonst allein immer umgehend zum Neuesten-Allerneuesten!"
„Ach. Herr Oberst, ich bin oben noch rmterwegser wie'n Landbriesträger und mache die Augen auf. Was soll man denn in diesem gottverlassenen Nest anfangen — hier ist doch jede Fliege mit einem Überbein eine Sensation! Jott, man lernt kleine Verhältnisse schätzen!"
Alle lachten.
„Kleine Verhältnisse! Ja, das stimmt, Köster — die schätzen Sie! Das weiß man!"
„Verholten Sie sich, lieber Wedel, sonst •— ich weiß mehr, wie Sie in Ihrer Unschuld denken!"
„Nur los, e8 wäre mir doch interessant, das Neueste»
! Allerneueste über meine Person zu hören."
. „Tatsache?"
< „Tatsache!"
f „Habe Sie vorgestern schon mit der einen vcrtrau- lich reden scheu, vertraulich sogar — e? war 'die längste
Latte, also wohl die Sentimentale — dir Mackers" dürfen die Lange nich haben!"
„Tjah . . machte Wedel und reckte sich etwas mehr aufrecht, „ich bin da in einer ganz scheußlich verflixten Situation."
„Jetzt will Wedel sich interessant machen-mit
sowas!" lachte Köster.
„Ich muß doch sehr bitten, Herr Kamerad, die Dame, von der Sie zn sprechen belieben, ist die Schwester eines meiner besten Freunde!"
„Alle Wetter! Und wird hier mimen? Pardon, an so'was denkt uran natürlich nicht! Hatte nicht die entfernteste Absicht, der Dame persönlich irgendwie z>t nahe zu treten, selbst wenn sie nicht Schwester Ihres Freundes wäre . . . Offizier? Der Bruder meine ich?"
„Nein, Staatsanwalt — damit Sie ganz orientiert sind. Sie tritt natürlich hier rmter anderem Nennen auf, wie sie überharrpt sehr gegen den Wunsch ihrer Familie die Bretter betreten hat."
„Na, das ist ja immer derselbe Kitt! Wenn meine Schwester Ballett tanzen würde, war' mir ganz «gal, wenn sie nur gut tanzt! •— Heutzutage!! Me Prinzessinnen gingen am liebsten zum Zirkus und würden lieber 'n Stallmeister heiraten als 'n Leutnant, und wenn er vorn ältesten Adel rs, denn rroch unlieber!"
„Na, Köster, zügeln Sic mal Ihren Tatendrang, Wedel hat das Wort", rügte der Oberst.
„Also Barten — die Dame ist ein Fräulein von Barten — Barten schrieb mir, er sähe es gern, daß seine Schwester hier empfangen würde, damit sie nicht ganz den Kollegen verfällt. Ich sagte ihm natürlich alles zu, aber in der Praxis ist das so 'ne Sache: eine junge Künstlerin, die allein steht, durch einen mäßig windigen Leutrrant empfohlen —- — ja, Herr Oberst, was macht man da?"
„Ja, lieber Wedel, die Sache ist heikel. Wäre ich verheiratet, ich käme der jungen Dame sicher zu Hilfe, ober so . . . Sehen Sie, wir sitzen hier doch in einem von allen erdenklichen Vorurteilen noch sehr geplagten Städtchen. Was weiß inan hier von Künstlern? Ja, die großen, deren Sdamen durch alle Länder tönen, o ja, vor denen würde man natürlich knien, wenn dazu hier jemals Gelegenheit geboten würde! Aber unsere kleine Gesellschaft hier, die eigentlich nur die Fünf- Hügeler-Lebewelt interessiert! Du lieber Gott, wer denkt daran, daß sich auch manch ein großes junges Talent von hier aus entwickeln kann! Man sieht in ihnen hier einfach Schiniere und — es ist ja auch selbstverständlich zu siüben Achteln armes, kleines, talentloses Kanrödiantenvolk, das keine Ambitionen nrehr hat nnd keine Zukunft, kaum einen Hauch von Vergangenheit!"
„Meine Frau wird die junge Dame empfangen, damit ist die Angelegenheit geordnet!" Herbert Sehren hatte gesprochen und zündete sich im Ausstichen eine neue Zigarette an, als begriffe er nicht, wre man über eine so einfache Sache solch ein Gezeter machen könnte.
