ss. Jahrgang.
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U-. 565.
BerlagS-Fernfprecher No. 3858.
Samstag» de« 3. Dezember«
Redaktions-Fernsprecher Ao. 52.
1884.
Morgen - Ausgabe.
_ 1. Wtcrtt.
Der.LiegesMg" der EleKIrhitat.
Am 22. November waren simfun!dz,w>anzig Jahre feit der Gründung des „Elektrotechnischen Vereins" verflossen der in Berlin seinen Sitz hat, sich aber naturgemäß nicht auf die Hauptstadt als Wirkungskreis beschränkt, sondern das wahre Zentrum für alle Berufsgenossen und für den gesamten Betrieb dieser noch so jungen Wissenschaft geworden ist. Aus Anlaß der Stiftungsfeier hat der Ber- ein im Hörfaal des Reichspostgebäudes eine Ausstellung veranstaltet, von der man aus Berliner Blättern erfährt, daß sie eine Fülle von neueit wertvollen Erfindungen, von Verbesserungen älterer Systeme ufw. enthält. Hier ist nicht der Qrt, auf diese technischen Dinge einzu- gehen, wohl aber hat es seinen Reiz, aus einem flüchtigen Rückblick auf die so erstaunlich kurze und gleichwohl so erstaunlich inhaltreiche Geschichte der Elektrotechnik Schlüsse zu gewinnen, die Wer dies Gebiet selbst naturgemäß weit hinausreichen. Man wird bei ruhiger Prüfung bald genug finden, daß die Elektrizität zwar einen unerhörten Siegeszug durch die Welt angetreten hat, daß die umwälzenden Wirkungen aber, die ihr anfangs vor- hergesagt wurden, eigentlich doch nicht eingetreten sind. Man wird dies Ergebnis mit einiger Überraschung wahr- «ehlmen, ohne es widerlegen zu können.
Jene Erfindungen, die die alte soziale Schichtung der europäischen Gesellschaft von Grund aus umgeformt haben, gaben uns die Dampfmaschine und den elektrischen Telegraphen. Ihnen hat die moderne Elektrotechnik, die unsere Straßenbahnwagen in Bewegung setzt, die die Beleuchtung von Straßen und Häusern in Konkurrenz mit dem Gaslicht übernommen hat, die die Telegraphie ohne Draht ermöglicht hat, die uns in ^den Akkumulatoren transportable .Kraft zu verwenden gestattet, trotz aller dieser geistvollen Erfindungen und Verbesserungen doch am letzten Ende nichts Gleichwertiges an die Seite zu stellen. Die Herrschaft des „Königs Dampf" ist noch immer nicht entwurzelt, nicht einmal ernstlich angetastet. Mit dem Übergang von Handbetrieb zu Maschinenbetrieb, den die Erfindung der Dampfmaschine zuerst in ungeheurem, tatsächlich grenzenlosen Umfange ermöglichte, war der entscheidende Schritt von der alten, auf dem handwerksmäßigen Einzelbetrieb beruhenden Gesellschaftsform zu der Kräftekonzentration getan, die das Wesen der modernen Produktions form ausmacht. Mit der Verwertung der Darnpfrnaschinenkvaft zur Beförderung von Gütern und Menschen auf -Schienenstraßen war das Problem der denkbar schnellsten Verbindung, der tnühelosen Überwindung des Raumes, mit einem Schlage siegreich gelöst, und mit der Befreiung der Seeschiffahrt sodann von den früheren unvollkommenen Hülfsmitteln war der Ring der Befriedigung unserer Verkchrs-bedürf-
nisse geschlossen. Die größte Tat der Elektrotechnik aber liegt weit hinter der modernen Ausgestaltung dieses praktischen Wissenschaftsbetriebes zurück, sie wird ausgedrückt durch den elektrischen Telegraphen. Wenn -man ferner seine gewiß berechtigte Freude an der Erfindung -der elektrischen Beleuchtung hat und haben darf, so soll man sich nicht darüber täuschen, daß sie an umwälzender Wichtigkeit doch nicht mit der Erfindung der Gasbeleuchtung verglichen werden kann, mit der sie auch heute noch so zu rivalisieren hat, daß man keineswegs schon sagen darf, der Sieg des elektrischen Lichts sei entschieden.
Das- Entscheidende für den Betrachter, der diese Probleme vom Standpunkt der Einwirkung auf den wirtschaftlichen Produktionsprozeß zu toürdigcn versucht, wird immer die Frage sein, ob die Grundlagen unseres Wirtschaftslebens, die Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur, die Umformungen der ökonomischen Bedingungen durch die Elektrizität derartig bestimmt worden sind, wie es durch die Dampfmaschine, die stehende wie die Lokomotivkraft, ferner durch den elektrischen Telegraphen, endlich durch die Gasbeleuchtung geschehen ist. Die Frage ist zu verneinen. Wir sehen keine sonderlichen Veränderungen im ökonomischen Gesellschaftskörper der Kulturvölker als eine Folge der großartig entwickelten Elektrotechnik sich einstellen. Immer noch behauptet die Dampfmaschine das Feld, und 'auch wo sie durch die Dynamomaschine ersetzt wird, hat man es in Wirklichkeit nur mit einer selbstverständlich höchst wertvollen technischen Verbesserung zu tun, nicht aber mit einer Rovolutionierung unseres sozialen Lebens. Selbst wenn es gelingen sollte, die Naturtrast von Wasser- länfen und Stromläufen in größerem Umfange in elektrische Betriebskraft -nmKusetzen, wäre im Endzweck doch nur etwas Gleichartiges zu den motoriichen Kräften hinzugefügt, die wir schon haben. Selbst wenn der Eisen- bahnbÄrieb elektrisch werden könnte, wäre immer nur eine Verde-sseruing des bestehenden Systems erzielt, das überdies offenbar noch lange nicht an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angelangt ist. Die schöne Erfindung der drahtlosen Telegraphie mag uns in ihrer denkbaren letzten Vervollkommnung vom Hülssmittel der Drähte und Kabel ganz befreien können, Wer mehr als eine Überwindung von Zeit und Raum, wie wir sie schon haben, könnte sie auch nicht geben. Eine Erwartung, die an den Aufschwung der Elektrotechnik geknüpft winde, ist so gut wie unerfüllt geblieben, die nämlich, daß sozusagen die Individualisierung des elektrischer! Betriebes dem Handwerk die Konkurrenz mit dem Großbetriebe erleichtern könnte, indem in jede Werkstatt elektrische Betriebskraft nach Belieben gelenkt würde. ' Spärliche Ansätze abgerechnet, nimmt man nichts wahr, was auf eine Erschütterung des Großbetriebes nach dieser Richtung hin schließen lassen könnte. Ob die Dampfturbine, diese sinnreiche Kombination von Dampfmaschine und Dynamomaschine, so umwälzend wird wirten können, wie es von ihr erwartet wird, hat sich noch zu zeigen. Sollte es geschehen, so wäre auch hier nur gleichsam ein Plus hinzu
gefügt, und die Wichtigkeit der Erfindung der Dampfmaschine bliebe darum doch unerreicht.
Ein Vierteljahrhundert ist eine kurze Zeit, aber wenn die Elektrotechnik sozialpolitisch und ökonomisch so umgestaltend wirken könnte, wie es die Erfindungen von James Watt, Stephenson, Gauß und Weber vermocht hatten, so würden wir mehr davon sehen, als uns zu erkennen möglich ist.
Der ostasiatische Krieg.
Ter rühmlichst bekannte deutsche Militärschriststeller Generalleiünant z. D. v. Eaenuuerer, der Verfasser des Buchs „Die Entwickelung der strategischen Wissenschaft", will die letzte entscheidende Formel dafür gefunden haben, weshalb die Russen in Ostasten ^unterliegen mutzten und die Japaner siegen konnten. Er veröffentlicht in den „Preußischen Jahrbüchern" einen -Aussatz, der nicht bloß in militärischen Kreisen Beachtung finden wird. Er setzt auseinander, daß aus dem Gebiete der Taktik seit etwa fünfzehn Jahren eine Wandlung stattgefunden hat, wie sie so tiefgreifend und großartig seit sehr langer Zeit nicht eingetreten war. Sie läßt sich als die endgültige Beseitigung der früheren Stoßtaktik und als der Übergang zur vollbewußten Feuertaktik bezeichnen. Herr v. Caemmerer schildert Wesen und Ziele des deutschen Exerzierreglements von 1889, das vom Gedanken der wirklichen Feuerüberlegenheit als Vorbedingung für den Erfolg des Angriffs getragen wird. Dies Reglement er- laubt den Sturm erst, wenn die Feuerüberlegenheit errungen ist, es verwirft den Versuch, mit der Kühnheit allein und ohne erfolgreiche Verwertung der Feuerwaffe einen Feind überrennen zu wollen, der in der Lage ist, seine eigenen Waffen wirksam zu gebrauchen. Erst wenn der Gegner im Feuerkampf moralisch bereits überwunden ist, soll ihm auch noch die -Stellung entrissen werden, in der er sicht. Diese deutsche Taktik nun haben sich die Japaner zu eigen gemacht. Herr v. Caemmerer urteilt: „Sie haben ihre neue Kriegskunst von uns Deutschen übernommen und betrachten sich noch immer als unsere Schüler. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß sie unser Reglement richtig verstanden haben und es so anwenden, wie es gemeint ist. Sie siegen -mit Feuerüberlegenheit." Wir müssen es uns versagen, die interessanten Einzelbelege für diese Auffassung des militärischen Kritikers hier anzuführen. Es kommt ja aber hauptsächlich darauf an, sich des Gegensatzes zwischen der javanischen und der russischen Taktik bewußt zu werden. Die russische Taktik hält nichts von der Erringung der Feverüberlegenheit. Jin letzten Reglement von vor etwa fünf Jahren wird die ununterbrochene Vorwärtsbewegung immer noch ausdrücklich als das beste Mittel zur Verminderung der Verluste bezeichnet. Das Wort „Feuer- Überlegenheit" kommt in bezug auf Jnfanteriefeuer überhaupt nicht in dieser Vorschrift vor. Herr v. Caemmerer charakterisiert Kuropatkin als einen Anhänger Napoleons in dem Sinne, daß er seine Streitkräste möglichst zu»
Fenilleton.
Wunder der Pflanzenzucht.
Zu allen Zeiten haben die Menschen das Schöne geliebt und daher das greizvollste, das die Natur hervor- bri-ngt, die Blumen, aber früher ahnten sie wohl kaum, zu welch einer Vollendung sich diese enkwick-c-In könnten, wenn der Mensch mit seiner Kunst zu Hülse kommt und aus dem, was eben nur als ein Erzeugnis der Natur erscheint, etwas noch Schöneres, Prächtigeres gestaltet. Auch fitzt noch dürften die allerwenigsten wissen, rote groß -gerade die Errungenschaften auf diesem (Gebiete sind.
Wenn, wie dies jetzt dankenswerter Weste in so vielen Städten geschieht, GartenbaiEusstellungen Veranstaltet werden, dann pflegt das Publikum in Scharen herbeizueilen, um sich an dem meist so wunderschönen Anblick, den sie bieten, zu erfreuen? Ausrufe des Entzückens werden laut über die Vollendeten Exemplare von Blumen, Früchten, Gemüsen, die da in reizvollsten Arrangements zur Ansicht kommen. Mer wie viel größer vüiöde die Bewunderung und wieviel lehrreicher zugleich eine solche Ausstellung sein, wenn das Publikum Mt nur die Resultate sehen, sondern zugleich beurteilen "Lunte, wie sie erzielt, aus welchen Anfängen sie hervvr- Hdgangen sind, wenn es neben den Erzeugnissen der Jetzt- L«it di« wilden Arten erblickte, aus dc-n-en sie durch jahr- hundertjährige Verbesserungen gewonnen wurden.
Allerdings würde das nicht immer leicht oder auch ijuir angängig sein. Es ist nicht sicher, daß der wilde Weizen aus den Tälern des Euphrat und Tigris der «in- „Vorfahre" der Tausende von Weizcnrassen ist, di« fitzt über den Erdball verbreitet sind und betreffs anderer, Pflanzen würde die gleiche Ungewißheit herrschen. In vielen Fällen aber wäre die Gegenüberstellung ein
leichtes. Noch jetzt begegnet man in Europa dem wilden Apfelbaum, ans dem all die Hunderte von Arten entstanden sind, die wir mit so großem Genuß verspeisen. Einst begnügte sich die Menschheit mit seinen Früchten, aber schon die Römer wollten Besseres und erzielten es auch. Plinins kannte 20 verschiedene Sorten, wir besitzen deren ca. 4000 und die Zahl machst noch beständig. Wäre es nicht sehr interessant, auch bei den Ausstellungen den wilden Apfel sehen und vielleicht auch kosten zu können, um so zu erkennen, wie außerordentlich die Fortschritte sind?
Und ebenso existiert der wilde Birnbaum noch in unseren Wäldern, an dessen Erzeugnissen sich die B-c- wohwer der Pfahlbauten in der Schweiz labten, die aber nur sehr entfernte Ähnlichkeit mit den unendlich vielen Sorten besitzen, die man heut erzielt.
Sehr interessant müßte es auch für das Publikum sein, neben der Melone, w-ie sie die Kunst des Gärtners auch in Deutschland zu gewinnen weiß, trotzdem das Klima dafür wenig geeignet ist, die Melone zu scheu, die die Natur geschaffen hat. Der „Ahnherr" oder die „Ahnsrau" unserer Kantalupcn und anderer Arten ist unglaublich klein und geringwertig. Die Frucht zeigt ungefähr den Umfang einer Zitrone und schmeckt fade wie Kürbis. PliNins verwechselte sie noch mit der Gurke, doch begann man bereits bei den Römern sie zu kultivieren. Im 16. Jahrhundert selbst war ne aber, verglichen mit der heutigen, höchst mittelmäßig, und traf man unter 20 höchstens eine eßbare.
Ebenso lehrreich würden Bergleiche zwischen -den Blumen der Natur un-d der der Kunst sein, di« Gegenüberstellung der einstigen und jetzigen Gemüse, des Kohls, der Karotte, des Radieschens, der Tomate, die erst seii kurzem sich- bei uns eingebürgert hat, jetzt aber so viele begeisterte Anhänger zählt. Wie die Kartoffel ist sie aus Amerika zu uns ge-komnien uwd- anfänglich wollte man nur wenig von ihr wissen, jetzt gilt sie als ein äußerst
gesundes Gemüse un-d wird von vielen als eins der wohlschmeckendsten gepriescn.
Wenn das Publikum erst mehr imstande wäre, durch diese Vergleichung zu beurteilen, welch außerordentliche Fortschritte der Gartenbau vollbracht hat, dann würde es auch zu wissen wünschen, wodurch sie errungen worden sind. So leicht ließe sich dies natürlich nicht immer dar- tun. Eine der einfachsten ist die Verpflanz-ung -in besseren Boden, wodurch nicht nur der Ertrag erhöht wird, son- dein auch oft ganz neue Abarten entstehen, die in der Form, der Farbe, dem Geschmack der Früchte von der ursprünglichen abweichen.
Ein« and-ere ist die Kreuzung zweier Rassen oder Spczicn, durch die manchmal ganz außerordmtliche Resultate erzielt werden. So z. B. bei den Orchideen. In 1847 wurden damit die ersten Versuche gemacht und welch merkwürdige Arten werden nun dadurch-gewonnen! Biel« Botaniker meinten, daß durch natürliche Kreuzungen eine große Menge, besonders unserer Gemüse, entstanden seien, dach hegt man diese Ansicht jetzt nicht mehr, sondern glaubt, daß, wie bei den Tieren, auch bei den Pflanzen, diese nur selten Vorkommen.
Die wichtigste und zugleich die natürlichste Methode aber iit die der Zuchtwahl, deren Vorteile Darwin so klar dargel-cgt hat. Nachdem man eine größere Anzahl derselben Spezies genau beobachtet, wühlt man die zu Verbreitern der Art, die dazu ganz speziell geeignet er. scheinen. Manchmal werden so von Tausenden von Pflänzchen, die ans der Aussaat sprießen, nur 10, 5 oder selbst eine genommen, und dies zeigt, wie viel Bevbach. tung, Geduld und Arbeit hier uötig sind. Aber der Er. -fvlg lohnt die Mühe. Der Zuchtwahl verdanken wir die Apfelsine ohne Kerne, die Pflaume ohne Stein, in der sich nur die Mandel befindet, die Birne ohne Kerne usw. »sw. Auch ans diesem Gebiete werden noch unaufhörlich Fortschritte gemacht, und nicht nur das schon Vorhanden: verbessert, sondern durch Heranziehen wilder Pflanzen ney« Sorten geschaffen. - jj . \y.
