Morgen.veilage der Wiesbadener Tagblatis. \s r~~ . ■ )
Nr. 260.
Samstag. 6. November.
1915.
1(8. Fortsetzung.)
DC? (DtQCl * (Nachdruck verboten.)
Roman von Edela Rüft.
Herbert Sehren schien irgendeine Initiative von ihm
t u ernxitten, darum sagte er: „Gchen Sie mal hinein, ieber Henle, und melden Sie. daß wir bald alle beisammen sein werden — von selbst bringt unS hier niemand einen Schoppen, und ich bin wahnsinnig durstig!"
„Ich fliege I" sagte Henle und spannte die Arme aus, um seine Worte zu verbildlichen. „Ich wette, es riecht hier nach Rebhuhn mit köstlichem Kraut! Ah — die Frau Wirtin I Frau Wirtin, wir melden uns ergebenst: Jagdgesellschaft Oberst von Altlöder! Habe ich recht gerochen — grbt's Rebhühner auch für uns, oder nur für den Hausbedarf?"
„Jawohl . . . Putti. w laß doch los — jawohl, die Herren bekommen Rebhühner, natürlich die ersten, die hier geschossen sind."
Herbert Sehren war wie elektrisiert aufgesprungen und um das Haus herumaegangen. Das war doch nicht der Alten Stimme, das war ja . . .
Einen Augenblick starrten sich der Rechtsanwalt und die üppige, brünette Frau mit dem kleinen, blonden Buben am Rock an, als sähen sie Tote auferstehen. Wer die Starre löste sich schnell, es blitzte ein feuriger Strahl aus den Augen und die Lippen öffneten sich zu einem Lächeln, das die ganzen Gesichter glanzen machte.
„Le ... .1 Frau Lene Deitbenreiter, auch mal auf Besuch?"
Herbert ging mit ausgestreckter Hand auf die junge Fvau zu, die ohne Zögern ihre etwas große, aber >gut geformte und gesnndweiße Rechte in die seine legte. Putti, der kleine, vierjährige Bube, drängte sich zwischen die beiden und wehrte mit seinen beiden Fäustchen den fremden Onkel energisch ob: er war eifersüchtig, weil der seine Mutter berührte.
„Wer Putti, so sei doch artig!" sagte Frau Denben- reiter und machte sich mit dem Kleinen zu schaffen, um in Gegenwart des ihr ganz fremden Henle einem Verhör zu entgehen.
Pet Henle stand auch wirklich mit keinem sehr klugen Gesicht dabei — die eigene Art der Begrüßung zwischen den beidem war ihm ni<ht entgangen.
In seiner allgegenwärtigen Höflichkeit wußte er nichts anderes zu tun. als sich vor Frau Dersbenreiter hutlüftcnd zu verneigen. Herbert stellte ihn dann in aller Form vor.
„Unser alter Paukboden hier! Frau Deubenreiter, von uns die „schwarze Lene" genannt, ist das Wirts- töchterlein, und hat manch tollen Streich mit uns voll-
g hrt, Pater Tuller aus seinem Phlegma aufzuscheuchen, ir lagen ihr natürlich ohne Ausnahme zu Füßen." „Das kann ich mir sehr vorstcllen!" meinte Heule und erlaubte sich einen schwersnöterischen Blick über die ganze Frau Deubenreiter, die immer noch im Türrahmen stand.
Herbert hatte sich derweil auch an Putti herangemacht. fand aber wenig Gegenliebe.
,-Sin hübscher Kerl — der Jüngste?" fragte er.
„Der Jüngste und auch der einzige — zwei Kinder sind tot."
„Ach, wie traurig! Auch Jungen?"
„Nein, zwei Mädchen waren es, mit siinf und sieben Jcchren gestorben. Mein Mann hat das me verwinden rönnen — er ist auch daran zugrunde gegangen."
„Ihr Mann auch tot?"
Eine lange Pause.
Frau Deubenreiter trat endlich von der Schwelle.
„Werden die Herren bald hier sein?"
„In einer Stunde spätestens. Aber, bitt' schön, lasten Sie uns inzwischen nicht verdursten, Frau Deubenreiter", antwortete Pet Henle für den stumm über die Felder schauenden Herbert. Da ging die junge Frau in das Haus, um leichten Mosel zur Abkühlung zu holen. . Die beiden Herren ließen sich vor ' dom Eingang an einem aus Birkenstämmen gezimmerten Platz nieder.
„Ein Prachtweib!" seufzte Pet Henle, und tvarf sein nagelneues Jägevhütchen in weiter Runde auf den Tisch. Herbert sah ihn mit vertveisend ernsten Augen an ,urob schnitt seine Begeisterung schnell ab: „Lieber Heule, kommen Sie der Fvau nur nicht mit Kneipen- Manieren — sie ist keine Kellnerin im studentischen Sinne, hier auch nur Gast!"
„Wer..Herr Rechtsanwalt, es wäre mir nie eingefallen — ich weiß doch . . ."
„Na ja, ja, schon gut. ich wollte Sie nicht rektifizieren, und wenn man sehr jung ist, neigt man zu kleinen Entgleisungen, ich weiß das aus ureigenster Erfahrung . . ."
Pet Henle spielte weiter nicht den Beleidigten — aber dieser Sehren hatte doch eine gewisse größenwahnsinnige Arroganz an sich, die ihm gegenüber, dem so sehr beliebten Referendar Pet Henle, durchaus unangebracht erschien. Er behandelte ihn schon den ganzen Tag fast wie einen Schüler!
Frau Deubenreiter brachte den Wein und war nicht willens, sich bei den Herren aufzuhalten, aber Herbert stellte Fragen.
„Wie geht es Bater Tuller, warum läßt er sich nicht sehen?"
„Vater ist nicht mehr hier."
„Nicht mehr hier?"
„Nein, Herr Doktor. Mit Vaters Augenlicht ging es so zurück, er mußte unter ärztliche Aussicht und halte auch keine Freude mehr am Geschäft."
„Und hat Füns-Hügelchen nicht ausreichend ärztlichen Beistand für ihn?"
„Das schon. Wer er mochte nicht da wohnen. In Hannover sind seine Eltern und Geschwister begraben, da will er auch stevben. Meine Schwiegermutter hat ein hübsches Häuschen dort, da wohnen die drei Alten nun zusammen — Tante Emilie ist auch mitgegangen."
„Tante Enrilie auch? Und wer ist der neu« Wirt hier?"
„Ich!"
