Einzelbild herunterladen
 

ss. Jahrgang.

Erscheint m zwei Ausgabe«. — LezugS-PreiS: durch den Verlag 5» Pfg. monatlich, durch di« Post S Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusanimen.

Verlag: Langgasie 27.

21,000 Abonnenten.

«nzeigen-PreiSr

Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige» 15 Pfa.. für auswärtige Aazeigen 25 Pfg.,—

Anzeigen-Annahme

für die Abend-AuSgade bi» 12 Uhr mittag», für die Morgen»«uSgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingcreichter Anzeigen zur nächst» erscheinenden Ausgabe, wie für die Änzctgcn-Aufnahme an bestimmt vorgeschricbenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Ijfo. 558. 8-rlagS.Fer«Iprecher Ro. 28L8.

Morgen - Kusgabe.

1. Matt.

Französische Wusenföhne.

L. Paris, 27. November.

Wahrlich, die französischen Studenten können mit be­rechtigtem Stotze auf ihre „barbarischen" oder auch „kindischen" dsutschen- Kommilitonen herabsehen. Diese zerhacken sich das Gesicht mit langen Messern und trinken an einem Abend mehr Bier, als ein Franzose das ganze Jahr. Dazu sind sie „roh" und „ausschweifend", wäh- rend die französischen Musensöhne immer „liebens­würdig" und „maßvoll" bleiben. So zum Beispiel heute, an einem klaren, frischen Wintertage, der zum Spazieren­gehen geradezu einlud. Das haben sich die französischen Studenten denn auch gesagt fein lassen. Sie sind „spazieren gegangen", und zwar gleich en masse. Es war aber kein zweckloses, zeitvertrödelndes Herumlaufen in der nicht einmal mehr grünen Natur, sondern ein „Zweckgehen" mit „hochpolitischem Hintergründe". Denn mit Vorliebe ergeht sich der französische Bruder Studio im „politischen Hintergründe", und obzwar er sich seiner großen Nüchternheit rühmt, gebärdet er sich dabei doch toller als zehn sternhagelvolle Heidelberger oder Jenen- ser. Diesmal galt die „Kundgebung" der Regierung, und den besagten, politischen oder, wenn man lieber will, bistorischen Hintergrund lieferte die Jungfrau, nämlich die von Orleans. Immer noch regt der unglückliche Pro­fessor Thalamas, dessen Name sich ganz klassisch griechisch ausnimmt, die ideal angeheuchelten Jünglinge auf, und nachdem vorgestern die „Pennäler" die westlliche Ehre und' den guten patriotischen Ruf der Dame gerettet haben, konnten nun die Studenten nicht gut zurücktreten. Auch sic wollten ihre Temcmstratiönchen haben und sie haben sie gehccht. Wie immer bei solchen Anlässen, haben sie Sorge dafür getragen, daß ihr erhabenes Streben vorher durch die Zeitungen, bekannt gemaäst wurde. Denn was wäre eine Kundgebung, wenn niemand da wäre, gegen die sie sich richten könnte?! Man kann doch nicht irr die Luft hinein manifestieren, man muß vielmehr ein Ob­jekt haben, das einen gewissen Widerstand leistet. Und dieser Widerstand fand sich nun zum Glück auch ein, und sogar in doppelter Gestalt. Einmal erschien die Polizei in zahlreichen Rudeln auf dem Platze, um etwaigen Zu­sammenstößen mit „Andersgläubigen" vorzubeugen, andererseits entboten die Antiklerikalen und Sozialisten ihre riesigen Heerscharen zu einer „Kontermanifestation". Das Herkommen will es nämlich in Paris, daß die

Mittwoch, den 3V. Uovrrnber.

Demonstrationen immer parweise austreten: auf die

„eigentliche" Manifestation folgt unmittelbar die Gegen­manifestation, beide passen zu einander wie Deckel und Dose. Es waren also sämtliche Voraussetzungen für das „Gelingen" des hehren politischen Werkes gegeben. Nach­dem man gut gefrühstückt — sich „Mut gefrühstückt" haste, zog man in langem Zuge mit viel Geschrei nach der inneren Stadt, nach der Rue de Rivoli. nahe den Duileriengürten, allwo sich das kleinere, aber bekanntere Standbild der vaterländischen Lothringerin befindet. Natürlich fanden sich auch viele sonntägliche Neugierige ein, die, ohne gerade von politischen „Idealen" besessen zu sein, doch stets mit dabei sind, wann uno wo es etwas zu scheu gibt. Da die Jünglinge den schönen Tuilerien- gartm zu besetzen und zur Operationsbasis zu machen suchten, sah sich die Polizei genötigt, zum Schutze der Anlagen die Tore zu schließen, und der erste und „patriotische" Erfolg der Kundgebenden war daher, et­liche tausend mehr oder minder arme Teufel, die ein wenig Lust schnappen und sich von der Arbeit einer Woche ausruhen wollten, ihres Spazierganges zu be­rauben. Dann wurde auf dem Place de la Concorde, die so heißt, weil sich dort die zwieträchtigstenSzenen unter dm Hauptstadtbewohnern mit Vorliebe abspielen, „Lund­gegeben", wobei man bald au die „Gegenmanifestcmten" herangeriet. Hier hatte die Polizei einen harten Stand; kaum gelang es ihr, das Schlimmste abzuwenden und eine allgemeine Balgerei zu verhindern, und erst als etliche Züge Dragoner und berittener Stadtgarde zu Hülfe ge­kommen waren, gelang es, die unternehmenden Jüng­linge in die Nebenstraßen abzudröngen. Diese durch­zogen sie unter Absingung eines Kehrreimes, der dem Professor Thalamas das akademische Mißtrauen, wenn nicht gar die studentische Verachtung ausdrückte, und schließlich steuerte man wieder den heimischen Absinth- tempeln im „Quartier Latin" zu, in denr-Mmnesbewußt- sein, ein gutes Werk vollbracht und die heiligsten Ge­fühle des vaterländisch gesinnten Bürgers gegen den Drachen Umsturz und den Moloch Aufklärung verteidigt zu haben!

Einen kleinen pikanten Beigeschmack hat eine Kund­gebung aber doch, die von französischen Studenten und sonstigen Bummelfritzen zur Rettung der weiblichen Ehre der Jungstau von Orleans veranstaltet wird! Denn, das darf' man nicht vergessen, der mehvbesagte Professor Thalamas hatte sich erkühnt, die dreiste Behauptung auf­zustellen, die edle Jungfrau sei am Ende gar nicht mehr Jungfrau gewesen, als sie den Scheiterhaufen bessteg, vielmehr habe sie so eine Art französisch-mittelalterlicher Gustel von Blasewitz dargestellt.

Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1904»

Politische Übersicht.

Noch einmal Vatikan nnd Türkei.

NI. R o m. 27. November.

Der griechisch-melchistsche Patriarch, der mit einem Handschreiben des Sultans und ein paar Qrdensaus- zeichnungen für Kardinale beschwert vor einiger Zeit hier eintraf, wird demnächst mit einem Handschreiben des Papstes an den Sultan wieder -abreisen, ohne die erhoffte Reorganisation in den diplomatischen Beziehung gen zwischen der Kurie und der Pforte bewirkt zu haben. In dem Handschreiben, des heiligen Vaters wird die diplomatische Frage überhaupt nicht berührt. Dagegen versicherte der Papst mündlich, daß er zwar augenblick­lich jede Stellungnahme in der Angelegenheit ablehne, jedoch nach definitiver Regelung der Beziehungen zu Frankreich auf die Frage zurückzukommon gedenke. In Konstantinopel dürste man von diesem Bescheid nicht be­sonders erbaut sein.

Hinter den Kulissen der englisch-russischen Verhand­lungen.

s. Paris, 27. November.

Von einem ungenannt sein wollenden hohen Diplo- nraten, der den Verhandlungen in der Hüller Affäre aus nächster Nähe folgen konnte, sind dem Londoner Korre­spondenten eines hiesigen Mattes eine Reihe bemerkens­werter Angaben gemacht worden. Die Auseinander­setzungen, die zum Beschluß der Pariser Konferenz führ, ten, fanden demnach zum größten Test nicht in London, sondern in Petersburg statt, wo auch Sir Charles Har- dinge, der jetzige englische Botschafter in Rußland und frühere Unterstaatssekretär im Foreign Office, das end­gültige Abkommen im Namen seiner Regierung Unter­zeichnete. Die von Londonpr Blättern gebrachte Sen­sationsmeldung, England sei wiederholt auf dem Punkt gewesen, die Verhandlungen abzubrechen, wird entschieden in Abrede gestellt. Gewisse Differenzen zwischen der Auffassung in London und Petersburg seien allerdings vorhanden gewesen, hätten aber — philologische Ursachen gehabt. Durch Vermittelung des Grafen Benckendorf hatte nämlich die russische Regierung die englischen Vor­schläge im Urtext angenommen/ Für die Pariser Kon­ferenz mußte nun dieser Text ins Französische übertragen werden und da stellte es sich heraus, daß bie russischen Übersetzer von den englischen in einer Reche nicht un- wefmtlicher Punkte abwichen, die erst nach längerem Depeschenwechsel zwischen Downing-Street und dem Aus­wärtigen Amt in Petersburg richtiggestellt wurden. Aus­stellungen an dem englischen Text hatte die russische Re. gierung nur an jener Stelle zu machen, wo von den für

Feuilleton.

Londoner Briet.

Zur Zubereitung des Tees. — Tcewasser. — Jede Stadt ihre« eigenen Tee. — Gärtnerinnen-Kolonie. — „Der verlorene Sohn". — Die Rojetti-Episode.

—, 24. November.

Warum läßt sich in England kein Lagerbier und kein Kaffee, in Deutschland kein Tee in guter Qualität be­reiten? Es mag dafür mancherlei Gründe geben. Eine besondere Gabe des operierenden Personals, besonder: Utensilien, besonderes Material und nicht selten auch ein besonderer Durst tragen gewiß dazu bei, daß uns ein- und derselbe Trank an einer Stätte so viel besser mun­det als an einer anderen. Aber von ganz besonderer Wichtigkeit dürfte doch wohl das Wasser sein. Sind nicht wieder gewisse Gegenden in ein- und demselben Lande durch die Herstellung besonderer Qualitäten von Getränken berühmt geworden? Ist das nicht auch vor­nehmlich eine Frage des Wassers? Hat nicht unlängst noch ein Millionär eine Kaffoe-Mämsell aus einem Hotel entführt? Und wurde nicht ausdrücklich betont, es sei nur geschehen, damit sie ihm zu Hause den Kaffee bereite? Hieß es aber nicht alsbald, er habe sie wieder laufen lassen, da er seinen Zweck doch nicht erreicht habe. _ Das kann doch wohl nur hü sie n, daß ihm der zu Hause ge­braute Kaffee doch nicht so gemundet habe wie vorher im Hotel. Hätte der gute Mann statt des Fräuleins ein Tönnchen Wasser mit nach Hause genommen, die Sache wäre vermutlich viel befriedigender abgclausen. Da wir indessen nicht alle in der Lage sind, das Wasser zur Zu­bereitung unserer täglichen Getränke — das durch den Transport auch nicht besser wevden würde . — von aus­wärts kommen zu lassen, so wirft sich leicht die Frage auf: Können wir Nicht nach sorgfältiger Analyse des uns zu Gebote steheNden Wassers besondere Qualitäten des Materials von Tee usw. dem Wasser anpassen? Das hat vielleicht manche erfindungsreiche deutsche Hausfrau auch ohne jede Anna Liese — wie der Bauer sich ausdrückte — für sich selbst ausklamüsert. Aber in England tft di: Frage, so weit sic sich auf Tee erstreckt, bereits „wissen­schaftlich" gelöst, indem die großen TeeMser das Wasser

einzelner Ortschaften untersuchen, nnd dann ihre pro­fessionellen „Tee - Schmecker" durch entsprechende Mischungen verschiedener Teesorten gerade diejenige Qualität Herstellen lassen, die für das be­treffende Wasser des Ortes am geeignetsten ist! — Der Heimatsort des großen CHamber- lain hat eben eine neue Wasserleitung erhalten, und flugs haben die tea tasters geschmeckt und geschmeckr, bis sie den allein richtigen „Birmingham-Tee" ausfindig gemacht. Dock das Verfahren ist vielleicht auch in Deutschland längst eingeführt. Vielleicht haben Sie auch dort bereits den Berliner Tee, daneben aber auch schon den Charlottenburger Tee, und vor allem Ihren Wies­badener Tee. Und wenn nicht, warum nicht? Ich bin kein professioneller tea taster, und möchte mich noch ivenigcr für einen besonderen Wasserschmecker ansgcven. Die ganze Sache mag ein wenig nach Reklame der Tee- Handlungen schmecken. Aber sollte sie nicht immerhin eines Versuches wert sein? Vielleicht ließe sich doch ein ersprießliches Werk tun, jedenfalls aber — ein gutes Ge­schäft dabei machen.

Wer «ine andere neue Erscheinung im englischen Leben muß ich noch berichten. Ob sie aber Nachahmung verdient, das muß natürlich den geschätzten Leserinnen überlassen bleiben. Aber da es sich um einen neuen Frauenerwerb handelt und es so schwierig ist, Damen neue Gebiete der Tätigkeit zu eröffnen, so mutz da jedes Vorgehen in dieser Hinsicht, und sei die Aussicht aus Er­folg auch noch so gering, Beachtung verdienen. Der Drang nach eigenem Erwerb und der dadurch erlangten gewissen Selbständigkeit, ist hier bei mittellosen Mäd­chen der „besseren" Stände wohl ebenso stark, wie bei uns, doch mit dem Unterschiede, daß während sie sich bei uns vorwiegend auf eine intellektuelle Tätigkeit beschrän­ken, sie hier auch mehr in das praktische Leben eingreifcn als bei uns, ja, nnd nun auch, entsprechend dem sport­lichen Sinn der englischen Nation und ihrer Liebe, sich im Freien aufzuhalten, auch Berufe sich answählen, die vornehmlich im Freien ausgcübt werden. So zumal die Gärtnerei. Längst hat es besondere „Colleges" gegeben, in denen junge Mädchen zu K u n st g ä r t n e r i n n e n herangebildet werden. So weit ist man ja auch in Deutschland schon gekommen. Aber es scheint, dic Be­wegung hat hier bereits größere Ausdehnung genommen.

Die Zahl der jungen Gärtnerinnen ist viel größer, als es Stellen dafür gibt. Es war wohl dieser Umstand, der eine Anzahl von Mädchen veranlaßt«, zusammen einen Komplex Ackerland zu pachten und nun auf eigene Hand durch Gartenbau ihren Unterhalt zu erwerben. Jede von ihnen bearbeitet — mit oder ohne Hülfe von einfachen Arbeiterinnen — ihr eigenes Stück Land, die eine zieht dazu Hühner, eine andere auch wohl. Tauben und eine Hat sich sogar aus die S chw>eine». z u ch t verlegt. Aber die „Damen" wohnen zusammen und niachen manche Einkäufe wie Verkäufe zusammen, besorgen die Transporte ihrer Erzeugnisse usw. gemein­sam und schaffen sich auf diese Weise eine angenehme Häuslichkeit mit verringertem Aufwand von Mitteln, und zugleich wesentliche Borteile in der Ausübung ihres Berufes. Die ganze Sache mag ja mehr ideal ausge­dacht sein als vom praktischen Erfolg sich erweifiu. In­dessen einstweilen soll die kleine Kolonie in erfreulicher Blüte stehen und andere Gründungen der Art sollen ins Werk gesetzt werden.

Der erfolgreichste Roman des Augenblicks ist jedenfalls Hall Ca ine s „Der verlorene Sohn": und eine in das Werk eingewobene traurige Episode aus dem Leben seines verstorbenen Freundes Rosetti, deren Verwertung für diese dichterische Ar­beit heftig angefeindet wird, hat darum natürlich erst r^cht die allgemeine Aufmerksamkeit auf das Buch, ge­lenkt. Die Frau des englischen Dichters Rosetti starb plötzlich, und es scheint außer Zweifel, daß sie Gifi ge­nommen. Der Dichter mochte sich wohl schuldig fühlen, die in inniger Liebe ihm zugetan« Frau etwas rernach- lässigt zu haben nnd so die Ursache ihres Todes gewesen, zu sein. Er fühlte den Schlag sehr tief und wollte nun nachträglich eine Sühne bringen, indem er ihr etwas opferte, woran sein Herz besonders hing. So entschloß er sich, seine noch unveröffentlichten Gedichte ihr in den Sarg mitzugeben, ohne eine Abschrift zurückzubehalten. Mit der Zeit aber begann ihn dieses Opfer doch zu ge­reuen; und sieben Jahre später kam er um die Erlaub­nis ein, die Leiche ausgraben zu lassen, um wieder in Besitz des Manuskripts zu gelangen. Es geschah, und die Gedichte gründeten seinen Dichter-Ruhm.

Dieses ganze Ereignis hat Eaine in seinen Roman eingestochten, nur mit dem Unterschied, daß es sich bei