Wiesbadkner Ts
ss. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ansaat,eu. — Bezugö-Pv.-is: J»vtV6 den Vertag so Pfg. monatlich, durch die Post 12 Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgasse 27.
31 ,®®© Abonnenten.
Anzeigen-PreiSr Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige« 15 Pfg.. für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg..
Anzeigen Annahme
für die Abend-AuSaade bi» 12 Uhr mittag», für die Morgen »Ausgabe bi« 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingercichter Anzeigen zur nächst»
erscheinenden Ausgabe, wie für die Auzelqen-Aufnahme an bestimmt vorgeschriebencn Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch na« Möglichkeit Sorge getragen.
fl«. 558.
BerlagS-Fernfprecher Ro. 2863.
Diensta-» -r« 2S. UovemKer.
Stedaktions-Ferufprecher No. 52.
1904.
erbend »klusgabe.
1. Matt.
Die preußische Fleischbeschau.
^ Heftige Angriffe gegen das Neischbeschaugesetz richtet Kcr Berliner Privatdozent Westenhöfer in der „Berliner klinischen Wochenschrift". Die Bedeutung seiner .Kritik erhöht sich dadurch, daß sic vor ihrer Veröffentlichung als mündlicher Vortrag in der Medizinischen Gesellschaft in -Berlin vor einer Versammlung geübt worden ist, deren Sachkunde und öderen Fähigkeit zur eventuellen Gegenkritik gewiß nicht bestritten werden kann. Für manche erhöht' sich sodann das Gewicht der bezüglichen Aus- Stellungen durch die Tatsache, daß Dr. Westenhöfer früher Stabsarzt war, also die Vermutung einer politischen Gesinnung für sich hat, die sich bewußter- oder unbewutzter- weise in konservativen Bahnen bewegen mag. Der Verfasser weist in seinem, in den Nummern 45 und 46 der „Berliner klinischen Wochenschrift" abgedruckten Vortrage nach, daß das preußische Ausführungsgesetz dem Reichsgesetz widerspricht. Hier ist nicht der Ort, seiner umfangreichen Darstellungen im einzelnen zu folgen, wohl aber geziemt es sich, die schweren Bedenken wiederzugeben, mit denen Di-, Westenhöfer die übergroße Rücksichtnahme des preußischen Spezialgesetzes auf die Interessen der preußischen Landwirtschaft begleitet. Er macht darauf aufmerksam, daß der ländliche Tierarzt, ans 'dessen alleiniges Gutachten hm jetzt das Fleisch zum Verkauf in den Städten gelangt, pekuniär völlig von den Landwirten abhängig ist, daß er also, ohne sich Lessen bewußt zu sein, milder urteilen wird, Äs wenn ec gänzlich unabhängig wäre. Ter Verfasser befürchtet von der nun möglich gewordenen Praxis, daß tuberkulöses Fleisch leichter als früher in den Handel kommen könnte. Er geht mit seinen Sorgen noch weiter, er meint, es werde wohl auch die gesetzlich gebotene Kontrolle auf Verderbnis des Fleisches durch die Unmöglichkeit einer Eingangskontrolle einfach illusorisch gemacht, so daß nicht nur wegen Krankheit zu beanstandendes, sondern auch wegen Fäulnis zu - vernichtendes Fleisch zum Kauf kommen werde. Er schreibt in diesem Zusammenhänge: „Schmuggel und
^Schleichhandel werden blühen, mancher Bauer wird versuchen, sein krankes Tier heimlich zu verkaufen oder heimlich zu schlachten und entweder ungestempelt oder mit gefälschtem Stempel versehen in die Städte einzu- schinuggcln mit Hülfe gewissenloser Händler, welche in den Städten ebenso gewissenlose Fleischer kennen, denen sie das Fleisch abliefern. Den Schaden trägt die großstädtische Bevölkerung, die das teure Fleisch früher wenigstens im einwandfreien Zustande, jetzt ober im schlechten.
gesundheitsschädlichen erhält. DieGefahren,die durch dieses infolge der Freizügigkeit des Fleisches voraussichtlich ins Leben gerufene verbrecherische Treiben der großstädtischen Bevölkerung drohen, sind viel größer als die, welche durch die Unterlassung der Nachbeschau des von Tierärzten voruntersuchtM Fleisches eintreten werden. Die indirekten Folgen des Gesetzes sind gefährlicher als die direkten, und was das allerschlimmste ist, diese Gefahren drohen unsichtbar, unfaßbar über uns, inan lebt in ihnen und kaiin sich doch nicht dagegen schützen." — DaS sind ikunBetrachtuiigen,Behaupt,iingcn,Besorgnisse, d,ie, weil sie init der Autorität eines wissensckfastlichen Fachmanns geäußert werden, alle schoil früher laut gewordenen Be- deiikcn dermaßen bekräftigen, daß man das Gefühl hat, dies preußische Ausführnngsgesetz zum Fleischbeschaugesetz darf nicht ergeben hingenommen werden, sondern die Städte sind verpflichtet, sich zn wehren. Die Städte, vor allem ihre Bevölkerung. Bereits hat die Berliner Ärzteschaft eine Agitation gegen das Gesetz eingeleitet. Das Publikum soll aufgefordert werden, nur von solchen Schlächtern zu kaufen, die ihr Fleisch ,der Nachprüfung und Nachstempelung auf dem Berliner Viehhof unterwerfen. Aber ein Boykott über die Schlächter, die sich dieser Nachprüfung entziehen, kann doch nur dann wirken, wenn das Publikum nicht nur genügend über die Sachlage unterrichtet ist, sondern auch den einmütigen Willen'und die nachhaltige Entschlossenheit besitzt, sich mit allen Kräften zu wehren. Davon wird nach Lage der Dinge jedoch keine Rede sein: unzählige Tausende werden niemals erfahren, daß sie solche Kontrolle üben sollen, oder sie werden es erst nach erfolgten Gesundheitsschädigungen erfahren. Mit Recht jedenfalls wird gegen das preußische Gesetz, das dem Agrariertum auf den Leib zugeschnitten ist, geltend gemacht, in welchem krassen Widerspruch es mit der Grenzsperre gegen verdächtiges Vieh steht. Vom Auslände her soll (vernünftigerweise selbstverständlich) kein krankes Rind hereinkommen, im Jnlcinde aber sollen die früheren Bürgschaften gegen den Vertrieb verdächtigen Fleischs verringert werden, bloß weil viele Landwirte durch die scharfe Fleischbeschau der Großstädte sich geniert fühlen. Graf Bülow pflegt der- gleichen „ausgleichende Gerechtigkeit" zu nennen oder auch '„mittlere Linie". Es ist ja auch danach.
Politische Nbrrstcht.
Z» den Handelsvertrags-Verhandlungen.
L. Berlin, 28. November.
Die in Wien wiederholt geäußerte Zuversicht, daß Österreich-Ungarn schon durch die Meistbegünstigung die Vorteile der deutschen Handelsvertragsabschlüsse mü
anderen Staaten genießen werde, wird hier in maßgebenden Kreisen nicht unwidersprochen gelassen. Es wird geltend gemacht, daß eine Kündigung des bestehen- den Handelsvertrags auch dessen MeisAegüustiguugs- klausel beseitigen würde, so daß mit dem eventuellen Inkrafttreten des neuen Zolltarifs zugleich die Möglichkeit eines regelrechten Zollkriegs gegeben wäre. Nun sind das freilich Drohungen, von denen die Regierungen in Wien und Budapest den Eindruck haben mögen, daß sie doch wohl niemals werden ansgeführt werden. Mit den gegenwärtig in Wien geführten Verhandlungen steht es offenbar so, daß die Hartnäckigkeit im gegenseitigen Verweigern unterstützt wird durch die Gewißheit, daß der andere Teil aus - Gründen der politischen Freundschaft nicht bis zu wirklichen zollpolitischen Feindseligkeiten schreiten werde. Dies psychologische Moment ist vermut- lich auch begründet, aber vom realpolitischen Standpunkt aus muß immerhin doch auch mit entgegengesetzten Möglichkeiten gerechnet werden. Wie, wenn die Verhand- lungen ergebnislos verlausen, und wenn man sich in Berlin unter dem Druck der agrarischen Forderungen zu Maßregeln ausgesprochener Unfreundlichkeit Hinreißen ließe? Dann wäre ja der denkbar wunderlichste und zugleich ärgerlichste Widerspruch zwischen dem Bundes- Verhältnis und dem wirtschastspolitischen Kriege gegeben, aber alle Wunderlichkeit des Znistandes würde nichts daran ändern, daß dieser Zustand eben bestände. Indessen gibt es eine sehr nützliche Erwägung, nämlich daß das Hinschießen in der Regel das Herschießen zur Folge hat. Schädigt Deutschland das Donaureich, so kann man an der Donau uns ein Gleiches mit denselben Mitteln antun. Versagen wir dem Nachbarstaats die Meistbegünstigung, so versagt Österreich-Ungarn sie uns eben- falls. Ist die deutsche Ausfuhr nach Österreich-Ungarn auch um mehr als 200 Mllionen Mark germger als um- gekehrt, so ist sie darum nicht weniger pflegebedürftig und gegen Beeinträchtigungen empfindlich. So spricht 'denn alles nach wie vor für eine Verständigung. Nach dem gegenwärtigen Stande der Wiener Konferenzen scheint es sich nicht mehr um die Meiuungsverschieden- heiten bei der Gerste, sondern hauptsächlich um die Frage der Veterinärkonvention zn handeln. In bezug aus die Gerste hat man sich nach glaubhaften Mitteilungen dahin geeinigt, daß die Unterscheidung zwischen Braugerste und Futtergerste akzeptiert wird, und daß die Futtevgerste vor ihrer Einfuhr denaturiert werden muß. Ist es aber ge- lungen, diese Differenz zu beseitigen, die doch schwierig genug war, so wird sich auch in Sachen der Veterinärkonvention ein mittlerer Weg finden lassen. Me Entscheidung ist in diesem Augenblick vielleicht schon gefallen- Wenn nicht, so wird sie in kürzester Frist zu erwarten sein- Man kann also sehr wohl von einer kritischen Lage sprechen. _
§rau Vürgelm und ihre Löhne.
Roman von Gabriele Reuter.
(29. Fortsetzung.)
Frau Bürgelin begrüßte Karl herzlich — fast zu herzlich, dachte er, als daß die Sache ganz echt fern könne. Sie will sich als die Großmütige zeigen und ich soll mich als Scheusal fühlen, wenn ich einer so liebevollen Mutter nicht in allein folge.
Frau Bürgclin erzählte ihm, während ein niederes englisches Toet'ischchen zwischen beiden stand, und sie zuweilen an ihrer Tasse nippte, wie viel gute Empfeylu»- gen sie ihm schon durch den Herzog, durch Fräulein von Kalb und Fräulein von Klingenburg an hervorragende und gesellige Berliner Häuser verschafft habe.
Dann kam sie auf seine Toilette zu reden. „Du läßt dir zwei bis drei Gösellschaftsanzüge, am besten ^vou einem hervorragenden Berliner Schneider, machen, ^ede Stadt hat ihre besonderen kleinen Anforderungen. Eine Frau darf sich phantastisch kleiden, wenn sie es mit Grazie und Geschick tut, ein Herr muß der bestimmt vorgeschriebe- uen Sitte folgen. — Etwas möchte ich aber auchPerson- licki zu deinem guten Aussehen beitragen " Sie 'griff nach einem Lederkästchen und öffnete es. Lächelnd iiber- reichte sie ihrem Sohne eine Reihe Hemdknopfchen, fedev von einer Perle gebildet. , r .... . . ~ .,
Er nahm das Etui verlegen und bestürzt m Empfang. Man las die Verwirrung auf seinem Gesicht.
„9hm _ freut es dich nicht? Ist die Garnitur nicht
vornehm?"
„Gewiß, exquisit. Nur ... Ich beabsichtige gar wicht, nach Berlin zu gehen." '
i „Was soll das wieder? Ich denke, du bist vernünftig ^GtDOrbBTl?^
. „Das war nun ein Irrtum von dir", sagte Karl lang-
Bitte Karl Nein — ick will durchaus jetzt nichts tzören. als wie du dich in Berlin einzurichten beabsichtigst I"
».Erlauben, Sie, meine Gnädigste . -
Karl versuchte in seiner iniieren Aufregung scherzhaft zu werden. Das mißglückte ihm stets.
Frau Bürgelin mackste ein gepeinigtes Gesicht.
„Willst du die Freundlichkeit haben, dich auszusprechen?"
„Dazu sitze ich ja hier."
„?hm? Ich bin gespannt, was du gegen meine Pläne einzuwenden haben wirst."
„Sie sind vorzüglich in ihrer Art. Jeder Sohn könnte froh sein, eine so sorgsame Mutter zu besitzen. Nur gerade für niich ist das alles eben nichts."
„Warum nicht?"
„Weil ich nickst dazu geschaffen bin. mit Inbrunst ein Gesellschafts-Hecht zu werden. Auch nicht dazu, mich von einer reichen Frau ernähren zu lassen. Du hättest dir für deine schönen Plane eben einen andcrir Sohn aussuchen müssen."
„Das ist leider.unmöglich. Ich muß dick, nehmen wie du bist. Du hast gezeigt, daß deine Kräfte nicht aus- reichen, sehr viel zu arbeiten. Das ist traurig, aber es läßt sich nichts dabei tim."
„Vielleicht doch."
„Wie meinst du?"
„So am Ende, wie du dir embildcst, bin. ich doch noch nickst angelangt. Es sind doch noch Fähigkeiten in niir, über die ihr alle erstaunen werdet. Willst du mich einmal eine Stunde ruhig anhören? . Ohne mich zu unterbrechen? Ich denke, ich kann dir dann ungefähr klar machen, was ich beabsichtige."
„So sprich."
Karl legte seiner Mutter in einer längeren und wohlüberlegten Rede seine Zukunftspläne dar.
Er wollte einige Jahre eine Kunstgewerbeschule besuchen, um die nötigen Kenntnisse in den verschiedenen Zweigen des Kunstgewerbes zu sammeln, sich im Zeichnen, Modellieren in Wachs und Ton, im Holzschnitzen gerade so viel Fertigkeit erwerben, wie er brauchie, um aflSein für sich weiter zu arbeiten und seine Ideen auszuführen. Dann nach Paris und Italien gehen und dort tüchtig Akt studieren, um die Form der menschlichen Gestalt zu beherrsche^ ... . - ^
„Ich sage dir", sagte er mtt einer Stimme, die leise
und fast klanglos war vor erstickender innerer Bewegung, „da in meinem Kopfe wimmett es von Entwürfen, von Bildern, von Ideen. Da drin bereitet sich etwas neues vor. Das ist ja nicht so, als wollte ich in den alten Bahnen weiter gehen. Da lebt ja eine ganz neue Welt von Schönheit, die mir zu eigen gehört, und niemand weiter. Mir, Karl Büvgelin."
Frau Bürgelin hatte schweigend zugehört. Hm und wieder tat sie eine kurze sachliche Frage. Sie saß ganz ruhig in ihren: tiefen Sessel. Die Finger ihrer schönen Hand, welche auf der Lehne ruhten, spielten zuweilen nervös niit deren Frangen.
Auch' nachdem Karl schwieg, blieb sie noch lange sttimm
und nachdenkend.
„Man muß gestehen, daß du die Überraschungen liebst", sagte sie endlich. „Aber warum soll ick, dir glauben und diese Erfindungsgabe, von der du sprichst, für etwas anderes halten, als für ein Hirngespinst? Du hast bisher niemals Beweise von künstlerischen' Neiguu- gen, viel weniger noch von künstlerischen Fähigkeiten gegeben. Auch von deinem Gschmack war die letzte Probe nickt gerade erfreulich."
„Das weiß ich. Ich war eben mit andern Dingen bis zum Ersticken angefüllt."
^Und wie lange würde eine Lehrzeit, wie du sic mir schilderst, dauern?" . r
„Das kann ich dir nicht sägen", rwf Karl, „vielleicht fünf Jahre."
„Das ist eine lauge Zeit."
„Ja — und ich muß dir auch glerw sagen, damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Mache dich nur aus viele und große Opfer gefaßt. Ich will etwas neues bringen. Das nehmen die Menschen mckst so .nur nichts dir nichts an. Sie niüssen verführt oder vergewaltigt werden." Karl war lange genug vorsichtig und diplomatisch gewesen. Er warf den Zwang äb und redete stürmisch weiter. „Bilde dir nur nicht ein, daß sich gleich der Fabrikant, der Handwerker oder gar Publikmn finden wird, um mir meine Entwürfe abzukaufeu. Ich sehe schon das Achselzucken, das HohngelLchter, was mich Le-
