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Fvrttag. 18. Uovrmber 1944.
Wiesbadener Tagblatt.
Morgen-AitSgabe. 1. Klatt.
-er Absicht seiner Urheber läuft es zweifellos auf eine allmähliche Verdrängung .des privaten Schiffahrts- vetriÄes nicht Mo|? auf den westlichen Kanälen, sondern -auch auf den natürliclien Wasserläufen hrnEs, und die Genugtuung der konservativ-klerifcrlen Befiiwvorter des >^chleppmonopols über den erzielten Erfolg wäre nich so groß, wäre vielleicht überhaupt nicht da, wenn man sich nicht sagte, daß der erste bedeutsame Schritt zu einer Verstaatlichung der Binnenschiffahrt getan ist. Wie die Regierung zu den Anregungen, betreffend die Beseitigung der Wgllbenfreiheit auf den Strömen steht, weiß man noch immer nicht genau, Falls es keine Hindernisse durch internationale Verträge gäbe, so würde das preußische Staatsministerium wohl nicht Nein sagen. Aber es gibt solche Hindernisse. Die Niederlande haben Mm Rhein Österreich hat bei der Elbe mitzusprechen, und um diese Schwierigkeiten wird nran so leicht nicht hevumkommen.
Die Handelsvertrags-Verhandlungen.
Die Langwierigkeit der in Wien geführten Verhaud lung-en über einen neuen Handelsvertrag läßt wertvolle Mckschlüsse auf den Handelsvertragsentwurf mit Ruß. land zu. Hätte unsere Regierung dem östlichen Nachbar wesentliche Zugeständnisse bei den Viehzöllen gemacht, so würde Gras Posa-dowsky an Österreich und Ungarn die- seüben Zugeständnisse jetzt ebenfalls machen können, da beim System der Meistbegünstigung das Donaureich ja ohnehin in den Genuß der eventuellen Zollermäßi-gungen des doutsch-russischen Vertrages gelangen müßte. Allerdings kommt von der andern Seite her in Betracht, daß das Interesse Ungarns an der Vieh-a-usfuhr nach Deutsch land größer als das entsprechende russische Interesse in sofern ist, als Rußland eine ungleich umfassendere Aus stchr an Getreide hat, während Ungarn hauptsächlich auf die Viehansfuhr angewiesen ist. In Kenntnis dieses der- stärkten ungarischen Interesses mag sich denn Wohl auch Rußland zunächst mit geringeren deutschen Zugeständ nissen begnügt haben, da es ja erwarten konnte, als Meist. begünsÜgnngsstaat später auch die Vorteile zu erlangen, die man in Wien und Pest etwa von uns Herairsschlagen wird. Dasselbe gilt von der Veterinärkonvention. In Rußland hat man an ihrem Abschluß mindestens das selbe Interesse wie in Österreich-Ungarn, und wenn Graß Bülow entsprechende, Konzessionen gemacht hätte, so würden sie jetzt auch Österreich-Ungarn gegenüber gelten. Da man aber in Wien um die Erlangung einer solckien Konvention erst kämpft, so scheint es, als sei in dieser Beziehung dem Zarenreiche bisher nichts oder so gut wie nichts gewährt worden, und darum wird man sich an der Newa wohl gesagt haben, der Mangel dürfte sich! durch den Abschluß des Handelsvertrages zwischen dem Deut- scheu Reiche und Österreich-Ungarn noch ansgleichen lassen. Man darf nicht vergessen, daß Rußland uns gegenüber in einer Zwangslage war, in die es sich durch -den Krieg Versetzt hatte. Ohne diesen unglücklichen Krieg hätte Rußland Schwierigkeiten gemacht, die keine diplomatische Kunst des Grafen Bulow- hätte überwinden können. Österreich-Ungarn steht aber uns gegenüber so da, wie Rußland es gern gemacht hätte, nicht aber vermocht hat. So kann man sich denn an der Donau herausnehmen, entschiedener aufzutreten und die Zugeständnisse zu unter, lassen, zu denen man sich in Petersburg allerdings ge- nötigt gesehen hatte.
Ein Strafkammernrteil.
Scharf, aber nicht übertrieben scharf, ist die Kritik, die von der „Deutschen Juristenzeitung" an einem Straf. urteil aus jüngster Zeit geübt wird, das fern und fremd dem Pulsschlag gesunden Lebens erscheint. Die Strafkammer in Lissa hat den 13jäh.rigen Schüler Adalbert Grzybka wegen Majestätsbeleidigung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Hierzu bemerkt die „Deutsche Juristenzeitung: „Lex ita scripta. Aber gegen ein Strafrecht, das solche Urteile ermöglicht, bäumt sich nicht nur das Empfinden des Volkes, sondern auch das Urteil der Zünftigen auf. Juristen und Mediziner haben auf
dem letzten Juristentage nahezu einstimmig beschlossen: „Die Strafmündigkeit ist bis zum vollendeten vierzehn, ten Lebensjahre hinaufzurückm." Früher erreicht das Kind weder die geistige noch die sittliche Reife für eine strafrechtliche Veranüvortlichkeit. Bis dahin dauert die Volksschulpflicht. Erzieht der Büttel besser als der Lehrer?" — Selbstverständlich wird der Knabe begnadigt werden, aber das Urtest bleibt darum nicht weniger be- srenidlich.
Der rujsisch-jnpllnische Krieg.
Ein Unterseeboot.
Eigenartige Gerüchte sind wieder im Umlauf, als ob die Russen in Wladiwostok mehrere Unterseeboote zusammengesetzt hätten; andererseits verlautet, daß auch die baltische Flotte Unterseeboote -mitführen soll. Welch furckstbare Waffe solch ein Unterseeboot ist, zeigt unser heutiges Blld. Das Boot selber schwimmt gang im Wasser. Oben heraus sieht nur eine ganz dünne Röhre, an der sich oben eine Linse befindet, welche alles, was sich
Grund, weshalb gerade unsere deutsche Marinererwcg tung sich so ablehnend gegen die Unterseeboote vevlM Ein Stoß gegen das Beobachtungsrohr genügt, nickst das Boot manövrierunfähig zu machen, sondern es uyi dein Untergange preiszugeben. Denn sowie die Rötz^ bricht, stürzt das Wasser in Massen in das Boot hinein und seine Insassen sind dem Untergänge geweiht. *
Die Verwundeten von Hnll.
Fünf von den armen Fisch, nt, die bei der famost» Seeschlacht in der Nordsee verwundet worden sind, lieae>. noch im Krankenhans von Hüll, ein sechster in London' Das „British Medical Journal" läßt es sich nicht nehme» Über das Befinden der Opfer jenes Ereignisses zu Berichten, dessen weltgeschichtliche Bedeutung immer nos icicht recht zu ermessen ist. Der eine der Verletzten w einen Schnitt von etwa 3 Zoll Länge quer über die recht- Seite !des Hinterhauptes davongetragen, außerdem ein- zweite Wunde an der linken Seite des Halses; h^de schienen durch verschiedene Geschosse verursacht zu sein, da zwischen ihnen keine Verbindung ist. Die Wunden wurden noch an Bord des Schiffes genäht. Der zweite Patient von Hüll hat eine zerrissene Wunde an der rechte»
^dnsjcn schnUt-ei. nes Unterseebooten
in der Umgebung aus der Oberfläche des Meeres zeigt, auf einem gewaltigen Spiegel widerspiegelt, der sich in- mitten des Schiffes befindet. Dieser kleine Turm läßt sich eventuell zusa-mmenschieben, sodaß er nur oben über die Oberfläche des Meeres hinauszuragen braucht, und schon auf geringe Entfernung hin, nicht mehr sichtbar ist. Unser Bild zeigt den Längsschnitt des Schisses. An der unteren Seite sehen wir eine Reihe von Kästen und Der- schlügen angebracht, die sämtlich luftdicht und vor allem wasserdicht von einander getrennt sind, und zur Aufnahme von Vorräten und Ballast und Trinkwasser dienen. Den Hinteren Raum des Schiffes nimmt ganz die Maschine ein, während das Pendant ans der Vorderseite der Lagerraum für die Torpedos bildet. In die Mitte hineinragend, steht hier das sogen. Torpedoausstoßrohr, während unter demselben noch weitere Torpedos lagern. Das Bild zeigt, einen Hoh-Iraum, in welchem sich die führenden Offiziere aushalten. Im Hintergründe befindet sich der Steuerapparat. Die Mitte nimmt der Tisch ein mit dem wunderbaren Spiegel, und vor demselben sehen wir noch eine Menge von öieserve-Ausstoßrohren aufgestapelt. Eine chmale Eisentreppe führt in den Turm hinein, an dem ich das Beobachtungsrohr befindet. Für gewöhnlich hält sich einer der Offiziere auf dem Turm miß wo ebenfalls Spiegel angebracht sind, die ihm die Meeres-Oberfläche vor Augen führen. Im allgemeinen fährt das Boot so, daß dieser dicke Turm aus dem. Wasser herausragt und nur, wenn es sich um Angriff oder Verteidigung handelt, inkt das Boot in größere Tiefen hinab. So erscheint das Unterseeboot als ein furchtbarer Gegner: und doch hat es eine verwundbare Stelle, und das ist vielleicht der
Hüfte, die außen nur 1 Zoll im Durchmesser hat, aber mehrere Zoll tief ist und stark eiterte. Die wurde mit Röntgenstrahlen untersucht, wodurch das Vorhandensein eines Granatsplitters festgestellt >wurbe. Bei der Operation ergab sich, daß auch der Knochen zersplittert war, von dem ein Stück gleichfalls beseitigt werden mußte. Die Verletzung ist danach eine recht ernste, und das Fieber ist von dem Kranken noch nicht gewichen. Von drei anderen Verletzten, die schon am 25. Oktober zur Behandlung kamen, haben sich zwei gut erholt, beim dritten, Fall ist gleichfalls eine ernste Komplikation emgetreten. Die ersten beiden hatten Schüsse durch den Vorderarm, bezw. durch die -Brustwand, der dritte einen in den Rücken erhalten. Beim letzteren haben sich die Anzeichen einer Bauchfellentzündung -eingestellt, so daß es noch recht frag, lich erscheint, ob er -am Leben wird erhalten -werden können. Jedenfalls wird er einer schweren Operation unterworfen werden -müssen. Der nach London geschaffte Fischer hat einen mehrfachen Bruch des rechten Oberarms davongetragen, -er wird wohl aber geheilt werden. Er empfing neulich einen Besuch von Frederic Treues, dem Leibarzt deS Königs.
Deutsches Deich.
* Hof. «nd Personal-Nachrichten. Der zweite Sohn der früheren Oberpräsidenten von Schlesien, Graf Alexander von Hatzfeld- Trachenberg, hat sich, der „Schl. Volkszeitung" zu- folge, in Tokio mit der einzigen Tochter des früheren lang, jährigen japanischen Gesandten in Berlin, Bikomte Aoki, verlobt. Der Bräutigam ist Gesandtschafts-Attache in Tokio.
Aus D a r m st a d t berichtet die „Jrkl. Ztg.": Aus Anlaß des Todestages der Prinzessin Elisabeth, des Töchterchens des Großherzogs, vor einem Jahre im Jagdschloß
und das gebleichte Brustbetn eines Menschen gefunden. Ein Engländer, der die Insel auch kürzlich aus Gier nach Iden verscharrten Schätzen besuchte, hat einen klingenden Lohn wenigstens dadurch erwarben, daß er einen spannenden und vielbegehrten Roman über seine Reise und die an -die Insel geknüpfte «Sage schrieb.
Neue Lyrik.
-Lyrische Gedichte sind tn ihrer Wirkung launisch wie die Worte im Zwiegespräch; dem einen strömen sie in beredter gewandter Fülle von den Lippen und er vermag uns doch nicht zu überzeugen, uns keine wärmere Regung abzugeminnen, dem andern stehlen sie sich nur zögernd und sparsam vom Mund und doch glänzen sie von heimlichem Licht und heimlicher Wärme.
Selma Straßer -gehört mit ihrem Gedichtbänd- chen „Phantasie und Wahrheit" (Berlin, Rich. Eckstein Nachf.s, 'dem sie überflüssigerweise den schiefen Untertitel „Moderne Di-chtunßen" gibt, zur ersten Gattung. Glück und Schmerz -machen sie sehr beredt. Sie hat der pathetischen Wendungen, der hohen Bilder genug. Sie gibt -sich mit allen Mitteln, naheliegenden, oft gebrauchten und weiter hergeholten, gequälten, Mühe, recht eindringlich zu sein. Trotz alledem wird ihre -Freude nicht unsere Freude, ihr Schmerz nicht unser Schmerz. Cr dichtet, heißt eben nicht — er redet, sondern bedeutet — seine Empfindung redet.
Im großen und ganzen gehört auch Hermann R e i n- h o l d mit seinen „Gesängen eines Einsamen" (Berlin, Verlag von I. Harwitz Nachs.) in S. Straße rs Verwandtschaft. Der Wortschwall ist ja bei ihm geringer, die Empfindung spricht aber deswegen nicht stärker. Die quälerische Sucht der „modernen Dichtungen", neu zu sein, ohne es zu können, fehlt ihm und daher muten sein« -Verse ehrlicher an. Aber es isi die Ehrlichkeit des Durch- schntttsbiedermannes, die bürgerlich ja aller Achtung wert ist, lyrisch aber nicht zu den begeisternden Kräften gehört. Schlimmer wird die Sache noch in seinen Romanzen und Balladen, die ohne jede gestaltende Kraft in wirkungsloser Breite zerfitetzen.
Als Sohn der anderen lyrischen Welt, die aus Empfindung, nicht aus Redesucht spricht, erweist sich Friedrich Wiegershaus mit seinem schlichten Bändchen Gedichte „A u s f a h r t" (Niedersachsen, Verlag C. Schünemaun, Bremen). Es ist kein fortreißendes Feuer in seinen Liedern. Seine „Sturmlieder" z. B. sind die schwächsten des Bändchens. Aber eine milde, wohlige Wärme strahlt durch seine Verse und nim-mt einen bei kleinen intimen Stimmungen der Natur, bei den Empsindungsbildern aus dem stillen Glück einer vertrauten Ehe für Augenblicke -wirklich gefangen. Und in den glücklichsten Momenten seines Siu-gens gelingen Wiegershaus dann hie und da so feine und reiche Strophen wie „Des Friesen Heimweih":
Der Abend naht. Nun muß ich geh'n Im Geist geliebte Pfade.
Nach meiner Heimat muß ich sch'n Am aranen Meergestade.
Muß wandern nach dem fernen Wehr,
Muß geh'n auf alten Dielen Und jchau'n, ob schon ins blanke Meer Die ersten Sterne fielen.
In Max Hesses Volksbücherei (M. Heffes Verlag, Leipzig) gibt Hans Benz mann unter dem Titel „M e i n e H e i d e" eine hübsche, geschickte Auswahl seiner Gedichte heraus. Natürlich kann sie keinen Anlaß geben, Neues über diesen Sänger Her Heide mit seiner Liebe für die einfachlinigen, klar durchsonnten Stimmungen und seiner Kunst des intimen eigenfarbigen Wortes'zu sagen. Man mag sich nur freuen, daß die Lebenden nicht mehr sterben müssen, bis man ihre Kuirst breitesten Lesermaffen zugänglich macht. I. K.
Aus Amck und Leben.
* über Tote nur Gutes — auch-, wenn sie noch leben und Jubiläen feiern? Die Frage, schreibt der „Kunstwart", liegt nicht ganz einfach. Gewiß, ein alter Herr Schriftsteller oder Maler hat Anspruch darauf, daß man zu seinem Jubelfeste als Gabe nicht eine Rechnung bringe mit lauter Fragezeichen beim „Hat" und ernsten Vorhalten beim „Soll". Andererseits: die gefeierten Leute -haben vielleicht „ihre Zeit" gehabt, haben vielleicht im
Mittelpunkte der Mode gestanden, haben währenddem vielleicht verflachend, versützlichend und verweichlichend gewirkt, es hat der Arbeit von Jahrzehnten bedurft, um ihren Einfluß zugunsten der Ernsten nn-d Starken zu brechen, die hinter ihnen im Schatten standen. Nun aber mein-e-n ihre Freunde: „bei Jubiläen sind wir vor Widerspruch sich-er", und sie verkünden noch einmal in weitem Chore Katzengold als echtes. Soll, wer's besser zu wissen glaubt, es ruhig wieder als echtes verkaufen lassen? Müssen wir vielleicht Tausende schädigen lassen, um eine Person ja nicht zu verletzen, die zudem von früher her über die Meinung der strengeren Kritik gar nicht im Zweifel ist? Dürfen wir überhaupt schweigen, wenn jetzt selbst in angesehenen Blättern z. B. aus Julius Wolfs und Paul Thuman-n Preisgesänge erschallen? Hier liegt ein Konflikt der Pflichten vor, zugegeben, aber jcö-er wird selbst entscheiden müssen, welche nach seinem Gewissen die stärkere Pflicht ist und wo höher« Interessen auf dem Spiele stehen.
ac. Brauchte der Urmensch beide Hände gleichmäßig. Angesichts der modernen Bestrebungen, die gleichmäßige 'Ausbildung im Gebrauch- der beiden Hände zu einem wertvollen Prinzip der Erziehung zu machen, hat ein Bortrag großes Interesse, den R-ev. Astley vor einiger Zeit in einer Sitzung der Britischen Archäologen-Gesell- schaft über die Frage: „War der Urmensch beiderseitig?" hielt.. Biele Geräte des „proto-paläolithischen Zeitalters", die in Kent, in Frankreich und anderen Stellen gefunden wurden, sind dem Gebrauch der linken Hand -angepaßt, und sie sind fast so zahlreich wie die für die rechte Hand bestimmten. Daraus leitet Astley den Schluß ab, daß der Mensch der Urzeit ein „beidseitiges" Wesen war. Der paläolithi-sche Mensch muß beidseitig gewesen sein; seine -künstlerischen Darstellungen von Teeren, Vögeln usw. sind auf Felsen und Knochenstücken mit gleicher Leichtigkeit von der linken und rechten Hand ge. zeichnet, wenn er auch angefangen hatte, im Kriegsdienst die rechte Hand zum Angriff und die linke zur Verteidigung zu gebrauchen. Die Keulen, Messer, Schabeisen, Bohrer und Hämm-er der neolithischen Zeit beweisen, daß der Mansch beide Hände unterschiedslos gebrauchte. In der Bronzezeit waren alle Waffen mit Griffen versehen
