a Morgen-Veilage der Wiesbadener Tagblatts, s
Nr. 258.
Donnerstag. 4. November.
1915.
(6. Fortsetzung.)
Der Grgel-Knger.
Roman von Edela Rüst.
(Nachdruck verboten.)
,/Aber, Mensch. eS «mutz Loch «sein! Du hast Loch nun nachgerade 4>te Verpflichtung."
„Verpflichtung! Als oib ich meinen Alten höre! Warum in aller Welt bist Lu bloß nicht sein Sahn geworben? Da könnte er doch vergnügte Tage leben, statt wegen seines Jungen weiße Haare zu kriegen! Ich wollte dich ihm von Herzen gönnen — bei Gott! Übrigens — er nimmt dich ja mächtig ins Schlepptau —"
»Ja, Las tut der alte Herr. Ohne ihn wäre ich noch nicht auf dem halben Weg, Len ich jetzt schon zurückgelegt habe. Er ist mir wie ein Vater, der seinem Sahne noch bei Lebzeiten das Erb« in die Hand legt!"
»Ist ja recht hübsch, wenn der leibliche Sohn dabei sitzt und zusehen darf!"
„Ich denke, er vergißt dich nicht, und ich Haffe von Herzen, daß ihr euch endlich näher, innerlich nähertreten werdet — es ist doch so sehr sein Wunsch!"
„Wünsche, Wünsche! Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe! Du kennst Loch das schöne Lied, «der tst's kein Lied? Pardon, na irgendein Salomon hat'S Loch gesagt. . . mein Wunsch ist's auch, aber .... Also Prosit, mein Bester, und auf weitere Kameradschaft! Lieber Kerl, <bafj ich dich hier habe, ist ja noch der einzige Lichtblick! Wenn nich' anders, trinken wir doch redlich zusammen wie in alten Tagen-<Noll"
„Skoll kommender Mann von Mnf-Hügelchen!"
„Spotte nur. Ich aber sage dir, er wird über euch kommen! Wie 'ne Landplage! Denke an mich! Minf- Hügelchen soll vor Aufregung den sechsten Buckel krie- gen! Sag' mal, übrigens — weißt du, wie dächtest du — es geht doch nun allmählich wieder in die Winterkampagne."
„Lieber Gott, Fünf-Hügelchen und WinterkampagneI Armer Kerl, ich glaube, du phantasierst dich gar zu gewaltsam in Berliner oder Pariser Verhältnisse zurück! Für 'n Menschen wie mich gibt es überhaupt keine Winterkampagne in .deinem Sinne. Ich bin ein Prolete und schwitze in harter Fron — Sommer ober Winter, das ist für mich einerlei!"
„Du kannst dich schon aus beruflichen Gründen nicht dauernd von der Gesellschaft ausschließen, .mag sie nun so fünfliügelig sein wie sie will!"
„Ich habe es gekonnt und werde es weiter können! Ein paar befreundete Häuser, wo man sich mal heiter ausplaudert — aber sonst?! Mensch! Du weißt doch, wie albern und öde das hier ist!"
. „Eben, daruni will ich es nun ändern! Noch so enwn Winter, wie den vorigen, halte ich nicht mchr
„Du ändern?!"
.La! Diese Idee, Reformator von Mnf-Hügelchen KU werden, hält mich überhaupt nur am Leben!"
„Ja, sage mal, ich dächte, du hättest nun für Weib und Kind zu arbeiten. Denn, wie ich höre, denkt Papa Lauter mit dein Geschenk der Villa und den fünftausend
Mark jähvlichem Zuschuß vorläufig abzuschlreßen, nudeln alter Herr . . ."
„Braucht seine Einnahmen für Hospitäler für dis verschämte und noch mehr für die unverschämte Armut, ganz recht! Ich bitte dich, Knut, kaue mir diese bitteren Wahrheiten nicht ewig wieder, du erreichst damit bei mir nur das Gegenteil von dem, was du erhoffst! Ge- wiß weiß ich, daß ich eine Familie zu ernähren habe, r?" Brot gewöhnt ist! über solche
Selbstverständlichkeiten verliere ich weiter keinen Ton! Aber ich brauche mehr! Ich bin nicht nur Arbeitstier — ich habe auch das Bedürfnis geradezu den Zwang in Mir, m,r ein Leben zurechtznbauen, das mir eben dieses Lelb^n erst lobenÄmbglich macht. Hinmrel, iwann werdet chr mrch denn hier verstehen lernen?" vor?"^° ^ fUC3 ' ^ schwebt dir in dieser Bezichung
,J$a, ich habe schon mit Oberleutnant Wendel ge- sprachen — er ist auch ganz bei der Sache und wird alles daran setzen — es handelt sich nämlich uin einen
-KlM) i
„Um was?"
„Einen feudalen Klub für diejenigen von uns, dis eben anßevhalb etwas verwöhnter und bebürfnisreicher wiirden, als man hier-"
Dr. Wulfsen stand aufrecht, beide Hände in die Hosentaschen versenkt, und bog sich vor Lachen: „Klub! Einen Klüb für feudale Jünglinge und Ladegleise von Mnf-Hügelchen! Erlaube mal, Herbert. . ."
Er hielt Herbert eine Weile die Hand über die Stirn.
»Laß doch das, Knut! Ich muH dich schon bitten, mich etwas ernster zu nehmen! Ich .hoffe an dir eine Stütze zu haben in allem . . ."
„Sollst du aiich, mein Junge, solange.es sich um ernsthafte Dinge handelt und um dein persönliches Glück."
„Na also."
„Solch ein Klub gehört hoffentlich nicht zu deinem persönlichen Glück!"
„Und wenn?"
„Ja, was willst du da? .Wozu brauchst du den? Du, dem so ein reizendes Nest gebaut ist, in de»r die reizendste aller Hausfrauen herumflattert?"
„Was hat bas damit zu tun? Ich bin kein Haus- Later — ich muß Bewegung um mich herum haben!"
„Und dieser Klub soll dir Bewegung bringen?"
„Jawohl! Er soll eine Zentrale heiterer Intelligenz und der ganzen gesellschaftlichen Bewegung der Stadt werden — wie es eben wo anders auch ist!"
„Wo ein Heer reicher oder reichtuender Müßig- gänger alte Laster heilig hält und neue .dazu erfindet, jawohl! Herbert, ich bitte dich! Wer soll denn in dem Klub tagen oder nächtigen? Hier gibt es doch nur ,/schlichte Bürger" oder harte Arbeiter! Und wer darüber hinaus Gelüste hat, kneift eben mal vier Wochen im Jahre aus — dann hat er alle-, was er braucht!"
