Einzelbild herunterladen
 

Anzeigen-PrelSr

Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzcile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.

Verlag: Langgasie 27.

80,000 Abonnenten

ÜS. Jahrgang.

Hifcbetnt in zwei Ausgaben. — BrzngS-PnnS: bujiVg den Verlag so Pfg. monatlich, durch die Pop 2 Mk. S« Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Anzeigen -Anrmhmr

für die Abend-Ansgabe bis 12 Uhr mittag«, für die Morgen.«uSgabe bi« 3 Uhr nachmittags. - Für die Aufnahme später cingereichter Slnzewen zur nächst.

erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgeschricbenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, icdoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Mg. 532. Verlags-Fernsprecher No. 2058. KttMStNg, de« 12. ftOtimktt'.

Kbend-klusaabe.

1. Wccrtt.

Dottüsche Wochenschau.

Früh gesattelt, spät geritten! Das preußische Thgeordnetenh aus ist -diesmal ganz ausnahms- ^ jjjctfe frühzeitig zu seinem Sessionswerke zusammen- getreten, aber die Kosten dieses Eifers hat bisher in erster Meihe die Kanalkommission bestritten. TaS Abgeord­netenhaus selbst hat zu Beginn dieser Woche eine kleine Erholungspause von 14 Tagen eintveten lassen, um fidt) [,oit den Strapazen, die ihm nicht beschieden waren, ans- niruheu. Die K a n a I k o m rn i s s i o n hat unterdes ihre Arbeit mit einem Eifer fortgesetzt, von dem man nachgerade fürchten muß, daß er keine Erfolge zeitigen Ivird. Bisher hat es in der Tat den Anschein, als ob die Arbeit der Kommission nicht vorwärts-, sondern zurück- schreitet, denn durch die Bepackung mit immer neuen Anträgen droht das Kanalschiff allgemach so mit Ballast bepackt zu werden, daß auch der staatlich konzessionierte Schleppbetrieb es nicht in den sicheren Hafen schaffen [chrd. Der neueste Antrag des Zentrums behufs Ein- fiihmng des staatlichen Schleppmonopols ist bei der Mehrheit der Kanalfreunde auf entschiedenen Kiderstand -gestoßen, ohne daß er gleichzeitig sämtliche Kanalgegner zu Kanalanhängern bekehrt hat. Unter diesen Umständen erinnert die Tätigkeit der Kanal-Kom­mission lobhaft an die Echternacher Springprozession, bei der immer zwei Schritte vorwärts und einer rückwärts getan werden.

Einen erfreulichen Schritt vorwärts, dom hoffentlich nicht ein Schritt zurück folgen wird, hat dagegen die Regelung des li pp i schon Th r o n f o I g estr e it s zu verzeichnen. Es ist den Bemühungen des Reichs­kanzlers gelungen, die widerstrebenden lippischen Geister insofern unter einen Hut zu bringen, als sie sich ent- schloffen -haben, ihren Streit einem Schiedsgericht zu übertragen, das auö -dem vierten -und siebenten Zivilsenat des Reichsgerichts unter dem Vorsitz des Präsidenten be­stehen soll. T-a die Zustimmung des Bundesrats zu dieser Lösung mit Sicherheit zu erwarten ist, so dürfte die Bildung dieses Schiedsgerichts in allernächster Zeit bevorstehen.

Einen befriedigenden Gang haben -auch die Verhand­lungen zwischen der deutschen und der russischen Regie­rung inbetreff des von der baltischen Flotte mit einigen ehernen Liebesgrüßen bedachten F i s ch e r d a m p f e r s „S o n n t a g" genommen. Die russische Regierung hat sich rückhaltslos bereit erklärt, nach der Feststellung des Borfalles von russischer Seite eine entsprechende Ent­schädigung zu zahlen, und sie hat gleichzeitig ihr Be­dauern über das Vorkommnis zum Ausdruck gebracht. Angesichts der freundschaftlichen diplomatischen Be­

ziehungen, wie sie zwischen Deutschland und Rußland bestehen und wie sie in der Entsendung des ostpreutzischen Oberpräsidenten v. Moltke und des Generals von der Goltz nach S u w o I k i zur B e g r ü ß u n g d e s Zaren neuerdings ihren Ausdruck gefunden haben, konnte freilich von vornherein an einer loyalen Er­ledigung des Zwischenfalls nicht gezweifelt werden.

In -wesentlich schleppenderem Tempo und unter größeren Schwierigkeiten wickelt sich die Erledigung des Zwischenfalls v o n H u l l ab, wenn sich auch -die russische Regierung -grundsätzlich zu einer vollkommenen Genugtuung bereit erklärt hat. Jedenfalls kann nicht daran gezweifelt worden, daß die Schießerei der baltischen Flotte auf die englischen Fischerdampfer auf schiedlich- friedlichem Wege ihre Erledigung finden wird, denn die Ansprache, welche der englische Minister des Auswärtigen, Lord Lansdowne, auf dom Londoner Lord Mayor-Bankett gehalten hat, atmet einen ganz hervorragend friedlichen Geist. Hat doch Lord Lansdowne sogar versichert, daß die englische Regierung sich auch an der zweiten, vom Präsidenten Roosevelt angeregten Friedenskonferenz beteiligen wolle, obwohl die Engländer bekanntlich auf der ersten Friedenskonferenz die Rolle des Geistes, der stets verneint, spielten.

Qb freilich PräsidentRoosevelt, nachdem er jetzt mit so großer Mehrheit auf weitere 4 Fahre wieder- gewählt worden ist, seine Friedenskonfevenzpläne mit demselben Eifer weiter betreiben wird wie vor der Wahl, wo die Sache sich agitatorisch vorzüglich verwerten ließ, das steht auf einem anderen Blatte. Nach Tische liest man's oft anders, und zwischen Programmen und ihrer Verwirklichung ist, das haben gerade die amerikanischen Präsidentschaftswahlen oft genug gezeigt, ein Weg, länger als der noch nicht gebaute Panama-Kanal.

In dieser Beziehung hat es der Ministerpräsident Giolitti, der bei den Kammerwwh len eben­falls glänzend abgeschnitten hat, bequemer, denn genau genommen, hatte er gar kein Programm, abgesehen von dem einen, welches „Zusammenschluß gegen die Sozia­listen" lautete: und das ja auch einen überraschenden Er­folg gezeitigt hat. Daß übrigens Herr Giolitti ein maß­voller Politiker ist, hat er gerade jetzt angesichts der anti-italienischen Demonstrationen in Innsbruck zeigen können, indem er jeden Versuch ab­wies, die Provokationen der italienischen Studenten zu seiner eigenen Sache zu machen.

Eine diesen Fanatikern seel-enverwandtc Natur ist der nationalistische Raufbold S y v e t o n , der eine recht un- rühmliche Attacke auf den greisen Kriegsminister der fran­zösischen Republik, den General A n d r 6 , ausgeführt hat. Während dieser Vorstoß der französischen Oppo­sition keinen Erfolg gebracht hat, scheint es, daß die blutige, verlustreiche und immer wieder abgeschlagene Attacke der Japaner auf Port Arthur nun endlich dem lang erwarteten Erfolgs entgsgengeht. ~ Dr. P.

Redakti»»öOer«svrecher No. 52. 1904.

Der russisch-japanische Krieg.

Um Port Arthur.

bä. London, 11. November. Aus Tschifu wird gemeldet: Die Japaner setzen den Angriff auf die nörd­lichen Forts fort. Ein Fort an der Straße nach Dalny wurde beschädigt und ein Geschütz demontiert. Die Schuß- weh r im Sungschusch-an-Fort wurde von Granaten zer­trümmert und die Hälfte der Besatzung, 160 Mann, ge­tötet. Nach anderen Gerichten wurde ein ganzes ruffisches Regiment vernichtet.

bä. Nom, 12. November. Die „Agenzia Liberia" be­richtet, daß General Stöffel im japanischen Hauptquartier eintraf. (?) Alan vermutet, daß der General diesen Schritt unternommen Hat, um die Bedingungen für die Kapitulation von Port Arthur -festzusetzen.

evb. London, 12. November. „Daily Telegraph" meldet aus Tschifu: Dortige Japaner wallen Nach­richten erhalten haben, aus denen hervorgehe, daß die Russen in Port Arthur durch das japanische Feuer ge­zwungen seien, die Reparaturarbeiten an den Schiffen einznstellen. -Außerdem erweckte das Landen von Mann­schaften, Geschützen und Munition aus den russischen Schiffen den Eindruck, daß augenblicklich kein Ausfall der russischen Flotte beabsichtigt sei.

bä. Schanghai, 12. November. Die Chinesen in Port Arthur sollen noch immer zirka 1000 Köpfe zählen. Flücht­linge aus Port Arthur erklären, daß das Schiss, welches von den japanischen Geschossen im Hafen in den Grund gebohrt wurde, ein Hosp-italschiff war. Die Besatzung nährt sich nur noch von Pferde- und Hundefleisch. Tie Chinesen beklagen sich über die Brutalitäten der russischen Soldaten, welche Gewalttaten begehen.

bä. Petersburg, 12. November. Von General Stöffel hier eingetroffene Depeschen melden über die letzten, An­griffe der Japaner, daß dieselben sämtlich zurückgewiesen worden seien. General Stöffel versichert nochmals, die Festung bis auf den letzten Mann und öie letzte Patron« verteidigen zu -wollen.

Die Reservisten.

bä. Vresla«, 11. November. Neue Rcscrvisten-Aus- schrcitungen ereigneten sich in Bogislaw. Zu den auf den Straßen plan- und ziellos umher irrenden hungernden Mannschaften gesellten sich Bauern und Arbeiter. Alle zusammen überfielen zunächst die Branntweinläden, aus denen sie sich SchnapSvvrräte Mitnahmen, dann begann «ine Plünderung aller Geschäftsläden, wobei ein Polizei­beamter -getötet wurde. Das zur Aufrechterhaltung der Ruhe aufgebotene Militär erschoß, der „Kattowitzer Zig." zufolge, vier Exzedenten.

bä. Warschau, 12. November. Die Leitung der pol- nisch-en Sozialisten richtet an alle Sozialisten Russischi- Polens eine Proklamation, in welcher die Reservisten aufgesordert werden, der Mobilisierungs-Order keine Folge zu leisten, sondern ihr Leben lieber im Kampfe gegen das Zarentum an der Seite der Proletarier in di« Schanze zu schlagen.

Zrau vürgelrn unb ihre Löhne.

Roman von Gabriele Reuter.

(16. Fortsetzung.)

Karl war sich damals durch die Haare gefahren, daß sie ihm wild- ums Gesicht standen, war auf einem Bein im Zimmer umhergesprungen und hatte geschrien: „Wenn ich das geleistet hätte — grund-gütiger Himmel, auf den Knieen wollte ich meinem- Schicksal danken!"

„Warum?" hatte Mia erstaunt gefragt.

„Warum —? Weil ich dann -doch wüßte, wozu ich auf der Welt iväre!" batte Karl sie angeschrien.

„Sttm — nun!" sagte Fahrenhorst ernsthaft,- „nicht übertreiben. Das ist ja genial . . . sehen Sie in dieser hängenden, blassen Tulpe ist Seele . . . Eine ergeben hin- welkende Blumenseele Aber alles ist dilettantisch. Sehr dilettantisch. Schlecht gezeichnet. Maja darf sich nicht täuschen."

Mia hatte die Hand ihres Freundes in die ihre ge­nommen und gelächelt.

„Immer fleißig sein!" rief vr. Fahrenhorst ihr zu

— er, welcher seine Tage in Zig-arettendämpfen unter Träumereien verrinnen ließ.

Das junge Mädchen flüsterte gehorsam: „Ja, lieber Meister. Nur — du weißt . . . täglich eine Arbeit leisten

— so etwas Bestimmtes — das wird mir schwer."

„Habe ich das gemeint?" rief Fahrenhorst. „Täglich

eine Arbeit — o nein! Tag und Nacht arbeiten — ar- beiten — arbeiten wie eine überheizte Dampfmaschine, das muß man in der Kunst."

Darauf hatte Karl Mia vorgeschlagcn, im MNseum die Kohlen- und Rötelstift-Zeichnnngen von Karstens zu kopieren.

Fahrenhorst lobte den Vorschlag, die beiden begannen wit Eifer. Aber Mia zeigte sich zu Karls Bestürzung unglaublich ungeschickt, ja unfähig, irgend eine strenge, reine Form genau und -scharr nachzubild-en. Das eigen­

tümlich Verschwommene, Bage ihres ganzen Geistes-, und Gefühlslebens, das gleichsam Nachtwandlerische ihres Tuns offenbarte sich hier in einer deutlichen- Weise., Sie mühte sich — vergebens. Und mit Tränen ließ sie ab, gestand: sie sei zu dumm, sie habe eben doch kein Talent.

Das sagte sie so -bescheiden liebenswürdig, mit so einem schmerzlichen Humor in den Mundwinkeln, daß Karl sie bätte an sein Herz reißen und- küssen mögen . .

Es war ihm eine innige Genugtuung, daß er die Sache besser machte! Er fühlte sich als Mann ihr über­legen. Nun arbeitete er mit fieberhaftem Fleiß und aus- dauernder Gewissenhaftigkeit. Es wurde ihm auch der Lohn zuteil, daß ein alter Meister, der in Bernhardshaufen lebte, ein Zeitgenosse von Karstens und Genelli, ihn bei seiner Arbeit ir-af, ihm aufmunternd die Schulter klopfte und fragte, seit wann er die Kunstschule besuche. Karl antwortete, daß er leider zunächst daran denken müsse, sich einen Platz im Gymnasium zu erobern. Der alte Herr brach in dröhnendes Gelächter aus. „Gymnasium! Himmel-Kreuz-Tonnerwetter! Verfluchter Unsinn! Schock schwere Not! Habe auch nichts gelernt — bin doch ein Kerl geworden! Künstler . . . Gymnasium! Dummes Zeug!"

Er bot Karl an, zu ihm zu kommen und bei ihm im Atelier zu arbeiten.

Selig stürzte Karl nach Haus, die Freudenbotschaft seinek Mutter zu verkündigen. Er hatte in seinem Leben nicht daran gedacht, Maler werden zu wollen, dachte auch jetzt nicht ernstlich daran. Er fühlte nichts vom Künst­lerdrange in sich. Ihn reizte das Universelle der Natur- Wissenschaften. Und er hielt sich für einen Grübler, nicht für einen Schaffenden. So ließ er sich leicht von ihr überzeugen, daß er vor allem seine Bildung zu einem gewissen Abschluß bringen müsse, ehe sie ihm erlauben dürfe, sich einem noch recht fraglichen Talent zu widmen.

Der alte Meister bestand auch nicht weiter auf seiner Forderung. Sie war vielleicht nur eine enthusiastische Laune gewesen.

Frau Bürgelin freute sich, daß Karl ihr so gehorsam nachgab. Ihr Verhältnis zu chm war gur und friedlich wie seit lange nicht. Er hatte sie verstanden in dem Opfer, das sie ihren Kindern brachte, indem sie ihre Schönbeit zu erhalten suchte. Das rechnete sie ihm hoch an Sie fühlte zum erstenmal lebhaft eine ihr nah vor- wandte Seite in seiner Natur. Und sie war durch die lange Krankheit milde, weich gestimmt. Sic ergab sich der Freundschaft zu Doris Rüder mit einer jugendlichen Schwärmerei. Kein Tag verging, an dem die Sängerin nicht durch Blumen oder sonst eine fein ersonnene Auf- merksamkeit erfreut wurde. Tie stolze Fra-ii warb ge- radezil unr die Liebe des Mädchens, das in diesem Der- hältnis bei weitem die Ruhigere iind Gehaltenere blieb. Hierdurch wurde Frau Bürgclins Aufmerksamkeit in eine andere Richtung gelenkt und von ihren Söhnen mehr als bisher -abgezogen. Karl empfand es -als eine große Er- leichterung und stellte im stillen seine etwas unkindlichen Betrachtungen über den Wert oder Unwert der sorgsamen Erziehung' an. Er stand in dem Alter, wo man noch glaubt, durch angestrengtes Nachdenken über solche Fragen zu einem endgültigen Ergebnis gelangen zy können.

XI.

Frau Bürgelin erwartete Gäste: Fräulein von Kalb, Doris Rüder und Georg Rink, den Dichter, von dem am Tage zuvor ein nordisches Märchen aufgeführt worden war, ein Versuch, das alte Melodrama eigenarttg und neu zu beleben.

Tie Gardinen an den Fenstern der Villa Ed-ma wareii zugezogen und das Licht der Lampen spielte in ihren tiefen geraden Purpurfalten. Hie und da glänzten die Bronzeeinlagen der Möbel, im Schatten verschwam- nien sie mit dem Holz zu tiefen dunklen Goldtönen.- Über einer kleinen Chaiselongue hing eine indische Decks mit einer Stickerei aus orange Seide auf schwarzem Grunde, in den winzige Stückchen spiegelnden Metalles eingelassen waren.