Mrgen.veilage -er Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 237. Mittwoch, 3. November. IMS.
(S. Fortsetzung.)
©rQCfsHlüÖßf, (Nachdruck verboten.»
Roman von Edela Rüst.
Es war ün August.
Ein Jahr war seit Dinas Hochzeit ins Land gegangen und hatte den jungen Rechtsanwalt Sehren durch bas plötzliche Ableben eines alten Justizrats zum Notar befördert — eine glückliche Fügung, wie sie eben auch nur einem solchen Glücksvagel in das Nest fällt. Und das Nest war noch reicher bedacht worden: ein kleines, Weißes, zappelndes Bündel lag in dem Weichen, nickelblitzenden Wägelchen, 'das Dina, am Kaffeetisch sitzend, mit der linken Hand langsam hin- und Herzog.
Die Sonne brütete über dem Garten, aus dem es noch in tausend Farben flimmerte. Nur hier in der entferntesten Ecke fand man um diese Stunde einen beschatteten Zufluchtsort unter dem alten Ahorn, der seine rundum weitausladende Krone aus dem Nachbargarten wohlwollend über diese junge Anlage streckte. Die Ahornkrone als lustig hohes Dach und gut eingewachsene Fliederbüsche als Seitenwände in dieser „Grotte", so empfing Dina feit Juni jeden Nachmittag die Besucher, die festzustellen kamen, ob Susi Mater Herbert oder Mutter Dina von Dag zu Dag ähnlicher würde.
Heut war ein häßlicher Sonntag für Jung-Sehrens, d. h. für Herbert, der wie der Böse selber aus dem Garten ins Haus, aus dem Haus in den Garten und um den Wall gerannt war. Er konnte sich so sehr schlecht beherrschen, und es ging ihm gänzlich gegen den Strich, daß heute Frau Kommerzienrat Lucy Lauter, seine-, leibhaftige Schwiegermama, ihm irgendeine Kleinigkeit von Schwager oder Schlvägerin bescheren wollte. Er wußte, es nützte nichts, ober er mußte rasen, und er raste noch mehr, wenn er Dinas lustige Angen sah, die ihn geradewegs auslachten. Er begriff Dinas Gleichgültigkeit nicht!
Und Dina begriff in ihrem jungen MrttergWck nicht, wie man einer anderen Frau das mißgönnen könnte! Sie mißgönnte Lucy nichts, nicht einmal den Ponlp, mit dem die Frau Kommerzienrat rm Winter ihre gesellschaftliche Ära eröffnet hatte.
Sie meinte doch zu wissen, daß Lucy seelisch in einem Martyrium lebte. Und da sollte sie sie um das bißchen lauten Glanz beneiden? Sie, die den Mann ihrer Wahl und nun ihr Kind in allem Jugend- und Liebesreichtnm besaß?
Wenn Dina durch ihr kleines Reich zog, das ihr Water ihr zur Hochzeit schuldenfrei geschenkt, regte sich in ihr kein Wunsch nach größerem Besitz. Sie waren ijja beide jung, sie konnten erwerben. Herbert in seinem Berns und sie in tüchtiger Wirtschaftsführung, um die ffinfbruseNd Mark, die sie von Hanse als jährliches Nadelgeld bezog, ihren Bedürfnissen entsprechend zu verdreifachen.
Dina störte auch das kinderlose Ehepaar nicht, das den rechten Flügel der oberen Etage bewohnte. Der Wrofessor, dem die Villa vorher gehörte, hatte nur tter der Bedingung verkauft, daß ihm seine hübsche ffonwohmmg nicht gekündigt wenden dürfen
Diese alten Leute, die so lautlos ihr beschauliches Pensionärleben führten und ihre Miete so pünktlich Oiuf den Lisch des Hausherrn niederlegten, hatte Herbert nun auch schon so weit gebracht, daß sie kaum noch in den Garten hinunterkamen, wo sie sich eine Rund, laribe mit wildem Weingeranke hergerichtet hatten.
Herbert, der liebenswürdigste aller Gesellschafter, hatte so eine Art zurückzudäminen, was ihm nicht in den Kreis patzte und Professors hatten diese Eigenart reichlich zu kosten bekommen. Es galt nicht drn guten Leuten persönlich, es galt den Inhabern einer Testes seiner Villa, die er für sich haben wollte.
Und da ihm alles glückte, hatte er es denn so weit gebracht, daß die Professorin soeben Dina oben aus dem, Flur daraus vorbereitet hatte, daß sie sich entschlossen hätten, ihre Wohnung nun doch zum Oktober zn kündigen. Ihr Mann hatte plötzlich das Reisefieber, sie wollten den Winter im Süden zubringen und dann noch weiter die Welt umwandern, solange ihnen der liebe Gott noch Urlaub gab: die Welt sei doch so groß, und inan habe doch gar so wenig davon gesehen!
Ding war etwas verstimmt dmstber. Erstens wußte sie, daß die beiden gütigen Menschen sich gekränkt fühlten und dann — es waren doch auch siebenh lindert iviark im Jahre! Ihre Wirtschaft wurde doch naturgemäß nun so wie so täglich kostspieliger. Wo Herbert nur blieb! Er wußte doch, «daß es Kaffeezeit tvar, daß die Eltern jeden Augenblick kommen mußten!
Die alten «ehrens kamen, der Kaffee wurde gebracht. Susi wurde munter und aus einem Arm. in den anderen gelegt, und endlich kam auch Herbert sehr erhitzt und aufgeregt heim. Er fand eine etwas schwüle Stimmung vor.
Der alte Doktor hatte an sich schon eine stark ausgeprägte Feierlichkeit in seinem Gehaben, was aber an ihm rricht unangenehm auffiel. Er hatte sie wohl aus seinem Berufe, in dem er völlig aufging, unbewußt in seine Privatgewohnheiten mit hinübergenomiinen. Es kam wohl auch daher, daß man ihm in der Stadt wie einen Duodez-Fürsten huldigte. Es fehlte nur, daß die Damen auf der Straße seitwärts traten und vor ihm kmxten. Er war es so gewöhnt, wo er ging und stand, Cour abzuhalten. Dabei war er leutselig und ohne jeden falschen Stolz, sogar schlicht in seinen Ansprüchen und Lehensäußerungen. Wenn man ihn bei seiirem Professorentitel anredete, konnte er empfindlich werden — er wollte nichts sein als ein tüchtiger, jeder Aris- opserrmg fähiger Arzt, eben nur der „Doktor". Seine Frau war so taktvoll, sich deshalb auch nur „Frau Doktor" anreden zu lassen, trotzdem es ihr eine vleinG Kränkung bedeutete.
Der alle Sehren besann sich bald auf ein paar Pattenten, die er ttotz des Sonntags sehen mußte. „Ich bin um acht wieder hier, wenn ihr wollt, könnt' ihr mit dem Essen warten! Wulfsen wird wohl «ich» nicht früher hier sein können — entledigt euch dieser krampfhaften Wartest! mmung!*
