Wiesbadener Tsgblalt.
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«erlags-Ferusprecher 2»».
Morgen - Ausgabe.
1. Matt.
Me Lage der deutschen Arbeit.
— Anfang November. —
An der Pariser und Londoner Börse hatte man in bm letzten Wochen eine Merkwürdige Vorliebe für mexi- kcmische und argentinische Staatsfonds. Diese Gelegen- beit wurde in Deutschland benutzt, alle Bestände dieser «ur mit Vorsicht zu behandelnden Werte abzustohen. Das ist ein Akt der Klugheit, Lessen günstige Beurteilung jedoch wesentlich eingeschränkt wird, wenn man weiß, iah unsere deutschen Kapitalisten in der glerchen Zeit noch größere Summen in südafrikanischen Goldshares angelegt haben. Argentinische Staatsfonds haben für
klugen Haushalter nichts Verlockendes, die Sud- afrik-aner aber sicher ebensowenig. Sie haben schon so manche Erwartung zuschanden gemacht und manchen Vertrauensseligen an den Bettelstab gebracht. Aber man hofft immer wieder, den Goldstrom einmal m me etaene Tasche zu leiten.- Gegenwärtig erwartet man nroße Dinge von der angeblichen Lösung der Arbeiter- frage in Transvaal; nun soll sich dort alles wenden, nun endlich goldene Früchte reifen. Diese Hoffnungen tauchen -alle Fahre einmal auf und werden ebenso regel-
mäßig zunichte. . . . .
Man muß es bedauern, daß Deutsche immer wieder die Opfer gewisser Londoner Bankhäuser sind. Dress werfen ihre Netze nie aus, ohne daß deutsches Kapital in ihnen hängen bleibt. Natürlich bedeutet das stets Verluste für die deutsche Volkswirffchaft. Es ist das um so mehr zu beklagen, da fast immer nur kleine Kapitalisten gefangen werden; nur hm -und »tt bleibt ein großer Hecht im Netz hängen, der, durch Gol-ch Hunger getrieben, auf -ergiebigen Raub auszog und durch eine waghalsige Spekulation nicht abgeschreckt wurde. -Unsere Großkapitalisten kennen die Gefahr südafrikanischer Minenspekulation- und wissen sie zu vermelden, aber die kleinen fliegen ins -Feuer wie ein Taubenschlvarm. kte bescheidener das Kapital, um so großer die Hoff- Mngm. Das erklärt sich -aus psychologischen und Wirt- schaftlichen Gründen. In den letzten Jahren haben sich die Lebensbödin-gungen namentlich der kleinen und nntt- lerm Kapitalbesitzer stark verschoben. Die Lebenshaltung ist teurer geworden durch üppigere Sitten und durch das Steigen 'der Mieten, Steuern, Löhne und dreier Warenpreise. Gleichzeitig sind die Renten aus Staats- und Stadtanlechen durch die Herabsetzung des Zms- fußes gesunken, auch der Zinsfuß für sichere Hypotheken ist herabgegangen und ebenso sind die Dividend-enbezu-ge durch -die schlechte Lage der Industrie stark geschmälert Auf -dem Industrie- und Grundstücksmarkt waren selbst sch-r bedeutende Verluste an der Tagesordnung. So ist
Dienstag, de» 8. Dommbrr.
-mancher Keine Kapitalist, der sich zur Ruhe gesetzt hatte, vor die Forderung gestellt, entweder seine Lebenshaltung auf das Niveau eines besseren Arbeiters oder Kleinh-cm-d- werkers herabzudrücken, wieder in_ das Geschäftsleben einzutreten, neu anzufcmgen oder sein Vermögen derart unterzubringen, daß die Rente wenigstens annähernd so hoch ist wie früher. Meistens geschieht das letztere. Ein gewohntes Wohlleben ist schwer auszugeben, ein neues Geschäft in der yeuftgen Zeit des erbitterten-Wettbewerbs von einem alten Rentners dessen Kraft bereits verbraucht ist, schwer anzüfangen, also sucht man mit seiner Habe in anderer Weise möglichst viel herauszuischlagen und damit werden südafrikanische Goldshares und ähnliche Lockungen A UttwidersKHI-ich. Es g-ehtz diesen. kleinen Kapitalisten fast wie verzweifelten Kraken, die eine Kur auf Tod und Leben machen.
Weniger Befürchtungen als die Spekulationen in sehr unsicheren ausländischen Werten ruft die Tatsache hervor, daß in der letzten Zeit deutsche Jndustriepapiere wieder lebhafter gekauft sind. Doch auch hier heißt es Vorsicht! Mau hofft augenscheinlich in den Kreisen der kleinen Kapitalisten -auf einen bevorstehenden industriellen Aufschwung. Zu dieser Hoffnuna ist man verführt durch die hier und dort auftauchenden Nachrichten über besseren Geschäftsgang. Aber -es ist verkehrt,. diese Nachrichten zu verallgemeinern. Vor allem darf nicht vergessen werden, daß selbst viele Industrien, die gegempärtig aus- reichend beschäftigt sind, doch keinen Gewinn abwerfen. Der Warenpreis ist noch immer stark gedrückt und die 'Geschäftsunkosten -sind unglaublich hoch. Dazu kommt, daß die nächste Zukunft der -deutschen Industrie ziem- lich im Dunkel liegt. Erst wenn der Reichstag die Handelsverträge annimmt und bestimmt ist, wann sie in Kraft treten, läßt sich ein Bild von der nächsten Ent- Wickelung des deutschen Wirtschaftslebens gewinnen. Bis dahin ist alles unsicher und nur greifbar, daß die 'deutsche Arbeit von h-eute an Erscheinungen krankt, die ebenso schr die Aufmerksamkeit des Moralisten wie des Kriminalisten herausfordern.
-Zwar ist die Zahl der Anträge auf Konkurseröffnung im ersten Halbjahr 1904 von 6211 in der gleichen Zeit des Vorjahres auf 6164 herabgegangen und die Zahl -der tatsächlich eröffneten Konkurse von 4358 auf 4207, aber trotz di-vser geringen Besserung ist das Bild eher düsterer als'lichter geworden. Begünstigt von der Erkrankung unseres Wirtschaftslebens, haben sich an seinem Körper gefährliche Parasiten aller Art eingenistet. Zu den schlimmsten unter ihnen gehören die Wechselschieber, von denen etliche ihr strafbares Gewerbe geradezu -großindustriell treiben und weitverzweigte Verbindungen haben, wie vor einiger Zeit ein in Sachsen geführter Pro- zeß lehrte. In -auffallender Weise vermehreu- sich auch die gleichfalls in das Große getriebenen Kreditbetrügereien, bei denen es -auf Waren abgesehen ist, die von dem unredlichen Besteller sofort verschleudert werden, wäh- rend der Lieferant natürlich nicht bezahlt wird. Auch der
Red«kli»nS°Fervsprecher No. 52.
1904 .
immer mehr zu einem besonderen Zweige der Gaunerei ausgebildete Kautionsschwindel gehört in das Gebiet dieser Krankheften. -Ganz besonders kennzeichnet die innere Fäulnis des G-eschäftslebens -aber die rasche Der» mehrun-g jener Ehrenmänner, die schiffbrÄhigen Kauf- leutm anfzuhelfen versprechen, um sie zu bewuchern. Auch das wird heute rein gewerbsmäßig -betrieben und es lohnt sich wohl, auf diese dunkle Seite unseres Geschäftslebens einen Blick zu werfen. Wo irgend eine Zrchl-ungs- schwierigkeit zu wittern ist, da findet sich heute Erstens auch bald e-iu Agent ein, der unter -der Maske des Bieder- manns zu helfen verspricht. Er will alles gerichtlich öden außergerichtlich regeln, die Gläubiger beruhigen, Geld schaffen und dem Bedrängten , den Weg aus dem- Schiff, bruch ebnen. Manchmal geschieht das taffächlich und dev Schuldner wird wieder flott; meistens wird dieser aber durch den geriebenen Vermittler derart behandelt, daß er auch noch das Letzte verliert. Nach der Darstellung eines Sachkundigen schließt man Verträge, die in ihre« äußeren Form ganz anständig erscheinen, aber Gelogen- heit gaben, dem Gemeinschuldn-er Daumschraub-en aufzu. setzen. Die Geldgeber und ihre Hintermänner wissen es mit Hülfe einer Anzahl dunkler Existenzen, die als Stroh, männer vorgeschickt werden, so oinzurichten, daß her Ge- mei-nschuldner völlig ans-gevaubt wird. Diese Verhängnis, volle „Hülfe" tritt in der -verschiedensten Gestalt auf. B-glls bietet-sie sich an als Bankkredit, bald als Lo-mbardgeschäst: hier ist es eine Gtzsells-Aft mit beschränkter Haftung, dort ein schlichter Wordvermittler. Fast immer ist d-as Ziel, den größten Gewinn mit allen -Mitteln und mit,dev geringsten Rücksicht ans Schuldner und wirkliche,Gläubige« zu erzielen. Es wird vorgeschlagen, chs Mittel gegen diese Ausbeutung -Gemeinschaften zu bilden, die mit mäßigem Zins sich 'Ser Bedürftigen in ehrlicher Woiss an-neh-meu. Bei rechtzeitiger Hülfe würden, auch notleidende Geschäfte oft die nötige Sicherheft bieten. Man würde mit diesen Gemeinschaften manchem- ehrenwerten Kaufmann und Gewerbetreibenden wieder emporhelfew und den Hyänen der schlechten Konjunktur ihre Opfer uftreißen. Namentlich wird es aber auch als notwendig bezeichnet, den unlauteren Schiebungen und dem der- schleierten Wucher jener hier gekennzeichneten „Helfer" mit dem Staatsanwalt schärfer erftgegenzutreten. _
Ein schlimmes Zeichen für die sinkende Geschäfts- moral sind auch die immer mehr zur Gewohnheit werdenden Schmiergelder für Angestellte. Diese werden von dem Verkäufer einer Ware durch „Aufmerksamkeiten", die in Bargeld oder in GebrauchSgegenstimden bestehen, sobald sie nur auf die zu erteilenden Bestellungen Einflutz besitzen, günstig gestimmt und natürlich weiß der Verkäufer seinen Vorteil dann doppelt zu wahren. Chavak- teristisch für die ungesunde Entwickelung des heutigen Wirtschaftslebens ist auch die sehr große Ausdchnun-g des „Gegengeschäfts". Wir sind damit aus der Geldwirt, schaft in eine Art Tauschhandel zurückgefallen. Will heute eine große oder eine Keine -Fabrik Maschinen oder anderes!
Fenillrto«.
- Peter Tschaikowsky.
Der geniale russische Meister nimmt in unserer euttgen Zeit mit feinen -großen sinfonischen, lernen ahlreichen Kam-mermuslkwerken, seinen Liedern, seinen ielen Violin- und Klavierkompositionen einen erstaun- ich breiten Raum auf den deutschen Konzertprogrammen in. Auch die beiden Opern „Eugen OnSgrn und „Pique dame" erwerben sich nach und nach auf den Buhnene,n ewlsses Heimatsrecht. Dieser bemerkenswerte Äuf- Hwung der Kunst Tschaikowskys in Deutschland setzte Kitte der neunziger Jahre ein, also zu eurer Zeit, als er russische Meister (begeisterte. Verehrer nennen rhu »ohl den russischen Beethoven) bereits von ferner irdische« Saufbahn abberufen war. Tschaikowsky verschied am
November 1893, wie offiziell bekannt -gegeben wurde m der Cholera, die in jenem Jahre in St. Petersburg pidemisch auftrat. Es erhält sich' indessen bis aus den »eutigen Tag das Gerücht, Tschaitowsty sei keines, natur- ichen Todes gestorben. Doch davon spater. Im allgc- »einen ist über die Persönlichkeit, über den W-erdrgang »ieses -großen Mannes, der gewaltig in unsere heutige Zeit hineinragt, wenig bekannt geworden. Es lohnt sich -aher, den Boden, aus dem diese Säule russischer Kultur imvorwuch-K, einmal näher zu betrachten.
Peter Jljitsch Tschaikowsky stammt aus altadli-gem Geschlecht. Als Sohn eines kaiserlichen Beamten, der Vater war Bezirks-Bergingenieur, -erblickte er am j. Mai 1840 in dem Hüttenwerk Wotkin im Gouvernement Wiätka das Licht der Welt. Die Eltern siedelten jedoch bald nach St. Petersburg über, wo sich dem Vater ftne sehr vorteilhafte Stellung bot. Mit 10 Jahren bezog der Kn-abe -die staatlich privilegierte Rechtsschule, -eren erfolgreiche Absolvierung eine glänzende juristische Karriere eröffnet. Da die Eltern auf eine möglichst universelle Ausbildung Gewicht legten, erhielt Peter auch Klavierunterricht, und zwar sehr guten, durch den da- lpM in der russischen Hauptstadt als. Lehrer begabten
Pianisten Kündinger. .Der sehr praktisch veranlagte
Vater dachte indessen nicht im umnLesten daran, seinen Sprößling hierdurch etwa auf die so wenig lukrative Laufbahn eines Künstlers vorzubereiten. Des Knaben musikalisches Talent zeigte sich auch zunächst durchaus nicht in irgendwie auffälliger Weise. Durch die regelmäßigen musikalischen Veranstaltungen seitens der Eleven der Rechtsschnle würde aber das künstlerische Interesse Peters allmählich stärker geweckt. Diese unter dem Protektorate des mnsikliebenden Prinzen von Oldenburg stehenden Schülerkonzerte verschafften dem Jüngling vor allem die genaue Bekanntschaft mit den Werken der Klassiker. Auf diese Weise bildete sich bei ihm ein solider musikalischer Fond, der ihm für die weitere Entwickelung von größtem Nutzen war. Als Jüngling besuchte er auch schon häufig die Vorstellungen der italienischen Oper. Auch die hier gesammelten Eindrücke sind dem späteren schaffenden Manne nicht verloren gegangen.
Mit 19 Jahren machte der junge Tschaikowsky sein Abgangsexamen und trat als Justizbeamter in russischen Staatsdienst. Nun begann ein -harter Kampf. Längst hatte er erkannt, daß die Juristerei ihm für die Dauer keine Befriedigung gewähren würde. Die musikalischen Neigungen hatten sich mit der Zeit so intensiv entwickelt, daß es nunmehr sein einziger Wunsch war, sich der Tonkunst ganz zu widmen. Doch wie -das anfangen? Die bisherige musikalische Ausbildung reichte längst nicht aus, um darauf eine künstlerische Zukunft aufznbauen. Und in .Rußland gab es damals weder staatliche roch private Musiffchulen höherer Gattung. Zudem stellten sich die Eltern und Anverwandten -den Idealen des jungen Mannes mit allem Nachdruck entgegen. Peter sollte Karriere" machen, nicht aber brotlose Kunst treiben. In den Augen der „Gesellschaft" galt Musik zn jener Zpit ausschließlich als Luxus. Man trieb diese Kunst zum angenehmen Zeitvertreib. Nur begüterte Dilettanten lernten Klavier oder Violine spielen. Dem jungen Tschaikowsky boten sich daher so gut wie gar keine Handhaben, um den Sprung ins mugewiffe Dunkel mit Aussicht auf Erfolg tun zu können. Zum Unrerricht- erteilen gab es kaum Gelegenheit. Außerdem würden die
vornehmen Kreise, die jetzt um ihn herumstanden, den abtrünnigen Juristen und un-geratenen Sohn verächtlich beiseite schieben. Doch die kttüstler'ischen Ideale besiegten jedes Wenn und Aber. -Die -Eltern sagten -sich von dew Sohne los; er wurde, wie so viele andave, auch ein Märtyrer seiner Kunst. In der bittersten Notlage, um sein tägliches Brot kämpfend-, mußte er drei volle Jahre ausharren, ehe sich ihm die ersten Lichtstrahlen zeigten. In dieser traurigen Zeit arbeitete er rastlos, meist aus sich selbst heraus, an seiner Vervollkomm-nun-s weiter. Jmt Jahre 1862 wurde in St. Petersburg dank der unermüdlichen Propaganda Anton Rubin ft eins das Petersburger Konservatorium begründet. Fast zur selben Zeit entwickelte sich -auch die schon seit einigen Jahren in -engerem Kreise tättge „musikalische Gesellschaft" zu einem tonangebenden Faktor im öffentlichen Musikleben Petersburgs. Für Tschaikowsky, der sogleich eifriger Schüler des neuen Konservatoriums wurde, bot sich so wenigstens die Aussicht, nun auch gelegentlich disse oder jene seine« bereits zahlreichen Kompositionen zur Aufführung z-n bringen. Anton Rubinstein hatte das große ton-setzerische, Talent des jungen Mannes bald erkannt und förderte diesen auf jede Weise. -Dein „Herzenskind", wie er den angehenden Meister nannte, beendete nach dreijähriger Arbeit seine Studien -am Konservatorium und erhielt für die Abgangsarbeit, eine Kantate auf Schillers „Lied an die Freude", -die Preismedaille.
Nun ging's mit Tschaikowsky schnell bergauf. Er wurde sofort an das von Nikolai Rubin'stein, dem Bruder Antons, begründete Moskauer Konservatorium als Lehrer 'der Musiktheorie berufen. Hier hatte cv unter der selbstlosen -energischen Förderung seines! Direktors Gelegenheit und Muße, fein künstlerisches Schaffen voll zu -entfalten. Er stürzte sich -mit Freude auf die Arbeit; selbst die gehässige Opposition einer einseiftg reaktionären Kritik und eines lo-nvention-ellen Publikums vermochte seine Schaffenslust nicht zu hemmen. Bald erschienen -die ersten großen Werke in der Offenftichkeit: die sinfonische Dichtung „Romeo -und Julia" -und d-j^e erste Sinfonie. Die Partitur-seiner ersten Oper „Der Wcje- w-ode" -hatte -er vernichtet, nachjöem- sein intimer Freund
