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*». Jahrga»«.

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M0. 516. «-rlag^F.r»,»,ech.. No. 2W8. H««NerSlNg» B. |tOPCWl>Cr.

Redaktious-fserusprecher No. 52.

1904.

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Kbend-klusgabe.

1. Wlatt.

Deutschland als Zielscheibe des Hasses.

In England wird gchässigerweife behauptet und, was wichtiger ist. vielfach geglaubt, Deutschland sei in­direkt schuld an dem Zwischenfall in der Norhsee. Wie das? Für den deuischfeindlichen Fanatismus, der in London seine Stätte hat, liegt die Sache einfach genug: Von Berlin aus find die Russen vor japanischen An­schlägen in der Nordsee so dringend gewarnt worden, daß eine ungeheure Nervosität entstand, von der man in Berliir selbstverständlich mit diabolischer Treffsicherheit vorherwutzte. daß sie sich gerade gegen englische Fischer- boote entladen und so eine Verwicklung herbeiführsn werde, auf daß Deutschland in einem englisch-russischen Kriege der tertius gaudens werde. Man brauchte kein Wort weiter an diese Dinge zu verschwenden, wenn sie nicht symptomatisch wären, wenn sie nicht zugleich ein typisches Muster von politischen wie Geschichtsauffassungen wären, denen man neuerdings immer häufiger begegnet, und die sämtlich eine Verdächtigung Deutschlands zum Inhalt haben. Es soll hier nicht die Rüde sein von den immer erneut austauchenden Behauptungen, daß die deutsche Neutralität zuungunsten Japans gebrochen werde; es soll auch nicht weiter der Ausstreuung entgegen­getreten werden, wonach ein geheimes Abkommen zwischen Berlin und Petersburg bestehe. Das alles sind Phan­tastereien, deren Unwirklichkeit das Helle Tageslicht jeder­zeit klar macht. Wohl aber hat es seinen Reiz, den Ursprüngen des russisch-japanischen Krieges und des ganzen Komplexes der daraus entstandenen Probleme nachzugehen und bei dieser Gelegenheit zu beobachten, was alles der .deutschen Politik nachgesagt und unter- geschoben wird. Angefangen hat die Legende mit der Darstellung, wonach Fürst Hohenlohe die mittelbare Schuld an den heutigen Ereignissen durch die Herbei­führung eines deutsch-russisch-französischen Einvernehmens gegen Japan während des japanisch-chinesischen Krieges von 1895/96 tragen soll. Indem damals Deutschland den Frieden von Schimonoseki zustande bringen half, der Japan um die Früchte seines Sieges in der Man­dschurei brachte, soll die Berliner Diplomatie die heutige Konstellation verursacht haben. Daraus wäre zu^ er­widern, daß gerade unsere englischen Feinde froh darüber sein könnten, wenn sich die Dinge wirklich, so verhielten. Denn angenommen, daß Japan seinen Siegeszug hätte vollenden können, so würde Rußland ziveifellos unmittel­bar darauf doch in die Mandschurei eingerückt sein, die sie den Japanern nicht hätte überlassen wollen, und vor acht Jahren wäre das erst in der Neuorganisation be-

griffene Japan aller Voraussicht nach unfähig gewesen, dem russischen Anstürme zu widerstehen. Es wäre aus der Mandschurei hinausgetrieben worden, und der Prozeß wäre wahrscheinlich dauernd zu seinem Nachteil ent­schieden gewesen.

Eine weitere antideutsche Legende lautet dahin, daß von Berlin aus der Iangtsevertrag mit England (im Herbst 1900) eine Auslegung erfahren habe,, die die englische Politik merken ließ, Deutschland empfinde Reue wegen seines, allzu intimen Einvernehmens mit dem Jnselreiche und knüpfe wieder enger, mit Rußland an, so daß England genötigt gewesen sei, seinen Bündnis­vertrag mit Japan abzuschließen, der die Japaner erst dazu ermutigte, sich mit Rußland zu messen. Diese und gleichwertige luftige Behauptungen sind neu, aber nicht so gleichgültig, wie sie sich bei ruhiger Prüfung eigentlich Larstellen müßten, sondern sie haben immerhin Bedeutung, weil sie einzeln wie erst recht durch ihre Häufung dazu beitragen, die in England vorherrschende Auffassung von der vermeintlichen Verschlagenheit der deutschen Politik zu befestigen und gradezu ungeheuer- liche Wahngebilde zu erzeugen. Cs hilft der deutschen Politik wie der korrespondierenden öffentlichen Meinung bei uns nichts, daß die Tatsachen in krassem Wider­spruch mit der Verzerrung stehen, in der man sie jenseits des Kanals erblicken will. So sammelt sich eine- Un­summe von Abneigung gegen uns an, deren Grund- losigkeit nicht hindert, daß sie eine Macht darstellt, eine Potenz, die eines Tages vielleicht gefährliche Wirkungen haben kann. Das schlimme ist, daß nmn es umgekehrt in Petersburg nicht weniger liebt, uns, selbstverständlich von gerade entgegengesetzten Gesichtspunkten aus, zu beargwöhnen. Das gibt dann keine gegenseitigen Kom­pensationen, sondern das Übel vermehrt sich, und wir müssen es dulden, daß uns, der deutschen Staatsleitung wie der Nation als angeblicher Mitverschworenen, Motive und Handlungen zugeschrieben werden, von .denen wir uns rein wissen. Keine Regierung und kein Volk haben mit ähnlichen, halb lächerlichen und immer ärgerlichen Feindseligkeiten zu kämpfen.

We KUdelsverlrngstmsttknz in Wien.

Avb. Wien, 2. November. Heute nachmittag fand eine gemeinsame Ministerkonferenz statt, welche den Han­delsvertrags-Verhandlungen mit dem Deutschen Reiche galt. Es nahmen an ihr teil: Graf Goluchowsky, Graf Posadowsky. Ministerpräsident v. Körber, Graf Tisza, sowie die beteiligten beiderseitigen Ressortminister.

wb. Wien, 2. November. DieNeue Freie Presse" meldet: In der heute nachmittag im Ministerium des

Äußeren statlgehabten ersten Handelsvertragskonferenz begrüßte Graf Goluchowsky den Staatssekretär Gras Posadowsky und dankte ihm dafür, daß er sich der Mühe unterzogen habe, nach Wien zu kommen, um durch per- sönliches Eingreifen das Zustandekommen des Handels­vertrags zu fördern. Er sprach ferner den Wunsch aus: Graf Posadowsky möge zur günstigen Stunde nach Wien gekommen sein und es möge gelingen, die wirtschaftlichen Beziehungen der so innig Verbündeten Reiche auf sichere und dauernde Grundlage zu stellen. Gras Posadowsky dankte in herzlichen Worten für die Begrüßung und äußerte: Er sei mit größter Bereitwilligkeit nach Wien gekommen, um das Handelsvertragswerk zu fördern und sodann zu bekunden, welch, hohen Wert auch das Deutschs Reich auf dauernde kommerzielle Beziehungen mit der Nachbarmonarchie lege. Es wurde hierauf in die Erörte­rung der grundlegenden Fragen des Handelsvertrags' eingegangen, die 1% Stunde währte. Morgen begingen die programmgemäß vorgesehenen Verhandlungen der kommissarischen Vertreter, welche bis Sonntag oder Mon­tag dauern dürften. Dann folgt eine 2. Konferenz der Minister, welche wahrscheinlich in Budapest stattfinden wird.

bd. Wien, 2. November. Wie dasNeue Wiener Tageblatt" meldet, verlautet, daß die bisherigen Handels. Vertrags-Verhandlungen noch keinerlei sicheres Ergebnis hatten und daß es nicht gelungen sei auch nur bezüglich eines einzigen der bestehenden strittigen Punkte eine Eini­gung zu erzielen. Von heute ab sollen bloß die beider­seitigen Berichterstatter beraten, um eine Einigung über die einzelnen Punkte herbeizuführen. Posadowsky der- bleibt indessen hier, um das Ergebnis dieser Beratung: abzuwarten.

. *

Die Wichtigkeit einer Veteriuärkonvention _ mit Deutschland für Österreich-Ungarn geht aus den steigen­den Ziffern der dortigen Viehausfuhr nach dem Deutschen Reiche hervor. Im Jahre 1898 betrug diese Ausfuhr, und zwar hauptsächlich in Rindvieh rund 42 Millionen Mark, im Jahre 1903 war sie auf rund 84 Millionen Mark angewachsen. Irgendwelche Zugeständnisse wird Graf Posadowsky wohl machen, so daß unsere Agrarier Gelegenheit genug zum Lärmschlagen bekommen werden. In Wien ist mau ferner darauf gefaßt, daß bei den Zöllen: auf chemische Produkte ein heftiger Kampf entbrennen wird. Die bezüglichen österreichisch-ungarischen Zölle sind wesentlich erhöht worden, aus Teerfarbstoffe undnicht besonders benannte chemische Hülfsstoffe und Produkte" sind 15prozentigc Wertzölle gelegt worden. Daß die ge­waltige chemische Industrie Deutschlands die Ermäßigung dieser Zölle fordert, ist nur natürlich, und man muß er­warten, daß Graf Posadowsky die Interessen dieses In­dustriezweiges mit aller Kraft vertreten wird.

$rau Biir gelin und ihre Löhne.

Roman von Gabriele Reuter.

(8. Fortsetzung.)

Das ist aber sehr traurig." Dabei dachte Karl etwas geringschätzig an Mias Eltern. Nun gut das waren brave Bernhardshansener Bürger, die nie über den Hori­zont ihres engen Daseins hinausgeblickt batten. Daß me ihre Tochter nicht verstanden, war am Ende begreiflich. Aber seine Mutter Donnerwetter, das war doch eine andere Frau . . . Er stellte sich ihre Persönlichkeit vor und ein Gefühl von Stolz, der seltsam mit Haß ge­mischt war. schwellte ihm das Herz.

Ich füfre dich morgen zu einem guten Manne , sagte Mia. /Ich erzähle dir aber nicht von ihm, du

mußt ihn sehen." , c

Nur zu!" Karl fühlte sich froh und erleichtert, weil er sich ausgesprochen hatte.

Cr wandte seine Äugen wieder aus Mia. Er muß/? sie studieren, sie qcmz und gar kennen lernen

Der seidene Shawl auf ihrem Haupt hatte sich gelost und hing ihr über Schultern und Nacken. Ten Hui trug sie in der Hand. Sie schien nicht zu bemerken, daß sie besonders aussah und die Leute, die ihnen begegneten, ihr mißbilligend oder lachend nachschauten. Karl gefiel das gut an ihr.

Leise vor sich hinpfeifend, kam er, nachdem er sich von Mia verabschiedet hatte, an einem Blumenladen vorüber, in dessen Fenster eine japanische Lilie stand. Er trat ein, sie für seine Mutter zu kaufen. Er hatte das Be­dürfnis, jemandem eine große Freude zu machen.

*

Am nächsten Abend stand er rechtzeitig bei dem alten Turm und wartete auf Mia. Der Turm hatte einmal zu den Befestigungen Bernhardshausens gehört. Reste der alten Ringmauer zeigten sich ggch hier und da zwischen 'den Häusern. Auf ihrem' breiten Rücken waren kleine Gärtchen angelegt. Über die altersgrauen Steinmauern

hingen grüne Weinranken, aus leichten Lauben schauten

lachende' junge Gesichter, und es blühte und duftete dort oben von Rosen und Jasmin. Die Straße, die an der Mauer entlang führte, hieß noch jetzt der Graben. Hier stand auch das Haus des Staatsrats Wähler. Oben in dem hängenden Gärtchen man zu Abend.

Karl' setzte sich auf eine der Bänke, die zwischen Rasen und Blumenanlagen vor dem alten Turm standen, und schaute aufmerksam hinauf. Um ihn her spielte eine Horde von Schulknaben, die plötzlich aus einem nur ihnen bekannten Grunde den Graben 'hinunterliefen.

Nun wurde es still auf der Straße. Karl hörte das Kichern von Mias jüngeren Schwestern. Er sah den Staatsrat aus der Veranda treten und mit zwei Damen in ruhigem, würdigen Gespräch im Garten wandeln. Die eine Dame strickte dabei, und das Garnknäuel hüpfte in dem Körbchen an ihrem "Arm auf und nieder. Man schien Gäste dort oben zn haben und Karl dachte schon, Mia könne wohl nicht kommen. Da stand sie neben ihm. er hatte über dem Denken an sie nicht gesehen, wie sie aus der Tür getreten war. Sie reichten sich die Hände.

Du hättest mich auch abholen können!" sagte das Mädchen unbefangen.Dann wäre ich eher fortge-

ommen."

Ich wundere mich schon, daß m-an dich überhaupt ortließ, wenn Ihr Besuch habt."

Mia machte eine wunderliche Bewegung, als schüttele re etwas von sich.Sie können mich nicht halten. Ach, o-as ist das alles . . . Komm nun. Kennst du die Spinnmühle im Park? Dahin müssen wir."

Sie schritten aus und sprachen klug miteinander, dazwischen kamen sie ins Lachen über die eigene Weis- ,eit. Sie hatten beide einen scharfen Sinn für ' das furiose.

Karl blickte unverwandt aus Mia. Ihr Gesicht zog hn seltsam an.

Es war ein linder, wölken schwerer Abend. Auf wr Allee unter den breiten, dichten Kastanienkronen lag 'chon die Dämmerung. Man hörte ein leises Rieseln. Ls begann zu regnen, aber die Tropfen konnten Las

Laubdach noch nicht durchdvingen, sie befeuchteten es nur

und weckten einen frischen, kühlen Duft.

Die Spinnmühle lag wohl eine Viertelstunde von der Stadt entfernt in den Wiesen >am Flusse, dort, wo er das brausende, rauschende Wehr bildete. Sie wurde schon längst nicht mehr zu gewerblichen Zwecken benutzt. Leer standen die großen Arbeitssäle mit den unzähligen, zerbrochenen, verstaubten Fensterscheiben. Die Spinnen zogen ihre grauen Gewebe über das erblindete Glas. Bernhardshausen war kein Ort, wo die Industrie eins gute Stätte fand.

Aber aus einem kleinen Häuschen, das aus dem großen, öden Gebäude herauswuchs wie ein grüner Zwerg 'aus einem toten Baumstrunk, schimmerte Licht zwischen bunten Gardinen hervor. Mia zog die Klingel.

Die Tür öffnete sich, ohne daß iemand erschien. Oben hatte wohl ein Fuß auf eine Drahtleitung getreten.

Mia faßte Karl frei der Hand.

Ich will dich führen", sagte sie freundlich und leitete ihn eine Treppe hinauf. Dann öffnete sie eine Tür, blickte hinein, nickte jemand, der sich im Zimmer be­finden mochte, zu und schloß die Tür wieder.

Sie führte Karl nun durch ein sehr niedriges Ge­mach, in dem eine grüne Ampel brannte, und das mit vielen orientalischen Teppichen behaglich, ja kostbar aus- gestattet war. Daun mußte man durch eine Tapetentür und wieder eine Menge Stufen hinabsteigen. . Hier standen sie nun in einem hohen, kahlen Raum, in dom es nach. Staub und Sägespänen roch.

Karl konnte im ersten Augenblick wenig mehr als graue Dämmerung erblicken. Dann unterschied er eine hohe Gestalt, die in einen weiten, dunklen Mantel ge­hüllt, am offenen Fenster stand. Don dort wehte die duftende Regenlust ihnen entgegen, und sie hörten das Wehr rauschen.

Ist es Maja?" fragte der Manu langsam und müde.

Ja, Lieber. Ick bringe ihn, von dem ich dir sagte."

Das ist gut. Das ist sehr gut. Seien Sie will­kommen, mein junger Freund, Menschen, die der Wahr-