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Wiesbadener Tsgbb

*». Jahrga««. _ _ ,, SUettflQt Langgasse 27. einsvaltiac Setifseile^lfür lo

Politische Werstcht.

Handclsvcrtragsfragen.

L. Berlin, 81 . Oktober.

Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß der Reichs- iaa noch vor dem Jahresende den neuen Handelsvertrag mit Österreich-Ungarn beraten und, was diesmal zweifel- los dasselbe ist, annehmen kann, so daß die Kündigung Ses bestehenden Handelsvertrages zum 1. Januar 1906 und das Inkrafttreten des neuen Vertrages zu diesem Termin erfolgen könnte. Wenn Graf Posadowsky sich jetzt nach Wien begibt, um dort die letzten Vereinbarungen über den Tarifvertrag zu treffen, so ist es ja selbstver- stündlich, daß die Derständigung bereits in allen Punkten erzielt worden ist, so daß die Beratungen , der beider- fettigen Delegierten kaum längere Zeit in Anspruch nehmen werden. So beflissen das Geheimnis ber bis- herigen Verhandlungen gewahrt wird, so durchsichtig ist es, da naturgemäß der deutsch-russische Handelsvertrag als Vorbild des deutsch-österreichisch-ungarischen wird gelten müssen. Und über diesen ist soviel schon durch- gesickert, daß sich wenigstens in bezug auf die künftige Gestaltung der Agrarzölle gegenüber den beid«r Kaiser- reichen ein bestimmtes Bild gewinnen laßt. Österreich- Ungarn wird ganz wie Rußland die deutschen Getreide- Mindestzölle gutheißen, auch den Gerstenzoll, an dem man namentlich in Österreich (in Ungarn weniger) ein starkes Interesse hat. Ebenso wird sich Österreich-Ungarn mit den deutschen Holzzöllen zufriedengeben, in die auch Ruß­land gewilligt hat. Wie man erfährt, ergaben sich die Hauptschwierigkeiten bei den Vorverhandlungen mit Österreich-Ungarn in den Fragen des Mehlzolls und der Veterinärkonvention. Offenbar ist aber in beiden Be- Ziehungen ebenfalls bereits eine Verständigung erzielt worden. Ist nach alledem das Md der deutscherseits erlangten Zugeständnisse wenigstens in seinen Um rissen erkennbar, so besteht allerdings die größte Unge wißheit in beziig auf die von hier aus gemachten Zu geständnisse. Mit anderen Worten: Man weiß nicht, welche Erhöhungen der jenseitigen Jndustriezölle Graf Bülow hat bewilligen müssen. Man kann sich aber denken, daß die österreichische Regierung nicht säumig irrt fordern und nicht ungeschickt und erfolglos im Durch- setzen ihrer Forderung gewesen sein wird. Auch in dieser Beziehung wird sich die Ähnlichkeit mit dem neuen rufst- scheu Handelsverträge Herausstellen.

Lippe.

Die bisherigen Verhandlungen und Besprechungen m der lippcschen Frage, an de nen auch die Staatsmimster

§rau Mrrgelrn und ihre Löhne.

Roman non Gabriele Reuter.

(6. Fortsetzung.)

Raubvögel- und Rabenflügel waren ott die Wände Magelt, dazwischen die Bälge kleinerer Tiere, Schlan- i-enhaute und Schmetterlinge. Seltsame Baumtnorren md Wurzelwerk, Wespennester und Zweige von Buchen nit dürrem, kupferbraunem Laub bildeten phantastische Dekorationen, aus deren Mitte der weiße L-chädel eines Saules hervorgriiiste.

Einen Augenblick blieb Frau Burgelm erstaunt rm Türrahmen stehen. Das alles war mit Geschmack ge- »rdnet, es gab seltsame Farben- und Formeneffekte. Aber ne Vogelbälge waren nicht kunstgerecht präpariert, die Schädel nicht tadellos gesäubert; vereint mit dem faden Ouft der Wurzeln, des dürren Schilfes hechten sie sinen für verfeinerte Nerven fast betäubenden Geruch

„Good heavens", sagte Frau Bürgelin und drückte br Tuch vor Mund und Nase, „wie hat er das aushalten 'önnen! Wie durfte Mademoiselle Ändert so etwas ge- tatten! Das ist ja der Herd für eine Typhus-Epidemie! Man wird das Zimmer neu tapezieren müssen. Auf nelche Ideen solche Knaben verfallen! — Die Sache sieht fa ganz originell aus. Aber es geht nicht, es geht nicht. Nehmen Sie die Geschichte fort und säubern Sie das

Zimmer." „ , . r . r f . ,, „

„Da wird der Herr Karl aber außer sich sem, be­merkte Pauline.

„Das tut mir leid. Indessen ist es nicht zu andern. Warten Sie . . ." — Frau Bürgelin dachte nach. „Ich werde für Ersatz sorgen. Lassen wir es immerhin heute noch gehen. Ich werde Karl ins Gebirge schicken, damit Sie sich ungestört an die Arbeit machen können. Sagen Sie ihm nichts vorher." m u .

Karl war sehr stolz, als er von seiner Mutter den

der beiden hadernden Fürstentümer ganz friedlich teil- nahmen, haben zu einer Verständigung über die Grund- fragen geführt, so daß der Bundesrat, wenn er sich dem­nächst erneut mit der Sache zu befassen haben wird, einen gangbaren Weg vorfinden wird. Zunächst ist „jeder Zweifel, vielmehr jede Anzweiflung der Rechtsbeständig, keit der Regentschaft des Grafen Leopold, als ausge­schlossen zu betrachten. Die Regentschaft wird von Schaumburg-Lippe anerkannt, sie wird aber auch, was wichtiger ist, von Preußen nicht bestritten, im Gegensatz zu der bekannten, in der Romintener Depesche ausgesproche- nen Ansicht. Die Entscheidung über die Thronfolgefrage sodann soll einem Sondergevichtshof übertragen werden, der ganz nach dem Vorbild des früheren Gerichtshofs aus Mitgliedern des Reichsgerichts unter dem Vorsitz eines Bundesfürsten bestehen wird. Es ist in Aussicht ge- nommcn, an die Spitze dieses Sondergerichtshof den Prinzregenten Luitpold zu stellen. Somit wurden alle Bürgschaften einer objektiven Urteilsfindung gegeben sein. Selbstverständlich ist nicht bloß Lippe, sondern auch Schaumbukg-Lippe berest, die zu fällende Entscheidung als inappellabel anzuerkennen.

Das Baltische Geschwader.

Die Beschießung des schwedischen Dampfers „Aldebaran".

Stockholm, 27. Oktober. Uber die Beschießung des schwedischen Dampfers „Aldebaran" hat der Kapitän des­selben einen Bericht erstattet, in welchem über den Her- gang ru. -a. gesagt imrfo Das Kriegsschiff schnitt 'den Kurs des Mldebaran" so nahe, daß dieser, um eine Kolligon zu vermeiden, abweichen mutzte, und gleich darauf schoß es einen scharfen Schutz auf 'den Dampfer ab, ohne zu treffen. Auf dem „Aldebaran" wurde sofort die schwe­dische Flagge gehißt und die ganze Besatzung kam auf Deck. Ein Signal wurde von niemand bemerkt, dagegen waren die Scheinwerfer während der ganzen Beschießung unausgesetzt auf den Dampfer gerichtet. Bald begann das Kriegsschiff den letzteren mit einem wahren Kugel­regen zu überschütten, obwohl der Dampfer sofort seine Maschine stoppte. Nach etwa 10 Minuten hörte die Be­schießung auf und die Mannschaft, welche sich unterdessen unter Deck geflüchtet hatte, glaubte, nun die Reise sort- setzen zu können. Kaum hatte sich jedoch der Dampfer in Bewegung gesetzt, als abermals die Beschießung begann und wieder 10 Minuten lang fortgesetzt wurde, bis das Kriegsschiff plötzlich sämtliche Lichter löschte und rm Dunkeln verschwand. Das Resultat >dcr Beschießung war gleich Null. Obwohl manche Geschosse unmittelbar neben oder vor dem Dampfer einschlugen, wurde dieser letztere doch nicht getroffen und die Besatzung kam unt dem Schrecken davon. Die hiesige Regierung hat sofort nach dem Bekanntwerben dieses Vorfalles den Burgerineistcr zu Gefle. wo der „Aldebaran" inzwischen angekonmen ist. zu einem genauen Verhör der Mannschaft angewieien und schleunige Übersendung des Protokolls befohlen. Wie

Auftrag erhielt, ■ in den Thüringer Wald zu fahren, um ein bestimmtes Dorf kennen zu lernen. Er sollte ferner Mutter Bericht erstatten, ob die Gegend dort geeignet sei, ein Sommerhäuschen für sie zu kaufen oder zu bauen. Sehr vergnügt kam er heim. „

„Also ausgezeichnet", rief er Frau Burgelm ent- «gegen, inbent er §ut unb erntet ,em beit ^circn int tflur hing und sich dann von ihr küsseir ließ. „Ich glaube, e~ wird ganz das Richtige für uns sein. Kein -enger Kessel, sondern ein weites Tal, das nur von einer Seite von Bergen umschlossen ist. Ein Wässerchen, das aus einem Felsental herauskommt. Ich sage dir, Felsen, wie man sie sonst im ganzen Thüringer Wald nicht trifft — und Grotten und Schluchten . . . Wlld und ernten ... Das Dorf liegt sonnig. Daraus müssen wir Rücksicht nehmen in diesem kalten Lande, wo es die Hälfte des Sommers regnet."

„Sehr richtig!" bemerkte Frau Mrgelrn, erfreut über

seine Voraussicht. . o _ ,, ^ .

„Ich habe mir auch schon etn Haus ausgesucht, wo wir vielleicht in diesem Sommer probeweis zur Miete wohnen könnten — bei einem guten alten Ehepaar — prächtige ^Olenfcfven "

„So — wir wollen sehen. Ich muß dich noch vieler- lei fragen. Komm jetzt zu Tisch — du wirst hungrig fein "

\ Ich will nur erst hinauf und mir andere Stiefel an- ziehen. Ich habe den halben Thüringer Wald an den

— laß das jetzt", bedeutete Frau Burgelm ihren Sohn und nahm seinen Ann, sich von ihm ms Etz- zimmer geleiten zu lassen. _ .. „ ..

Dort erwarteten sie Dionys und Mademoiselle, die eifrig miteinander flüsterten. Mademoiselles Gesicht trug einen bekümmerten Ausdruck. Karl bemerkte es gleich, als er sie begrüßte. Tann erst sah er eine ganze Be­scherung, die ihn vor seinem Teller erwartete. Em ans- gestopster Lämmergeier, zwei Gemshörnchen, einige schöne Muscheln,

dd. Tanger. 31. Oktober. Die russischen Offiziere bleiben dabei, daß bei Hüll auf Torpedoboote geschossen worden ist. Sie hätten einen Dampfer mit drei Schorn- steinen gesehen. Der Besuch der hier liegende» Schiffe ist auch Privatleuten gestattet. Viele Offiziere und Fach­leute aus der Stadt sind erstaunt über die Unordnung und Unentschlossenheit bei den Arbeiten der Russen an

Bord. . , , ,

wb. Paris, 1. November. Aus Sorrent wird tele­graphiert, daß der dänische Schrsfskapitän die gestrige Nachricht des „Petit Journal" über die von ihm angeb­lich an der englischen Küste beobachtete Verladung von Sprengmatertal für die Japaner für vollständig erfunden erklärt.

Der russlsch-iapanische Krieg.

Eigentümliche Lage.

hd. Mukden, 31. Oktober. Die Lage ist unverändert, keine der beiden Armeen will zurückweichen, weil beide einen Mißerfolg durch Vorgehen fürchten. Daher graben sich beide Parteien auf dem Schlachtfelde einander gegen- über ein und befestigen ihre Stellungen stark. Gelegent­lich finden -Kanonaden statt, bei denen die Schußzahl ver­lier bestimmt wird. Jedoch kann die Schlacht durch Zn» fall jederzeit neu entbrennen. Bei den Japanern wird jedoch eine große Rührigkeit und Truppenverschiebunge» bemerkt.

Um Port Arthur.

wb. Petersburg, 31. Oktober. General Stössel meldet dem Kaiser unter dem 14. Oktober: Der Feinds ivirft in dre Befestigungen der Nord- und der Norbostfront rm Osten von der Eisenbahn und in die innere Festung elf- zöllige Bomben. Gleichzeitig schiebt er Laufgräben an unsere Forts heran. An das südlich vom Dorfe Utnafan gelegene Fort ist er am allernächsten herangelvmmen. Durch das Artilleriefeuer und die Ausfälle der Schützen zwingen wir den Feind, sehr vorsichtig zu fern. Die Truppen kämpfen nach wie vor heldenmütig trotz aller Mühen und Entbehrungen. Wir bitten um den Segen Eurer Majestät und der Kaiserinnen.

wb. Petersburg, 3l. Oktober. Ein Telegramm des Generals Stössel vom 17. Oktober an den Kaiser besagt: Gestern eröffneten die Japaner gegen 3 Uhr nachmittags eine verstärkte Kanonade -auf die Forts und Be- festigungen. Ein besonders starkes Feuer wurde gegen das Fort und die Befestigungen an der Nordfront ge- richtet, die in der Nähe der Eisenbahn liegen. Der Feind begann diese Befestigungen anzugreifen, indem er zu­nächst beim Dorfe Palitschwang fchwere Feldartillerie

Er schlug Vor Staunen die Hände zusammen — und blieb so mit den gegen die Brust Erhobenen- stehen, eine kindliche Bewegung, die ihm eigen war.

Nein —! nein, aber so was —!" stotterte er und irurde dunkelrot. „Ja — es ist doch nicht mein Ge­burtstag!" , .

„Kann deine Mutter dir nicht auch an einem gewöhn- lichen Tage eine Freude machen wollen?" fragte Frau Bürgelin und breitete die Arme -aus.

Karl stürzte sich hinein, umhalste sie und -druckte den Kopf an ihre Schulter.

Die Augen waren ihm naß. Er kam sich abscheulich Vor Wieviel hatte er seine Mutter gekränkt und ge- ärgert in letzter Zeit und nun war sie so rückhalttos gut! Vielleicht — o, wenn er sie doch lieben könnte ...

Sie fühlte seine anschmiegende Zärtlichkeit, das Beben seines Körpers. Sie war nicht weich gestimmt in diesem Augenblick, doch sie war befriedigt, lind sie konnte sich nicht entschließen, die schöne Stimmung durch die Er- öffnung, die ihr auf den Lippen geschwebt hatte, zu stören. Es war später noch Zeit genug. Aber Karl ergriff den Lämmergeier an beiden FlügÄn. ^ „

„Gleich muß ich sehen, wo wir den Kerl hmbrmgen , schrie er und sttirmte mit einem Satz zur Tür hinaus.

,Karl!" rief seine Mutter. Er hörte schon nicht mehr. Schweigend in beklemmender Erwartung standen die Zurückbleibenden. Man vernahm eine Weile nichts, dann ein Geräusch, als ob ein Stuhl zur Erde geschleudert faterbe unb ben f) eifern, inuterftidten Sftuf. „^online *

Und dann ein Toben, ein Schreien und ^uße- stampfen, dazwischen Paulinens Sttmme, die sich ver.

^Plötzlich erschien die dicke Person blaß und zitternd in der Tür und keuchte:

„Gnädige Frau, zu Hülfe, zu Hülfe. , , er ist rasend, er hat nach mir geschlagen!" . . ..

Frau Bürgelin ging, streng zusammengefaßt m dev hochmütigen Haltung, die ihr in den Augenblicken höchster