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S». Jahrgang.
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Verlag: Langgafse 27.
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Uo. 506.
Verlags-Fernsprecher No. 285».
Freitag» de« 28. Oktober.
Rebaktions-Fernsprecher Nr. 52.
1904.
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Morgen - Ausgabe.
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Die Zukunst Dußlands.
Ob der Krieg mit einem russischen Siege oder mit emer russischen Niederlage endigen wird, jedenfalls wird er auf die Stellung des Zarenreichs zu den andere:» Nächten, vor allem zur asiatischen Welt, dann aber auch aus die inneren Verhältnisse des Reichs entscheidend ein- wirken. In erster Linie wird der Gegensatz des Russen- tmns zu allem Orientalentum schärfer werden. Es hat bisher Leute gegeben, sehr scharfsinnige und sehr patriotische wie den Fürsten Uchtomski, weiland Freund des Zaren, die sich für eine Verschmelzung der Slaven und Waten ins Zeug legten, da sie in einer solchen die heilige Aufgabe des Zarenreichs erblickten. Uchtomski, in dessen Ädern Tatarenblut fließt, stellte die Russen als Erben und Nachfahren der Hunnen hin. Chinesischer Fleiß und russisches Schwert, die konservative Zähigkeit des Wuschik und die abenteuerfrohe Tatenlust der Tscher- kessen, eine derartige Vereinigung deuchte ihm das Ideal. Europa dagegen war chm und seinen Gesinnungsgenossen ein Greuel, war der Feind pur excellence. Durch eine Macht, die sich von der Weichsel bis zum Jangtse- kiang oder gar zum Sinkiang erstreckt, selbst Europa zri bezwingen und die ganze Welt in Schach zu halten, das war das zu erstrebende Ziel. Mit diesen Träumen Md Bestrebungen toirb der gegenwärtige Krieg gründlich aniräumen. Haben doch die Russen jedermann, der es hören wollte, erklärt, sie seien die Vorkämpfer der westlichen Kultur gegen die Barbarei des Orients. Auch hat der Ingrimm, den schließlich jeder Krieg erzeugt, notwendig den Rasseninstinkt der Slaven verstärkt; der grauen Theorie trat die schroffe Wirklichkeit entgegen. Kuropatkin Hat ja allerdings Tscherkessen. und Djage- staner unter sich, allein deren'Zahl ist gering, und ihr Typus weicht von dem arischen nicht zu sehr ab. So dient unzweifelhaft der Krieg dazu, den Gegensatz zwischen dem Herrscherstamm des Zarenreichs und den Ostasiaten klarer zmn Bewußtsein zu bringen, zumal die Chinesen, auf deren Gefolgschaft Uchtomski und seine Freunde ohne weiteres gerechnet hatten, sich immer enger und immer offener den Japanern anschließen.
Diese Ausführungen entnehmen wir einem wertvollen Aufsätze, den der Historiker Albrecht Wirth, einer der besten Kenner sowohl der asiatischen Geschichte wir der gegenwärtigen wirtschaftlichen, politischen. sozialen Zustande Asiens, soeben in der „Neuen Rundschau" (Berlin, S. Fischer) veröffentlicht. Albrecht Wirt! glaubt an einen Aufschwung Rußlands gerade infolge des jetzigen Krieges. Er würdigt durchaus alle Momente der Zersetzung, die nationalen Gegensätze innerhalb Rußlands, die Gärung unter den Polen, den Turkestanen den Finnen, den Armeniern, denen man ihren ganzen
Kirchenschatz im Werte einer Viertelmilliarde Mark kurz vor dem Ausbruch des Krieges säkillarisiert hat, um ihn dem hungrigen Reichsftskus zuzuwenden. Der Verfasser sieht auch ein Sinken des russischen Staatskredits voraus und erklärt es angesichts der zu erwartenden Kursrückgänge geradezu für ein Verbrechen, die Emission einer neuen russischen Anleihe in Deutschland ins Werk zu setzen. Er hält die wirtschaftliche Zukunft des Zarenreichs für ärrtzerst trübe, soweit die nächsten Jahre in Betracht kommen, aber er glaubt, daß das große Unglück, der ungeheure Verlust an Kapitalien den Erwerbssinn anfstacheln, latente Fähigkeiten wecken werden. Wirch sieht eine wachsende Fdustrialisierung Rußlands sich ankündigen. Er stellt sich die weitere Entwicklung sodann in Formen vor, die zum Test wesentlich von den hergebrachten Meinungen abweichen. Er erwartet, daß zwar die westlichen Ideen im Gefolge von vermehrtem Industrialismus stärker eindringen werden, daß zugleich aber die Bedeutung des Adels und damit die Selbstverwaltung der Gouvernements steigen werden, während die Macht des Beamtentums, dessen bodenlose Nachlässigkeit und Unfähigkeit die schweren Schicksalsschläge in der ersten Epoche des Krieges mitverschuldet haben, eine ganz gehörig« Einbuße erleiden werde.
Albrecht Wirth fährt fort: „Der Krieg wird den Einflüssen des Westens noch weiter Tür und Tor öffnen, und der Zwiespalt, der das Volkstum durchzieht, wird in Zukunft noch schärfer werden. Durch diesen Zwiespalt, sowie den nach österreichischem Muster zu erwartenden Nationalitätenhaider werden die festigenden, die nationalisierenden Elemente mehr als paralysiert werden. Täs schadet, wie wiederum Österreich beweist, durchaus nicht dem wirtschaftlichen Aufschwünge. Um so merklicher werden sich die Folgen der Zersetzung im staatlichen Leben enthüllen. Ter Zersetzrrng sicht allerdings ein starkes Element entgegen, die ungeheure Zähigkeit der Russen. Eine Eigenschaft, deren Offenbarung ja a»tch jedermann in dem gegenwärtigen Kriege von ihnen erwartet, eine Eigenschaft, in der sie zweifellos ihren Feinden überlegen sind." Das sind jedenfalls interessante Betrachtungen, die das Bild der russischen Zukunft in neuem Lichte zeigen. Man braucht nicht zu allem Ja zu sagen, aber man wird diese Ausführungen eines ernsten und urteilsfähigen Beobachters mit Nutzen lesen.
Politische Übersicht.
Keine neuen Kardinalshnte.
rn. Rom, 25. Oktober.
Die Frage der Ernennung von neuen Kardinalen hat den Vatikan seit längerer Zeit beschäftigt und in der Umgebung des Papstes entwickelte sich ein Xebfiafteg Intrigenspiel zugunsten des einen oder anderen Kandi- betten.' Bekanntlich hat bei solcher Gelegenheit jeder Kardinal sein Protekttonskind, das er um jeden Preis
durchsetzen möchte. Andrerseits wird auch auf die mehr oder weniger verblümten Wünsche der weltlichen Mächte Rücksicht genommen und es dürfte in Erinnerung sein, daß sogar der deutsche Kaiser wiederholt als Befürworter dieser oder jener Kandidatur genannt wurde. Die Auswahl wird dem heiligen Vater also durchaus nicht leicht gemacht. Dazu kam in der letzten Zeit, daß der Bruch mit Frankreich es als inopportun erscheinen ließ, einen Franzosen mit dem Purpur zu beglücken/ während man gleichzeitig damit rechnen mußte, daß eine geflissentliche Übergehung der Republik von den loyalen französischen Kacholiken als ein Akt der Ungerechtigkeit aufgefaßt werden könnte, der nicht geeignet wäre, das Band zwischen der Kirche und ihren treugebliebenen Bekennern in Frankreich zu festigen. Aus diesen Schwierigkeiten heraus wird der eben gefaßte Beschluß des Papstes verständlich, vorläuftg überhaupt keine neuen Kardinale zu ernennen, trotzdem augenblicklich fünf Hüte zu vergeben sind. Das am 14. November abzuhaltende Konsistorium, das ursprünglich für die geplanten Beförderungen in Aussicht genommen war, wird sich lediglich mit der Prätönisierung einer Anzahl italienischer und ausländischer Bischöfe beschäftigen und auch aus einem zweiten für dm 15. Dezember festgesetzten Konsistorium, das über eine Anzahl von Seligsprechungsn anläßlich der Halbsekularfeier des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis entscheidet, bleibt die Kardinalftage außer- halb der Erörterung. Den Gönnern der verschiedenen Kandidaten ist also Zeit gelassen, zugunsten ihrer Schützlinge noch eine ausgedehnte Tätigkeit zu entfalten.
Die amerikanischen Wahlen und die Politik des „Großen Stocks",
k. New U o r k , 17. Oktober.
Der amerikanische Imperialismus hat einen neuen Namm erhalten. Er ist die Politik des big stick, des großen Stocks, der sofort herbeigeschleppt wird, wenn einer der Einzelstaaten in Amerika, die außerhalb des nordamerikanischen Staatcngebildes stehen, der Regierung in Washington nicht Parieren will. Das Bild ist namentlich in Wahlreden sehr wirkungsvoll und die Demokraten hier machen gerne davon Gebrauch, wenn RooseveltL Politik in Panama besprochen wird. Tatsache ist, daß die neugebackene Republik hinsichtlich der Aufrechter- Haltung ihrer Selbständigkeit sehr besorgt ist und wenn Roosevelt ihr auch eben seinen Kriegsminister Taft mit dm beruhigendsten Versicherungen zugeschlckt hat. so bleibt die Gärung im Volke doch ungeschwächt bestehen. Der neue Staat befürchtet, daß die Politik des Washing. toner Kabinetts in Kolumbien auch auf Panama über- tragen werden könnte. Dem gegenüber erklärt Roose. Veit, ! bafc „wir nicht die mindeste Absicht haben, inmitten von Panama eine unabhängige Kolonie zu gründen oder daselbst mehr Vorrechte auszuüben, als zur bequemen und sicheren Durchführung der Bauten, zur Behauptung und Ausnützung des Kanals nach den Bedingungen des Vertrages unbedingt erforderlich sind." Jedenfalls wird
Feuilleton.
finnisches frauenleben.
Plauderei von Dyrke J«ß«la.
Sie lieben ihr malerisch schönes Turms — die finnischen Frauen, aber ihr Leben ist kein leichtes und stohes. Wie im Lande der taufend Seen und ungezählten Brücken die Sonne nicht die strahlende Tageskönigin tit, We im regelmäßigen Wechsel Tag und Nacht vricheinen jabt, so hat auch di- Freude dort ein anderes Gesicht. An den „weißen Nächten", die die gleich einem blutroten Ball am Himmel siebende mitternächtige Polarsonne
»j'' «n „ivetgen »icaajren , int , y .
Ball am Himmel stehende mitternächtige Polarsonne selbst ln den südlicheren Teilen des Landes zettrgt, liegt etwas Gespenstisches, Niederdrückendes, das leine fabelnde Daseinslust aufkommen läßt und das Emvfin- be» der Menschen auf einen gedämpften Ton stimmt. Und gar das der Frauen! Sie spielen als Krndcr nicht
"UN gar das der Frauen! St« sptelen ais Sitnvcr rnu,i «nbcsangen und sorglos, sie tändeln und lachen und schwatzen nicht als Jungfrauen, Gattinnen und Mutter wue ihre Mitschwestern in anderen glücklicheren Gegen- kn - für sie gibt's nur Arbeit, ständige muhevolle Ar- n°it, mit kurzen Erholungspausen dazimschen, tn denet
s'e viel zu müde sind, um sich unbekümmerter Lust hin-
ffugebcn. Nie sicht man, wie bei uns, zwet Nachba"nnen vor der Haustür stehen und eifrig und heiter schwatzen, "k gehen die jungen Männer und Mädchen plaudern und sltrtend die Straßen entlang. Begegnen stcki * lunge Leute verschiedenen Geschlechts, so grüßen ste^e»nan- d-r höflich und schreiten, selbst wenn ste noch so bekanw
und ihre Herzen nach Zwiesprache sich sehnen, stum Weite?.
Äm 'Düben Finnlands, zumal in^Helsingfors, ist es "was anderes. Das erklärt sich vielleicht dadurch, daß
Symbol des Russentums, das dom Ort seinen
Stempel aufgedrückt hat und ihm den spozifisch finnischen Charakter nimmt. In Helsingfors werden glänzende Feste gefeiert, dort gibt es Restaurants, Theater- und Konzertlokale, dort flanieren auch die Damen in reichen Toiletten an der Seite der Herren auf den öffentlichen Promenaden — aber auch eben nur dort. Wer von allen finnischen Städten allein Helsingfors kennt, hat kein: Vorstellung von dem Lande, dessen Hauptstadt es ist. Im vergangenen Sommer erschienen in den Helsingforser Zeitungen — dem „Hewstad-Dageblad" und der „Helsingforser Post" — wiederholt „Bischofsbriese" des Bischofs von Abo, in denen dieser seiner Bekümmernis über das allzu flotte Treiben in Finnland un'd den daraus erfolgenden Verfall der guten Sitte Luft machte; diese Briefe erregten ungeheure Erbitterung im ganzen Lande, denn niemand w-ollte die Wahrheit der darin aufgestellten Behauptungen zugeben. Alle waren der Slnsicht, daß diese in keinem Punkt für Finnland und die Finnländer zuträfen und daß der Bischof von Abo sich durch den breit und lustig dahinflutenden Strom des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens in Helsingfors über die tatsächlichen Zustände des Landes, das er offenbar nicht kannte, habe täuschen lassen. Vielleicht mag es ja nächst Helsingfors in Abo am lebhaftesten hergehen.
Ein Beweis für die ernste Sinnesart der finnischen Grauen ist es auch, daß es in den meisten Teilen des Landes, besonders in den nördlichen, fast gar keine öffentlichen Lokale gibt, die von Frauen besucht werden. Die Hotels und Restaurants sind ohnehin unglaublich dünn gesät und meist nahezu leer. Wenn die Angehörigen dcS weiblichen Geschlechts sich einmal ein paar Feierstunden machen wollen, so gehen sie ein wenig spazieren — ohne jedoch, wie es bei uns üblich ist, ein Gartenlokal oder ein ländliches Gasthaus als Ziel zu wählen — oder sie begeben sich paarweise nach einer Konditorei, um rasch einige Stücke Kuchen zu essen. Unter den finnischen Konditoreien und Cafcks darf man sich aber nicht einen Ort vorstellen, in dem Zeitungen auslicgen, wo zahlreiche Menschen plaudernd sitzen und Getränke aller Art, Eis, Cremes und dergleichen mehr verkauft werden —
Gott bewahre, es sind im Grunde nichts mehr und nichts weniger als Bäckerläden, in denen eine ungeheur: Menge von Kuchen vorrätig. Kuchen, sonst nichts. Höchstens bekommt man noch Kaffee und Milch-Schokolade dazu zu trinken. Für viele Gäste sind die Räume auch gar nicht eingerichtet — in der Regel müssen die Be- sucherinnen, die sich dort erfrischen wollen, in dem engen Lädchen selbst das Bestellte verzehren. Ich habe mich oft über die Genügsamkeit der finnischen Damen verwundert, die es als Feiertagsvergnügen betrachten, in diesen Bäckereien rasch mehrere Stücke Kuchen völlig trocken herunterzuessen. Die Kuchen sind ja freilich ausgezeichnet und in bei uns ungeahnter Auswahl vorhanden; <cher es sind auch eben nur Kuchen — keine Torten — die man, ohne etwas nachzutrinken, schwer herunter bekommt^ Unsereins pflegt meist bei dem Genuß von einem Hustenanfall überrascht zu werden.
„Was machen die finnischen Frauen nur den ganzen lieben langen Tag?" habe ich mich oft gesragt, wenn ich die geschlossenen Häuser an den stillen, menschenleeren Straßen ansah. Je nun, sie arbeiten — wie ich später erkannte — sie arbeiten vom frühen Morgen bis zum Abend. Die Mädchen werden ziemlich ausnahmslos für einen Beruf erzogen, dem sie nach erfolgter Ausbildung obliegen bis zur Verheiratung und oft noch länger. Die Frauen aber, deren Pflichten sie ganz ans eigene Haus fesseln, haben da drinnen genug zu tun, denn das Land ist arm und jedermann muß das Seinige zusammen- halten. Wie es an reichen Leuten fehlt, so gibt es allerdings wenige Notleidende in Finnland. Wenn die Frauen jedoch nicht arbeiten, dann grübeln und träumen sie, wie das ja leicht geschieht, wenn Menschen in hohem Maße von der Außenwelt abgeschlossen leben.
Aus allem bisher Gesagten möge man aber nicht den Schluß ziehen, daß es den finnischen Frauen an geistiger Regsamkeit und Bildung fehle. Sie haben im Gegenteil durchweg viel gelernt, reichlich so viel, wenn nicht mehr als ihre deutschen Schwestern. Erstaunlich sind ihre Sprachkenutnisse; in den höheren Mädchenschulen wird außer Französisch und Englisch auch noch Russisch und
