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Dienstag, 2. November 1915.
klbend »Ausgabe.
Nr. 512. . 65. Jahrgang.
Der Regierungzumsturz in Rutzland.
Wenn schon der Sturz Deloasscis, dein der Umsturz des französischen Kabinetts folgte, erwiesen hat, wie gefährlich das Balkanklmia ist >— denn der gründliche Fehlschlag der Balkanpolitik des Vierverbandes war die Ursache des Ministerwechsels in Frankreich —• so 'be- stäligen die Nachrichten über den Ministernmsturz i,m Zarenreiche erneut jene Auffassung. Wie das „Reuter- Bureau" aus Petersburg meldet, wurde der bisherige Ministerpräsident Goremykin zum Reichskanzler er
nannt und zugleich niit der obersten Führnng der aus- tvärtiacn Angelegenheiten betraut. Hierbei handelt es
sich freilich wohl mehr um eine formelle Verantwortung, denn wenn der greise Goremykin durch den früheren Botschafter in Wien Schebeko hierbei unterstützt lverhen soll, so heißt das in Wahrheit, daß Schebeko die auswärtige Politik leiten soll an Stelle des dem B a l- k a n k l i m a erlegenen Ministers S s a s o n o w. Be- trisst dieser Ministerumsturz die auswärtige Politik, so fällt der Rücktritt Kriwoscheins und Chari- tonows in das Gebiet der inneren Politik, während die Ernennung des neuen Ministerpräsidenten (5 h w o st o w am Ende beide Gebiete berührt.
Wlis der Sturz Ssasonows betrifft, so war er nach Delcassss Rücktritt zu erwarten. Die heftigen Angriffe der russischen Presse gegen den bisherigen Minister des Äußern, den man für das Ab schwenken Bulgariens zu den Mittelmächten und für >dos Scheitern der Versuche, Rumänien und Griechenland aus die Gegenseite zu ziehen, verantwortlich machte, sprachen nach dieser Richtung deutlich, denn jene Angriffe waren jo von der Zensur ge st a t- tet worden. Erst der Großfürst Nikolajeiwitsch und setzt Ssasonow, nachdem man in Frankreich Delcassä beseitigt hat. Wann wird der dritte Minister des Auswärtigen, Sir Edward G r e y, wann der vierte, Sidney Sonnino, an die Reihe kommen?
Wenn Zar Nikolaus sich eingeredet hat, daß er sein eigener Oberbefehlshaber sei, so wird er doch schwerlich glauben, seinen eigenen Minister des Äußern spielen zu können. Und da der alte Gorcmy- kin auf dem Gebiete der auswärtigen Politik ebenfalls kein Fachmann ist, so wird also Schebeko damit beauftragt, die verworrenen Fäden der russischen Politik nach Möglichkeit zu lösen. Er, der als einer der b c- fähig sken russischen Diplomaten gilt, wurde 1906 Botschaftsrat in Berlin und ging im März 1912 als Gesandter nach Bukarest, wo er die Annäherung zwischen Rußland und Rumänien zustande brachte, die in der Ernennung König Carols zum russischen Feld- inarschall zum Ausdruck kann August 1913 löste er Herrn v. G i c r s auf dem Wiener Botschafterposten ab, wo man von ihm erwartete, daß er eine Verständigung mit der Donaumonarchie herbeWhren werde. Daß es ihm nicht gelang, ist kaum in erster Reihe auf ihn selbst zurückzirführen. Möglicherweise erwartet der Zar von ihm, daß er jetzt in Rumänien noch einmal erreichen werde, rvas ihm vor drei Jahren gelang. Aber die Hoffnung ist eitel; das Zarenreich und der Viervevband überhaupt haben in Bukarest wie in Athen den Anschluß verpaßt. Die „Diplomatie" Hindenburgs, Mackensens, Gallwitz' ukto. hat sich als stärker erwiesen. Der Durchbruch durch Serbien und dessen Zusammenbruch haben die Ohnmacht des VierverbandeZ allzu deutlich aller Welt ltnö damit den etwa noch schwankenden Balkanstaaten erwiesen. . .
Die Bedeutung des Mimsterumsturzes für die innere Politik üegt vor allem darin, daß der r e a k- tionäre Goremykin. der von der Duma oder gar von einer parlamentarischen Regierung nichts wissen will, durch die Ernennung zum Kanzler — eine Stellung, die seit Gortschakow nicht mehr besetzt wurde — mit am Ruder bleibt, wenn auch das Minister- Präsidium dem bisherigen Minister deZ Innern, dem Kanrnrevherrn Ch wo stow, übertragen wurde. Dis Regierungspresse hatte Herrn Chwostow schon früher als eine Art Diktator begrüßt, und er galt immer als ein Mann der scharfen Tonart der Arbeiterpartei wie den Liberalen gegenüber. Halt man damit zusammen, daß K r i w o s ch e i n, der als Freund der Reformen gilt und zu dem die Duma lind das Volk ein gewisses Vertrauen hegten, gleichzeitig gehen mußte, so erhellt, .drch der Miniiterwe Gel das F e st h a lt e n am rea k- iionären Regiment, das weitere Negieren
gegen die D rr m a
bedeutet.
" Im übrigen gilt, was für den jüngsten Kabinetts- hfer in Frankreich galt, auch für den in Rußland, haben immerhin wieder einige alte Männer abge- rtsckraftet und es sind einige neue an ihre Stelle ge- kommen, die eines Tages am Ende auch anders über die endlose Fortsetzung des verlustreichen und hoffnungslosen Krieges denken könnten. Man weiß, daß in
Rußland jetzt gerade die oppositionell e n Kreise für ldie F o r ts c tz u n g des Krieges sind, weil sie davon den Sturz des despotischen Regimes erhoffen, während in den reaktionären Kreisen die Furcht vor der Revolution eine zweifellose K r i eg s m ü d i g k e i t erzeugt hat. Die Weiterentwicklung dieses Prozesses wird man ab warten müssen und können-wir abwarten. Ob und inwieweit der neue Ministerwechsel schon eine Etappe auf diesem Wege bedeutet, das wird vielleicht schon die nächste Entwicklung lehren.
Zu Schebekos Ernennung.
L. Berlin, 2. Nov. (Eigene Meldung. Jens. Bin.) Die Ernennung S ch e b e k o s zum Gehilfen Goremy- kins für das Auswärtige läßt auf einen .gewissen Zusammenhang niit der französischen Krisis schließen. Es dürfte kein bloßer Zufall sein, daß die für den Krieg Verantwortlichen Delcass«? und Ssasonow gerade durch Botschafter ersetzt wurden, die die Aufgabe hatten, wenigstens äußerlich gute Beziehungen zu D e u t s ch l a n d und Österreich-Ungarn aufrecht zu erhvlten. Jules Cambon, Botschafter in Berlin, ist jetzt Leiter der französischen Auslands- Politik und Schebeko, Botschafter in Wien, jetzt Leiter der russischen Auslandspolitik. . Das ist symptomatisch. Die Mittelmächte können dank der ihnen günstigen Kriegslage mit R u h erwarten, tote sich die Dinge entwickeln werden. Vielleicht erhofft man in Paris und Petersburg zunächst nur, es werde auf das neutrale Ausland eineir_ guten Eindruck machen, wenn zunächst einmal die aus ihrer langjährigen deutschfeindlichen aggressiven Politik allzu bekannten Delcassä und Ssasonow bewitigt sind.
Die Ereignisse auf dem Dalkan.
Weitere Einzelheiten zur Einnahme von Uragujevac.
Die Beute der Armee Koeveß.
Nr. Berlin, 2. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Leonhard Adelt meldet dem „B. T." aus dem k. u. k. Kriegs- presscgnarticr zur Einnahme von Kragujevae noch folgende ergänzende Einzelheiten: Dieser wichtige serbische Sammelplatz bildete den BereinignngsPunkt für die Armeen Koeveß und Gallwitz. Bon Norden näherte sich immer mehr der linke Flügel der Armer Koeveß, bestehend aus einem österreichisch-ungarischen Korps und im Nordostcn die deutsche Flügelgrnppe der Armee Gallwitz, die bei Batonica aus dem Morawatal ins Lepenicaial eingcschwcnkt war, dort aber durch den aus den Höhen eingenisteten Gegner aufgchalten wurde. Die österreichisch-ungarischen Truppen, die von Arangjelovac über Topola vorgestotzcn waren, hatten ebenfalls zähen Widerstand der serbischen Nachhut zu überwinden. Die Serben hielten auch hier in ihren zusammengeschoffe- nen Schützengräben bis aufs äußerste stand. Der Mangel an Drahtverhauen erleichterte jedoch unseren Schwarmlinien das Hcrankommen an die serbische» Gräben, die mit dem Bajonett genommen wurden. Ein österreichisches Bataillon nahm dabei die ganze Besatzung eines Grabens in Stärke von 14 0 M a n n g e f a n g e n. In anderen Fällen kämpften die Verteidiger mit dem Mut der Verzweiflung bis auf den letzten Mann. Während dieser blutigen Nachhutkämpfe zogen, wie Fliegererkundigungen ergaben, das Gros der serbischen Armee, lange Kolonnen Train und Kriegsmaterial aus Kragujevae ab, daS schon seit Tagen von einem großen Teil der Zivilbevölkerung geräumt worden war. Die wenigen Znrückbleibenden ließen den Deutschen, die inzwischen im Mündungsgebiet von Raca und Lepenica den zähen Widerstand der Serben gebrochen hatten, eine Huldigungsadresse überreichen. Diese Hnldigungsadreste wurde in Erinnerung an jene des Vorjahres in Baljewo, welcher der heimtückische Überfall durch die Zivilbevölkerung erfolgt war, recht kühl ausgenommen. Morgens zwischen 7 und 8 Nhr zog eine k. «. k. Patrouille dxs Infanterie-Regiments Nr. 76 unter Leutnant Tripkc in Kragujevae ein und hißte die s ch w a r z - gelbe Flagge ans dem Arsenal und der Kaserne. Die Serben hatten vor ihrer Flucht die militärischen Anlagen nach Möglichkeit gesprengt. Detonationen waren bis in unsere Front vernehmbar gewesen. Nach Besetzung der Stadt setzten die Verbündeten die Verfolgung auf der Straße nach Kraljcvo fort.
Nack, dem Fall von Belgrad erbeutete die ArmceKoeveß bis heute 32 Geschütze, darunter 2 schwere, 9 Maschinengewehre, 28 Munitionswagcn, 1 Scheinwerfer, zahlreiche Gewehre und Trainfuhrwerke und nahm 6500 Mann und 20 Offiziere gefangen.
Französisches Lob für die bulgarischen Truppen.
W. t.-B. Lyon, 2. Nov. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) „Nouvelliste" meldet aus Toulon: Gestern sind b ; e ersten
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Verwundeten von der serbisch-bulgarischLn Front ange kommen. Die Verwundeten erklären einstimmig, daß die Bulgarem achtenswerte und starke Gegner seien.
Türkische Truppen in Bulgarisch-Thrazien?
W. T.-B. Paris, 2. Nov. (Nichtamtlich.) Die Agence Havas berichtet aus Athen: Man meldet aus Konstantinopel, daß die erste Reservcdivision der türkischen Truppen von den Dardanellen nach Bulgarisch-Thrazien geschickt worden sei.
Vas Ziel des serbischen Rückzuges.
Aufsässige Albaner in Serbien.
Athen, 2. Nov. (Zens. Bin.) Das Ziel des serbischen Generalstabs ist, einen wohlgeordneten Rückzug auf die neue Verteidigungslinie zu sichern. Die militärischen Kreise Griechenlands sind der Ansicht, daß die Lage der serbischen Armee, wenn auch schwierig, so doch keineswegs verzweifelt sei. Man meldet aus Durazzo, daß die Albaner der Gegenden von Kavadero und von Kirtschowo, die zu Serbien gehören, gegen die Behörden revoltiert hätten.
Ein serbisches Ultimatum an Rutzlanb.
Entweder russische Truppenmaflen oder ein Sonderfriede.
Br. Budapest, 2. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Das Blatt „A Bilag" meldet ans Sofia: Der serbische' Gesandte in Petersburg Sp-lajkowitsch erschien im russischen Ministerium des Äußern und teilte mit, daß, wenn Rußland nicht baldigst solche Truppenmassen nach Bulgarien schicke, daß der wesentlichste Teil der serbischen Grenze befreit werde, so werde die serbische Regierung genötigt sein, mit den Zentralmächten und Bulgarien einen Sonderfrieden zu schließen.
Erachten wir es im Allgemeinintercsse auch notwendig, diese Nachricht wiederzugeben, so tun wir es doch mit Borbe- Iw.lt, und zwar um so mehr, als die Meldung einem Matt entstammt, das in letzter Zeit wiederholt dementiert werden konnte. Daß allerdings Serbien über kurz oder lang, vielleicht schon in wenigen Tagen, unter der Wucht der Ereignisse wrrd rmchgebcn und sich zu friedlichen Verhandlungen verstehen muffen, daran zweifeln wir selbst nicht; nur an der Form des angeblichen Ultimatums an Rußland.
Roch 120 000 serbische Truppen?
Roch blutiger Hohn für die schmählich im Stich gelassenen
Serben? — Eine unwahrscheinliche türkische Meldung.
Br. Konstantinopcl, 2. Nov. (Eig. Drahwericht. Zens. Bln.) „Tasfir-i-Efkiar" will aus guter Quelle erfahren haben, daß Serbien noch 120 000 Mann Truppen hat. Die serbische Regierung ersuchte die Ententemächte/ Albanien zu besetzen und dadurch den R ü ck z u g oder die Flucht der serbischen Armee nach Albanien zu erleichtern. Die Entente aber antwortete, daß das serbische Heer sich besser nach Saloniki zurückziehe, um von dort nach Ägypten!^ gesandt (!?) werden zu können. „Tasfir-i-Efkiar" bemerkt hierzu, daß ja die Eisenbahnlinie nach Saloniki bereits von den Bulgaren unterbrochen und somit auch dieser Rückzug unmöglich ist.
Wo ist «önig Peter mit dem serbischen Thronfolger?
»r. Budapest, 2. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Nach neueren serbischen Nachrichten ist der Auferrthalt de» Königs Peter seit einigen Tagen unbekannt. Der König ist zusammen mit dem T h r o n s o l g e r, dem Kriegsminister sowie dem Gcneralstab aus Kragujevae abgereist. In P o d u d e w o, östlich Mitrowitza, wurde der König zuletzt gesehen; seitdem fehlt jede Spur. — Aus Mailand wird übep Lugano Wiener Blättern gemeldet, daß die serbischen Zentral- bchördcn und das diplomatische Korps sich bereits auf den« Wege nach Montenegro befinden.
Oie §lucht der serbischen Regierung geht nicht nach Süden!
Sr. Rotterdam, 2. Nov. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) „Daily Telegraph" meldet aus Rom: Die Nachricht, die ser- bische Regierung sei nach Monastir übergesiedelt, be- stätigt sich nicht. Der serbische Hof traue d-er griechi^ schon Regierung nicht mehr und sei daher nach einem! Platze im Inland, w e i t von dem nahe der neuen griechischen! Grenze gelegenen Monastir entfernt, übergesiedelt.
Montenegrinische Rriegsberichte.
Eingeständnisse über österreichisch-ungarische Erfolge.
ZV. 1.-8. Paris, 2. Nov. (Nichtamtlich- Drahtbericht.) „Petit Journal" bringt folgenden amtlichen Bericht aus Cettinje vom 29. Oktober: Die Österreicher ver.
stärkten ihre Angriffe beträchtlich nach dem mißglückten! Versuch, die Süddrina im Abschnitt von Visegrad zu überschreiten. Nachdem sie am 25. Oktober Verstärkungen er- halten hatten, griffen sie von neuem unsere ganze Front cm. Es gelang ihnen, den Fluß bei Visegrad zu überschreiten; an allen arrderen Stellen wurden sie unter schweren Verlusten zurückgeworfen. Ihre Bewegung wurde am! 27 Oktober durch unsere Besetzung des G o r a - B e r g e s aw- gehalten. Der Kampf dauert an. — Bericht vom 30. Oktober: Die Österreicher eroberten den Gora-Berg. Die Mon- t_«A mtf rmVrp .ftnfvt' swiriiff nnb
tenegriner ziehen sich auf eine andere Höhe zurück und behalten FüUung mit dem Feinde. An der Drina Artillerie^ duelle. (Inzwischen sind die österreichisch-ungarischen Truppen! bekanntlich bereits westwärts auf serbffchem GebiÄ drungen. Schrfftl.)
