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*»• Jahrgang.

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Verlag: Langgaffe 27.

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P#, OÖl» Bcrlags-Fernfprecher No. 2953.

Morgen - Ausgabe.

1. Wcatt.

Reichs- und KundesstaalsfinanM.

Zum dritten Male haben in diesem Jahre in den „Vierteljahrsheften der Statistik des Deutschen Reiches" (Jahrg. 1904, III. Heft) die „Finanzen des Reiches und der deutschen Bundesstaaten" eine amtliche Darstellung erfahren, die gegen die Borjahre manche schätzenswerte Erweiterung aufweist und die sich immer mehr p einer wertvollen Quelle für die Beurteilung und Untersuchung 'der Finanzlage im Reich und in den Einzelstaaten aus­wächst. Durch die fortschreitende Spezialisierung ihrer Ein- und Ausgaben, die die Finanzverwaltungen in ihren Berichten für die statistische Darstellung vornehmen, er­geben sich immer mehr vergleichbare Ziffern und dadurch die Möglichkeit einer sachgemäßen Beurteilung der staat­lichen bezw. Reichsfinanzpolitik.

Der Gesamtüberblick über die Finanzen im Reich und in dm Einzelstaaten ergibt nach den Boranschlägm für 1903 an Gesamtausgaben der Bundesstaaten 4,4 Milliar­den Mark, des Reiches 2,5, beider zusammen 6,9 Milliarden Mark. Die Gesamteinnahmen belaufen sich den Boranschlägm ihrer Summe nach gleichfalls auf 6,9 Milliarden Mark. Dieses günstige Bild verschiebt sich, wenn man die "wirklichen Rechnungsergebnisse betrach­tet, die für das Jahr 1901 vorliegen. Danach steht einer lGesamteinnahme im Reich und in den Bundesstaaten von 6,9 Milliarden eine Gesamtausgabe von 7,4 Milliarden Mark gegenüber, ü. h. es ergibt sich ^ein Gesamtdefizit von rund 500 Millionen Mark. Die Schulden betrugen für 1903 in dm Bundesstaatm 11,7 Milliardm, im Reich 2,8 Milliarden, zusammm 14,5 Milliardm Mark.

Die Ausgaben im Reich und in den Bundesstaatm lassen sich ihrer Bestimmung nach in drei Hauptgruppen gliedem. nämlich in Ausgaben für Unternehmungen privcrtwirtschaftlicher Natur (Eisenbahnen, Domänen, Forsten und dergleichen), Ausgaben für allgemeine Staatszwecke und Ausgaben zur Verzinsung der Staats­schuld. Hierzu kommen für das Reich noch die Über- Weisungen an die Bundesstaatm, für bie Bundesstaaten die Matrikularbeiträge an das Reich, die jedoch einen mehr rechnungsmäßigen Charakter tragm. _ Die Aus­gaben für Unternehmungen privatwirtschaftlicher Natur stielen namentlich in den eingelstaatlichen Etats eine be­deutende Rolle, wo durch sie auch, ein erheblicher. Teil der Staatseinnahmen aufgebracht wird, während sie im Reich sehr zurücktreten und hier fast ausschließlich auf Post- und Telegraphenbetrieb entfallen. Im Reichsetat sind an Ausgaben für diese Zwecke in den Boranschlägm für 1903 nur 488 Mill. M., dagegen in den Etats der Einzelstaaten das vierfache, nämlich 1,89 Milldi M. vor-

WitLwoch» dr« 26. GKLoder.

gesehm. An erster Stelle steht Preußen mit 1,3 Milli­arden M., Bayern hat 195 Millionen, Sachsen 180, Württemberg 70 hierfür auszugeben, die kleinerm Staatm entsprechend weniger. Nur die beiden Reuß und Schaumibnrg-Lippe besitzen keine Ausgaben für diese Zwecke. Einen wesentlichm Anteil an dm Gesamtaus- gabm für Erwerbszwecke haben die Eismbahnm, die, obwohl sie nur im Etat von 8 Einzelstaaten auftreten, doch 1,34 Milld. oder % dieser .Gesamtausgaben er­fordern. Relativ den größten Anteil habm sie in Olden­burg, wo mehr als 40% der ordentlichen Ausgaben auf die Eisenbahnen entfallen. In Preußen und Baden treffen auf sie über %, in Bayern, Sachsen, Württemberg und Mecklenburg-Schwerin über (4 der ordentlichen Ausgabm. Die Ausgaben für die sonstige Staatsver­waltung, außer dm Schulden, auf die zum Schlüsse besonders eingegangen wird, betragen im Reich 1,181 Milld., in dm Einzelstaaten 1,335 Milld. Die Über­weisungen beliefen sich nach dm Voranschlägen in 1903 auf 542 Mill., die Matrikularbeiträge auf 587 Mill. M., es bestand also zwischen beiden eine Spannung von 45 Mill. M., die die Etats der Einzelstaaten belasten. Sind auch die Antelle der Einzelstaaten an dieser Be­lastung sehr verschieden, so macht sie sich doch in allen, namentlich aber in dm kleinerm sehr unangenehm fühl­bar. Während zur Tragung in Preußen 0,6%, in Württemberg 0,5% der ordentlichen Einnahmen er­forderlich sind, bedarf es in dm kleinen Staaten zu dem gleichm Zwecke ausnahmslos mehr als 1%, in den Fürstentümern Reuß sogar 2% der ordentlichen Ein- nahmm.

Die Einnahmen zerfallen im Reich wie in den Einzel­staaten im wesentlichen in Erwerbseinkünfte und Steuern, Während das Reich in seinen Einnahmen überwiegend auf Steuern basiert ist, bilden in der Mehrzahl der Bundesstaaten die, Erwerbsanstalten die Hgupteinnahme- guelle. Bon dm 2,2 Milld. Reichseinnahmen entfielen auf Erwerbseinkünfte 575 Millionen M., auf Stmern 1044 Mill. M. Unter dm Erwerbseinkünften sind die Post und Telegraphen mit 463 Mill., die Eisenbahnen mit 88 Millionen M. vertretm. Die Steuern sind aus­schließlich indirekter Art. In dm Einzelstaaten mtfallen auf die Erwerbseinkünfte 2,6 Milld. M. oder 61,82%, auf Steuern niur 610,7 Mill. M. oder 14,48% der Gesamteinnahm m. In den verschiedenen Staatm sind die Erwerbseinkünfte verschiedener Art, sie gehen in den, kleinerm in der Hauptsache aus dem altm Domanial- bösitz, in dm größeren zum wesentlichen Teil aus dm Erträgnissen der modernen Berköhrsanstalten hervor. Die Hauptrolle spielm hier, wie bereits erwähnt, die Eisenbahnen. Bon den sämtlichen ordentlichen Staats- einnahmen werden in Preußen mehr als die Hälfte, in Baden, Oldenburg 46—47%, in Bayern, Sachsen, Württemberg, Mecklenburg-Schwerin 35—38% durch das Erträgnis der Staatsbahnm gedeckt. Die Stmem

Feuilleton.

von der Nücherbühne.

Es gibt eine Menge Leute, die viel und gern lesen doch, sobald sie ein Buch auf schlagen und das charak- listische, bewegte Druckbild eines Dramas erblicken, n Band wieder mit schlecht verhehlter Enttäuschung aus r Hand legen. Dieser naiven Gegnerschaft des ge- senen Dramas steht eine rechtfertigende Ästhetik zur eite, die den Titel „Buchdrama" zu einem Ber- -mmungsurteil gestempelt hat. Ich habe beide nie ver- chen können. Das Drama bietet einen ganz eigen- iigen Lesegenuß, den man keiner anderen literarischen »ott abgewinnen kann. Der Leser wird zu weit irkerer Mitarbeit als sonst gezwungen. Seine Phantasie utz Lücken ausfüllen, Dunkelheiten aufhellen, wo sie >rst nur Spiegel eines festen, fertigen Ganzen sein darf, m Geist mutz unter vielen lockenden Wegen den einen chtigen erst finden, wo er sonst nur bequem Nachtreten -rf. Die ästhetisch« Gegnerschaft ist noch unverständ- Her. Das aufgeführte und das gelesene Drama sind nei gesonderte Werke von so verschiedenen Existenz- bingungen, daß jedes Ausspielen der beiden gegen- nander notwendig in einer Richtung zu ungerechter arte führt. Möchten wir z. B. Goethes „Tasso", der >ne den klassischen Nimbus sicher als Buchdrama gekenn- ^chnet würde, deswegen wirklich lieber als Roman Ächtet haben?

Und doch konnte man in den Kritiken, die sich mit den ,rschiedenen Aufführungen von Arthur Schnitzlers ^infamem Weg"(S. Fischer, Berlin) beschäftigten, «hrmals einen ähnlichen Rat ausgesprochen finden.

für einen feinen Roman hätte das geben können. > doch, >wie viel wäre gerade hier in jeder anderen ierischen Form, die eine ausführlich« Schilderung des üeus, der äußeren Vorgänge vcrlantzt. verloren ge- öen. So hat sich alle dichterische Kraft, auf die Bör­se der Seelen und ihre feinste, treuest! Spiegelung llesprochcnen Wort konzentrieren können- lind hier i der Hauptnerv dieses Schauspiels. 'Die Handlung

ist hier eine andere, niederere Welt, die, in radikaler Übertreibung gesprochen, schließlich so gleichgültig ist wie das Papier, auf dem das Buch gedruckt. Nicht hier, son­dern in der Zauberart. in der Schnitzler die feinsten und verschwiegensten Empfindungen zu eigenen Worten auf- blühen, in farbiger Pracht ausladen oder im ersten Knospenschimmer brechen läßt, suche und richte man den ganzen Dichter. Der bei Schnitzler so oft anklingende Gedanke von der Vernichtung des Menschen durch den Künstler ist im einsamen Weg zur vollen, reich bewegten Melodie erhoben, in der alle die hundert Notfragen der Seele nach Liebe, Recht oder Unrecht, Kampf oder Frie­den in wechselnder Tiefe als Untertöne mitklingen. Ter eine hat die Mutter seines Sohnes aus Rücksicht kür seine Kunst geopfert. Recht der Künülerpersönlichkeit. ihr Triumph, als er den Sohn als Freund gewinnt. Der Mensch in ihm aber schreit im beginnenden Frost des Alters nach mehr Wärme. Er muß dem jungen Freund sich als Vater zu erkennen geben, verliert den Freund und kann den Sohn nicht gewinnen. Und so wie der auf anderen Wegen ein zweiter und dritter. Jeder hat in der Sorge, die Höhen .des Lebens sicher zu gewinnen, versäumt, dem Gefährten mitzuhelfen, ohne den man oben in der kalten scharfen Lust nicht leben und atmen kann. Der einzige endliche Gewinner, an Künstler­graden geringer, aber ein Mensch, der nicht eifersüchtig allein, sondern mit den anderen gelebt hat. Die Worte, die diese betrogenen Betrüger des Lebens sprechen, sind oft wie verhaltene Tränen, oft wie böse, tückisch blitzende Dolchspitzen, vor denen das Blut erstarrt. Immer aber sind cs Worte eines Dichters, der zum Seher im Lande der Seele geworden ist.

Schnitzler verwandt in der Herrschaft über eine eigen­artige geheime Melodie der Sprache, als Persönlichkeit aber aus ganz anderen Grundlagen erwachsend, zeigt sich Hugo von Hof manns thal schon in seinem Erstlingswerk, einem Einakter in Versen: „Gestern" den er als Achtzehnjähriger schrieb und der nun in zweiter Auflage (Berlin, S. Fischer, Verlag) erscheint. Das ausgesprochene Können, das hier ein jüngster An­fänger erprobt, erregt unwillkürlich Erstaunen. Bilder von einem schweren, satten Glanz, 'der Glanz der Farbe,

Redaktions-Fernsprecher No. 52. 1904»

der B-undesstaaten sind im Gegensatz zum Reich west überwiegend, nämlich zu 72% ihrer Erträgnisse, direkte. Die wichtigste unter diesen ist die Einkommensteuer, di« nur in Bayern, Mecklenburg-Schwerin und Elsaß- Lothringen noch nicht eingefichrt ist, während sie in Württemberg sich in der Einführungsperiode befindet. Sie deckt mehr als % der Gesamtsteuereinkünste in Sachsen (75,66%), Sachsen-Weimar (78,67%), Reuß ä. L. (76,99%) und Reuß j. L. (81,06%), in allen übrigen Staaten außer Baden und Mecklerchurg-Strefitz nahezu oder mehr als die Hälfte. Eine Ergänzungs­steuer habm 4 Staaten, wo sie 9—20% der Steueretn- nahme beträgt. In den Staaten ohne Einkommensteuer: sind an deren Stelle die Ertrwgssteuern stark ausgöbildet^ sie bringen in Bayern 43,9%, Württemberg 57,7%. Mecklenburg-Schwerin 63%, Mecklenburg-Strelitz 71,4%, Elsaß-Lothringen 40,2% des Gesamtsteuerertrages. Die Erbschaftssteuer brachte in allen Bundesstaatm zusammm nur 4,4% des Stmerertrages.

Die gesamten Schulden des Reiches betrugen zu Be- ginn des Rechnungsjahres 1903 2 813 Milld. M„ sie hatten sich gegen dm gleichm Termin 1901 um 418 Mill. M. vermehrt. Die Schulden der Bundesstaatm mit 11730 Milld. M. weism gegen 1901 eine Zunahme von 934 Mill. M. auf. Gegenüber den scheinbar hohen Schuldm dm Bundesstaaten muß berücksichtigt werdm, daß hiervon ein großer Teil produktiver Natur ist.

8. K.

Politische Übersicht.

Das Wahlfieber in Italien.

m. 8i o ut, 22. Oktober.

Me Veröffentlichung des Wahlprogramms GiolittiS ist die Ouvertüre zu einer außerordentlich leidenschaft- lichm Wahlbewegung in Italien geworden, die Minister, radikale Heißsporne und konservative Politiker in gleicher Weise in chren Bann zu ziehen beginnt. Während es noch immer nicht ausgemacht ist, vor welchem Forum Giolitti sprechen wird, haben Unterrichtsminister Orlando und Justizminister' Rouchetti bereits ihre ersten Raketm in Form von Programmreden losgelassen, die auf den bs» kannten Erklärungen der Regierung fußen. Ms Wahl» manifeste der einzelnenParteien sind unterdessen erschienen. EharaÄeristisch werden sie dadurch, daß gewissermaßen jede Parteinuance gesondert in den Kampf zieht. In Mailand haben sogar die Anarchisten chr eigmes Mani- fest erlassen : Auch die Aufstellung der Kandidatm ist

mittlerweile mit verblüffender Schnelligkeit erfolgt. Kon­servative und Radikale werden diesmal nur in einer be­stimmten Anzahl von Wahlkreisen vertretm sein, wäh- rend sie früher auf der ganzen Linie mitkämpften. Eine besonders fieberhafte Tätigkeit entfaltet die sozialistische Partei, die ihre Hauptagitatoren und Redner nach dm als . . .»-»»—»— 11 .- . —..»

die man sonst nur einem langjährigen Meister seiner Technik zutrauen würde. Darüber hinaus vermag die kleine Arbeit allerdings nicht viel zu geben. Eine Studie über die Ausklänge eines Treubruchs zMschen zwei Menschen, die einander vielleicht nie geliebt haben. Kein Ausruhr der Gefühle, nur ein Kulissenwechsel der Illu­sionen. Und auch darin ist der spätere Hofmannsthal schon zu erkennen. Empfindungen und Stimmungen werden auch hier schon so lange betastet, so lange von hier, von dort mit den weitest hergeholten Lichtern be. leuchtet, daß sie das fortreißende Leben verlieren müssen. Der Dichter lüftet die Schleier der Seele, aber er nützt sie nicht zu Drapierungskunststücken.

Aus einem ganz anderen Ende >der Kunstwelt als die Leiden Wiener holt sich B e r n h a r d S h a w Stoff und Mittel seines Schaffens. Nur die echt moderne Sucht, die verborgensten und dunkelsten Rätsel der Psyche zu lösen, verbindet ihn mit den Leiden. In den Mittelpunkt feiner einaktigen Komödie: „Der Schlachten,

lenker" (Berlin, S. Fischer, Verlag) stellt er sich, die gewaltigste Persönlichkeit, an die ein moderner Dichter rühren kann — Napoleon. Shaw sieht die Geschichte mit Taines Augen, und so zeigt er uns auch seinen Napoleon. Sein „Schlachtenlenker" ist der junge General Bonaparte der italienischen Kämpfe. Eine geheimnisvolle Dame hat einem Offizier Napoleons nichtige Briefe abgelistet. Napoleon erkämpft'sich diese Briese von der Abenteucrin im persönlichen Ringen, Geist gegen Geist, ohne Gewalt zurück. Die Idee ist von durchschlagender dramatischer Kraft, der Dichter hat freiesten Spielraum, seinen Napo­leon alle Kräfte spielen zu lassen. Geschmackvoller Weise ist die Abenteuerin eine dem Korsen ebenbürtig« Natur über die zu siegen eines Napoleon würdig ist. Dieses Kampsspiel ist wie das Assaut zweier Florettmeister ge­führt — die Klingen sind in rastloser, geschmeidigster Be. wegung. Kein Stoß, der nicht mit der kältesten, grau­samsten Berechnung und doch auch zugleich mit dem Temperament einer augenblicklichen Inspiration geführt wird. Die Rollen des Angreifers und Verteidigers -wech­seln in jedem Augenblick. Der Autor steht als Kampf­meister dabei und verzeichnet mit beißender, anfeuern- der Ironie die Touches bald auf der einen, bald auf der

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