£3. Jahrgang.
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^0* 489. Verlags-Fernsprecher No. LSSS.
Morgen - Ausgabe.
1. Wkcrtt. _
Die Zustande in Sachsen.
Die sächsischen Konservativen gehören zu den Leuten, fern denen es heißt: Sie haben nichts gelernt und nichts vergessen. Die dumpfe Mißstimmung, die das Königreich Sachsen seit Jahren beherrscht, und von -der die Empfindungen wie die offen ausgesprochenen Urteile «läßlich des jüngsten Thronwechsels wieder einmal Zeugnis abgelegt haben, sie führt am letzten Ende darauf zurück, daß dies industriell so hochentwickelte Land nach agrarischen Gesichtspunkten regiert wird, daß konservativ, «d zwar in der agrarischen Nuance, dort Trumps ist, tvo die einseitige Begünstigung landbündlerischer Forderungen am allerwenigsten ersprießlich sein kann. Mit kr sogenannten Wahlgesetzreform, die die Sozial- dsrnokratie aus dem Landtag entfernte, wurde eine Politik der Ventilverstopfung getrieben, irichts weiter. Die Folge war, daß die Bewegung, die man auf so mechanische Weise unterdrücken wollte, ihren Ausweg anderswo suchte. Sie ließ sich nicht unterdrücken, sie setzte sich aber in ein furchtbares Anschwellen der sozialdemokratischen Reichstagswahlstimmen um. Wenn in Sachsen wieder gesunde Zustände einkehren sollen, dann muß freilich auch der Libemlismns manche Verfehlung wieder gut- machen und sich in erster Linie auf eine selbständige Grundlage stellen, was er leider von dem Augenblick an nicht mehr getan hatte, wo er sich förmlich auf Gnade Md Ungnade in ein Kartell mit den Konservativen ein- ließ. Es war ein leoninischerW-ertrag, den -Vorteil davon Hallen einzig die Konservativen, und die sächsischen Liberalen wurden zu ihrer Hülfstruppe degradiert. Auf diesem Gebiete -scheint nun jedoch, nach verschiedenen er- fwulichen Anzeichen zu urteilen, ein Umschwung ein- tveten zu sollen. Daß die Konservativen Grund haben, besorgt zu sein, das beweist eine Rede des Führers der sächsischen Konservativen, Opitz, die der „Kreuzztg." wichtig genug erscheint, um sie auszugsweise wtederzu- geben. An dieser Rede interessiert allerdings gar nicht gerade das, was dem konservativen Blatte an ihr wichtig dorkommt, nämlich die breiten Plattheiten, mit denen sich Herr Opitz über berechtigte und unberechtigte Arbeiter- bewegung cmsläßt. Um so beachtenswerter ist es, daß der Redner „den liberalen Teil der Ordnungspartoien" m so hochsahrendem Tone behandelt, daß ihm die Antwort hoffentlich auf Gebühr zuteil werden wird. . Herr Dpitz jammert, man müsse es erleben, „daß der liberale Teil der Ordnungsparteien den Kartellgedanken auszurotten trachtet und an seine Stelle das. Zusammengehen mit der Linken treten läßt, obwohl diese, namentlich in Sachsen, nicht das Geringste vermag und es dort
Dienstag, de« 28. Oktober.
ganz gleichgültig ist, ob man sich mit ihr oder mit einem Haubenstock verbündet." Eine so hochmütig absprecki-ende Art charakterisiert denn also den sächsischen Kvnservatis. ,mus. Es kommt aber noch besser. An die triviale Weisheit, daß die Verhältnisse viel stärker als die Menschen seien, wird die geistreiche Bemerkung geknüpft: „Diese (die Menschen) müssen manchmal zu ihrem Glücke gezwungen werden, weit sie unglaublich kindisch und von sich selbst eingenommen sind und immer nur nach Selbstständigkeit zu rufen verstehen, obwohl ihnen der Sinn dieses Wortes förmlich unverständlich ist und sie deshalb am besten täten, sich wie bisher an gereistere Politiker anzuschließen." Vermutlich sollen unter -diesen „gereifteren" Politikern der Geheime Hofvat Opitz und seine konservativen Freunde verstanden werden. Grade derartige Bekenntnisse müssen dazu beitragen, die Scheidung der Geister in Sachsen zu beschleunigen.
Politische Übersicht.
Zentrum und Evangelischer Bund.
Ein interessanter Briefwechsel hat sich zwischen dem Präsideiüen der Regensburger Katholiken-Versammiung Justizrat De. Porsch und dem Superintendenten Meyer, Mitglied des Hauptvorstandes des Evangelischen Bundes vollzogen. Herr Meyer hatte in einer Versammlung des Evangelischen Bundes behauptet: „Dr. Porsch, der in Köln von Liebesbeteuerungen überfloß, hat in Regensburg erklärt, man werde nicht eher ruhen, als bis alles in Deutschland von der Sakristei entschieden wird." Darauf fragte Herr Porsch in höflicher Weife Herrn Meyer, wie" er zu dieser Behauptung gekommen sei. Denn weder ihm noch einem andern Mitgliede des Katholikentages sei es eingefallen, solchen Unsinn zu behaupten. Es ist nun relativ -gleichgültig, daß Herr Meyer allerdings einen Irrtum insofern begangen hatte, als nicht Herr Porsch, sondern Herr Roeren eine ent- sprechende Bemerkung gemacht hatte. Sie lautete im wesentlichen also: „So lange über unsere wichtigsten Rechte auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, auf sozialem, wirtschaftlichem und religiösem Gebiete, in der Öffentlichkeit, in den Parlamenten entschieden wird, und so lange man uns nicht das Recht oinräumt, daß wir selbst über diese unsere Rechte in der Kirche und in der Sakristei -endgültig entscheiden sollen, so lange wird man uns gnädigst gestatten müssen, daß wir ebendahin gehen, wo über diese unsere Rechte entschieden wird, d. h. in das öffentliche Leben, in die Parlamente, zu den Wahlen, in unsere kommunalen- Vertr-otungskörper- schaften." Ter Streit zwischen den Antipoden Porsch und Meyer bewegt sich nun darum, ob dieser Roerensche Satz dem Sinne nach etwas enthält, was der Führer des'Evangelischen Bundes in die Formel gebracht hatte:
Feuilleton.
Frauenerwerb in Skandinavien.
Plauderei von M. Koßak.
Wenn man die Werke der modernen skandinavischen Schriftsteller und mehr noch Schriftstellerinnen, wie 'Ellen Key, Amalie Skram nfw. liest, ist man geneigt, 'wzunehmen, daß die Frauenfragc dort ein« wesentlich größere Rolle spielt, als es tatsächlich, der Fall ist. In swn Zeitungen findet man zwar spaltenlange Artikel über den Gegenstand und besonders über Bücher, die ihn behandeln, aber man würde fehlgehen, wollte man hiervon auf das praktische Interesse, das er erregt, soi- e-rn. In den skandinavischen Tageszeitungen werden auch massenhaft Feuilletons über Themata, wie „Sokra- tes und seine Haltung im Argusinischen Prozeß" oder «Plato als Lehrer", veröffentlicht. Niemand aber wird behaupten, daß diese ein aktuelles und praktisches Interesse besäßen. Es wird darin furchtbar viel philosophiert Md in Anbetracht der Neigung der Nordländer fürs 'Grübeln und Spintisieren liest man sie gern, ohne etwas anderes in ihnen zu suchen als Stoff zum Nachdenken 'und Disputieren.
Ganz ähnlich verhält es sich mit dem, was über di« Frauenfrage geschrieben wird. Einen weitgehend.-n Ern- fluß aus den Verlaus der Dinge hat es selten. Damit soll aber keineswegs gesagt sein, daß die L-kandruamer ßch den die Frauenbewegung hcrvorgerufenen Noistan- »m geg«nüber gleichgültig verhalten haben. Es macht Nclmehr auf jeden, der die Nordländer kennen lernt, ^n Eindruck, als ob sie bezüglich der Beseitigung dieser -Rißstände schon ganz außerordentlich weit gekommen ^üren, indem sie den Frauen erstens es bedeutend reicher gemacht haben, sich ihr Brot zu verdienen, als es bei «"s der Fall ist, und zweitens, die prüden midengherzl- 8en Anschauungen, die dem weiblichen Geschlecht bei llsuem gg eßie durch die Welt so überaus hinderlich und. ständig mehr in Acht und Bann tun. Wahrend ander
würts für ein Mädchen aus guter Familie nur die sogenannten höheren Bernfsarten in Frage kommen, kann in Schweden und Norwegen die Tochter eines Arztes, Richters usw. Kochfräulein in einem Restaurant, Stewardeß oder sonst etwas dergleichen werden, ohne daß sie deswegen den Prätensi <ien der sozialen Kreise, aus denen sie hervorgegangcn ist, auch nur im geringsten zu entsagen braucht.
Welch ungeheurer Vorteil dariir für die erwerbssuchenden Frauen liegt, versteht sich von selbst. Wie wenige Frauen, die vor die Notwendigkeit gestellt sind, ihren Unterhalt zu verdienen, besitzen die Mittel und die überflüssige Zeit, um sich eine Ausbildung zu verschaffen, wie sie doch einmal die Vorbedingung für alle höheren Berufsarten ist! Außerdem ist doch auch nicht jede dazu beanlagt. Wo aber (Seid und Begabung für den Zweck fehlen, da bleibt den Betreffenden nichts übrig, als ein: Stelle als Stütze, Kinderbonne oder Gesellschafterin anzunehmen. In der Regel ein trauriges und kärgliches Brot! Da bat es das skandinavische Mädchen ungleich besser. Ei« Ausbildung in den hauswirtschaftlichen Fächern beansprucht verhältnismäßig kurze Zeit, und die Stellung, die sie vermöge dieser in den Nordländern ein- znnehmen vermag und meist auch wirklich einnimmt, ist lukrativ, selbständig, geachtet und angenehm in jeder Hinsicht.
Auf den ungezählten Dampfschiffen, die in Skandinavien den Personenverkehr vermitteln, fahren häufig junge Damen, deren gesellschaftliche Bildung, elegante Toilette und direkt vornehmes Außere den Fremden überrascht, als Stewardeß oder Kochfräulein mit. Viele von diesen sind mit Herren der höheren Schichten verlobt und geben ihren Beruf auf, sowie sie sich eine Aussteuer erworben haben, andere verloben sich auch während der Reise —, daß aber jemand an ihrem Beruf Anstoß nimmt, kommt kaum vor. Auf einem norwegischen Dampfer war z. B. eine etwa 18jährige Stewardeß, di« Tochter eines Arztes, hie den Eindruck einer jungen Prinzessin machte. „Edith Gudrun" nannten die Herren sie unter sich um ihres reizenden, einer Gudrun oder Jngeborg ähn-
Redaktions-Ferusprecher N». 52, 1904.
„Dr. Porsch (Roeren) . . . hat in Regensbnrg erklärt, man werde nicht eher ruhen, als bis alles in Deutschland von der Sakristei entschieden wivd." Herr Porsch er- wartet in seinem zweiten Briefe an Herrn Meyer eine öffentliche Richtigstellung der anfänglichen unrichtigen Behauptung: Herr Meyer erwidert darauf, er könne nicht finden, daß die Auslassung des Geheimrats Roeren falsch aufgefaßt worden sei, er könne deshalb- seine Bemerkung nicht für irrig ansehen. -Wir unsererseits -wollen eine Entscheidung nicht treffen. Es kommt bei diesen Dingen ja in erster Linie nicht bloß auf das an, was die Worte in ihrer harmlosen Aneinanderreihung zu bedeuten vorgeben, sondern es kommt darauf an, wie sie wirken, und -das subjektive Moment ist dabet manchmal wichtiger als der objektive Tatbestand- Jeden- falls sieht man Zweierlei: aus der Zentvumsseite eins außerordentliche Gewandtheit der Stilisierung, auf der Seite -des kampflustigen Evangelischen Bundes ein geschärftes Mißtrauen, das sich in die geheimsten Seelen- f-alten -des Gegners eirizubohren versteht und sich- durch vermeintliche Harmlosigkeiten nicht täuschen lassen will.
Der neue russische Zolltarif.
Wie der neue autonome russische Zolltarif auf die Ausfuhr unserer Eisenindustrie wirken müßte, wenn der neue Handelsvertrag nicht angemessene Zollhevab- setznngen bringen sollte, das drückt die „Hagener Ztg." in einer kritischen Würdigung jenes Zolltarifs kurz m*d gut mit den Worten aus: „Die Einfuhr von Eisen- und Metallwaren aller Art ist in Rußland verboten." Nämlich auf diesen Effekt käme es wirklich hinaus. Man höre beispielsweise: Der Zoll für Halbzeug wird fortan 183% vom Werte der Ware betragen, ebenso der Zoll für Schienen. Die Zollerhöhungen für Werkzeug- Maschinen, Gasmesser, Schreibmaschinen, Nähmaschinen beträgt 118%, für dynamoelektrische Maschinen und Elektromotoren jeder Art 306%, für zweiräderige Fahr- rüder 60, für dreiräderige 230, für vierräderige 785%/ für Fa-hrradteile jeder Art macht er 100 Iri§_ 1000% und mehr vom Wsrte der Ware aus. Man wird nach- grade schr neugierig darauf, welche russischen Zollsätze im neuen Handelsverträge gebunden ivorden sind. Von ihrer Zahl und von dem Maße der Bindung ivivd das Urteil über den Handelsvertrag abhäng-en müssen.
Bessere Fürsorge für uneheliche Kinder.
Ter -grau-enhafte Prozeß in Hamburg, -in dem eme .Kindesmörderin zum fünffachen Tode verurteilt worden ist, hat wieder gezeigt, welch schweren -Gefahren -die unehelichen! Kinder -ausgesetzt sind und- daß Ddaßregeln ergriffen werden müssen, die eine bessere Fürsorge und Überwachung dieser Kinder ermöglichen. Mit moralisch- ethischen Verurteilungssprüchen gegen die unehelichen Mütter wird die Tatsache nicht aus der Welt geschafft, daß die unehelich geborenen Kinder an ihrer Geburt
lichen Äußern willen. Sie naihm Trinkgelder, wie jede ihrer Kolleginnen, aber -dessenungeachtet hätte kein Herr cs sich erlaubt, ihr unehrerbietig zu begegnen. „Die wird nicht lange mit der „Göteborg" fahren", sagte ein schwedischer Professor, „solch schönes, tüchtiges und feines Mädchen verlobt sich in einer Stellung gleich der ihren, die sie mit so vielen Herren zusammenführt, meist sehr rasch."
Was Kochfräulein auf dem nämlichen Schiff war nur wenige Jahre älter, aber trotzdem besorgte sie den ganzen Küchenbetrieb völlig selbständig. Für die Beköstigung des Kapitäns, der Steuerleute und Maschinisten erhielt sie vom Reeder eine bestimmte Summe, die den Preisen der Passagiere erster Klasse entsprach, die 'Entschädigung für die Mannschaften dagegen wurde ihr in der Höhe der von den Passagieren zweiter Klasse verlangten entrichtet. Sie trat durchaus als selbständige Unternehmerin auf, trug ganz allein das Risiko und durste natürlich auch die Einnahmen behalten. Auch Tafel- und Küchengerät ge. hörte ihr, sie mußte für ein hübsches Arrangement der Tafel und exakte Bedienung bei Tisch sorgen, kurz, für alles anskommen, was in dieses Departement fiel. Wenn man bedenkt, daß die Ansprüche an Essen und Trinken ans den Schissen sehr hohe sind, und daß es sich dabei immer um beträchtliche Summen handelt, so wird man zu geben, daß die Aufgabe des Mädchens keineswegs eine leichte war. Wenn sie praktisch einzukaufen und sich ein- Anrichten verstand, so konnte sie viel erübrigen, anderen- falls aber auch sehr rasch bankerott werden. Ein Wesen, das nicht eine bessere Bildung genossen hatte, würde nimmermehr solche Stellung haben ausfüllen können: trotzdem dürfte man bei uns schmerlich vorurteilslos genug sein, um sie für ein junges Mädchen aus guter Familie passend zu erachten. Was gilt um so mehr, als dies Mädchen ebenso wie fast alle in gleicher Stellung unter Umstünden bei Tisch bedienen half.
Ein sehr eigenartiger Perus, der auf jedem Schiff, aus dem die Postflagge weht, seine Vertreterinnen findet, ist der eines Postfräuleins. Auf jedem Dampfer, der Postsendungen befördert, sind immer zwei angestellt: sie
